Sonntag, 29. November 2009

Traurige Jäger (18)

Die Bar war angenehm schattig, aber die Luft wurde durch den Ventilator, der sich müde an der Decke drehte, im Grunde genommen überhaupt nicht gekühlt. Trotzdem herrschte in dem Raum ein tiefer Frieden. Der dunkle Mann hinter der Theke – ein Neger, dachte Sancho, oder ein Indianer – bewegte sich in keiner Weise und schien mit halb geschlossenen Augen tief und fest zu schlafen. Ein einziger Gast befand sich in der Bar, ein grosser hagerer Mann von ausgesprochen leptosomer Gestalt, mit breitem Texanerhut auf dem langezogenen Schädel. Der Hund war ganz brav und getraute sich nicht einmal zu winseln, geschweige denn nahm er sich die Freiheit heraus zu bellen. Sancho wagte fast wie in der Kirche kaum zu atmen.

Also hörte man nur das Summen der Mücken oder Fliegen unter dem Ventilator. Sancho zuckte hilflos mit den Achseln. Dann gab er sich einen Ruck, stellte sich neben den Hageren an die Bar und sagte mit fester, wenn auch etwas heiserer Stimme: «Una cerveza, por favor.» Unendlich langsam hoben sich die Augendeckel des Negers oder Indianers. Minuten später stand ein grosses kühles schäumendes Bier vor Sanchos Nase. Der Hund wedelte heftig mit dem Schwanz, während Sancho in langen Schlucken trank, bewegte die Ohren hin und her und schnüffelte mit der Nase an Sanchos Hosenbeinen.

Der Hagere wandte sich an Sancho und sagte mit einer Stimme, die wie eingerostete Eisenketten klang: «Ich bin der Sheriff in dieser gottverdammten Gegend. Sie befinden sich hier unter Geiern, mein Herr.» – «Sie sprechen Spanisch, Señor! Sie sprechen Spanisch, wenn auch mit einem gewissen Akzent: Gott hat Sie mir geschickt und alle Heiligen des Himmels. Lassen Sie mich Ihre Hände küssen!» Der Hagere liess das nicht zu, konnte aber nicht verhindern, dass ihm der Hund die Hosenbeine leckte. Sancho aber sprudelte los und erzählte seine Geschichte mit umso grösserer Vertrauensseligkeit, als er in den Zügen des Sheriffs eine nicht geringe Ähnlichkeit mit denen des Botschafters von Toboso entdecken konnte:

«Sie gleichen, verehrter Sheriff, Boss, Sir, in nicht unerheblichem Masse Don Quichotte, dem Botschafter von Toboso, der gekommen ist, die bösen Cerberaner zu bekämpfen.» – «Toboso?» sinnierte der Sheriff, «sagt mir nichts. Und Sie kommen tatsächlich aus Spanien mit Ihrem Hund?» – «Ich? Aus Spanien, ja. Mein Hund eher nicht. Oder vielmehr: Ich bin auch nicht mehr so sicher, woher wir eigentlich kommen. Es ist alles so verwirrend. Ursprünglich aus Eljas, Spanien, einem Dorf in der spanischen Estremadura, nahe Salamanca, nicht unweit der protugiesischen Grenze gelegen.» – «España!» seufzte der Hagere, «ein schönes, herbes Land.» Dann verfiel er wieder in sein dumpfes Schweigen.

Sancho trank sein Bier leer. Der Hund begann nun doch, von der Sehnsucht nach einer Wurst überwältigt, zu winseln. Der Sheriff klopfte mit seiner knochigen Hand auf die Theke. Die Augenlider des dunklen Mannes rutschten nach oben.

«Ein Bier für den Mann und eine Wurst für den Hund und einen Burbon für mich», bestellte der Sheriff. «Und etwas Hafer für mein treues Pferd.» Dann wurde getrunken und lange geschwiegen.

Schliesslich stellte der Hagere Sancho die folgende Frage: «Willst du mein Hilfssheriff werden?» – «Exakt genau das oder auch etwas Anderes», antwortete Sancho rasch. «Ich habe nämlich keinen müden Cent, keinen Sou und auch keine Pesete in der Tasche.» – «Dann lass dir diesen Stern an die Brust heften, mein Junge. Die Sterne sind ein Symbol für die Freiheit, aber auch für vollkommene Gesetzmässigkeit. Es ist dieselbe Gesetzmässigkeit, die die Sterne in unserem Innern regiert.» – «Das kann ich nicht entscheiden, Señor Sheriff, denn ich bin kein Mann von grosser Bildung. Aber da sie meinem Freund Don Quichotte vom Planeten Toboso so in allen Teilen gleichen wie ein Ei dem anderen, will ich Ihnen vertrauen. Sagen Sie mir nur, was ich zu tun und zu lassen habe, Boss, und ich werde mich sogleich anschicken, Ihnen zu gehorchen, Meister.» – «Zuallererst brauchst du, Hilfssheriff, ein Pferd; oder zumindest so etwas wie ein Pferd. Denn ich habe nur noch einen Esel im Stall. Natürlich hat man mir auch einen Dienstwagen mit Martinshorn zur Verfügung gestellt: doch der ist alt und rostig. Zudem ist Hafer billiger als Benzin und die Spesenordnung der hiesigen Behörden ist nicht gerade grosszügig ausgestaltet. Der Ort, den wir von Räubern, Banditen, Mördern und ähnlichem Gesindel sauber halten sollen, ist klein. Da gibt es bloss einen verlassenen Drugstore, eine leere Presbyterianerkirche und ein paar vergammelte Farmen. Die Gegend ist unwirtlicch, die Winde sind giftig, das Klima ist ungeniessbar. Kurz, dies hier ist ein Vorort zur Hölle. Bei uns in ‹Last Waterhole› lassen sich nicht einmal die Verbrecher gerne nieder.»
Don Quichotte schwieg gedankenverloren. Sancho dachte bei sich, dass das, was der gute Sheriff da ausgeführt hatte, einerseits schlecht, andererseits aber auch wieder gut war. Klar, dies hier war ein elendes Kaff. Klar, aber dafür gab es auch nicht so viel zu tun. «Den Kampf, den wir führen», fuhr der Sheriff da unvermittelt fort, «ist kein Kampf, in dem wir schnelle Autos und gefährliche Knarren brauchen. Schnelle Autos und feuerspeiende Waffen nützen uns in diesem Kampf gar nichts. Vergiss also schleunigst alle Kriminal- und Westernfilme, die du in deinem Leben gesehen hast, Sancho.» – «Ich bin weiss Gott schon lange nicht mehr dazu gekommen, mir einen gemütlichen Fernsehabend mit einem Krimi oder Western zu machen», seufzte Sancho mit tief empfundener Wehmut. Er musste sich auch eingestehen, dass der Sheriff wenig von einem John Wayne an sich hatte, eher im Gegenteil. «Wogegen oder wofür, Boss, kämpfen wir denn nun?» fragte er seinen neuen alten Vorgesetzten. «Wir kämpfen gegen etwas Unsichtbares», antworte Don Quichotte ernst. «Man kämpft immer gegen Unsichtbares. Das ist banal, ich weiss. Gegen einen Schatten. Gegen die Krankheit. Gegen eine Art Krankheit. Aber das brauchst du nicht zu verstehen. Folge mir einfach!» – «Ein Sheriff ist, wenn ich mich nicht täusche, so etwas wie eine Art Ritter. Ob Sie daneben auch noch so etwas wie ein Arzt sind, Boss, wage ich nicht zu entscheiden. Ich für meinen Teil kenn mich im Medizinischen nicht so aus. Schnupfen und überhaupt Erkältungen pflege ich mit einem kräftigen Schluck Brandy zu kurieren, ebenso nervöse Bauchschmerzen, die ich aber selten habe, und das dumpfe Völlegefühl, das sich nach einem ausgedehnten Mal einzustellen pflegt (das kommt bei mir schon häufiger vor). Man lebt zwar nur einmal, wie es heisst, muss aber im Leben für alles bezahlen, wie man mit den Jahren merkt. Unter Kopfschmerzen und Wetterfühligkeit leide ich glücklicherweise selten bis nie. Seit ein paar Jahren fühle ich allerdings manchmal ein Reissen in den Knochen. Das muss das Alter sein.» – «Das Alter oder nicht, Sancho, ich bin kein Arzt und rede auch nicht von Kopfweh oder Gliederreissen. Ich rede nicht von verschiedenen Krankheiten, sondern von der Krankheit schlechthin. Ich rede von der Wurzel des Übels, gegen die kein Kraut gewachsen ist und gegen die alle Ärzte der Welt nichts ausrichten können. Die Ärzte», Don Quichotte schnaubte verächtlich, «kleben Pflästerchen auf. – Die Krankheit, Sancho, ist ein intelligentes Wesen. Die Krankheit ist eine raffinierte Organisation. Verstehst du?»

Sancho verstand nicht im geringsten, was der Sheriff meinte, und er gab sich auch keine grosse Mühe, es zu verstehn, schliesslich ging es ihm nicht darum, seine Bildung zu vervollständigen, sondern einen Job zu bekommen und so sein Geld für Brot und Wein, Bett und Weib mit mehr oder weniger Mühe zu verdienen. Da es gegen einen unsichtbaren Feind ging, bestand die Aussicht, dass das Geld mit eher weniger Mühe verdient werden konnte. Andererseits wusste er aus Erfahrung, dass Menschen wie Don Quichotte oder der Sheriff hier als notorische Kämpfer gegen Windmühlen prinzipiell immer in Schwierigkeiten gerieten. Wenn auch meist in solche, die völlig unvorhersehbar waren. Das machte diese Schwierigkeiten aber jeweils auch nicht angenehmer. Undf auf ihn, Sancho, traf dann jeweils das Sprichwort zu: mitgefangen mitgehangen. Aber seis drum. Jetzt war er ha sowieso wieder in eine Kette von Unwägbarkeiten verstrickt. Und immerhin hatte ihn der Sheriff, der so verblüffend Don Quichotte ähnelte, ohne Weiteres auf die freundlichste Art zu einem Glas eingeladen. Also würde er dem Sheriff gegen unsichtbare Feinde in Gestalt oder in Gestaltlosigkeit von was auch immer kämpfen.

Samstag, 21. November 2009

Das Eigene und das Fremde

Manchmal, in einem unbedachten Moment, dachte Kafka, wird man sich selbst zum Anderen, zum Fremden. Das Ich sieht sich gleichsam im Spiegel und erkennt sich nicht. Je älter Kafka wird, desto weniger gelingt es ihm, sich heimisch zu fühlen in seiner Identität, die er als seine Person definiert. Kafka empfindet sich als Reisender oder vielmehr als unstetes Bewusstsein, das unterwegs ist, aber nicht auf ein bestimmtes Ziel zu, sondern gewissermassen frei schweifend. Wobei diese Freiheit keine ist - das Bewusstsein ist in den Körper geknechtet, und der Körper ist in die Vergänglichkeit gekenchtet, und Vergänglichkeit führt auf direktem Weg zur Auflösung, zur Negierung, ins Nichts. Die einzige Freiheit, die Kafka dabei sehen kann, ist die Freiheit des Buddhisten, der sich in alles schickt, der das Nichts akzeptiert, der es gar freudig als Nirwana begrüsst. Diese Freiheit ist die wunderbare Freiheit, den innersten Kern alles Seienden als Ilusion zu begreifen und das Leben als einzigartige Inszenierung der Leidenschaften und des Leidens. Die Welt ist eine Falle, denkt Kafka, die uns mit Irrlichtern der Schönheit lockt. Was wir suchen, sind Betäubung und Visionen. Was wir besitzen, ist der Käfig der Gefangenschaft. Uns lockt nicht, was wir ersehnen; wir lieben nicht, was uns die metaphorische Last des Lebens von den Schultern nimmt. Wir wollen genauso wenig sterben, denkt Kafka, wie wir geboren werden wollten. Die Fähigkeit, getröstet zu werden, ist uns mit dem Kinderglauben abhanden gekommen. "Ich beneide alle Leute darum, nicht ich zu sein." (Fernando Pessoa, "Buch der Unruhe").

Potsdam, im November





Berlin, im November





Mittwoch, 11. November 2009

Traurige Jäger (17)

Als rosig und kitschig und kalifornisch der Morgen sich am Himmel breitmachte, lag Sancho Pansa noch immer am Rand der Strasse, versunken in einen tiefen, komatösen Schlaf. Die Strasse war ein Highway, wenig befahren um diese Tageszeit, und von Mauern war weit und breit nichts zu sehen. Im Gegenteil – die Strasse führte durch eine Wüste.

Jetzt näherte sich ein struppiger Hund dem wie tot am Boden liegenden Sancho, um ausgiebig an ihm zu schnuppern und ihm das Gesicht und schliesslich auch das Gesicht abzulecken. Man sieht, dass der kleine struppige Hund sogleich eine tiefe Zuneigung zu unserem Sancho fasste. Durch die Berührung der warmen, raue und nassen Hundezunge wurde Sancho schliesslich wach. Er hatte soeben davon geträumt, in einer römischen Arena mit einem jungen Elefanten einen langsamen Tango zu tanzen. Das Publikum hatte getobt und gewiehert vor Lachen. Sancho konnte das nicht verstehn, Was war denn so komisch daran, wenn er in einer römischen Arena einen langsamen Tango mit einem jungen Elefanten tanzte?

Doch nun sah er ganz nah vor seinen Augen den Kopf des Hundes, der ihn mit verliebter Gier in den Augen anschaute. «Weg, weg da», ächzte Sancho und versuchte sich zu erheben, was ihm nach einiger Mühe, denn alle Glieder taten ihm fürchterlich weh, schliesslich auch gelang. Der Hund wedelte mit dem Schwanz und stiess kurze begeisterte Beller aus.

Als er verwundert um sich schaute, fragte sich Sancho besorgt, wo denn die Mauern, die Stadt, der Palast und vor allem sein Freund, der Botschafter Don Quichotte von Toboso, geblieben waren. Oder hatte er das alles bloss geträumt? Dass er jetzt in einer Wüste gelandet war, hatte gerade noch gefehlt und setzte dem ganzen die Krone auf. Und liess sich eiegntlich nur durch Zauberei erklären, obwohl Zauberei, Verzauberung und Magie weit besser zu Don Quichotte passten.

Jetzt, in der hellen, nun schon heissen Sonne, neigte Sancho Pansa weit mehr als bei Nacht zum philosophischen Sichdreinschicken in die momentane Situation. «Sei es wie es sei», sagte er zu dem Hund. «Man wählt sich sein Leben ja nicht aus. Wer fragt dich denn nur schon, ob du überhaupt geboren werden willst.» Der Hund bellte zustimmend, es schien ihm auch schon so einiges widerfahren zu sein in seinem Leben. «Ein Hundeleben», stellte Sancho fest und wischte sich den Schweiss von der Stirn. Er hatte Kopfschmerzen. Indessen näherte sich mit stets sich verstärkendem Brummen ein rasch grösser werdender Latwagen oder Truck von Süden oder Norden oder Westen oder Osten her, um mit lautem Tuten an Sancho und dem Hund vorbeizudonnern.


Einige hundert Meter weiter schien es sich der Lastwagenfahrer oder Trucker allerdings anders überlegt zu haben, denn er stoppte seinen Koloss ziemlich abrupt. «Gut», dachte Sancho, «gut. Latschen wir also hin. Wir können ja nicht ewig hierbleiben, wo immer hier auch ist.» Und er nahm zusammen mit seinem Hund den staubigen Weg unter ihre sechs Beine, einen ziemlich langen Weg, der sie von dem wie ein Weihnachtsbaum geschmückten riesigen Lastwagen trennte. Sancho kam es so vor, als hätte er inzwischen den ganzen Kopf voller grauer Haare. Wir könnten jetzt gemein sein und den Trucker, kurz bevor Sancho und sein Hund das Riesenbaby ereichten, davonfahren lassen, aber stattdessen lassen wir den Fahrer, dessen Haar im heissen Wüstenwind flattert, aus dem Fenster gelehnt schreien: «Hurry up, man, hurry up, I can’t wait for you this whole fucking day!». Sancho kletterte schnaufend in die Führerkabine, der Hund sprang ihm auf den Schoss. Ehrlicher, fadengerader, schörkelloser Südstaatenrock drang in seine Ohren. Der Fahrer war rotblond und kräftig und von irischer Abstammung. Er hatte natürlich tätowierte Arme und trug eine blaue Fliegermütze mit Schirm, die zu klein wirkte auf seinem riesigen runden Schädel. Ein Gringo, dachte Sancho, wieso begegne ich jetzt einem Gringo? Der Lastwagenfahrer begann, auf Sancho einzureden in seiner breiigen Sprache. «Where you go?» fragte der Trucker, «are you Mexican?» Und, als Sancho nur verständnislos schaute: «Tu Mexico?» – ;No Mexico», sagte Sancho darauf, «Elijas, Provinca di Salamanca, España.» Das verstand nun wiederum der Trucker nicht. Er war aber überzeugt davon, dass er sich einen illegalen Einwanderer aus dem Süden in den Wagen geholt hatte, den er schleunigst wieder loswerden musste. Er war zwar ein gutmütiger Mensch, aber nicht lebensmüde. Da musste nur eine Polizeistreife kommen. Doch tauchte glücklicherweise bloss eine Tankstelle auf, «The greatest Niagara». Eine Tankstelle mit Motel und allen Schickanen. Na ja, ein bisschen abgefuckt, aber immerhin.

«Du stiegst hier aus», sagte der Trucker unwirscher zu Sancho, als er es eigentlich wollte. Oft sind ja die Menschen im Grunde genommen besser als das Resultat, das die Umstände aus ihnen gemacht haben. Sancho verstand zwar nicht den genauen Wortlaut der wiederum amerikanisch gesprochenen Worte, aber es war ihm immerhin klar, dass er in diesem Gefärt zusammen mit seinem Hund nicht mehr erwünscht war. Erst nimmt er mich mit, um mich dann gleich wieder rauszuschmeissen, grummelte er in sich hinein. Soll einer diese Gringos verstehen, Die spinnen doch, die Amerikaner. Sancho schüttelte, aber vorsichthalber mehr innerlich, den Kopf.

Da stand er nun wieder mit seinem Hund auf der staubigen Strasse. Was jetzt? Sancho, der Weltenherrscher, hatte keinen Cent in der Tasche und sah aus wie ein Landstreicher. Ach, Weltenherrscher. Eier!

Er hatte keinen Cent, keinen Sou und auch keine müde Pesete in seinem Sack, dafür einen kleinen hungrigen und durstigen Hund am Hals. Eine unangenehme Situation für einen Mann in einem fremden Land. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als durch jene Tür zu treten, über welcher ein Schild mit dem Wort «Bar» hing. «Bar», das verstand er. Ein polyglottes Wort, fast in sämtlichen Sprachen der Welt zu Hause. Gott sei Dank gibt es solche Wörter, dachte Sancho. Gott sei Dank gibt es solche Wörter, die nicht nur leere Worte sind. Bars, die man wirklich betreten kann. Beim Lesen des Wortes «Bar» merkte Sancho, dass nicht nur der Hund, sondern auch er selbst ziemlich durstig war.

Vielleicht hatten die da ja eine Arbeit für ihn, Zapfsäule bedienen oder so was, Tellerwaschen meinetwegen, dachte Sancho. Für nicht mehr als ein Glas Bier und eine Wurst für den Hund. Schliesslich befand er sich offenbar in dem gelobten Land, wo man es vom Tellerwäscher zum Millionär bringen konnte.

Montag, 9. November 2009

Traurige Jäger (16)

Und der liebe Gott schaute mit seinem unerschütterlichen dritten Auge auf diese zwei Geschöpfe seiner Vorstellungskraft, das unglückliche und das glückliche, das verzweifelte und das zuversichtliche, das dicke kurze und das dünne lange, und Er sah, es war alles gut.

Freitag, 6. November 2009

Traurige Jäger (15)

Währenddessen kämpfte sich Don Quichotte, wie immer unerschrocken, durch das zähe Gestrüpp und Gebüsch eines reichlich ungepflegten Parkes, der bald in einen veritablen Wald zu münden schien. Das wunderte den Toboser, dass es mitten in einer Stadt mit solch strengen kalten geraden Strassen hinter einfachen, wenn auch hohen und glattwandigen Mauern plötzlich und unverhofft Wildnis und gar Wälder geben sollte. Jetzt sah er sogar friedliche Sterne zwischen den Baumkronen leuchten und einen zu einem Viertel vollen Mond. Er überlegte scharf, ob und gegebenenfalls wo sohl der Stern Toboso sein fernes Licht der Erde zeigen mochte. Aber es hatte so viele Sterne am Himmel, dass Don Quichotte nur vage und seufzend «irgendwo da oben» denken konnte. Irgendwo da oben? Plötzlich schien ihm der Himmel eher als eine Spiegelung des Oben, ein Meer, in das er, vollkommen und ganz und gar zur Kugel geworden, zweifellos dereinst einmal eintauchen würde, nicht mehr Teil, sondern ununterscheidbar Ganzes geworden. Und Don Quichotte wurde, gewissermassen auf Vorschuss, von einem Glücksgefühl durchströmt, das in sich vollkommen war wie ein Windstoss, der mit den Blättern und Ästen der Bäume spielt.

Mittwoch, 4. November 2009

Traurige Jäger (14)

Für Sancho war es, als wäre er allein in einem Alptraum zurückgeblieben. Das gleissende Licht der Strassenbeleuchtung brannte ihm in den Kopf. Die Leere Strasse war kalt und gefährlich, als wolle sie sich nächstens auftun und ihn verschlingen, zermalmen mit ihrem steinernen Gebiss. Er fühlte sich wieder wie der kleine Junge, der er einmal gewesen war. Als dieser kleine Junge hatte er sich jeweils in Situationen wie diesen unter dem Bett verkrochen oder sich im Schrank versteckt, voll banger Hoffnung, dass ES, das unbekannt Drohende, das immer näher kam, ihn nicht entdecken möge. Aber hier gab es weder ein Bett, unter das man kriechen, noch einen Schrank, indem man sich verstecken konnte. Auch näherte sich auf der leeren, hell erleuchteten Strasse nichts. Trotzdem schnatterten die panischen Stimmen in Sanchos Hirn wie verrückt. Sein Herz war eine hüpfende Eisenkugel, die ihn gefangen hielt. Er schiss sich in die Hosen, ohne es zu merken. Er hielt es nicht mehr aus, bei wachem Bewusstsein zu sein, und stürzte, in den Armen einer wohltätigen Ohnmacht landend, auf das harte Pflaster der Strasse. Für einmal hatten alle Heiligen des Himmels, die er so oft anzurufen pflegte, ein Einsehen gehabt.

Sonntag, 1. November 2009

Traurige Jäger (13)

Es war Nacht und neblig. In der Nähe des Regierungspalastes waren die Strassen praktisch menschenleer. Sie waren nicht nur praktisch, sie waren definitiv menschenleer. Und hell, sehr hell beleuchtet. Die grossen herrschaftlichen Häuser aber, die sich hinter hohen Mauern mehr erahnen als sehen liessen und in geräumigen Parks verbargen, dunkel und durch kein Lebenszeichen irgendwelche Bewohner verratend. Auch Geräusche waren nur als ein fernes Brummen und Summen zu hören. Es fuhren keine Autos oder andere Verkehrsmittel durch die hell erleuchteten Strassen. Der Stadtteil, den Don Wuichotte und Sancho Pansa durchwanderten, war flach und eben, was das Marschieren nicht weniger eintönig machte. Die beiden frischgebackenen Stadtwanderer waren in einfache Gewänder gehüllt, die an römische Tuniken gemahnten: Diese Kleidung hatten sie sich von Bediensteten geborgt oder vielmehr sie ihnen gestohlen, gezwungenermassen, denn paradoxerweise besassen sie beide kein Geld. Im Palast brauchte man ja auch kein Geld.

«Dies ist», sagte Don Quichotte, nachdem sie gut eine Stunde gegangen waren und sich die Kulisse, durch die sie schritten, noch immer nicht verändern wollte, «dies ist wirklich eine kuriose Stadt, die Ihr da habt. Sind alle Städte auf der Erde so? Wir in Toboso – ob kugelförmig oder nicht – bewegen uns, wie sie vielleicht wissen, in einem Gemisch aus Wasser und Luft. Angesichts dieser Strassen, Exzellenz, verstärken sich mein Heimweh und meine Sehnsucht nach den heimatlichen Gestaden sogar noch.» – «Fürwahr, mir scheint es auch eigenartig, dass wir auf keine Untertanen stossen. Ich habe pulsierendes Leben erwartet, ein Auf und Ab und Hin und Her, Frauen in glitzernden Kleidern, Männer mit schief im Mundwinkel hängenden Zigaretten, Zuhälter, Dirnen und Gangster, Halbwelt und Lichtreklamen, im Neonlicht blitzende Autokarossen, was weiss ich. Aber das kommt schon noch. Haben sie ein wenig Geduld, lieber Botschafter. Immerhin sind bis jetzt auch keine Cerberaner aufgetaucht.» – «Die Cerberaner sind da, wo Menschen sind. Mein Gott, ich beginne mich noch nach ihnen zu sehnen!»

Und missmutig schritten sie weiter durch die Nacht. Die absolute Gleichförmigkeit der Strassen und Häuser machte es ihnen übrigens bald genug unmöglich, sich zu orientieren und eine Richtung zu halten. Auch schien das leise, feine Brummen aus allen Richtungen gleichzeitig zu kommen und bot deshalb keinen Anhaltspunkt. Möglich, dass sie bereits wieder auf den Palast zu gingen oder sich in einem Kreis bewegten wie in dichtem Schneegestöber oder in der schattenlosen Wüste. Sancho, der schon lange nicht mehr zu Fuss gegangen war, taten die Füsse weh, Don Quichotte, seiner körperlichen Konstitution wegen, eher das Kreuz. Auch hätte für Sanchos Geschmack allmählich eine Gast- und Raststätte, und sei es auch eine miese verkommene Spelunke, auftauchen dürfen.

Es war ein Leichtes, in diesen leeren nebligen Strassen, obwohl sie beleuchtet waren, sang- und klanglos ganz einfach verloren zu gehen. Ein Totenreich war diese Stadt: kein Fetzchen Musik erklang, kein Fitzelchen von einer stimmen war zu vernehmen, nur das feine Brummen und Summen wie von einer gewaltigen Maschine. Sancho bekam plötzlich einen Wutanfall, er stampfte und schrie, weinte und tobte, bis er sich rot und zerzaust und echauufiert auf den sinnlosen Gehsteig setzen musste. «Dieser Schweinehund hat mich betrogen!» knirschte er zwischen den Zähnen hindurch, «die ganze Zeit über schamlos betrogen! Mein Weltreich existiert nicht. Die Massen, von denen ich in meinem Wahn glaubte, sie würden mir zujubeln, waren eine Fata Morgana. Zerstoben wie eine Geisterschar, ins Nichts verpufft, pulverisiert! Die Menschheit und ihre Geschichte war also ein Traum, ein leerer eitler Traum! Wahrscheinlich gibt es auch Herrn von Klumpfuss nicht, sind der Palast und das Harem der dicken Frauen dem syphilitischen Hirn eines versoffenen Dichters entsprungen, ja, auch die dicken Frauen, für die ich in meiner Schwäche nun mal eine Schwäche habe, und wahrscheinlich haben wir es nur noch nicht bemerkt, dass es auch uns nicht gibt.»

«Beruhigen Sie sich, Exzellenz, schschsch! Ich kann Ihnen versichern, dass Sie – wenn auch vielleicht nicht absolut, so doch relativ – ganz und gar vorhanden sind» versuchte Don Quichotte, der als Toboser menschliche Existenzängste nicht kannte, den unglücklichen Welt-Diktator zu trösten, und legte ihm einen Arm um die Schulter. «Ich vermute vielmehr, dass dieser Gürtel aus Niemandsland aus purer Berechnung, das heisst zu einem ganz konkreten Zweck, angelegt wurde. Da steckt Politik dahinter. Herr von Klumpfuss ist schon ein rechter Teufel!» Don Quichotte, der die Philosophie stets mit der Tat zu verbinden versuchte, dachte scharf nach. Dann beugte er sich zu Sanchon hinunter und flüsterte ihm ins Ohr: «Wir müssen über eine Mauer klettern! Wir müssen in einen Park einbrechen, ein Haus erobern! Aber vorsichtig: Die Nacht hat tausend Augen!»

Das war leichter gesagt und zur Absicht erklärt als getan. Die Mauer war hoch und glattwandig. Und nirgendwo stand etwas herum, das man als Hilfsmittel zum Klettern hätte benutzen können. Ausserdem kam es ihnen jetzt, wo sie ihren Vorsatz gefasst hatten, so vor, als würden sie von allen Seiten beobachtet. Das kalte künstliche Licht war womöglich noch heller geworden.

«Sie müssen sich mir auf die Schultern stellen, Exzellenz», sagte Don Quichotte. «Aber nein, Herr Botschafter, dieses Angebot kann ich unmöglich annehmen, bedenken Sie doch mein Gewicht. Sie müssen sich mir auf die Schulter stellen!» _ ;Ihr gewicht, Exzellenz, ist kein Argument. Ich bin ebenso schwer wie Sie, nur ist mein Gewicht anders verteilt. Mehr vertikal, sozusagen. Nein, ich muss Ihnen den Vortritt lassen: Schliesslich ist das Euer Hohheitsgebiet, in das wir hier eindringen!» - ,Eben, mein lieber Botschafter, eben! Sie sind mein Gast, und deshalb gehen Sie vor. Und jetzt Ende der Diskussion!»

Damit war der kleine höfliche Streit entschieden. Don Quichotte stellte sich also dem Weltenherrscher Sancho auf die Schultern (was leichter gesagt als getan ist, aber das ist eine andere Geschichte) und vermochte so den Mauerrand gerade eben zu erreichen. Obwohl er beträchtliche Kraft in den Fingern hatte, zog er sich nur mit viel Mühe hoch. Oben angekommen, sagte er zu Sancho, der weit unten ganz klein bei der Mauer stand: «Auf der anderen Seite scheint es ebenso steil wieder runterzugehn.» Er öffnete die Arme, als wolle er los fliegen, und verschwand hinter der Mauer, verschluckt von der Finsternis.