Sonntag, 14. August 2011

Literatur und Politik

«Politik ist Verallgemeinern», erklärte mir Leo. «Literatur ist Differenzieren, und die beiden stehen zueinander nicht nur in einem reziproken Verhältnis – sondern in einem feindlichen Verhältnis. Für die Politik ist die Literatur dekadent, schlaff, unerheblich, langweilig, verschroben, fade, etwas, das weder Hand noch Fuss hat und das es eigentlich gar nicht zu geben braucht. Warum? Weil der Wunsch nach Differenzierung schon Literatur ist. Wie kann man Künstler sein und Nuancen ausser Acht lassen? Wie kann man Politiker sein und Nuancen beachten? Der Künstler sieht die Nuance als seine Aufgabe. Die Aufgabe besteht darin, nicht zu vereinfachen. Auch wenn man sich dazu entschliesst, so einfach wie möglich zu schreiben, etwa wie Hemingway, bleibt die Aufgabe, die Nuancen herauszuarbeiten, das Komplizierte aufzuhellen, die Widersprüche darzustellen. Und nicht, die Widersprüche wegzuwischen, die Widersprüche zu leugnen, sondern zu forschen, wo innerhalb der Widersprüche der gepeinigte Mensch zu finden ist. Man muss das Chaos mit einkalkulieren, man muss es zulassen. Man muss es zulassen. Sonst produziert man Propaganda, wenn nicht für eine politische Partei, eine politische Bewegung, dann stumpfsinnige Propaganda für das Leben selbst – für das Leben, wie es sich vielleicht selbst gern in der Öffentlichkeit dargestellt sehen möchte. (…)»

Philip Roth, in «Mein Mann, der Kommunist», übersetzt von Werner Schmitz, rororo Taschenbuch, Seite 275

Montag, 1. August 2011

Eyjafjallajökull oder Das Haus, in dem die Schatten der Vergangenheit wohnen

Er klopfte ohne zu zögern. Er musste mit dem Direktor sprechen, schliesslich hatte sich ein Unglück ereignet, ein Unfall oder gar ein Verbrechen, in das ältere oder alte Damen verwickelt waren. Auf sein Klopfen wurde nicht reagiert. Vorsichtig öffnete Oesch die Tür, trat ein und blieb überrascht stehen. Der Raum war unglaublich gross und in dämmriges Grün getaucht. Überall standen überdimensionierte, tropisch anmutende Pflanzen, riesige Farne, bizarr anmutende Kakteen, Bananenbäume, Heliconien, Orchideen... Oesch war kein Pflanzenkenner, aber ein Pflanzenliebhaber – ihn faszinierte das Büro des Direktors, in dem es feucht, süsslich und erdig roch, in dem die Luft schwer und warm war und durch das Kolibris und andere kleine, bunte Vögel schwirrten. War das möglich? Warum sprengte das Büro des Direktors alle Proportionen, gab es überhaupt Platz in einem Stadthaus für einen riesigen Raum wie diesen? Und warum war das Büro – gar kein Büro? In dieser Halle gab es weder Schreibtische noch Gestelle oder weitere Büromöbel und auch keine Kopiergeräte, Computer und andere Büromaschinen. In diesem Büro gab es Natur pur und sonst gar nichts. Fehlten nur noch die Schildkröten und in den Baumkronen herumturnende Affen. Vom Direktor fehlte hingegen jede Spur.

Oesch versuchte, sich an den Direktor zu erinnern. Er musste den Direktor doch kennen, schliesslich arbeitete er nicht erst seit gestern beim Hilfswerk. Aber sein Gedächtnis liess ihn im Stich. War der Direktor jung oder alt, ein Mann oder eine Frau, ein angenehmer Mensch oder nicht? Oesch musste sich eingestehen, dass er keine Ahnung hatte. Vielleicht existierte der Direktor gar nicht? Aber ein umfassendes Hilfswerk von einer solchen überragenden Bedeutung musste doch einen Direktor haben – oder etwa nicht?

Oesch drang weiter in den Raum vor. Er fühlte sich trotz seiner Verunsicherung auf eine nicht unangenehme Weise leer, erwartungslos, ja geradezu wurstig gestimmt. Er nahm einen Geruch wahr, der ihn an Zoo und Tropenhaus erinnerte. Er war im Dschungel.

Die Pflanzen, überall die wild wuchernden Pflanzen: Sie riechen, sie bewegen sich, sie greifen nach mir.
Natürlich, die Pflanzen sind lebendige Wesen. Komisch. Das war mir bisher gar nicht recht klar. Die haben zwar kein Hirn und keine Augen und keine Ohren und so. Und doch sind sie aus einem Stoff gemacht, dass sie fühlen können. Aus einem besonderen Stoff, aus einem feinen Stoff: dem Stoff, aus dem die Träume sind.
Ja, sie sind wie Blinde, die Pflanzen. Wie Blinde tasten sie mit ihren knochenlosen Pflanzenarmen in der ewigdunklen Suppe ihrer Umgebung.
Oder, was wahrscheinlicher ist, sie tasten nach mir, unschuldig getrieben von ihrem Instinkt. Sie wollen mich verschlingen. Es sind nämlich Fleisch fressende Pflanzen. Ich bin in einen Urwald geraten. Wie komm ich bloss in diesen Urwald?
Ich muss fliehen.
Aber wohin?
Da, die Tarzanlianen – sieht aus wie in einem Comic-Strip. Ist aber alles echt. Plastisch. Vielleicht ist es ein 3-D-Comic.
Wenn es nur ein Comic wäre! Oder ein Film. Oder ein Traum. Einfach erwachen können – das wäre schön!
Wäre das schön?
Auf jeden Fall mach ich mir hier in die Hosen in diesem Urwald. Wobei ich ja gar keine Hosen anhabe. Ich bin ziemlich nackt. Ich habe nur eine Baseballmütze auf dem Kopf und einen Gürtel mit Dschungelmesser umgeschnallt und grobe Stiefel an den Füssen.
Das kommt davon, wenn man zum Abenteurer geboren ist.
Verdient man aber schwer Geld auf diesen Expeditionen, Goldsucherfahrten, El-Dorado-Trecks.
Was ist denn das für ein Brüllen und Quietschen?
Ach ja, der Urwald. Hab ich schon fast wieder vergessen. Ein Urwald voller Affen, Tiger, Leoparden, Schlangen, Spinnen, Kannibalen…
Ach hör schon auf!
Mir ist komisch. Kalt oder heiss. Zu kalt oder zu heiss. Zu kalt und zu heiss. Ich brauch etwas. ICH BRAUCH ETWAS!
Ich muss raus hier.
Diese geilen Pflanzen versuchen die ganze Zeit, mir zwischen die Beine zu greifen. Ich hab einen Steifen, weiss gar nicht warum. Geil bin ich jedenfalls nicht. «Hart wie der Zahn der Bisamratte…»
Weg da! Pfoten weg!
Ich will in die Stadt! Ich will in die Stadt, denn ich brauche etwas, Geld und ETWAS, ich bin ein Stadtjunge, verdammt noch mal. Ich hasse die Natur. Scheissnatur! Scheissnatur!

Die Stadt.
Die stinkende Welt der Stadt.
Die Welt des täglichen Verkehrskriegs und des vertrauten Bildes von Erbrochenem auf der Strasse.
Der Welt der aufeinander prallenden Menschenmassen in den Einkaufsparadiesen und den Bars.
Die neonfunkelnde Welt der Stadt.

Da vorn ist es ein bisschen lichter. Vielleicht sollte ich auf einen Baum steigen. Vielleicht sehe ich dann was. Ein Hochhaus zum Beispiel. Eine Autobahn. Einen Spielsalon. Einen Waschsalon. Einen Saloon mitten im Wilden Westen. Die Luft flimmert in der Hitze, man hört keinen Ton, aber jetzt hört man das Getrampel von Pferdehufen, und ein Haufen bärtiger Männer mit wilden Gesichtern reitet in die Stadt und hat nichts Gutes im Sinn.

Das ist ja ein Sumpf da vorn. Ein stinkender Sumpf. Es riecht wie im Bumsraum einer ungepflegten Schwulensauna.
Hier hats bestimmt Krokodile.
Die liegen im Wasser und bewegen sich nicht und sehen aus wie ein angefaulter Baumstrunk, aber wenn man ihnen zu nahe kommt, dann schnapp! Gemein wie das Leben.
Ich spüre, wie sich meine Körperhaare aufrichten, eins nach dem andern.
Etwas kommt näher.
ETWAS.
Hilfe, ich will weg hier. Lasst mich raus!
Es ist so eng und feucht und heiss –
krieg keine Luft mehr –
ich – glaub – ich – verrecke –

Scheisstraum das. Dass ich immer so einen Scheiss zusammenträumen muss. Hm, Nachmittagsträume. Ich glaub, ich brauch etwas. Fühl mich wirklich ein bisschen komisch. Wo hab ich denn… Ja: das reicht jetzt noch bis am Nachmittag. Das nehm ich jetzt, und dann will ich noch ein bisschen liegen. Dann träum ich bestimmt nicht mehr solchen Scheiss. Und dann muss ich mir Geld besorgen, mindestens einen Hunderter. Besser natürlich einen Fünfhunderter oder einen Tausender. Vielleicht find ich ja heut einen, der mich adoptiert. Wo sind die Streichhölzer? Eine Zigarette möchte ich rauchen. Nicht jetzt, nachher. Durst habe ich auch. Aber jetzt nehm ich zuerst was. Und dann lege ich mich nochmals ins Bett, um zu überlegen, wie ich denn heute zu Geld komme. Wenn ich doch ein richtiger Krimineller wäre! Wer einen Banküberfall machen will, muss planen und organisieren können, braucht Kreativität, kriminelle Intelligenz, Durchsetzungskraft. Und wenn er die hat, wird er nicht Bankräuber, sondern Banker. Ist einfacher. Bringt mehr Kohle. Geht bei mir nicht. Mach ich halt den Strich.
Ja.
Mhm, schon besser.
Wenn ich jetzt auf den Strich geh, ist mir alles scheissegal. Nun kommt angelatscht, ihr alten, hässlichen, frustrierten Typen mit euern Eheweibern zuhause und den knackigen Söhnen, die ihr nicht anfassen dürft! Mich interessiert Sex nicht mehr, ist eine unappetitliche Sache, und wenn ich einem den Sabberschwanz nuckeln soll, kommt mir echt das grosse Kotzen. Nein, das mach ich nicht mehr mit. Sollen sie an mir rumfummeln, können auch meinen halbsteifen Schwanz lutschen, während sie sich einen runterholen dabei. Manche verlangen, dass man sie anpisst oder ihnen auf den Kopf scheisst, so ekelhaftes Zeug, ist mir auch egal, solange sie mich in Ruhe lassen, ist leicht verdientes Geld. Ja, da trifft man schon ganz komische Vögel.

Also, ich bin vielleicht ja selbst auch ein bisschen schwul, aber nicht richtig, damit, dass ich auf den Strich gehe, hat das nichts zu tun. Ich brauche einfach den Zaster.
Ich bin müde.
Ich möchte ewig so liegen bleiben und gar nicht mehr aufstehen müssen.
Vielleicht ist es so, wenn man tot ist.
So herrlich gleichgültig, satt.
Wie im Paradies.
Wind, kleine flinke Wölkchen am Himmel.
Ein weisses Häuschen, das auf einem Felsen steht hoch über dem Meer.
Junge braune Männer, die ihre nackten Körper über die Klippe segeln lassen.
Junge Männer, die fliegen können.
Wassertropfen schmiegen sich an ihre glatte, braune Haut, während die Sonne ihre Körper küsst.
Dann tauchen ihre Körper ins Meer ein.
Das Leben ist ein Tanz, ein Spiel.
Und rings der Raum so weit, so weit.
Und die kleinen flinken Wölkchen unendlich fern am weiten Himmel.
Und ich sitze auf dem Felsen hoch über dem Meer.
Ich bin nackt, und der Wind und die Sonne liebkosen meine Haut.
Tief unten schäumt und gischt das Meer.
Ganz klein schwimmen die jungen Männer mit ihrer dunklen Haut im Wasser.
Sie rufen mir etwas zu, aber ich verstehe sie nicht.
Ich höre den hellen Klang ihrer Stimmen.
Sie winken mir: Ich soll zu ihnen runterspringen.
Ja, ich will auch ein fliegender Knabe sein.
Ich springe auf die Füsse.
Ich hüpfe auf dem Felsen wie auf einem Trampolin, nackt, schwerelos.
Ich segle über die Klippen und falle langsam wie in Zeitlupe auf die Wasser zu
und tauche ein in das silberne Element,
den reinen Stoff des Lebens.

Scheisse, wie spät ist es? Schon nach vier. Muss wohl wieder eingeschlafen sein. Muss wohl geträumt haben. Ich habe eine Latte. Es war wohl ein erotischer Traum, schade, dass man Träume immer gleich wieder vergisst.
Ich will mal einen Kaffee trinken und eine Zigarette rauchen. Und was essen.
Allzu mager sollte ich nämlich nicht werden.
Das mögen die Freier nicht, so ein klappriges Knochengestell.
Die wollen dralles Fleisch am Arsch und stramme Schenkel, die geilen Böcke.
Mein Gesicht gefällt mir. Die schwarzen Augenbrauen wachsen fast zusammen auf dem zarten Fleisch über der Nase. Jetzt sind die Haare wieder länger: braun und dicht. Lange Haare stehen mir einfach besser als kurze.
Gestern habe ich ein Gesicht gesehen: Schutzlos und schön. Ein fleischgewordener Traum Gottes.
Vielleicht sind wir ja alle Figuren aus den Träumen Gottes.
Vielleicht gibt es Gott ja tatsächlich.
Und manchmal hat Er einen geilen Traum, dann wieder einen Alptraum.
Was Gott wohl empfunden hat, als er mich träumte... ?
Halt, nein: Er träumt mich ja jetzt!
Eigenartig.

Der Kaffee ist heiss.
Ich weiss gar nicht, wie das die Leute machen: acht, neun Stunden am Tag arbeiten. Die zwei, drei Freier, die ich pro Tag bediene, sind rasch erledigt.
Die können ihren Sprutz ja meistens nicht schnell genug loswerden.
Trotzdem: Langweilig wird mir nie.
Einfach die Tatsache, dass man überhaupt lebt.
Eine von Millionen von Samenzellen gewinnt den Wettlauf und befruchtet das Ei.
Im Grunde ist jeder, der geboren wird, schon mal ein ganz grosser Gewinner. So gesehen.
Die Kraft hat alles, was ist, ins Dasein geschleudert, ejakuliert, die Berge, die Bäume, die Autos und die Atomkraftwerke.
Sie macht, dass das Herz schlägt, der Atem geht, die Bagger sich durch das Erdreich wühlen und die Raketen ins All fräsen.
Die Ideen, Gedanken und Gefühle des Wesens, das uns gemacht hat, müssen alle zu Fleisch werden, das ist das Wunder und der Fluch der Existenz.
Ich möchte es verstehen. Ich muss darüber nachdenken.
Unbedingt.
Ich hab doch mal was gelesen über den menschlichen Geist.
Dass dieser Geist pure Magie sei oder so.
Auch die Ideen und Gedanken und Gefühle des Menschen müssten zu Fleisch und Blut werden, zu handfesten Wirklichkeiten.
Deshalb sei alles so, wie es sei, gebe es keinen Ausweg aus diesem Labyrinth.
Es passiere, was passieren müsse. Im Guten wie im Schlechten.
Wenn man mit einem solchen Hunger zur Welt kommt wie die Menschen, dann muss man sich nicht wundern, dass schliesslich alles kahl gefressen ist.
Insbesondere, weil der Appetit mit dem Essen kommt, wie man sagt.

Ich bin müde.
Ich möchte im warmen Wasser liegen.
Der Wind müsste mich in seine Arme nehmen.
Das Feuerchen in meinem Herzen gibt warm.

Dienstag, 12. Juli 2011

Zweiheimisch. Bikulturalität als persönliche Identität und Teil einer sozialen Lebenswelt

Binationale Kinder im Spannungsfeld zwischen zwei (oder mehreren) Kulturen.

Was heisst «binational» oder besser «bikulturell» überhaupt? Von welchem Kultur-, von welchem Identitätsbegriff gehen wir aus? Ist nicht jeder «Fall», von dem wir sprechen, eben ein Einzelfall und müsste gesondert betrachtet werden? Kultur ist nicht etwas Unveränderbares und Statisches. Sie ist in einem ständigen Um- und Aufbau begriffen. Und wenn der Mensch von seiner kulturellen Umwelt – oder seinen kulturellen Umwelten – geprägt wird, ist das doch immer nur ein Teil seiner Identität. Unter Vorbehalt dieser Überlegungen nähere ich mich dem Thema mit der Absicht, auf einige Chancen und Risiken hinzuweisen, die es mit sich bringt, mit zwei Kulturen aufzuwachsen.

Dass in binationalen Familien aufgewachsene Menschen es weit bringen können und oft hervorragende Qualitäten als «Brückenbauer» aufweisen, wissen wir nicht erst, seit Barak Obama Präsident der Vereinigten Staaten wurde. Durch die Globalisierung sind sich die verschiedensten Kulturen tatsächlich sehr nahe gekommen, auch in der Schweiz. Viele Jugendliche aus bikulturellen Familien, aber auch Jugendliche aus Migrantenfamilien der zweiten oder dritten Generation, betonen denn auch, dass es nichts Besonderes sei – oder dass es eigentlich ganz „cool“ sei –, in zwei Kulturen zuhause zu sein. Typisch dafür ist die Aussage der 14-jährigen Sarah: «Mein Leben unterscheidet sich nicht sonderlich von anderen. Oft kam die Frage: ‹Welchem Land fühlst Du Dich mehr zugehörig? Der Schweiz oder Mexiko?› Ich habe darüber nachgedacht und festgestellt, dass ich mich gar nicht entscheiden muss! Ich fühle mich in beiden Ländern zu Hause und könnte mir in beiden Ländern ein Leben vorstellen.»

Wir alle – nicht nur Menschen, die in binationalen Familien aufgewachsen sind – haben inzwischen mehr oder weniger eine Patchwork-Identität. Als gesellschaftlicher Normalfall ist heute weniger ein in ein übergeordnetes Ganzes eingefügtes und einheitliches Identitätsgefüge zu erwarten als vielmehr ein «Patchwork» von unterschiedlichen «Teilidentitäten», die unterschiedlichen Eigenlogiken folgen. Insofern ist die Situation binational aufgewachsener Kinder und Jugendlicher der Normalfall von morgen.

Man kann Binationalität also als verborgenen oder auch schon erschlossenen Schatz sehen, den binationale Kinder und Jugendliche durch ihre spezielle Situation mitbekommen. Probleme mit Binationalität und -kulturalität haben in der Tat oft nicht die, die durch ihre Geburt binational sind. Es ist eher die soziale Umgebung, beim Kindergarten angefangen, die diesen «Schatz» nicht erkennt und es schlecht aushält, wenn die Einordnung in «einheimisch» und «ausländisch» nicht gelingt.

Die Familiensituation binationaler Eltern (im Sinne von schweizerisch-ausländisch) unterscheidet sich von schweizerisch-schweizerischen, aber auch von Migrantenfamilien vor allem in folgenden Bereichen:

Rechtlich untersteht die ausländische Partnerin, der ausländische Partner in einer binationalen Familien nicht selten dem Ausländergesetz. Dies bedeutet u.a.: Wenn der nichtschweizerische Elternteil nicht aus einem EU-Land stammt, (noch) nicht eingebürgert wurde oder die Niederlassungsbewilligung (Ausweis C) erhalten hat, verliert er im schlimmsten Fall bei einer Trennung/Scheidung oder beim Tod der Partnerin, der Partners die Aufenthaltsbewilligung. Diese Situation verschärft sich noch, wenn beide Elternteile nicht schweizerischer Nationalität sind. Besuche der nichtschweizerischen Grosseltern oder anderer Verwandter sind in vielen Fällen vom Familieneinkommen abhängig; der Nachzug von Stiefgeschwistern unterliegt den restriktiven Bestimmungen für Familienzusammenführung; Reisen in andere Länder sind unter Umständen abhängig von Visaerteilungen etc.

Die ökonomische Situation binationaler Familien ist häufig davon geprägt, dass der nichtschweizerische Elternteil auf dem Arbeitsmarkt keine seiner Qualifikation entsprechende Arbeit findet oder auch arbeitslos ist (auch dies gilt vor allem dann, wenn der ausländische Partner aus einem Nicht-EU-Land stammt; gut qualifizierte EU-Bürgerinnen und -Bürger sind in dieser Hinsicht in der Schweiz kaum benachteiligt). Stammt der männliche Teil eines binationalen Paares aus dem Ausland, sorgt oft die schweizerische Partnerin für das Familieneinkommen. Mancher ausländische Ehemann und Vater empfindet diese Rollenumkehrung als demütigend und abwertend, als eine zusätzliche Abhängigkeit und Ungleichheit in der Beziehung des Paares, was sich auch auf die Gestaltung des Familienlebens auswirken kann. Dazu kommt, dass der Kontakt zu der nichtschweizerischen Verwandtschaft eher kostspielig ist – umso kostspieliger, je weiter weg von der Schweiz sie sich befindet. Leben die Verwandten der ausländischen Partnerin, des ausländischen Partners in sehr ärmlichen Verhältnissen, besteht zudem oftmals so etwas wie eine moralische Unterstützungspflicht für sie oder ihn, zum Beispiel, weil die Eltern in Ländern leben, in denen es keine staatliche Altervorsorge gibt und es zu den Pflichten der Kinder gehört, im Alter für Vater und Mutter zu sorgen. Nicht wenige binationale Familien leben deshalb insgesamt in einer Situation, in der die Ausgaben höher und die Einnahmen geringer sind als in anderen Familien.

Die bikulturelle Partnerschaft

Man hört oft die Meinung, dass vor allem binationale Partnerschaften mit Beteiligten aus einander sehr fremden Kulturen belastet und deshalb vom Scheitern bedroht seien. Die Herkunft allein sagt aber nichts über allfällig zu erwartende Schwierigkeiten und vor allem auch nichts über die Bewältigungsstrategien der Beteiligten aus. Viele Faktoren wie Status, Bildung, soziale Herkunft, Sozialisation, gegenseitige Erwartungen aneinander, vorhandene oder fehlende persönliche Ressourcen, individuelle Charaktereigenschaften etc. spielen beim Gelingen einer binationalen Partnerschaft eine ebenso grosse Rolle wie die kulturelle Distanz.

Bikulturelle Paare müssen ihre eigenen gemeinsamen Übereinkünfte bezüglich ihrer Verhaltensmuster und Interaktionsmodelle treffen. In der Literatur habe ich drei «idealtypische Muster» in Hinblick auf kulturelle Anpassung von bikulturellen Paaren gefunden, die ich hier wiedergeben möchte:

• Das einseitige Arrangement: Einer der Partner gibt zugunsten des anderen wesentliche Werte und Verhaltensmuster in sprachlicher, religiöser und sozialer Hinsicht auf und übernimmt stattdessen jene der Partnerin. Gründe dafür können sein: Einer der Partner zeigt deutlich dominantere Züge; die eine Kultur überwiegt im Lebenskontext oder der eine Teil des Paares hat nur noch eine schwache Bindung an seine Herkunftskultur.

• Koexistenz: Die Handlungs- und Wertemuster beider Kulturen werden abwechslungsweise gelebt, es werden Kompromisse geschlossen oder Mischungen zwischen den Konzepten ausprobiert. Ein relatives Gleichgewicht entsteht. Gründe dafür können sein: Beide Partner schätzen die jeweils anderen Verhaltensmuster, sie geniessen die Vielfalt oder sie möchten ihre einseitige Fixierung auf ihre eigene Herkunftskultur «aufweichen».

• «Kreatives Arrangement»: Das Paar führt neue Verhaltensmuster ein, entweder weil sich beide kulturellen Muster als zu konflikthaft erweisen oder weil das Paar ihre bisherigen Werte und Verhaltensmuster selbst in Frage stellt. Es entsteht ein so genannter «dritter Weg».

Wie das Paar mit den unterschiedlichen Kulturen umgeht, hat natürlich auch einen Einfluss auf die Kinder und Jugendlichen in der Familie. Aspekte der Selbstverortung bzw. Aspekte der Fremdzuschreibung spielen eine wichtige Rolle bei der Identitätssuche und -findung von Jugendlichen. Die Kinder und Jugendlichen sind nicht nur in einen bikulturellen Kontext, sondern manchmal auch in einen bilingualen Kontext eingebettet. Werte und Normen der Eltern können annähernd deckungsgleich, aber auch stark divergierend sein. Die Art zu denken, bestimmte Werte zu vertreten, aber auch geschlechtsspezifische Verhaltensweisen und Normen sowie die verbale und nonverbale Kommunikation können kulturspezifisch geprägt sein.

Prüfstein für jede partnerschaftliche Lebensgemeinschaft ist die Alltagsbewältigung
mit ihren ganz konkreten Aufgaben und Herausforderungen. Wenn es dem Paar gelingt, sich sozusagen als Team zu verstehen, sich im Sinne eines kultur-, geschlechts- und rollenunabhängigen «Familienunternehmens» gegenseitig zu unterstützen, ohne dabei die eigene kulturelle Tradition und Herkunft verstecken oder verleugnen zu müssen, dann kann davon ausgegangen werden, dass diese emanzipatorische Leistung für alle Beteiligten bereichernd und befruchtend ist und sich dementsprechend in solchen Familien für Kinder und Jugendliche positive Lernfelder eröffnen.

Dabei geht es nicht um Gleichmacherei oder kulturelle Plafonierung. Berechtigte Differenzen dürfen und sollen sein. Aber sie müssen eingebettet sein in einen Rahmen, der das ganze Familiengefüge zusammenhält. Was für die interkulturelle Gesellschaft gilt, gilt sinngemäss auch für die binationale Familie: Nur die Balance von rechtlicher Gleichheit und kultureller Verschiedenheit macht eine interkulturelle Gesellschaft möglich.

Innen- und Aussensicht

Je nach Innen- oder Aussensicht unterscheidet sich die gesellschaftliche Einordnung von Kindern und Jugendlichen in binationalen Familien manchmal gewaltig. Wir haben gesehen, dass die Kinder und Jugendlichen selbst ihre Zugehörigkeit zu zwei Kulturen sehr oft als bereichernd empfinden. Von ihrer Umgebung bekommen sie allerdings nicht selten ein negatives Feedback, indem sie als «anders», «fremd», «nicht dazu gehörig» eingestuft werden. Kinder aus binationalen Familien wachsen häufig zweisprachig auf. Sie erfahren durch Kontakte mit der ausländischen Verwandtschaft anderskulturelle Familienstrukturen als eine andere Normalität. Diese Heterogenität finden sie in ihrem Schweizer Alltag oftmals nicht; ihre Fähigkeiten (Umgang mit kultureller wie persönlicher Differenz; Kenntnis anderer Rituale, anderer Feste und anderer Formen des Gemeinschaftslebens; Mehrsprachigkeit etc.) werden nicht als solche anerkannt resp. gefördert, sondern negiert oder unter Umständen gar mit Sanktionen belegt. Kulturelle Unterschiedlichkeit, anderes Aussehen, unterschiedliche Denkmuster und Verhaltensweisen werden von der Mehrheitsgesellschaft manchmal als defizitär oder zumindest «problematisch» wahrgenommen und stehen damit im Widerspruch zu der Selbstwahrnehmung der Kinder und Jugendlichen.


Deshalb gibt es Kinder und Jugendliche aus binationalen und eingewanderten Familien, die froh wären, wenn man ihnen die Bikulturalität nicht anmerken würde. Es gehört zu ihrer Realität, dass sie in der öffentlichen Wahrnehmung, im Kontakt mit Nachbarn, Lehrern, im Betrieb oder in der Freizeit manchmal darauf reduziert werden, «Ausländer» zu sein, auch wenn sie das gar nicht sind oder sich zumindest so nicht fühlen. Die sicherlich oft interessiert gemeinte Frage «Woher kommst du?» oder die anerkennende Feststellung «Du sprichst aber gut Deutsch» ist für einen jungen Menschen, der nie woanders gelebt hat und mit der einheimischen Sprache zumindest seit dem Kindergarten vertraut ist, im günstigen Fall eine hohe Irritation. Die indirekte Mitteilung «Du gehörst nicht dazu, du bist anders» ist ja auch für viele Kinder von Migrantinnen und Migranten, die hierzulande aufgewachsen sind, eine individuelle Kränkung und ein soziales Dilemma. Die Reaktionen der Kinder und Jugendlichen darauf sind unterschiedlich: manche betonen ihr Anderssein bis hin zur Selbst-Ausgrenzung, andere versuchen, die Bikulturalität ihrer Biografie zu verdrängen. Für die allermeisten ist es schwierig, in einem Alter, in dem die Suche nach Zugehörigkeiten vorrangiges Bedürfnis ist, Ausgrenzung zu erfahren, die von ihnen nicht beeinflusst werden kann.

Alle Jugendlichen werden in der Identitätsfindung mit den Fragen konfrontiert: Wo gehöre ich dazu? Wo will ich dazugehören? Wovon möchte ich mich abgrenzen? Mit welchen Personen möchte ich in Kontakt treten und zu welchen Gruppen dazugehören? Welchen Belastungen zum Beispiel in Form von Gruppendruck, familiären Erwartungen und anderem kann ich mich entziehen und wo gelingt dies nicht? Manchmal wird für die erkämpfte Autonomie oder für die konformistische Anpassung ein sehr hoher Preis bezahlt. Diese Suche nach Antworten ist eine immens wichtige Entwicklungsaufgabe, die sich für den jungen Menschen stellt – auch für den jungen Menschen mit binationalem Hintergrund.

Wenn die Identifizierung mit der Peer-Group, also den Gleichaltrigen, immer mehr zunimmt, tritt die kulturelle Herkunft scheinbar in den Hintergrund. Jugendliche haben ihre eigene Kultur, die sich bewusst von der Kultur der Erwachsenen abhebt – sei es nun die schweizerische oder eine andere. Die «Jugendkulturen» bedienen sich virtuos der Elemente von verschiedensten Kulturen und kreieren daraus ihren eigenen kreativen Mix.

Aber es gibt auch bikulturelle Jugendliche, die in der wichtigen Entwicklungsphase der Identitätsfindung Schwierigkeiten haben, sich zwischen unterschiedlichen und manchmal widersprüchlichen kulturellen Werten zu orientieren. Einige finden dann Orientierung darin, dass sie sich besonders eindeutig zu einer bestimmten Kultur bekennen. Ist dies der Fall, so kann man erleben, wie die Jugendlichen gewisse in dieser Kultur verkörperte Ideale besonders hervorheben, verteidigen und vertreten. Werte und Ideale eignen sich nämlich hervorragend zur Identitätsstiftung. Diese Werte werden mitunter spezifisch definiert und ausgelegt. Durch sie erhält der Jugendliche die Möglichkeit, sich zu identifizieren und gleichzeitig abzugrenzen. Damit kann er ein klares Bekenntnis ablegen, ein Zugehörigkeits- und «Wir-Gefühl» zum Ausdruck bringen. Für manche Jugendliche ist dies ein Ausweg aus einer als schwierig empfundenen Ambivalenz.

Bikulturelle Jugendlichen mussten, ich sage es noch einmal, schon als Kinder oft hin- und herwechseln zwischen den Verhaltensanforderungen des Domizillandes, dem Kulturverständnis des Vaters und dem Kulturverständnis der Mutter. Sowohl sprachlich als auch gedanklich – in fast automatischer Abgleichung – switchen sie zwischen ihren diversen Kulturerwartungen und Erfahrungen hin und her. Das erfordert von ihnen Flexibilität in der Kontextvielfalt. Oft können binationale Jugendliche das ganz selbstverständlich und – wie es scheint – mühelos leisten. Manchmal aber finden sie sich in Situationen wieder, in denen sich die Frage der kulturellen Zugehörigkeit zuspitzt. Sie werden dann durch spezifische Erwartungen – aber auch zwischen «Tradition» und «Moderne» – hin- und hergerissen.

Risiken und Chancen

Wir sehen schon jetzt, dass Risiken und Chancen bikulturellen Aufwachsens nahe beieinander liegen. Wir haben es angesprochen: Damit aus Ressourcen Kompetenzen werden, braucht es ein soziales Umfeld, in dem die Vielfalt gelebt werden kann, nichts Abweichendes und nichts Besonderes, sondern selbstverständlicher Bestandteil des Alltags ist, Normalität eben. Wenn kulturelle Pluralität nur in der Abweichung auffällt, ist dies der Spiegel eines monokulturell eingeschränkten gesellschaftlichen Horizontes, der diese Pluralität nicht zu integrieren versteht. Die Trennlinie zwischen Chancen und Risiken verläuft entlang sozialer wie kultureller Benachteiligung und ist nicht in der ethnischen Herkunft begründet

Die Mehrheit der bikulturellen Jugendlichen lernt schon früh, zwischen den unterschiedlichen kulturellen Angeboten zu wechseln und je nach Situation das entsprechende Verhaltensmuster anzuwenden. Im Zeitalter der beruflichen Mobilität und der Erwartung an ständige persönliche Veränderung ist diese biografische Verortung im Sowohl-als-auch durchaus ein Lebensmodell der Zukunft und zum Teil auch schon der Gegenwart. Binationale Jugendliche haben die Chance, divergierende Grundhaltungen des Lernens, die von den Bezugspersonen unterschiedlich stark vorgelebt werden und mit Beziehungsarbeit verknüpft sind, zu adaptieren und damit offen und tolerant den Umgang zu pflegen.

Fast alle Jugendlichen, die bikulturell aufwachsen, bilden unterschiedliche Sprachkompetenzen aus. Kinder, die mehrsprachig aufwachsen, haben in ihrem Ausdruck mehr Wahlmöglichkeiten, denn der Gebrauch der jeweiligen Sprache ist an Gefühle, bestimmte Handlungen, Orte oder Personen gebunden. Eine gelungene mehrsprachige Erziehung fördert das Denken in unterschiedlichen Strukturen und unterstützt damit nicht zuletzt den intellektuellen Zugang auch in anderen Bereichen.

Binationale Jugendliche können mitunter Kenntnisse mehrerer Sprachen vorweisen, die meistens entweder von der Mutter oder vom Vater vermittelt wurden. Bedauerlicherweise sind die Jugendlichen manchmal aber auch damit konfrontiert, dass sie weder die eine noch die andere Sprache gut genug beherrschen und sich dies oft auch in mangelnder Kompetenz der Sprache des Domizillandes ausdrückt. Dies ist häufig dann der Fall, wenn Mutter und Vater eine andere Sprache sprechen als die Sprache des Domilzillandes, also zum Beispiel bei binationalen Familien ohne deutschsprachigen Elternteil, die in der deutschen Schweiz leben. Bei Kinder/Jugendlichen, deren einer Elternteil die Sprache des Domizillandes spricht, ist dies in der Regel nicht der Fall. Im Gegenteil: Die Sprachkompetenz von auf diese Weise zweisprachig aufwachsenden Kindern ist überdurchschnittlich hoch.

Untersuchungen zeigen, dass kompetent mehrsprachige Kinder und Jugendliche Unterschiede bewusster reflektieren und ihnen der Umgang mit Vielfalt leichter fällt. Die mit den Sprachen erlebte Erfahrung von Wechsel und Mischung als individueller Ausdruck ermöglicht ihnen auch, eine entsprechende Haltung zu unterschiedlichen kulturellen Traditionen und Lebensformen zu entwickeln – ein unschätzbares Kapital in einer globalisierten Welt. Bilinguale junge Erwachsene wissen das: viele von ihnen pendeln zwischen den Ländern (und Sprachen) und kultivieren die Transkulturalität zu ihrem Lebensstil. Dies ist ein Potenzial, das aktuell jedoch noch weitgehend brach liegt. Die erschreckenden Zahlen über Schul- und Ausbildungsabschlüsse von Jugendlichen aus eingewanderten Familien lassen vermuten, dass hier die grösste Diskrepanz zu finden ist zwischen Ressourcen einerseits und der Transformation in Kompetenzen andererseits.

Bikulturell aufwachsende Menschen erleben familiäre Normalität als mehrdimensional. Die unterschiedlichen Alltagsgewohnheiten mischen sich zu neuen Formen des Zusammenlebens. Kulinarisch ist dieser Mix aus multikulturellen Angeboten ja inzwischen auch im kleinsten Dorf zur Realität geworden. Im Haushalt steht neben dem Samowar die Espresso-Maschine, wird der Ramadan gefeiert und im Dezember ein Weihnachtsbaum aufgestellt. Zur engeren Familie gehören diverse Tanten und Onkel, viel Besuch zu haben ist eine Selbstverständlichkeit. Kinder und Jugendliche aus binationalen oder eingewanderten Familien haben oft Verwandte in der ganzen Welt. Sie fahren nicht als Touristen ins Ausland, sondern sie erleben dort einen anders strukturierten, für sie aber völlig normalen Familienalltag. Eine solche Lebenswelt erfordert ständige Anpassungsprozesse, eine hohe Sensibilität für situatives Handeln und ein ständiges Austarieren zwischen den eigenen Bedürfnissen und der Rücksichtnahme auf andere. Wer so aufwächst, lernt viel für ein Leben in einer hoch differenzierten Gesellschaft.

Bikulturelle Jugendliche haben sich in ihrer Adoleszenz oft mit sehr diskrepanten Erwartungen an die jeweilige Geschlechtsrolle auseinander zu setzen. Sie erleben in der Familie und in ihrem sozialen Umfeld unterschiedliche Bewertungen, wie Mann und Frau zu sein haben. Das ist manchmal nicht ganz leicht zu handhaben; Loyalitätskonflikte sind vorprogammiert. Dazu kommt, wir haben es gesagt, dass die Adoleszenz die Zeit der Ablösung von familiären Strukturen ist und die Aufforderung beinhaltet, sich in der sozialen Umwelt als eigenständiges Individuum zu positionieren. Letzlich haben bikulturell aufwachsende Jugendliche aber auch in dieser Hinsicht die Chance, durch die wechselnde Identifikation mit den kulturellen Prägungen ihrer Eltern und den Angeboten ihres aktuellen Lebensumfeldes eine Identität auszubilden, die mit unterschiedlichen Perspektiven spielerisch umgehen kann. Sie lernen früh, die damit einhergehenden Konflikte als Normalität anzusehen und die Möglichkeiten und Grenzen von Kompromissbildungen zu erproben.

All dies sind Chancen, Vorteile. Und die Risiken, die Nachteile? Die liegen vor allem darin, dass die jungen Menschen eben nicht – oder noch nicht, oder nur teilweise – in einer interkulturellen Lebenswelt aufwachsen. Ganz allgemein könnte man sagen, dass binational aufwachsende Jugendliche in einem akzentuierten Spannungsfeld stehen; die Komplexität des Lebens bekommen sie besonders stark zu spüren, sind aber auch besonders gut dafür gerüstet, damit umzugehen. Es soll aber nicht verschwiegen werden, dass dies eine anspruchsvolle Aufgabe ist, die von den Kindern und Jugendlichen je nach vorhandenen Ressourcen unterschiedlich gut bewältigt werden kann. Ob es gelingt, wird, wie gesagt, von sehr viele Faktoren beeinflusst.

Binationale Jugendliche laufen vor allem dann Gefahr, sich zu überfordern und/oder überfordert zu werden und damit Schaden zu nehmen,
• wenn sie zu sehr zwischen den divergierenden kulturellen Erwartungen der Eltern und evtl. auch noch der Kultur des Landes, in dem sie leben, hin- und hergerissen fühlen
• wenn sie es allen Seiten recht machen wollen und sich dabei selbst aus den Augen verlieren
• wenn sie vehement nur eine Seite idealisieren und die andere ständig abwerten müssen.

Ressourcen, die sich positiv dagegen auswirken, sind
• die Fähigkeit, psychologischen Stress zu bewältigen
• die Fähigkeit, effektiv zu kommunizieren
• die Fähigkeit, interpersonale Beziehungen aufzubauen.

Diese Fähigkeiten werden vor allem in der Familie ausgebildet. Aber auch die Schule und die Gesellschaft insgesamt sind hier – zum Wohl aller – gefordert.

Versuch einer Zusammenfassung

Zu den Stärken binationaler Jugendlicher gehört – wir haben es mehrmals betont – das Entwickeln von spezifischen interkulturellen Kompetenzen und ihr grosszügiges Verständnis für andere in ähnlicher Lage. Letztlich ist die kulturelle Zugehörigkeit binationaler Jugendlicher ein zentrales Lebensthema, das nicht per se Zerrissenheit impliziert – oder nur insofern, als wir alle von einer gewissen Zerrissenheit betroffen sind, mit der die «Monkulturellen» aber vielleicht weniger gut umgehen können als die «Bikulturellen». Und es ist der Umgang mit der Zugehörigkeit zu zwei verschiedenen Kulturen eine sehr individuelle, eng mit der persönlichen Entwicklungsgeschichte verknüpfte Möglichkeit, die viele Chancen, Risiken und Herausforderungen beinhaltet. Wie anfangs gesagt: Das kulturelle Lebenskonzept wird ja auch stark individuell definiert. Hier hören die Möglichkeiten, Allgemeinverbindliches zu diesem Thema zu sagen, eben auch wieder auf.

Griot Mi Schwiz

Sonntag, 8. Mai 2011

Politik für Milliardäre

Parteipolitik hat sich in den letzten Jahren immer mehr von der Sachpolitik entfernt und ist zum reinen Marketing verkommen. Das heisst, dass nicht mehr die politische Lösung von Sachproblemen im Vordergrund steht, sondern die Frage, wie zusätzliche Wählerstimmen geholt werden können. Natürlich gehört Politikmarketing – die wählerorientierte Entwicklung und Vermarktung der Politik oder einer politischen Partei – zur Politik. Politikmarketing als notwendiges Übel ja, als Selbstzweck nein.

Von dieser Tendenz zum Überhandnehmen des Politikmarketings zuungunsten der lösungs- und konsensorientierten Sachpolitik ist keine der Parteien ausgenommen. Die einen machen es geschickter, die anderen weniger geschickt; die einen mit weniger Mitteln, die anderen mit dem ganz dicken Portemonnaie. Das macht die weniger geschickten – und damit weniger erfolgreichen – zwar eher sympathisch, verhilft ihnen aber natürlich nicht zu grösserem politischem Gewicht.

Es gibt in der Schweiz eine Partei, die das Spiel des politischen Marketings perfekt beherrscht. Es ist die Partei, die zuerst erkannt hat, wie wichtig dieses Marketing für den politischen Erfolg ist. Es ist auch die Partei, die die meisten Mittel dafür aufwendet – und die meisten Mittel dafür aufwenden kann. Klar – schliesslich ist es die Partei der Milliardäre; jene Partei, die Politik für Milliardäre macht.

Was heisst das nun – Politik für Milliardäre (zu denen ich hier auch diejenigen mit den vielen Millionen rechne, die es – noch? – nicht ganz in den Club der Milliardäre geschafft haben). Es bedeutet Steuersenkungen auch – und gerade – für die ganz Reichen, es bedeutet die Senkung der Staatsausgaben. Die Partei, von der ich spreche, ist die einzige Partei mit einer konsequent neoliberalen Politik in der Schweiz, einer Politik, die sich für einen schrankenlosen, von allen Fesseln befreiten Kapitalismus stark macht – und damit für einen möglichst schwachen Staat. Ein starker Staat wird von ihr nur in Sicherheitsfragen toleriert – wenn es darum geht, einen (imaginären oder realen) äusseren oder inneren Feind zu bekämpfen. Und allenfalls noch dann, wenn es darum geht, die Bauern – ursprüngliche Kernwählerschaft – vor ausländischer Konkurrenz zu schützen (und damit, nebenbei gesagt, auch wieder gegen die eigenen neoliberalen Prinzipien zu verstossen).

Wie machen die das?
Wir schafft es die Partei für Milliardäre, die eine Politik für Milliardäre macht, zu der wählerstärksten Volkspartei zu werden? Schliesslich sind Milliardäre auch in einem reichen Land wie der Schweiz nicht gerade in der Mehrheit. Das erfordert doch eine wahrhaft herkulische Leistung von den PR-Fachleuten der Partei. Wie machen die das?

Zunächst geht es natürlich darum zu verschleiern, dass die Partei Politik für Milliardäre macht – oder vielmehr zu suggerieren, dass diese Politik auch anderen Wählerschichten zugute komme: zum Beispiel dem Mittelstand, aber auch ganz generell allen «guten», «richtigen» Schweizern. Ein starkes, durch keine gesetzlichen Schranken behindertes Unternehmertum schaffe Arbeitsplätze; die Bedrohung von Sicherheit und Wohlstand erfolge ausschliesslich durch einen zu bekämpfenden inneren und äusseren Feind (EU, Ausländer generell, Scheininvalide, Sozialschmarotzer, Linke und Nette, Classe politique).

Das führt uns zum entscheidenden Hebel, an dem das Politikmarketing der Partei ansetzt: der Schaffung von Feindbildern. Dass Politikmarketing mit Feindbildern operiert, ist zwar auch bei anderen Parteien nicht gerade der Ausnahmefall, wird aber von keiner anderen Partei so permanent und konsequent umgesetzt und durchgezogen.

C.G. Jung hat das Konzept des Schattens entworfen, wobei der Schatten sozusagen die dunkle, im Schatten liegende Seite der Persönlichkeit ist. Er setzt sich aus all jenen mit den bewussten Identifikationen des Ich unvereinbaren Aspekten, Neigungen und Eigenschaften eines Menschen zusammen, die wir nicht in unsere bewusste Persönlichkeit integriert haben. Solange keine bewusste Auseinandersetzung des Ich mit diesem unbewussten Schatten stattgefunden hat, kann dieser nur ausserhalb des Ich wahrgenommen werden und wird deshalb häufig auf andere Personen und Personengruppen projiziert.

Insofern passt das Marketing-Konzept der Partei recht gut zur Erklärung des Schattenprinzips von C.G. Jung. Die Feindbilder der Partei sind sozusagen der «Schatten» der Schweiz, aber auch jeder einzelnen Wählerin und jedes einzelnen Wählers. Das, was uns bedrohlich erscheint, wird auf einen äusseren und inneren Feind projiziert, den man nun nur noch bekämpfen muss – indem man die Partei wählt, die das stellvertretend für uns tut –, damit alles gut wird und wir uns vermeintlich sicher fühlen können. «Jedem SVPler steht die Schweiz näher als die eigene Partei. Dies ist wohl der wesentliche Unterschied zu allen anderen Parteien, welche vor allem für die eigene (Partei-)Befindlichkeit und die Pöstchen einstehen, anstatt für die Unabhängigkeit und Freiheit unseres Landes», schreibt beispielsweise SVP-Nationalrat Alfred Heer.

Insofern ist der Erfolg der Partei auch eine Folge der Globalisierung. Diese löst Ängste aus, die nun nach Jungs Schattenkonzept auf ein Feindbild projiziert werden und damit aushaltbar gemacht werden kann. Dieses Bedrohungsgefühl ist gleichzeitig sehr diffus und tief sitzend, es betrifft den Identitätsverlust und das Gefühl, dass die Anderen, Fremden uns etwas wegnehmen könnten.

Feindbild Nr. 1: Ausländerinnen und Ausländer, alles «Fremde», «Unschweizerische» generell. In diesen Komplex gehören natürlich die EU, aber auch andere intergouvernementale und vor allem supranationale Strukturen (UNO, NATO, Abkommen von Schengen und Dublin). Dazu gehören Asylsuchende und alle Arten von Einwanderern. In dieses Kapitel gehört natürlich auch die Minerettinitiative, gehören Plakate wie jenes von den dunklen Händen, die nach dem Schweizerpass greifen, die Schäfchenplakate, die Plakate, die Ausländer als Mörder und Vergewaltiger zeigen etc.

Feindbild Nr. 2: «Sozialschmarotzer» und «Scheininvalide». Jede und jeder ist für sich selbst verantwortlich. All jene, die es nicht schaffen, sind selber schuld. Sie verkörpern das «Schwache», das es auszumerzen gilt. «Sozialschmarotzer» ist ein seit etwa Ende der 1970er Jahren verwendetes pejoratives Schlagwort für einen Einzelnen oder eine Gruppe von Menschen, die eine andere soziale Gruppe (z. B. einen Sozialstaat oder eine Solidargemeinschaft) „ausbeuten“ würden. Gelegentlich wird die Bezeichnung polemisch in Medien und politischen Debatten allgemein auf Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger, Langzeitstudenten, Asylanten, Totalverweigerer, Kinderlose oder auch Kinderreiche erweitert. Seltener werden auch Leute als «Sozialschmarotzer» bezeichnet, die notwendigerweise, wie etwa aus gesundheitlichen Gründen, aufgrund hohen Lebensalters oder aus Verfolgung auf soziale Hilfe angewiesen sind. Oft werden Personen, die angeblich oder tatsächlich unberechtigt staatliche Transferleistungen erhalten (Leistungsmissbrauch bzw. Sozialhilfemissbrauch) oder die Schwarzarbeit und Steuerhinterziehung begehen, so bezeichnet. Steuerhinterzieher sind allerdings eher nicht gemeint, wenn die SVP von Sozialschmarotzern spricht.

Feindbild Nr. 3: Die Linken und die Netten. Unter dem Stichwort «Folgen der Multikultur» sagte SVP-Nationalrat Yvan Perrin in einem Referat zur «Ausschaffungsinitiative» 2010: «Die grassierende Ausländerkriminalität hat eine ideologische Grundlage: sie heisst Multikultur. Und für die grassierende Ausländerkriminalität gibt es politisch Verantwortliche: Es sind die Linken und Netten. Sie heissen SP, Grüne, CVP und FDP. Sie schwärmen von einer neuen Schweiz; von einer offenen Schweiz, die ihres Traditionsfundamentes beraubt der vielfarbigen Benetton-Werbung gleicht. Als Allianz weltfremder Träumer haben Linke und Nette während Jahren im Bundesparlament und in den Kantonsparlamenten alle Vorstösse und Lösungsbemühungen der SVP abgelehnt und abgeblockt. Die Folge ist eine verantwortungslose Schleusen-Auf-Politik.»

Interessant an diesem Zitat ist der Begriff der «Schleusen-Auf-Politik», der sehr schön das Konzept des Schattens, der auf ein Feindbild projiziert wird, illustriert. Das «Böse» kommt von aussen, es bedroht, mit Hilfe von «Kollaborateuren mit dem Feind» im Innern, die «heile Welt der Schweiz», die es zwar nie gegeben hat, die aber zweifellos eine schöne Wunschprojektion der Parteianhängerinnen und -anhänger ist, eine heile Welt, in der der Parteipräsident mit einem Lämmchen auf dem Schoss vor seinem bäuerlichen Anwesen sitzt, in der es keine Drogen und keine Kriminalität und keine arbeitenden Mütter gibt. Yves Perrin schliesst seine Rede mit dem ebenfalls aufschlussreichen Zitat: «Es ist somit an der SVP, das Bedürfnis der Schweizerinnen und Schweizer nach mehr Sicherheit, mehr Grenzen und vor allem nach konsequentem Durchgreifen beim Überschreiten der Grenzen, aufzunehmen und umzusetzen.»

Mittwoch, 20. April 2011

Ein Tag wie jeder andere (6)

Oesch setzte sich an den Schreibtisch und folgte dem Auf und Ab der Stimmen im Nebenzimmer. Eigenartigerweise konnte er in der Unterhaltung keinen Inhalt erkennen, obwohl die Stimmen gut vernehmbar war und die Frauen, die den Stimmen nach wie gesagt eher keine jungen Frauen mehr waren, in einem klar identifizierbaren, schon fast übertrieben wirkenden Zürcher Dialekt sprachen, schnell und aufgeregt, mit aufgeblähten Vokalen. Oesch konnte also nur der Melodie und nicht dem Sinn des Gesprochenen folgen, und während er so dasass und lauschte, ergriff ihn eine Art Lähmung, eine Schwere der Glieder, die ihn in den Boden hinein zu ziehen versuchte. Ja, er fühlte sich irgendwie aufgesogen, eingeschlürft; seine Augenlider drohten zuzufallen. Währendem wurden die Stimmen im Nebenzimmer immer aufgeregter, lauter und aggressiver, bis sie sich schliesslich in einem Schrei entluden, auf den ein lautes Rumpeln folgte, ein Geräusch, das mit dem Umfallen von Gegenständen, Möbelstücken zum Beispiel, einherzugehen pflegte. Unvermittelt war es ruhig, man hörte nur entfernt ein Tram quietschen. Oesch war erstarrt, unfähig, sich zu bewegen. Dann öffnete sich die Tür, und eine beleibte ältere Dame mit ausladendem Busen stürmte mit hochrotem Kopf an Oesch vorbei und aus dem Raum heraus, gefolgt von einer noch älteren Dame mit grauem schütterem Haar, die jammerte und die Hände rang. Nun erwachte Oesch aus seiner Erstarrtheit und erhob sich vom Pult, um einen Blick in den Nebenraum zu werfen. Dieser erwies sich als das chaotischste Büro, das Oesch je gesehen hatte, so chaotisch, wie er es sich bisher gar nicht hatte vorstellen können. Eine weitere Dame, auch nicht mehr jung, aber mit hoch aufdupiertem blondem Haar, lag mit dem Gesicht auf der Schreibmaschine, tat keinen Wank und wirkte ziemlich tot. Neben ihr qualmte eine Zigarette im Aschenbecher, auf den vier zusammenschobenen Pulten, die den Raum beherrschten und kaum Raum liessen zu stehen, zu sitzen und zu gehen, lagen vergilbte Papiere, alte Zeitschriften und Zeitungen, vertrocknete und angeschimmelte Nahrungsreste, Stofffetzen, Kleiderbügel, Kugelschreiber, Stempelkissen, riesige Scheren, riesige Aktenlocher, zerfetzte alte Bücher, Bleistifte, mit Schreibmaschine beschriebene Karteikarten, Nastücher, Schminkutensilien, aber auch Gegenstände, die für Oesch nicht identifizierbar war, dazu hing über allem ein Geruch aus Zigarettenrauch, Moder und längstverdautem Essen. Oesch war völlig desorientiert; dann geriet er in Panik. Er verliess das Büro, so rasch er konnte. Auf den Korridoren des verwinkelten Hauses, in denen er sich bald nicht mehr auskannte, begegnete er anderen Mitarbeitenden des Hilfswerk, älteren und jüngeren, weiblichen und männlichen, die ihm alle nicht sehr bekannt vorkamen und die ihn auch gar nicht beachteten. In wachsender Panik ging er treppauf treppab und durch die düsteren Korridore, Ewigkeiten, wie ihm schien, als er sich plötzlich vor einer Tür befand, auf der sich ein Schild mit der Aufschrift „Direktor“ befand.

Montag, 21. Februar 2011

Ein Tag wie jeder andere (5)

Er machte sich auf den Weg zur nächsten Tramstation, den nördliche Teil der Langstrasse entlang, die am Limmatplatz endete, wo er mit dem Vierertram Richtung Bahnhof und dann den Limmatquai hinunter bis zum Bellevue und dann zur Tramhaltstelle Opernhaus fahren musste, wo er das Tram zu verlassen hatte, wenn er rechtzeitig an seinem Arbeitsplatz erscheinen wollte. Es begegneten ihm eine Menge heruntergekommener, ungesund aussehender Gestalten, die meisten jung, einige mit aufgeschwollenen Gliedern und offenen Abszessen, von denen ihnen der eine und der andere um Geld anging. Das machte Oesch ganz konfus, er konnte sich den Aufmarsch dieser Jammergestalten nicht erklären, bis aus einem hinteren Winkel seines Gehirns der Begriff «offene Drogenszene» auftauchte und sich in seinem Bewusstsein breit machte, ach ja, dachte er, richtig, der «Letten» unten am Fluss bei den Bahngeleisen, nur komisch, dass er sich erst nicht daran erinnert hatte. Überhaupt fühlte sich Oesch ganz grundsätzlich sehr irritiert, überhaupt nicht heimisch in dieser Gegenwart und in diesem Zürich, das mochte auch an der Tageszeit liegen, denn am Morgen fühlte sich Oesch nie ganz heimisch in der Aussenwelt, in die er zuungunsten seiner Innenwelt einzutauchen gezwungen war, aber ganz so fremd fühlte er sich an anderen Morgen denn doch nicht. Alles irritierte ihn: Wie die Menschen gekleidet waren, die Autos auf der Strasse, die Reklameplakate, die Auslagen in den Schaufenstern, so, als wäre das nur Staffage, Bühnenbild, Filmkulisse, gar nicht echt. Es war kalt, traurige schmutzige Schneereste lagen am Strassenrand, folglich war es Winter. Es fiel ihm auf, dass er keine Ahnung hatte, welches Datum man schrieb, ja nicht einmal, welcher Wochentag heute war. Montag oder Freitag? Das machte für einen werktätigen Menschen schliesslich einen erheblichen Unterschied. Die Montagslaune unterscheidet sich mitunter erheblich von der Freitagslaune. Er kaufte sich am Kiosk einen Tages-Anzeiger, dessen Layout ihm ebenfalls spanisch vorkam, bevor er zum eben einfahrenden quietschende und auf Oesch antiquiert wirkende Vierertram hastete. Er öffnete die Zeitung: Es war der 10. Dezember 1991, es war Dienstag, Aung Sang Suu Kyi, die zuvor in Burma die Wahlen gewonnen hatte, erhielt den Friedennobellpreis, den sie aber wegen Hausarrests in Burma in Oslo nicht abholen durfte, zwischen den EFTA-Ländern und der Türkei wurde eine Verständigungsprotokoll unterschrieben, bei einem Verkehrsunfall auf der A4 gab es sieben Tote, die Miss Schweiz signierte im Glattzentrum Autogrammkarten – Theophil Oesch erinnerte sich nicht, je von einer Sandra Aegerter gehört zu haben, aber seis drum, es kam ihm ja eh ziemlich alles ziemlich fremd, um nicht zu sagen surreal vor.

Im Büro war alles uralt. Der fleckige Spannteppich von einem unbestimmten Dunkelgrün, das Mobilar aus den Zwanziger- oder Dreissigerjahren, ein Büchergestell an der Wand mit Glasvitrinen war wohl noch älter, die lederrückigen schweren Bände im Gestell wohl auch, Brehm Tierleben und Meyers Grosses Conversationslexikon, nur auf dem Pult, vor dem ein altmodischer einbeiniger Drehstuhl aus Holz stand, stand ein winzigkleiner Apple-Macintosh-Computer. Vor seinem geistigen Auge hatte Oesch ein ganz anderes Bild, wenn er das Wort «Computer» hörte, dieser Winzling hier auf dem Pult war einfach lächerlich. Etwas weiteres fiel Oesch auf: Es roch im Büro nach Zigerettenrauch. Das man in Büros neuerdings wieder rauchen wurde, war ihm nicht bewusst gewesen. Aus dem Nachbarbüro gedämpft das Schnattern von Frauenstimmen.
Oesch setzte sich auf den Drehstuhl, noch immer in der gefütterten Jacke, und lauschte. Er lauschte, denn er hatte keine Ahnung, was er sonst tun sollte. Er bemerkte überrascht und mit Grauen, dass er keine Ahnung oder vielmehr: keine Ahnung mehr hatte, worin sein Job bestand und was er konkret zu tun hatte. Ganz allgemein wusste er das schon noch, er arbeitete im Verlag des Hilfswerks und war Redaktor eines Jugendjahrbuchs und einer Fachzeitschrift, aber er hatte entweder vergessen oder verdrängt, in welchem Arbeitsprozess er sich gerade befand. Er hätte auch gar nicht gewusst, wie er mit diesem lächerlichen Minicompüterchen auf dem Pult und der elektronischen Schreibmaschine hätte arbeiten sollen. Diese Arbeitsinstrumente erschienen ihm merkwürdig unadäquat, wie Spielzeug für Kinder. Also sass er da und lauschte dem Geschnatter aus dem Nachbarbüro. Er konnte drei Stimmen unterscheiden – weibliche Stimmen, wie gesagt, nicht mehr junge Stimmen, wenn er sich nicht irrte, Stimmen in lebhafter Unterhaltung.

Mittwoch, 26. Januar 2011

Ein Tag wie jeder andere (4)

In diesem Moment erwachte Oesch; es dauerte lange, bis er sich daran erinnerte – oder zu erinnern glaubte – wo und in welcher Zeit er sich befand. Er befand sich in einem Bett, soviel war schon mal klar; und das Zimmer, in welchem das Bett stand, kam ihm auch nicht gerade unbekannt vor. Geweckt worden war er vom Piepsen eines Weckers. Er befreite sich von der Bettdecke und wankte ins Badezimmer: modern, Stil frühe Neunzigerjahre.

So etwas wie ein leises Erschrecken suchte ihn heim, als er in den Spiegel blickte. Das Gesicht kam ihm, genauso wie das Zimmer, nicht unbekannt vor – das war zweifellos er, dieses Gesicht trug zweifellos den Stempel seiner Identität, nur war es ein zu junges Gesicht. Er schätzte es auf 35, höchstens 38 Jahre. Das Gesicht war zwanzig Jahre zu jung für seinen Geschmack – oder vielmehr für sein Selbstverständnis. Beim Erwachen hatte er sich als 55-Jährigen in Erinnerung, aber das mochte der Nachhall eines Traums gewesen sein, der schon erheblich verblasst war. Ist doch schön, dachte er flüchtig, wenn man plötzlich zwanzig Jahre jünger ist, wer wünscht sich das nicht. Manch einer erwacht aus einem Alptraum, in dem er sich als Greis träumte, und nimmt erleichtert war, dass er wieder der Jüngling ist, als den er sich wähnte. Aber bei ihm war es eben nicht so. Bei ihm fühlte es sich eher so an, als würde der Alptraum hier und jetzt beginnen. Er erinnerte sich daran, dass er im Traum etwas gesucht hatte, etwas oder jemanden, und dass er auch etwas gefunden hatte, etwas oder jemanden, aber keinesfalls das oder den, das oder den er gesucht hatte. Er schüttelte den Kopf. Er begann sich bereits an sein vermeintlich neues, aber vermutlich altes, das heisst jüngeres, Ego zu gewöhnen. Er war ein Mann, der sich auf das mittlere Alter zu bewegte, nicht mehr ein Jüngling, bewahre, der Bonus der Jugend war längst schon verspielt, aber doch noch weit entfernt von der statistischen Mitte des Lebens. Obwohl er sich nicht wirklich fit fühlte heute morgen. Wahrscheinlich hatte er gestern Abend etwas zu intensiv ins Rotweinglas geschaut, das kam ja nicht eben selten vor. Klar, er wohnte im Zürcher Kreis 5, allein in einer recht geräumigen Zwei- oder Zweieinhalbzimmerwohnung, ein bisschen junggesellenhaft eingerichtet und ungeputzt, aber ganz bequem. Klar, er war beim Hilfswerk angestellt, seit Kurzem erst, als Redaktor einer Fachzeitschrift und eines Jahrbuchs für Jugendliche und als Assistent der Verlagsleitung. Ein idealer Job für Oesch, in dem er bei einem anständigen Gehalt nicht eben überfordert wurde und seine Freiheiten hatte. In eine Bank hätte Oesch nicht gepasst, genauso wenig wie in eine Werbeagentur. In einer Werbeagentur hatte er kurz gearbeitet, aber da gingen ihm die ewigen Bezeugungen der Mitarbeitenden, wie toll sie alle waren, und dass man wenigstens so tun musste, als wäre man permanent im Stress – der Tag hat 24 Stunden, die Woche sieben Tage – schon bald gehörig auf den Kecks. Nein, das gemächliche traditionsreiche Hilfswerk, das zudem über ein komfortables finanzielles Polster verfügte, passte da schon besser zu ihm. Oesch war nicht faul, aber er war wahrscheinlich weiter davon entfernt, ein Workaholic zu sein, als von der Faulheit. Und Oesch war auch nicht sehr ehrgeizig – er war wiederum weiter vom Ehrgeiz entfernt als von der Bequemlichkeit, genauso, wie seine Natur im Raum zwischen Askese und Genusssucht weit näher bei der Genusssucht als bei der Askese angesiedelt war. Das alles kam Oesch in den Sinn, als er sich rasierte. Ob er wohl regelmässig von solchen Phasen der Selbsterkenntnis heimgesucht wurde. Dabei fiel ihm auf, à propos Genusssucht, dass sein Bauch weit weniger dick war, als er ihn in Erinnerung hatte – er war eigentlich kaum ein Bäuchlein und hatte nicht viel gemeinsam mit dem Bild der Wampe, das ihm im Kopf herumspukte. Wenn ich mich tatsächlich als 55-Jährigen geträumt habe, dann muss ich vielleicht in Zukunft etwas auf mein Gewicht achten, dachte er, ohne dass es ihm wirklich ernst damit war. Auch das Pissen fiel ihm übrigens überraschend leicht. Wieder schüttelte Oesch den Kopf.

Er machte sich auf den Weg zur nächsten Tramstation, den nördliche Teil der Langstrasse entlang, die am Limmatplatz endete, wo er mit dem Vierertram Richtung Bahnhof und dann den Limmatquai hinunter bis zum Bellevue und dann zur Tramhaltstelle Opernhaus fahren musste, wo er das Tram zu verlassen hatte, wenn er rechtzeitig an seinem Arbeitsplatz erscheinen wollte.

Sonntag, 9. Januar 2011

Ein Tag wie jeder andere (3)

Als Oesch aus seiner Erstarrung erwachte, war da immer noch dieser Fluchtimpuls, den er in sich spürte und den er nun unverzüglich in die Tat umsetzte. Ohne sich darum zu kümmern, dass er noch im blossen Hemd und in Hausschuhen war, verliess er seine Wohnung und lenkte die Schritte mit grosser Entschlossenheit in Richtung Stadt. Dabei fiel ihm auf, dass es draussen mittlerweile merklich wärmer geworden war. Obwohl ohne Schal und Jacke, war ihm nicht nur nicht kalt, sondern sogar richtig warm. Das musste ein ungewöhnlich starker Zustrom subtropischer Luft aus südlichen Gegenden sein, den da ein ziemlich stürmischer Föhn mit sich brachte. Plötzliches Tauwetter war im Dezember ja keine Seltenheit, aber ein Tauwetter, das mit diesem Tempo und mit derart hohen Temperaturen einsetzte – es war inzwischen mindestens 15 Grad – hatte Oesch noch nie erlebt. Auch schien dieser Wind mit einem Duft geschwängert zu sein, den Oesch einfach nicht identifizieren, geschweige denn dingfest machen konnte. Obwohl der Duft äusserst intensiv war, war sich Oesch nicht ganz sicher, ob er ihn sich nicht nur einbildete. Er war irgendwie süsslich – Schokolade, Erdbeere, Jasmin, Flieder, weiss der Teufel, dann wieder salzig wie ein Duft vom Meer, plötzlich auch auf eine unsagbare Art geschlechtlich, sexuell, erregend...

Inzwischen war Oesch beim Zehntenhausplatz angelangt, einer Art Zentrum des Ortsteils am Stadtrand, den er bewohnte, und bog – weg von der üblicherweise in anderen Zeitaltern oder auf anderen Realitätsebenen stark befahrenen Wehntalerstrasse – nach rechts ab, in Richtung Hönggerberg, weg von der Zivilisation, die jetzt eine Zivilisationswüste oder eine verwaiste Zivilisation war, Richtung Wald. Von dort, schien ihm, musste die Geruchsimmission kommen, dort musste die Quelle der Düfte sein. Warum Oesch das vermutete, wusste er selbst nicht; er war aber felsenfest davon überzeugt. Gleichzeitig schienen ihm die Gerüche wie Farben zu sein, ja, die Gerüche tauchten die Umgebung je nach Beschaffenheit in ein spezifisches Licht. Oesch musste lachen, denn das war eigenartig, aber auch faszinierend: Synästhesie nannte man das, ja genau, Oesch erinnerte sich daran, weil er dieses Phänomen einmal für ein Buch über Drogenkonsum recherchiert hatte. Und während er zwischen verlassenen Einfamilienhäusern dem Wald entgegenstrebte, mit einer insgesamt nur als «staunend» zu bezeichnenden inneren Haltung, glaubte er manchmal, im heftigen Wind Musikfetzen zu hören, Musikfetzen, die aus einem alten Led Zeppelin-Stück herausgerissen waren, einem Lieblingssong von Oesch, «When the Leeve Breaks», Oesch versuchte sich zu erinnern: «If it keeps on raining levee’s going to braek/When the Levee breaks have no place to stay». Oesch versuchte sich zu erinnern, was «Levee» hiess: Damm, Deich, Schutzwall... sofort zogen Bilder von Holland durch sein Hirn, Bilder von überschwemmten Ebenen, von braunen, weissen und schwarzen Kühen, die aufgedunsen mit dem Bauch nach oben auf den Fluten trieben, und wieder dieser Geruch, dieser Geruch, der im Wind lag und einerseits nach Lust, anderseits nach Tod roch...

Inzwischen war es noch wärmer geworden. Oesch schwitzte, er war eindeutig zu warm angezogen. I am overdressed, sagte Oesch laut und lachte. Er lachte erst verhalten, dann überkam es ihn, und schliesslich wälzte er sich am Boden vor Lachen, das heisst, nein, er stellte sich nur vor, sich lachend auf dem Boden zu wälzen, When the Leeve Breaks when the Leeve Breaks... Wenn alle Dämme brechen, gibt’s keinen Ort mehr, wo man hingehen kann, nein nein, die grosse Flut setzt das ganze Land unter Wasser, die Gefühle überschwemmen ganz unsern Verstand und wir werden verrückt. Vielleicht war Oesch daran, verrückt zu werden, während ein Wind durch die Landschaft fuhr und an den Bäumen rüttelte, der nach Sperma und Scheisse roch und nach Achselschweiss und Pheromonen, ein inzwischen schon heisser Wind, der direkt aus dem Zentrum einer Wüste zu blasen schien, Oesch riss sich das Hemd vom Leib, wenn er verrückt wurde, wen juckte es? Don’t it make you feel bad/When you’re tryin’ to find your way home/You don’t know which way to go? sang Robert Plant, während der mit Düften geschwängerte heisse Wind die laublosen Bäume um ihn herum in die ein wildes Farbenspiel tauchte...

Es war ein Wunder: Von weitem sah Oesch an einem der Holztische vor der Waldhütte einen Mann sitzen. Oeschs Herz schlug schneller, und er rannte jetzt fast. Der Mann sass am Tisch, vor sich eine Flasche Wodka und ein Glas, und schaute in die Oesch entgegengesetzte Richtung. Er war ein Mann in den Fünfzigern, mittelgross, korpulent, ergraut wie Oesch selbst, aber mit grosser Glatze, einem vom Trinken gedunsenen, gelben, fast grünlichen Gesicht und geschwollenen Lidern, unter denen jetzt wie aus Spalten winzige, aber lebendige, gerötete Äuglein blitzten. Während er seinen Blick auf Oesch richtete, funkelte in seinem Blick etwas wie Begeisterung, als wäre er ebenso froh wie Oesch, auf ein anderes menschliches Wesen zu stossen – aber gleichzeitig glomm darin etwas wie Irrsinn. Sein Anzug bestand aus einem alten, zerlumpten schwarzen Frack, ohne Knöpfe. Ein einziger sass noch halbwegs fest, und diesen hatte er auch geschlossen, da er offenbar den Regeln des Anstands Genüge tun wollte. Unter der Nankingweste kam eine Hemdbrust zum Vorschein, völlig verknittert, verschmutzt und verschmiert. Auf seinem Gesicht sprossen dichte, schwarzbläuliche Stoppeln. Sein Gehabe war irgendwie würdevoll und beamtenhaft. Er hob das Glas Oesch zum Gruss und fragte ihn offenbar etwas, was Oesch jedoch nicht verstand. Welche Sprache war das? Oesch tippte auf ein östliches Idiom; wahrschenlich russisch. Auch war der Wodka keine Marke, die man in der Schweiz kaufen konnte. «Ich kann Sie leider nicht verstehen», stammelte Oesch verstört, «woher stammen Sie? Welche Sprache sprechen Sie? English? Français?» Der Russe sprach aufgeregt weiter und begann, jetzt schon wesentlich weniger würdevoll und beamtenhaft, zu gestikulieren. Offenbar war er stark betrunken. Er zeigte immer wieder auf sich, auf Oesch und auf den sie umgebenden Wald, auf den er sich offenbar keinen Reim machen konnte. Auch wurde sein Ton immer anklagender, ja geradezu aggressiv, so, als sei der Russe Oeschs wegen in irgendeine missliche Lage geraten und der solle jetzt gefälligst was tun. Immer wieder tippte er sich selbst auf die Brust und rief: «Marmeladow, Semjon Sacharytsch Marmeladow!» Schliesslich machte sich der Russe an Oesch heran, bis sie Brust an Brust standen, und hauchte ihm seinen Alkoholatem ins Gesicht, während er ihn anschrie.

Oesch geriet in Panik. Er riss sich los von dem Verrückten, ergriff einen am Boden liegenden Ast und schlug auf den verrückten Russen ein, bis dieser zu Boden stürzte. Dann rannte er voller Entsetzen davon.

Sonntag, 2. Januar 2011

Ein Tag wie jeder andere (2)

Es dauerte eine Weile, bis Oesch sich begann, an seinen neuen Zustand zu gewöhnen oder ihn zumindest als Realität zu akzeptieren. Am Abend eines Tages, den Oesch weitgehend untätig verbracht hatte – er hatte ein wenig an seinem Computer herumgespielt, Golf Solitaire und Two of a Kind, ein wenig am Fernseher herumgezappt, hatte eine indonesische Nudelsuppe gekocht und gegessen, war von einem Zimmer ins andere gegangen, hatte sich dabei ertappt, wie er laut mit sich selber sprach – entdeckte Oesch, dass er der neuen Situation momentan beinahe etwas abgewinnen konnte. Das war aber allerdings erst, nachdem er eine Flasche Weisswein und eine halbe Falsche Roten intus hatte. Er hing vor dem Fernseher auf der Couch und sah sich die erste Folge der „Herr der Ringe“-Trilogie ab DVD an. Das plötzliche Gefühl des Wohlbehagens ging von dem (wahrscheinlich trügerischen) Bewusstsein aus, dass es absolut nichts und vor allem niemanden gab, der oder das ihn nun stören konnte – der Kern dieses Wohlbehagens war das (ganz bestimmt trügerische) Gefühl einer absoluten Freiheit. Er konnte tun und lassen, was er wollte – wer sollte ihn dafür kritisieren, wer ihn daran hindern? Höchstens seine eigene Erziehung oder Prägung oder Konditionierung oder wie man das nennen wollte. Er war frei! Niemand beobachtete ihn (ausser er sich selbst).

Nachdem er auch die Flasche Rotwein geleert hatte und eine zweite zur Hälfte geleert war, verflüchtigte sich sein Wohlbehagen allerdings rapide. Er konnte dem Film nicht mehr folgen; kalte Schauer jagten über seinen Rücken, sein Unterleib zog sich zusammen. Vielleicht wurde er krank? Ja, und dann? Es gab jetzt nicht nur keinen Aluk mehr, der ihm notfalls Tee kochte, ihm den Rücken mit Tigerbalsam einrieb und ihn tröstete, es gab auch keine Ärzte und Krankenschwestern mehr und keine 24-Stunden-Permanence-Praxis im Hauptbahnhof und keine Notfallstationen in den Spitälern, das heisst, die Notfallstationen gab es schon noch, einfach ohne Ärzte und Krankenschwestern und Patienten (nahm et jedenfalls an, gecheckt hatte er es ja noch nicht), notfalls musste er in eine Apotheke oder eine Praxis einbrechen, aber was hiess in diesem Fall schon einbrechen, juristische Tatbestände waren in der Welt, wie sie jetzt war, ganz irrelevant und nichtexistent geworden (denn es gab ja auch keine Polizisten und keine Richter mehr, wenngleich auch noch Polizeistationen und Gerichte), er, Oesch, musste also in Apotheken oder Arztpraxen einbrechen und sich Medikamente besorgen. Allerdings war sein medizinisches und pharmazeutisches Wissen beschränkt, sehr beschränkt. Dabei fiel ihm ein, dass er sich dann gleich mit ein paar Sachen aus dem Giftschrank versorgen konnte, die ihm dieses elende Leben hier ein wenig erleichtern konnten, zum Beispiel Valium oder Morphium, und überhaupt musste er daran denken, seinen Alltag zu organisieren. Er musste sich mit Lebensmitteln versorgen. Also zuerst einmal in einen Supermarkt einbrechen (aber was hiess da einbrechen?), das konnte er gleich morgen früh tun. Er könnte sich auch Geld beschaffen, aus der Ladenkasse oder vielleicht auch in einer Bank, was davon abhing, wie stark das Geld gesichert war. Geld hatte in den letzten Jahren seine materielle Seite sowieso zusehends verloren und zwar zum reinen Zahlenspiel verkommen. Sich Geld zu beschaffen machte momentan überhaupt keinen Sinn, aber da er natürlich durchaus damit rechnete, dass der momentane Zustand irgendwann ein Ende haben würde, war die Frage der Geldbeschaffung, sozusagen im Hinblick auf eine allerdings höchst ungewisse Zukunft, durchaus einen Gedanken wert. Der kluge Mann sorgt vor, sagte Oesch laut und lachte unfroh. Es wäre auch durchaus nicht ohne Reiz, in fremde Wohnungen einzusteigen und sich da ein wenig umzusehen. Er konnte morgen gleich bei seinen Nachbarn beginnen, die er noch nie besucht hatte; er hatte sich schon lange gefragt, wie die wohl eingerichtet waren.

In den Laden, eine Filiale der österreichischen Spar-Kette gleich via-à-vis von seinem Haus, brauchte er gar nicht einzubrechen. Der Laden war zwar ebenfalls menschenleer, aber beleuchtet und offen. Auch die Kühlregale funktionierten tadellos, wie Oesch feststellen konnte. Die Energieversorgung war also trotz allem, was passiert sein mochte, nicht oder noch nicht zusammengebrochen. Sogar das Brot war, wie Oesch sich überzeugen konnte, noch einigermassen frisch oder sozusagen frisch. Ziemlich wahllos stopfte Oesch Lebensmittel in die mitgebrachten Taschen. Zu bezahlen brauchte er ja nicht. Er konnte gar nicht bezahlen. Trotzdem fühlte er sich unwohl bei seinem Tun. Streng genommen war die Aktion, die er hier vollzog, Ladendiebstahl, aber der Begriff verliert, wie überhaupt jede Moral, sozusagen jeden Sinn, wenn man schätzungsweise der einzige noch vorhandene Mensch auf dieser ganzen gottverdammten seelenlosen Erde ist. Das wusste Oesch natürlich nicht, musste aber immer mehr davon ausgehen, da sich bisher auch medienmässig kein menschliches Wesen aus der Zeit nach dem 10. Dezember zu Wort gemeldet hatte oder sonstwie bemerkbar machte.

Nachdem Oesch zu Hause die Lebensmittel im Kühlschrank und im Küchenkasten deponiert hatte, läutete er vorsichtshalber an der Tür seiner Nachbarn, aber es reagierte natürlich niemand und die Tür war verschlossen. Sämtliche Türen, die er im Haus ausprobierte, waren verschlossen, bis auf die Tür, die zu einer der Penthousewohnungen führte. Nachdem er, höflich, wie er nun mal war, aber leider völlig vergeblich geläutet hatte, konnte er das Appartement problemlos betreten. Die Wohnung sah aus, als sei sie eben erst verlassen worden, überall fanden sich Spuren des Alltagslebens, das sich in diesen Wänden abgespielt hatte: abgelegte Kleider, verwelkende Blumen auf dem Tisch, herumliegende Illustrierte, eine angebrochene Cornflakes-Packung auf dem Tisch, eine Tasse erkalteten Tees... Oesch betrat das fremde Schlafzimmer und entdeckte in sich einen Impuls, der ihm sogleich peinlich war: Er hatte das Bedürfnis, in Schubladen zu stöbern und Schränke zu durchwühlen. Doch da liess ihn ein Geräusch aufhorchen: ein Knacken und Schaben, vielleicht auch ein kurzes Schnauben oder Stöhnen... Oesch verharrte reglos, zutiefst erschrocken, schwankend zwischen Hoffnung und Furcht – so blieb er für vielleicht fünf Minuten stehen, war ganz Ohr, atmete nur flach, um ja kein Geräusch zu verpassen – aber nichts rührte sich mehr, und Oesch wollte seine Examination schon fortsetzen, kopfschüttelnd; da war er wohl einer Sinnestäuschung erlegen, einer akustischen Halluzination. Noch während er das dachte, hörte er weit entfernt, weit unten im Haus eine Tür zuschlagen.

Ohne dass er hätte begründen können, warum, war Oesch in höchstem Mass alarmiert. Er eilte über das Treppenhaus in seine im vierte Stock gelegene Wohnung hinunter – den Lift zu nehmen getraute er, der unter Klaustrophobie litt, sich nun, da sich alles so verändert hatte, erst recht nicht mehr, das fehlte noch, dass er im Lift stecken blieb, und kein Alarmknopf der Welt konnte ihn aus dieser Zwangslage befreien – er eilte also zu Fuss zu seiner Wohnung hinunter, seine Wohnungstür, die er offen gelassen hatte – warum auch nicht? – war zu, daher also das Geräusch; wahrscheinlich ein Windstoss, aber woher? Es gab im Inneren dieses gut isolierten Hauses keine geheimen Winde! Und als Oesch seine Wohnung betreten wollte, musste er feststellen, dass die Tür abgeschlossen war.

Zunächst war Oesch einfach nur perplex. Total verblüfft. Der erste Gedanke, der ihm spontan durch Hirn fuhr, galt Aluk: Aluk ist nach Hause gekommen, irgendwie hat sich der Spuk verflüchtigt und alles ist wieder normal. Oeschs Herz pochte und hämmerte. Er läutete an seiner Tür. Nichts rührte sich. Oeschs Hände fuhren in seine Hosentaschen, aber da war nichts, nur ein Papiertaschentuch und ein Feuerzeug und ein nutzloses Handy, aber kein Schlüssel, natürlich nicht, denn der Schlüssel befand sich ja in der Wohnung, aus der er nun ausgeschlossen war. Das konnte doch nicht sein! Oesch hämmerte mit seinen Fäusten an die Tür, rief «Aluk, Aluk!», so lange, bis er, völlig ausser Atem, die offensichtliche Sinnlosigkeit seines Tun erkannte. Er wählte – zum xten Mal seit der rätselhaften Verwandlung der Welt und der Versteinerung der Zeit – auf seinem Handy die Nummer von Aluks Handy und zum xten Mal meldete sich lediglich die Mailbox.

Ganz plötzlich wurde Oesch von einem tiefen Gefühl der Einsamkeit und des Verlusts ergriffen. Die Flut im Meer der Trauer, das auch sonst an die Gestade seiner Seele brandete, stieg ins Uferlose. Diese Trauer galt weniger ihm selbst als Aluk, nicht seiner eigenen Einsamkeit, sondern dem Umstand, dass er Aluk irgendwo allein zurückgelassen hatte. Er empfand ein brennendes Schuldgefühl, so, als habe er Aluk bewusst und willentlich im Stich gelassen. Die Art seiner Gefühle für Aluk war so, dass er Aluk nicht leiden sehen konnte. So, als sei er ihm buchstäblich ans Herz gewachsen, empfand er Schmerz und Verzweiflung seines Gefährten um ein vielfaches verstärkt bei sich selbst. Er wusste, dass das sentimental war, aber er empfand es so, als habe Gott – an den er im Übrigen nicht einmal glaubte – ihm das Schicksal von Aluk persönlich anvertraut. Er verstand das als die Bewährungsprobe seines Lebens – konnte er seinen Bruder tragen? Insofern war die Beziehung zu Aluk für Oesch weit mehr als eine normale Beziehungskiste. Aluk war für Oesch – natürlich in einem übertragenen Sinn – zu einem Teil seiner selbst geworden. Und zwar zum wichtigsten Teil seiner selbst.

Oesch sass auf einer Stufe im Treppenhaus vor seiner abgeschlossenen Wohung, während ein solcher Gefühlsstrum durch seine Brust jagte, dass es ihm die Tränen in die Augen trieb. Er sass da, bis er es nicht mehr aushielt. Die Wohnungstür mit Gewalt zu öffnen, schien ihm absolut sinnlos – ohne dass er hätte sagen können, warum. Wie im Traum wusste er, dass ihn in seiner Wohnung alles Mögliche erwarten konnte – so, wie es seit dem ominösen 10 Dezember schliesslich dauernd passierte –, aber sicher nicht Aluk. Was also wollte er in seiner Wohnung? Die Vorstellung, seine Wohnung jemals wieder zu betreten, erfüllte ihn mit Widerwillen, ja Ekel. Eine Wohnung mag in der normalen Welt ein Ort der Geborgenheit sein – in der Welt, in der Oesch sich jetzt befand, war die eigene Wohnung ein Gefängnis oder gar ein Grab.