Freitag, 25. Januar 2008

Gotthelf in Bologna



Felix war am Morgen noch in Bern und freute sich eigentlich gar nicht auf das Wegfahren, auf die Veränderung. Einerseits liebt er die bettschwere Lethargie, die ihm andererseits zutiefst verhasst ist; Übergangsstadien dagegen sind ihm vollends zuwider. Nach dem Stempeln auf dem Arbeitsamt kaufte er sich dennoch das Billet nach Bologna – weiss der Herrgott, warum ein Ticket nach Bologna, es hätte doch auch Ferrara oder Novara oder noch besser Parma sein können, vor allem, weil der Gedanke an die kulinarische Spezialität dieser Stadt Felix den Mund wässert. Felix muss zwar zugeben, dass Bologna eine schöne Stadt ist, wenn auch auseinander gerissen durch das zwanzigste Jahrhundert, in welches die alten Fassaden unversehens geraten sind. Jedoch erzeugen solche Fassaden im Herzen von Felix momentan keinen Widerhall. Sie können ihm, krasser noch, gewissermassen den Buckel runterrutschen. Felix reist nicht wegen der Fassaden, sondern aus einer unbestimmbaren Unruhe oder gar Nervosität heraus. Fassaden hat Felix in Bern genug, sogar solche aus dem Mittelalter.
Felix kauft sich viel Bier für die Reise im Zug. Das Zurücklegen von Distanzen passt ausgezeichnet zu einem kräftigen Bierkonsum, es macht die Bewegungen des Zugs weicher, es macht das Rollen der Räder auf den Schienen runder.
Nun liegt Felix auf dem Hotelbett, das ihn, dreisternhaft, 36'000 Lire die Nacht kostet. Als arbeitsloser Buchhändler hätte er sich zwar eigentlich eine billigere Pension suchen müssen, aber dazu war er zu bequem. Jetzt muss er seine Nacht halt einigermassen komfortabel verbringen.

Felix geht der Atem schwer. Er ist in einem anderen Hotel, von dreien auf einen Stern abgerutscht. Das ist es aber nicht, was ihn bedrückt. Er weiss noch immer nicht, was er hier soll. Und, was schlimmer ist; ihm ist aufgegangen, dass er überhaupt nicht mehr weiss, was er soll. Felix fühlt sich also nicht nur, als sei er zufälligerweise in Bologna verloren gegangen – und niemand vermisst ihn und fragt auf dem Fundbüro nach ihm –, sondern er fühlt sich so, als sei er überhaupt auf diesem Planeten zufälligerweise verloren gegangen und könne sich nicht erinnern, woher er gekommen ist, bevor er verlorenging, und ob es da, wo er herkommt, überhaupt jemanden gibt, der ihn vermissen könnte.
Mit dreissig fühlt Felix sich schon beinahe wie ein alter Mann. Er freut sich auf nichts, alles ist ihm eigentlich zuwider. Er hat keine Abenteuerlust im Ranzen, ist nicht verliebt. Seine Haut und sein Herz sind dürr geworden mangels leidenschaftlicher Berührung. Seine Schwächen haben sich verstärkt, seine Stärken verschwächt.



Nachdem gestern der Sommer kurz vorbei geschaut hat, liegt Fleix heute, weil es den ganzen Tag nicht nur regnet, sondern sogar richtig aprilmässig stürmt und wie aus Kübeln schüttet, ohne Unterbruch in diesem grässlichen Albergo-Zimmer auf diesem viel zu weichen Bett und liest bei schlechtem Licht Gotthelfs «Käserei in der Vehfreude», derweil der Regen in den Lichtschacht vor seinem Fenster prasselt. Dazu trinkt Felix holländisches Bier aus der Dose, «Bavana» und «Heineken». Ganz nüchtern würde er es ja nicht aushalten auf seiner Prokrustes-Liege, obwohl ihm auch der Gotthelf dabei hilft, den Tag zu überstehen. Der kann vielleicht erzählen! Felix ist ganz blass vor Neid. Es ist ja für so einen Möchtegernerzähler wie ihn wirklich deprimierend, jemanden zu lesen, der richtig gut schreiben kann.
Das Buch handelt von einem Dorf, das beschliesst, eine Genossenschaftskäserei zu betreiben, weil das die modernen Zeiten so erfordern. Damit beginnt aber ein unglückseliger Wettbewerb: Die Bauern versuchen, ihre Milch mit Wasser zu pantschen, um am Schluss, nachdem die Milch zu Käse verarbeitet ist und die Käse verkauft sind, einen grösseren Anteil am Erlös zu bekommen. Damit beginnen die Konflikte. Der Eglihannes macht krumme Deals mit Käsehändlern und will in die eigene Tasche wirtschaften. Es kommt, wie es kommen muss, nämlich zu einer deftigen Schlägerei. Das Dürluft-Eisi versucht, die Nägelibodenbäuerin totzubeten, ihr Mann ist ein Höseler. Eine Liebesgeschichte darf in dem Buch natürlich auch nicht fehlen. Ja, der Gotthelf weiss, wie eine Geschichte gemacht wird. Felix liest gerade: «Es war ein rechtes Elend. Es ist gut, sind die Tage Planeten und wandeln, nicht Fixsterne, die bleiben! Wohl möchte man zuweilen ein Josua sein, der Sonne, Mond und Sterne stellen konnte, wenn die Freude wie eine Sonne über unserm Haupte steht und uns Glück umfliesst wie der Sonne Licht. Der Mensch kann ein ungetrübtes Glück nicht ertragen – was würde das für ein nichtsnutziges Menschengeschlecht geben! Er kann es so wenig ertragen als Pflanzen ein ewiges Sonnenlicht; die wollen ja auch Regen, wollen namentlich Nächte voll Tau und Finsternis, um zu gedeihen, zu wachsen, zu blühen und Früchte zu tragen.»

Als es endlich aufhört zu regnen, ist es bereits sechs Uhr und Abend. Felix zieht extra und zur Feier dieses beschissenen Tages seine elegante weisse Hose an und geht spazieren. Auf einen Hügel, von dem aus man die Stadt von oben sieht, wie es sich gehört. Plötzlich Abendsonne, nach dem ergiebigen Regen, oder zumindest etwas Abendlicht. Die Bäume grünen und blühen, Felix könnte dieses Frühlingsunwetter nie und nimmer mit einem Herbstunwetter verwechseln. Dazwischen, davor und danach Aperitifs in diesen verflixten italienischen Bars, in denen man zuviel und zu schnell trinkt und in denen es keine Cabinetti gibt (fast wie in Indien), und man muss umso mehr trinken, je dringender man eigentlich pissen müsste. Sie sind schlau, die Italiener, und auf eine unverbindliche Art charmant. Felix gerät bei den Aperitifs heute mehrmals an den Brandy, weil er vergessen hat, dass er eigentlich besser einen Campari Soda bestellen sollte. Der Brandy geht sofort ins Blut, umso mehr, als Felix den ganzen Tag nichts Richtiges gegessen hat, obwohl das schon etwas pervers ist, wenn man Gotthelf-Romane liest, bei deren Lektüre vor dem geistigen Auge sich biegende Bernerplatten mit Würsten und Speck und Berge von Meränggen mit riesigen Schlagrahmhaufen übereinander türmen.
Schliesslich findet er, gegen neun, ein Ristorante, und überisst sich prompt. Er fürchtet, nicht einmal mehr richtig furzen zu können, ohne gleich ganz zu platzen, so voll gestopft ist er, und der Wein tropft ihm fast aus den Ohren heraus. Felix will dann ja eigentlich noch in den Kinki Gay Club, dessen Adresse er aus dem «Spartacus» hat, aber dieses Etablissement ist heute offensichtlich chiuso, was Felix, der ja auch ein bisschen zu ist, eigentlich gelegen kommt. Die italienischen Jungs gefallen ihm ohnehin nicht so recht, oder sie gefallen ihm schon, aber er ihnen nicht, oder einfach scheiss drauf, manchmal ist es nur mühsam, eine Absicht oder ein Ziel zu verfolgen, und sei es auch ein im Grunde lohnendes wie eine Liebesnacht mit einem bello ragazzo.



Felix, unser lieber Freund, wir haben dich heute kurz gesehen mit deiner tomatenroten Nase und deiner Reisetasche, offenbar bemühst du dich darum, auf Ferienfüssen zu wandeln! Gratuliere! Wir müssen schon sagen, du sahst beeindruckend aus, insbesondere, weil du schon wieder oder immer noch deine eleganten weissen Hosen anhattest und eine Flasche Bier am Mund. Du hast heute mit deinem höchstpersönlichen Reisebüro einen Tagesausflug nach Rimini unternommen und dir dabei den zweiten Sonnenbrand dieses Jahres geholt – allerhand dafür, dass wir erst Mitte April haben! Nun, dir ist nicht zu helfen. Du wolltest bloss wieder einmal das Meer sehen, und es war so zwischen grün und blau wie eh und je, in Rimini, im April. Stundenlang haben wir dich auf der Terrasse eines Sonnenbadrestaurants verweilen sehen, sagen wir, und du runzelst deine ebenfalls sonnenverbrannte Stirn. Der Wind ging, sagst du, da merkte man die Sonne gar nicht. Jetzt bist du, in deiner dritten Nacht in Bologna, bereits in der dritten Albergo gelandet, und dieses Mal hört sie auf den göttlichen Namen «Apollo». Camera numero undici. Göttlich ist sie nicht gerade, aber tant pis è basta! Sie merken es dir, die Italiener, trotz deiner fabelhaften Italienischkenntnisse an, dass du eine Touristin bist. Und antworten dir meist auf Englisch. Na prima, kann ich da nur sagen, wonderful, wir gratulieren.

Vor dem Apéro wirst du einem schlimmen Verdacht ausgesetzt, und zwar durch einen, der sich als Journalist ausgibt und der dich zwar rennend, aber immerhin nicht mit einer Kamera bewaffnet, verfolgt, obwohl du ihm gar nicht davonrennst. Er verwechselt dich, ausgerechnet dich! mit einem heterosexuellen! Sittlichkeitsverbrecher!, einem Mädchenschänder!, aber als er dir dann genauer ins sonnenbrandversehrte Gesicht schaut, muss er eingestehen, dass so ein Mädchenschänder nie im Leben aussehen kann oder was auch sonst immer ihm durch den Journalisten- oder auch Möchtegernjournalistenkopf gehen mag. Er radbrechert – natürlich auf Englisch – etwas, das nach einer Entschuldigung klingt, aber es kommt ihm nicht in den Sinn, dich auf ein Glas einzuladen, was dich vielleicht versöhnlich stimmen würde. So bleibst du empört zurück, speist das Wort «Mädchenvergewaltiger» wie ein Stück Scheisse aus dem Mund, nein, du bist kein Mädchenvergewaltiger, sondern willst, wenn es gestern schon nicht möglich war, dann heute definitiv in den Kinki Gay Club. Und mal sehen! Nicht wahr, es ist schon komisch, wie komisch du wirst im Kopf, wenn du den ganzen Tag nichts anderes sagst als: Una birra, caffè con grappa, grazie, Tortellini e Canelloni, andate e ritorno per pavore, Campari soda, si, il tempo e brutto, no, e occupato, buona notte, grazie. Das Aqua Minerale heisst wie immer Levissima. Und dann wirst du zu allem noch als Mädchenvergewaltiger beschimpft. In Bologna fühlst du dich schon fast wie zu Hause: Auch wenn nichts passiert, passiert nämlich etwas, e basta!
So, und jetzt gehst du wirklich in den Kinki Gay Club, oder saufst noch eins, dass die Wände oder die Schwarten krachen. Salute!

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