Donnerstag, 31. Juli 2008

Hänsel und Gretel



Hänsel und Gretel liebten sich sehr. Das war auch kein Wunder - in der Waldeinsamkeit, in der sie lebten, hatten sie nur einander, um sich zu lieben. Sie kannten keine Menschenseele ausser sich und die Eltern. Und die Eltern waren bös uund alt. Die Eltern liebten das Leben nicht mehr, weil auch das Leben sie nicht mehr liebte und sie mit allerlei Gebrechen schlug. Hänsel und Gretel aber waren jung und wollten leben, und das dichte Grün des Waldes war für sie noch voller lockender Verheissung.
Vater und Mutter standen ihnen jedoch vor dem Glück. Wenn sie sich küssen und herzen wollten, mussten sie sich im Sommer im Gebüsch, im Winter im Geräteschuppen verstecken. Die Eltern sahen es nicht gern, wenn Hänsel die Gretel so berührte, wie sie manchmal von ihrem Vater berührt wurde. Sie fanden, das gehöre sich nicht, und Vater verprügelte Hänsel, während Gretel von der Mutter in die Kartoffeln geschickt wurde.
Das machte die beiden Kinder manchmal sehr traurig und sehr wütend. In ihnen wuchs das Aufbegehren und verwandelte sich in Hass. Hänsel wurde von Monat zu Monat grösser und stärker und liess sich von seinem Vater nicht mehr so einfach verprügeln - er prügelte jetzt zurück, mit der ganzen wilden Kraft seiner dreizehn Jahre. Man wird schnell erwachsen, wenn man beim Wald wohnt. Gretels Augen hatten jetzt manchmal einen eigentümlichen Glanz, wenn sie ihre Eltern beobachtete. Es war ihr klar geworden, dass sie mehr wusste als die Mutter. Die Mutter kannte die Wahrheit des Lebens nicht. Die Frau war verhärmt und voller Bitterkeit und Angst. Nicht einmal im Jahr sah Gretel ihre Mutter herzhaft lachen. Auch weinte sie fast ebenso selten, und das war beinahe noch schlimmer, denn sie hatte allen Grund zum weinen. Der Vater schlug auch die Mutter mehrmals am Tag. Er schlug sie weit häufiger, als er sie zärtlich berührte.
In Vater war eine unentwegt grollende Wut wie ein unterirdischer Vulkan. Seine ganze Kraft, die noch immer nicht unbeträchtlich war, verschwendete sich in Schlägen und sinnlosem Herumgebrüll.
Manchmal schauten sich die beiden, Hänsel und Gretel, lange an und sahen in den Augen des anderen den eigenen Wunsch gespiegelt.
Eines Abends, in der lichtlosen Jahreszeit, war es mit Vater besonders schlimm - er schlug immer wieder auf die am Boden liegende Mutter ein. Mutter schrie nicht mehr, sie wimmerte nicht einmal mehr. Da nahm Hänsel einen grossen Stein und schlug ihn dem Vater krachend über den Schädel.




Nachdem das Familienproblem auf diese Art gelöst wwar, machten sich Hänsel und Gretel auf den Weg, um endlich den Wald zu erforschen und vor allem herauszufinden, was hinter dem Wald war - wieder ein Wald? und dann eine Hütte am Rand des Waldes? in der eine Familie wohnt? Vater, Mutter, Hänsel und Gretel?
Vielleicht gab es aber auch gar nichts hinter dem Wald. Vielleicht hörte der Wald nirgendwo auf. Dann würden sie sich höchstwahrscheinlich in ihm verirren wie auf dem Boden eines Meeres.
Das sollte sie aber nicht daran hindern, die Erkundung des Waldes zu wagen, doch nicht ganz ohne Rettungsseil, wie Hänsel überlegte. Wir müssen eine Spur ziehen, sagte Hänsel, dann finden wir notfalls wieder hierher zurück.
Niemals, erwiderte Gretel darauf heftig, werde ich in dieses Haus zurückkommen! Lieber verdursttdurste ich in dem verdammten Wald, oder werde von den Wölfen gefressen!
Hänsel beschwichtigte Gretel und gab vordergründig nach. Er wollte jetzt, wo sie frei waren, nicht gleich mit Streit anfangen. Aber im Geheimen dachte er, trotzdem nach seinem Willen zu handeln. Frauen verstehen das nicht. Bei denen heisst es immer gleich: Alles oder nichts!
Gretel bemerkte nicht, dass Hänsel hin und wieder einen Brotkrumen fallen liess. Allerdings fiel ihr auf, dass Hänsel so frohgemut war; auch schien es ihr, als würde er mit weniger sanfter Stimme zu ihr sprechen, seit sie unterwegs waren.



Sie marschierten manchen Tag immer tiefer in den Wald hinein. Des Nachts fürchtete sich nicht nur Gretel vor der Dunkelheit und den Geräuschen des nächtlichen Waldes, während sie dicht aneinandergedrängt unter der Wolldecke sassen und ein wenig zu schlafen versuchten. Die Worte waren ihnen allmählich ausgegangen, und meistens blieben sie jetzt stumm. Die Vorrräte, die sie mitgenommen hatten, wurden allmählich knapp, und noch immr wollte der Wald kein Ende nehmen - im Gegenteil, er wurde immer dichter und ruhiger, nur selten noch waren Vögel zu hören, und die Baumwipfel wuchsen immer höher in den Himmel hinein, so dass kaum mehr ein Stück des Himmels zu sehen war. Hänsel liess immer weniger Brotkrumen fallen - es war auch kaum mehr Brot da. Inzwischen hatte auch er den Gedanken an eine Rückkehr fast aufgegeben - allerdings auch die Hoffnung, jemals wieder lebend aus diesem Wald herauszukommen.



Und dann begann es auch noch zu regnen - das Rauschen auf dem Blätterdach musste Regen sein, und dass es tropfte und gurgelte, feucht und kalt wurde, liess ebenfalls auf Regen schliessen. Verzagt versuchten sie, unter einem Gebüsch kauernd, sich aneinander zu wärmen. Gretel sagte: Wir werden sterben. Hänsel nickte stumm und dachte bei sich: Das kann noch lange dauern.
So sassen sie, eine kleine Unendlichkeit lang, während ihre Verzweiflung in sich zusammensank und zu einem Häufchen schmutziger Trostlosigkeit wurde. Bis schliesslich kein Wollen und kein Aufbegehren mehr in ihnen war. Bis sie ein Teil der Erde wurden, auf der sie sassen, und warteten, ohne zu warten, atmend, ohne zu atmen, schauend mit blindem Blick. Wenn sie in sich geschaut hätten, dann würden sie wohl mit Erstaunen wahrgenommen haben, dass die Angst aus ihren Herzen verschwunden war.


Da löste sich der Wald vor ihren Augen plötzlich auf und gab eine sonnenüberflutete Lichtung frei. Auf dieser stand ein kleines Häuschen. Es stand ganz still und friedlich da, und aus dem Kamin kräuselte Rauch.
«Siehst du das auch?», fragte Gretel flüsternd. «Wir sind wieder zu Hause!»
«Verdammt!», meinte Hänsel rauh und räusperte sich, «wie ist denn das gekommen? Es scheint jemand da zu sein.»
Die Nackenhaare sträubten sich ihm.
«Komm, wir sehen nach!», drängte Gretel. «Ich habe Hunger!»
«Bist du wahnsinnig! Ich sagte doch schon: da ist jemand. Vater, Mutter…», stammelte er.
«Die sind doch tot, du Schwachkopf!» Gretel funkelte ihren Bruder an. «Sei kein Feigling! Los, schauen wir nach!»
Und sie schlichen sich an das nächstgelegene Fenster und schauten rein.
Nichts rührte sich in der Stube.
Nur die Katze lag faul auf dem Fensterbrett und schaute sie verächtlich mit einem halben Auge an.
Keine Hexe braute am Herd einenZaubertrank. Doch lag auf dem Tisch eine halbe Wurst und ein Kanten Brot.
Jetzt liessen Hänsel und Gretel alle Vorsicht fahren.



Doch auf der Schwelle der Tür versperrte ihnen gross der Vater den Weg und brüllte mit rot unterlaufenen Augen: «Wo habt ihr gesteckt?! Euch werde ich es zeigen!». Und er griff nach der Rute und holte nach Hänsel auf. Auch Mutter lebte noch, wie sich jetzt zeigte. Zeternd und zitternd rang sie die Hände. Gretel staunte mit offenem Mund, und Hänsel vergass in seiner Überraschung, sich gegen die väterlichen Prügel zu wehren. Eines Tages, als er besoffen war, schlug Vater die Mutter so sehr, dass sie nicht einmal mehr wimmerte. Daraufhin liess Hänsel einen grossen Stein auf den Schädel des Vaters krachen. Wenig später verliessen Hänsel und Gretel die Lichtung und machten sich auf in den Wald.



So muss Hänsel seinen Vater immer wieder von neuem umbringen. Hänsel wird älter. Der Wald hat seine Verlockung verloren, ist eher Fluch als Verheissung. In Hänsel ist eine ständig grollende unterirdische Wut. Mit Gretel hat er ein, zwei Kinder. Auch Gretel ist älter geworden - eine bittere, verhärmte Frau. Die beiden Kinder, das Mädchen und der Knabe, werden aufwachsen und sich zu lieben beginnen, da sie nur einander haben dazu.

Mittwoch, 23. Juli 2008

Pubertät und Migration

Die Pubertät ist eine schwierige Zeit – für die Kinder, die bald keine Kinder mehr sein werden, aber auch für die Erwachsenen, die mit ihnen zu tun haben – vorab die Eltern. Kommt dann noch dazu, dass Pubertierende aus einem anderen kulturellen Umfeld stammen, wird es für sie nicht einfacher – im Gegenteil. Pubertierende und ihr Umfeld müssen Spannungen aushalten – Spannungen zwischen den Generationen, aber auch Spannungen zwischen ihren Geborgenheitsbedürfnissen und ihren Abnabelungstendenzen, zwischen dem Wunsch der Eltern, festzuhalten und deren Einsicht, dass Loslassen angesagt ist. Das ist für alle Beteiligten herausfordernd. Bei ausländischen Jugendlichen kommt die Spannung zwischen den Anforderungen der Ursprungskultur und denjenigen der Kultur des Einwanderungslandes hinzu. Eltern nehmen, wenn Sie mit der Pubertät ihrer Kinder konfrontiert werden, bewusst oder unbewusst immer Bezug darauf, wie sie selbst, als Vater und Mutter, als Mann und Frau, ihre eigene Pubertät erlebt haben. Das ist selbstverständlich von Person zu Person verschieden, es gibt aber Gemeinsamkeiten, die Generationen miteinander teilen. Gerade heutzutage unterscheidet sich die Art, wie die Elterngeneration die Pubertät erlebte, recht deutlich von der Art, wie die Jugendlichen sie erleben. Das hat etwas zu tun mit der Geschwindigkeit des gesellschaftlichen und technologischen Wandels, mit der Globalisierung, damit, dass es immer weniger Verbindlichkeiten gibt, die die Lebensentwürfe bestimmen. Jede und jeder muss sich heute seine Biographie selber zusammenbasteln, kaum mehr jemand kann sich auf vorgegebene Muster beziehen.

Dies hat in den westlichen Gesellschaften schon mit der Generation der so genannten Babyboomer begonnen, die inzwischen bereits im Grosselternalter sind. In anderen Kulturen hat eine vergleichbare Entwicklung erst sehr viel später eingesetzt. Gerade in traditionellen Auswanderungsgebieten wurden diese Modernisierungsschritte erst vor kurzem oder erst zum Teil oder noch gar nicht vollzogen. Reisen Eltern aus einem solchen Gebiet mit ihren Kindern in die Schweiz oder ein anderes westliches Land, dann liegt zwischen ihrer eigenen kulturellen Prägung und den kulturellen Gepflogenheiten des Gastlandes unter Umständen ein tiefer Graben. Kommen ihre Kinder nun in die Pubertät, haben sie oft einen heiklen Balanceakt zwischen diesen beiden Orientierungspunkten ihrer Identitätsfindung zu vollziehen. Wollen die Eltern mit den Kindern gar «irgendwann später einmal» ins Herkunftsland zurückkehren, wird der Druck der Eltern, die auf den Werten und Normen der Ursprungskultur beharren, noch grösser und der Spagat für die Jugendlichen noch schwieriger. Die Kinder sind hin- und hergerissen zwischen der Solidarität mit den Eltern und deren Vorstellungen und dem Wunsch, zu der Gruppe der Gleichaltrigen zu gehören und daraus irgendwie zu einer eigenen, einzigartigen persönlichen Identität zu finden. Oftmals schliessen sich diese Jugendlichen dann mit anderen Jugendlichen zusammen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden, um dem Dilemma zwischen Ausgrenzung einerseits und Verstossung anderseits zu entgehen. Sie bilden eine labile Subkultur, die stets davon bedroht ist, ihrerseits ausgegrenzt zu werden.

Das grösste Hindernisse für Jugendliche, die ihre Pubertät zwischen zwei Kulturen erleben, ist es, diskriminiert, objektiv benachteiligt zu werden: erst in der Schule, dann bei der Lehrstellensuche und im Beruf. Keine Zukunftsperspektiven zu haben, unter dem Gefühl zu leiden, nicht gebraucht zu werden und nicht willkommen zu sein: das ist Gift für die Entwicklung von jungen Menschen. Glücklicherweise reagiert die Mehrheit darauf nicht mit Kriminalität, Gewalttätigkeit, Suchtproblemen oder mit Rückzug und Resignation. Vielen von ihnen glückt es trotzdem, sich ein gesundes Selbstwertgefühl aufzubauen und den eigenen Weg zu finden.

Die Gesellschaft verbaut sich durch solche Formen der Diskriminierung aber den Zugang zu einem Potenzial. Denn zwischen zwei Kulturen oder inmitten von vielen Kulturen aufzuwachsen, könnte auch eine Chance sein und ein in die Zukunft weisendes Modell, das Zugang zu verschiedenen Denkweisen und Mentalitäten ermöglicht, zu einer Art globalisierten Bewusstseins, das für die Mensch-heit schon bald überlebenswichtig sein wird.

Montag, 14. Juli 2008

Wir sind alle schwul

Unter dem Titel «Wir sind alle schwul. Die unaufhaltsame Homosexualisierung unserer Gesellschaft» hat Das Magazin ein bemerkenswertes Heft auf den Markt geschmissen. Der Titel - der Untertitel vor allem - hat wohl sämtlichen EDUlern, EVPlern und anderen Freikirchlern die Haare zu Berg stehen lassen, verheisst er doch Unheilschwangeres im Stil des Untergangs des Abendlandes oder des Kriegs der Kulturen. Das Heft, vonehmlich von Heteros gemacht, ist aber ganz positiv gemeint. Dass Schwule (im Heft ging es vornehmlich um Männer) häufig eine Vorreiter- und Trendsetterrolle spielen (vor allem im Lifestyle-Bereich, aber auch in Kunst und Kultur), ist schliesslich sattsam bekannt, und von der inzwischen nicht mehr ganz so neuen Metrosexualität vieler (urbaner) Männer wird inzwischen auch schon von Kreti und Pleti geschwafelt. Das Heft enthält also, zumindest für Schwule, wenig Neues, ist aber dennoch ganz gut gemacht und manchmal auch lustig. Am besten gefallen hat mir das Interview mit Gore Vidal, der 53 Jahre lang mit seinem Lebensgefährten Howard zusammen verbrachte, ohne dass die beiden ein einziges Mal Sex gehabt hätten (behauptet Vidal zumindest). Hier ein Auszug (der geneigte Leser, die geneigte Leserin dieses Blogs merkt: Ich liebe Interviews. Nirgendwo sonst wird amüsanter gelogen):

Mich hat fasziniert, was Sie in Ihren Memoiren über Ihre Beziehung zu Howard schreiben. Eine sehr zärtliche, sehr innige Liebe – und trotzdem nie intim…
Das gehört zu dem Persönlichsten, was ich je geschrieben habe. Wie wir 53 Jahre zusammengelebt haben und kein einziges Mal Sex hatten.

Das ist aussergewöhnlich.
Um Himmels willen, nein! Die Leute glauben immer, man geht eine Paarbeziehung ein, weil man Sex will. Was mich betrifft, ich will keinen Sex in meiner Beziehung. Wenn du Sex willst, geh raus und kauf ihn!

Viele Leute wollen Sex in der Beziehung.
Ja, und deshalb haben sie so ein grässliches Leben. Die Hälfte aller Ehen in den Vereinigten Staaten endet mit Scheidung. Jetzt rede ich von Heterosexuellen. Wenn es bei uns die Schwulenehe gäbe, dann wäre die Rate noch höher. Also, was solls?

Hatten Sie das Gefühl, in Howard Ihren idealen Lebenspartner gefunden zu haben?
Ich habe nie nach Idealen Ausschau gehalten. Ich halte es mit Montaigne, der mal gesagt hat: «Da ich mich in andere nicht hineinversetzen kann, versetze ich mich lieber in mich selbst.» Das ist mein generelles Motto.

Was mich am meisten verwundert hat: Sie schreiben in Ihrem Buch, dass Sie Howard noch nicht mal auf den Mund geküsst haben…
…und deshalb hat unsere Beziehung funktioniert. Ich habe es bewiesen. Aber niemand nimmt sich ein Beispiel.

Das erinnert fast ein bisschen an die Art und Weise, wie Monarchen früher die Ehe gelebt haben. Es geht nicht um Lust, es geht um verlässliche Partnerschaft.
Ja, der Aspekt hat was. Wissen Sie, die unteren Schichten gehen ganz anders an die Sache ran. Jungs und Mädels machen miteinander rum, und am Ende sind Babys unterwegs. Warum sollten sich zwei Männer so verhalten? Babys können dabei ohnehin nicht rauskommen. Man kann eine intensive Beziehung miteinander haben, ohne Babys zu machen. Wie Howard und ich. Es gab so viele Dinge, die habe ich nicht gekonnt, aber er konnte es. Und umgekehrt. Wir haben uns gegenseitig ins Gleichgewicht gebracht.

Was konnte er so gut?
Business. Oder Sprachen. Er hat Italienisch in fünf Minuten gelernt, während ich nach vierzig Jahren noch immer einen schrecklichen Akzent habe.

Sie schreiben nie etwas über Ihre sexuellen Affären ausser halb der Beziehung zu Howard.
Stimmt, ich glaube nicht, dass das berichtenswert ist. Mich interessiert ja auch nicht, welche Beziehungen andere Leute zu anderen Leuten haben. Es sei denn, es ist komisch. Ich stamme aus einer Welt, in der es sich nicht gehört, über sich selber zu plappern. Das hat sich geändert. Über sich selber plappern, ist eine sehr amerikanische Beschäftigung geworden. Alles ein einziges Geplapper und Klatsch.

Sie mögen keinen Klatsch? Interessiert Sie nicht, warum Britney Spears sich die Haare abrasiert hat oder…
Das war kein hübscher Glatzkopf, nein. Natürlich interessiert sich jeder ein bisschen für Klatsch, solange er nicht völlig belanglos ist. Deshalb mag ich History. Geschichtsschreibung ist nichts anderes als Klatsch über die Vergangenheit, in der Hoffnung, dass da was Wahres dran ist. Ich sitze gerade an meinem Buch über den mexikanischen Krieg.

Donnerstag, 10. Juli 2008

«So wie Grass aussieht, schreibt er auch»



Auszug aus einem Interview mit Maxim Biller in der NZZ am Sonntag vom 6. Juli

Frage: Sind die 68er schuld an der Political Correctness?

Nein! Die ist ja gerade ein Popanz der Rechten. Aber alle Ideologie ist widerlich. Es ist auch Ideologie, eine Frauenquote zu fordern. Entweder die Frauen sind besser oder nicht! Die Juden hatten auch keine Quoten und haben’s gerade deshalb geschafft, besser zu sein als die anderen.

Was stört Sie sonst noch an der 68ern?

Sie waren hässlich angezogen. Jemand, der nicht weiss, was ein schöner Schuh ist, der wird auch nicht wissen, was ein schöner Satz ist.

Sie hatten alle hässliche Schuhe?

Sie waren hässlich, hatten hässliche Frauen und hässliche Einheitsgedanken. Ich kenne nicht viele, die schön schreiben können. Ich weiss nicht, ob Handke als 68er gilt, er ist einer der Hübscheren. Aber schauen Sie sich Grass an: So wie Grass aussieht, schreibt er auch. Affensätze. Voller Floskeln, ohne Rhythmus, selbstgefällig.

(…)

Fehlt es unserer Zeit an Idealen?

Das ist eine reaktionäre Frage! Wer braucht schon Ideale? Ich glaube, dieser Schweizer Politiker, Blocher, der hat Ideale. Lieber jemanden ohne Ideale als jemanden mit solchen.

Was ist an die Stelle der Ideale gerückt?

Einige Leute hoffen, es würde die Religion werden, andere, es würde die Nation. Beide Themen schaffen’s wohl nicht, zu altmodisch. Irgendwann werden wir überrant, überrollt werden von etwas ganz anderem. Aber das ist ja toll, dass Sie mich für einen Propheten halten!

Freitag, 4. Juli 2008

Auf dem Salzhügel




Meldung der Associated Press ap, 1. November 2007: «Paul Tibbets, der 1945 die erste Atombombe über Hiroshima abwarf, ist im Alter von 92 Jahren gestorben. Er erlag einer längeren Krankheit, wie ein enger Freund mitteilte. Tibbets flog am 6. August 1945 als Pilot der ‹Enola Gay› nach Japan, wo die 14-köpfige Besatzung die fünf Tonnen schwere Bombe ‹Little Boy› abwarf. Bei der Detonation kamen in Hiroshima zwischen 70'000 bis 100'000 Menschen ums Leben, unzählige weitere erlitten schwerste Verletzungen.
Tibbets verteidigte seinen Einsatz zeitlebens als seine ‹patriotische Pflicht› und verbat sich Kritik daran. ‹Ich bin nicht stolz darauf, dass ich 80.000 Menschen umgebracht habe – aber darauf, dass ich mit nichts angefangen habe, es plante und dass es dann so perfekt funktionierte›, sagte er 1975 in einem Interview. Man müsse berücksichtigen, dass sich das Land damals im Krieg befunden habe. ‹Ich schlafe jede Nacht gut›, beschied er Fragen nach Schuldgefühlen.
Zum 60. Jahrestag des Bombenabwurf sagte er 2005, er sei sich, als er den Befehl erhalten habe, bewusst gewesen, dass dies eine ‹emotionale Sache› sein werde. ‹Wir wussten, dass es links und rechts Menschen töten würde. Aber mein Hauptinteresse war dabei, bestmögliche Arbeit zu leisten, damit wir das Töten möglichst schnell beenden konnten›, sagte er der Zeitung ‹The Columbus Dispatch›.
Drei Tage nach Hiroshima wurden bei einem weiteren Atombombenabwurf rund 40'000 Menschen in Nagasaki getötet. An dieser Mission war Tibbets nicht beteiligt. Am 15. August kapitulierte Japan, und der Zweite Weltkrieg war zu Ende.
Tibbets verfügte, dass es für ihn keine Trauerfeier und keinen Grabstein geben solle. Damit wollte er Demonstrationen verhindern und keine Pilgerstätte für mögliche Gegner des Atombombenabwurfs schaffen. Er wolle verbrannt werden, und seine Asche solle über dem Ärmelkanal verstreut werden, denn dort sei er immer gerne geflogen, sagte er 2005. Tibbets ging 1966 als Brigadegeneral der Luftwaffe in den Ruhestand. Danach betrieb er bis 1985 einen Luft-Taxi-Dienst, bevor er sich endgültig zur Ruhe setzte. Seine Rolle als Pilot des ersten Atombombenabwurfs brachte ihn jedoch bis zuletzt immer wieder ins Licht der Öffentlichkeit.»

In der Bucht von Galway herrscht ein wunderschönes Licht und alles ist in die unwahrscheinlichsten Farben getaucht, bald geht die Sonne unter, die unbarmherzige Herausforderin von Felix, dem die immer heisser werdenden Sommer ein Gräuel sind. Das Land ist flach und Felix hat einen Rundblick – hätte er, wenn er auch hinten und auf der Seite Augen besässe. Er ist hundemüde. Reisen findet er immer noch anstrengend – das ist wohl der Grund, warum er, als heimlicher Masochist, überhaupt reist, und erst noch im August (der nicht gerade sein Lieblingsmonat ist). Heute ist Sonntag, und Irland feiert Bank Holiday (Zufall, dass diese Feiertage gerade mit dem 50-Jahre-Gedenken an den A-Bomben-Abwurf auf Hiroshima zusammenfallen, weshalb die «Irish Times» denn auch einen minutiösen Ablauf der damaligen Ereignisse veröffentlicht hat) und alle Bewohnerinnen und Bewohner der Insel sind zusammen mit Felix in Galway gelandet. Felix hat die Ruhe gesucht und ist vor den mitteleuropäischen Hundstagen geflüchtet – und im heissesten Sommer gelandet, den Irland seit dreissig Jahren erlebt. Trotzdem ist es hier natürlich nicht im mediterranen Sinn heiss, die Sonne hat aber doch eine irreführende Kraft (eine durch den kühlenden Meerwind irreführende Kraft), und Felix holt sich während eines Spazierganges auf den Klippen von Howth (noch in der Nähe von Dublin) einen kleinen Sonnenstich, jedenfalls ist er heute morgen mit gigantischen Kopfschmerzen erwacht (am Bier kann es nicht gelegen haben, so viel getrunken hat Felix nicht). Nach einer Nacht also, in der Felix im viel zu kleinen Zimmerchen in Frankies Guesthouse schlecht geschlafen hat, kommt ihm die goldige Idee, dass es vielleicht doch besser wäre, ein Zimmer in Galway vorzureservieren (was man auf der Tourist-Information tun kann). Felix eilt also in Dublin aufs TI-Büro und hat noch genau eine Stunde Zeit bis zur Abfahrt seines Zugs, aber die Nummer 83 gezogen, und jetzt ist erst die Nummer 62 dran oder so und nach zwanzig Minuten sind sie erst bei der Nummer 66, das kann ja heiter werden. Felix wird ein bisschen nervös, hat dann aber das Glück, einem Deutschen, der zwei Nummern gezogen hat, die Nummer 67 abzuschwatzen, nein: geradezu abzufordern. Und da bekommt Felix dann eben die Auskunft, dass wegen Bank Holiday in Galway schon alles ausgebucht sei, dass es aber im Warwick Hotel in Salthill, einem Vorort von Galway, noch freie Zimmer habe. Und so ist Felix nach drei Stunden Zugfahrt hier auf dem Salzhügel gelandet.

Felix hat inzwischen das dritte Zimmer im Warwick-Hotel bezogen. Erst nächtigte er in der Nummer 24, dann in der Nummer 62, jetzt in der Nummer 12. Die 24 ging ja noch, aber die 62 war schrecklich, gegen Sonnenuntergang hin gelegen und unerträglich stickig und heiss. Auch sonst war ihm der Raum aus Gründen, die er nicht hätte benennen können, äusserst unangenehm, er wurde direkt hysterisch. Ausserdem war unmittelbar unter dem Zimmer Tanzabend und auch sonst drang Lärm oder so genannte Musik bis tief in die Nacht von unten an seine sensiblen Ohren. Also machte er einen Aufstand und bekam die Nummer 12, mit der er nun ganz zufrieden ist. Hier bleibt Felix, hier lässt er sich nicht mehr vertreiben!

Heute war Felix auf den Cliffs of Mohair, die beeindruckend steil und geradezu dramatisch in den Atlantik abfallen. Natürlich war’s zu sommerlich trivial, nämlich läppisch blauhimmlig statt mystisch vernebelt für den wirklichen Effekt. Trotzdem fand Felix den Ort geradezu ideal für einen dramatischen Abgang, sozusagen die ideale Suizid-Destination für die pathetische Person. Sollte man den irischen Behörden mal als Marketing-Idee vorschlagen. Wenn schon sich umbringen, dann mit einem effektvollen Sprung in diese Tiefe. Natürlich würde sich der Ort auch für Mord ganz gut eignen. Felix hatte für Momente das Bild eines Amokläufers oder vielmehr -stossers vor Augen, der zuerst einige Touristen in die Tiefe befördert, von denen weiss Gott genug hier oben herumstehen, um dann selber runterzuspringen. Das wäre möglich. Aus dem Stoff solcher Anfechtungen entstehen Geschichten – als Ausweg sozusagen.
Natürlich sah Felix noch anderes vom Touristenbus aus heute, Landschaften, Ruinen, historische, um nicht zu sagen: prähistorische Stätten, Menhire oder Druidensteine oder wie der Plunder heisst. Den ganzen Tag hat er kaum ein Wort mit jemandem gesprochen. Ist wohl seine introvertierte Phase these days. Felix ertappt sich immer wieder beim fast panischen Plänemachen für die kommenden Tage, idiotisch. Zurück in Galway entdeckt er, dass er seine absolut unentbehrliche Kappe (in der er zwar saublöd aussieht, Felix ist weder der Kappen- noch der Huttyp, das nun schon gar nicht) verloren hat. Er muss sich sogleich eine neue kaufen, ein noch schrecklicheres Teil als die alte Kappe, er sieht mit diesem Ding auf seinem runden Kopf wirklich bescheuert und irgendwie halslos aus, wie eine Abnormität von einem Pilz. Aber egal. Immer noch besser als ein weiterer Sonnenstich. Dann tröstet er sich mit einer Flasche Apfelwein der Marke Balmers, worauf er sich gestärkt zu Fuss auf den Weg zurück auf seinen Salzhügel macht. Dem folgt ein Bad im Hotel, ein bescheidenes Mal in einem Fastfood-Restaurant (Reis mit Hühnchen an Currysauce), ein Pint Bier in einem Pub, ein Film im Provinzkino mit dem Titel «Bad Boys», nochmals zwei Pints in verschiedenen Lokalen. So sieht das Leben von Felix in Irland aus, meine Damen und Herren!

Gestern Nachmittag war ein erster Höhepunkt seiner Reise, nach der ärgerlichen, schlaflosen Nacht in der stickigen, unsympathischen Nummer 62. Aus Ärger und Panik hatte er da wirklich zuviel Bier getrunken («A pint of Lager», sogar ein Guinness, obwohl er dieses ölige schwarze Zeug eigentlich gar nicht mag) und war obendrein wieder mit Kopfschmerzen erwacht. Doch dann geht’s ab auf die Aran-Inseln. Die Busfahrt zum Hafen von Rossaveal wird ihm bitter versüsst durch die Gesellschaft eines europäischen und eines japanischen Jungen, die Felix zwar nicht beachten, die dafür aber von Felix umso genauer beobachtet werden. Die beiden machen ihn besessen, er fantasiert sie als ein Paar. Vielleicht sind sie es ja, wahrscheinlich aber nicht. Felix verfolgt sie geradezu, den ganzen Tag, richtig süchtig, wehmütig, sehnsüchtig, traurig. Er hat ein Abschiedsgefühl dabei, das Gefühl, dass er so etwas (oder so etwas Ähnliches) nie mehr erleben wird in dieser Felix-Existenz.

Durch die Überfahrt mit dem Schiff wird Felix euphorisiert. Mit dem Schiff zu reisen vermittelt ihm ein extremes Wohlgefühl – er findet es beruhigend und befreiend. Mit allen anderen Verkehrmitteln reist man, um irgendwo anzukommen – mit dem Schiff kann man auch nirgendwohin fahren. Going nowhere, wie es in einem Song von Pink Floyd heisst. Etwa ein Dutzend Delphine begleiten zeitweise das Schiff, zum Greifen nah. Sie sind schneller als das Schiff, schwimmen in einem irrsinnigen Tempo direkt vor dem Bug, sie scheinen mit dem Kahn zu spielen. Was für Wesen!

Überhaupt ist es ein Tag der Tiere für Felix, und ein Tag der Tiere ist, wenn es sich bei diesen nicht gerade um bissige Hunde oder giftige Schlangen oder so was handelt, normalerweise ein guter Tag. Als Felix sich in einer Bucht auf dieser verrückten, baumlosen Insel in den Schatten eines Mäuerchens legt, um ein wenig zu rasten, ist da auch ein herrenloser, offenbar alter und nicht gerade schöner, aber glücklicherweise ganz und gar friedlicher Hund, der seine Nähe sucht, scheu, zutraulich, selbstverständlich. Mit vollendeter Freundlichkeit macht der Hund einen Annäherungsversuch, lässt sich ein wenig streicheln und kraulen, und dann liegen die beiden, Felix und Hund, eine Weile einfach nebeneinander im Schatten des Mäuerchens im Gras und dösen, bis Felix mit seinem oder vielmehr dem gemieteten Fahrrad gemächlich weiterfährt. Es hat aber auch Kühe, die in dieser völlig abgehobenen Landschaft wie in einem Song von Pink Floyd herumgrasen, einen Muni, Pferde. Kaum vorstellbar, dass an einem Tag wie diesem eine Atombombe vom Himmel fallen könnte. Auf der höchsten Klippe steht ein prähistorisches Ford. Felix hat, wie gesagt, ein Fahrrad gemietet und radelt den ganzen Tag ziemlich weit herum. Abends auf der Rückfahrt dann wieder der Japaner und sein Freund. Zurück im Hotel etwa um zehn ist Felix, der seit dem irischen Frühstück nichts mehr gegessen hat, so hungrig, dass er das kulinarisch an sich völlig unattraktive Mahl (Fisch, Chips, Erbsen, Salat, die irische dient wie die englische Küche zur Hauptsache der Kalorienzufuhr), mit Hochgenuss verspeist und seiner Mutter wieder einmal recht geben muss, die sagt, Hunger sei der beste Koch. Dazu schmeckt auch das Bier dem ausgedörrten Gaumen ganz wundervoll, so dass man ergänzen möchte: und Durst ist der beste Braumeister. Aber so was würde die Mutter von Felix natürlich nie sagen.

Tags zuvor war Felix am Lough Derrib, dem grössten See Irlands, und in den Connemara-Bergen. Manchmal Gespräche mit älteren, pfeifenrauchenden, rothaarigen irischen Herren. In den Pubs kommt es tatsächlich vor, das nicht nur alle Gäste, sondern auch das Personal aus dem Stegreif ein vielstrophiges Lied zusammen singen, oder nein: einer singt vor und der Rest fällt in den Refrain ein. Bald Vollmond. Felix singt natürlich nicht mit, und schon gar nicht laut. Es gibt sangesfreudige und weniger sangesfreuedige Länder. Irland gehört zweifelsohne zur ersten Kategorie, wie Holland, Italien, Mexiko oder Indonesien, wo sogar der Staatspräsident öffentlich schmalzige Liebeslieder zum Besten gibt (allerdings erst in ferner Zukunft, von heute, 1995 aus gesehen. Bis 1998 wird sich noch der alte Gauner Suharto an der Macht halten, der dann im Januar 2008 sterben wird. Der singende Präsident mit dem schönen Namen Susilo Bambang Yudhoyono kommt dann erst 2004). Die Schweiz gehört nicht zu den besonders sangesfreudigen Ländern, dazu sind die Schweizer zu mundfaul. Höchstens einen Jodler lassen sie sich manchmal entlocken.

Felix findet sich abscheulich hässlich, hat wieder diese Flecken im Gesicht und am Rücken, es ist furchtbar. Natürlich leidet sein ohnehin schon schwaches Selbstwertgefühl darunter, und jetzt, wo er Zeit hat, sich mit sich selbst und seinen Ängsten zu beschäftigen…
Heute in Clifden, mit dem Bus. Schöne Landschaft. Clifden ist besonders jetzt im August sehr touristisch, aber hinter dem Dorf gegen das Meer hin die Bucht entlang gibt es einen ausgesprochen schönen Spazierweg. Irre Wolkenformationen, ein schon fast kühler, angenehmer Wind, manchmal auch etwas Regen – ein Hauch von dem Irland, wie Felix es sich vorgestellt hat. Am Morgen das übliche irische Frühstück (Cornflakes, Toast, Tee, Ei, Würstchen, Speck, Salzbutter und Orangenmarmelade), dann mit dem Bus nach Galway und mit einem anderen Bus durch die Connemara-Berge. In Clifden nach dem Spaziergang trinkt Felix Cidre und dann erneut in Galway, in einem Pub; im Fernsehen wird irgendeine Leichtathletikveranstaltung gezeigt, in Galway findet ein Stadtlauf statt. Felix findet Menschen in Sportklamotten total unerotisch. Zu Fuss zurück nach Salthill, unterwegs in einem Pub trinkt Felix einen Whiskey. Es ist erst halb zehn – Felix wird sich jetzt wohl noch seine Pints genehmigen. Wie gestern; gestern hat es geregnet und Felix war auf einer Flussfahrt (River Corrib) mit alten Ladies aus Amerika und Scotland (Smalltalk), dann in der Kathedrale, wo ein wunderschönes Orgelkonzert gegeben wurde (Requiem?), das ihm die Tränen in die Augen trieb. Überhaupt war Felix seelisch etwas dünnhäutig gestern, obwohl er ja eigentlich immer seelisch etwas dünnhäutig ist, aber gestern war er eben noch etwas dünnhäutiger als sonst. Mittwoch auf Donnerstag, nein Donnerstag auf Freitag war zudem noch Vollmond. Felix wollte ja eigentlich seine Zelte in Salthill abbrechen und weiter nach Sligo, hatte da sogar schon eine Unterkunft gebucht (a very little room, wie die Landlady betonte, da auch in Sligo alles ausgebucht ist), und dann, in der schlaflosen Nacht, rang er sich den Entscheid ab, doch in Salthill zu bleiben, in diesem Zimmer, das ihm sehr behagt (auf einen very little room hat Felix jetzt wirklich keinen Bock). In der Nacht träumt er von singenden Iren mit flammenden roten Haaren und von einem riesengrossen Mond, der nah bei der Erde schwebt, und von der Aare bei Bern, die immer höher steigt, bis sie die Altstadt überschwemmt.