Mittwoch, 31. Dezember 2008

Everbody is a strange person



Der Flug nach Bali dauert drei unaufgeregte Stunden, der Anflug auf die Götterinsel ist spektakulär und gewährt Einblicke in grossartige, bewaldete Vulkanberge und andere Erhebungen, die im Wolkenmeer schwimmen. Die Insel ist von einem üppigen, satten Grün, umgeben vom Smaragd des indischen Ozeans. Am Flughafen wird Felix von Aluk und seinen beiden Kumpels Yono und Anto erwartet. Anto hat von einem Liebhaber einen Pickup geschenkt bekommen und chauffiert sie zum «Bali Coconut Hotel». Das ist ein gemütliches kleines Hotel im traditionellen balinesischen Stil mit Swimmingpool und Garten ganz in der Nähe des Strandes, den sie allerdings nur selten besuchen (und wenn, dann meistens abends zum Sonnenuntergang). Das Hotel ist nur etwa zu zehn oder fünfzehn Prozent belegt, und auch sonst wirken Kuta und ganz Bali ziemlich ausgestorben, da kurz vorher, im Oktober, erneut Bombenanschläge stattgefunden haben (einer in einem Restaurant, ein anderer am Strand). So genannten Rucksackbomber waren am Werk, und im indonesischen Fernsehen ist praktisch dauernd vom Terrorismus und von der Jagd auf Terroristen die Rede, wobei Felix natürlich nur der Spur nach versteht, worum es im Einzelnen geht. Felix hat zwei Zimmer gemietet, im einen nächtigen Yono und manchmal auch Anto, nicht selten auch Aluk, weil Felix wieder einmal zu sehr schnarcht. Die Zimmer sind okay, nicht ganz so luxuriös wie diejenigen im Le Meridien zwar, aber recht geräumig, mit bequemen Betten und allem, was es braucht (und was es für Felix vor allem braucht, ist eine Klimaanlage). Auch kann man sich zu jeder Tages- oder Nachtzeit Speis und Trank ins Zimmer ordern, mit einer Mischung aus Eleganz und Gelassenheit jonglieren Balinesinnen volle Tablette zu ihren Zimmern. Die erste und die letzte Woche verbringt Felix mit seinem Partner und dessen Freunden in Bali, während sie sich zu Beginn der mittleren Woche in Antos Pick-up die Küste entlang Richtung Westen aufmachen, um dann bei Gilimanuk mit der Fähre nach Banyuwangi überzusetzen. Die Hafenstadt Gilimanuk ist etwa 135 Kilometer von Denpasar entfernt und verbindet mit einem Fährbetrieb über die Bali-Strasse, deren Überquerung etwa eine Stunde dauert, die Insel mit Ost-Java. Die Küstenfahrt von Denpasar nach Gilimanuk führt durch ein landschaftlich ausserordentlich reizvolles Gebiet mit zum Meer hin abfallenden Reisterassen und saftigen Plamenwäldern, die sich die Hügel hinauf ziehen. Die Strassen in Bali sind zwar relativ gut, aber auch schmal, und die Fahrweise der Einheimischen ist ziemlich rasant und manchmal auch etwas risikoreich. Für den Geschmack von Felix zu risikoreich – zum Beispiel, wenn eine Gruppe von drei oder vier einen Hügel hinaufkeuchenden Lastwagen bei völlig unzureichenden Sichtverhältnissen überholt werden soll. Am schlimmsten sind die Busfahrer, die wie die Räuber über die Strassen brettern. Anto fährt aber relativ vorsichtig. Die Überfahrt auf der Fähre ist dann das reinste Vergnügen, der Blick auf das immer näher kommende Java grossartig. In Banyuwangi kaufen Felix und seine Begleiter zunächst in einem Warenhaus Geschenke für Aluks Familie: einen Sarung für die Mutter, ein grosses Spielzeugauto für den Neffen und sonst ein paar Kleinigkeiten zum Verteilen. Ins Landesinnere bis zur Kleinstadt Genteng und bis zum Heimatdorf Aluks, das aus im Palmenwald locker verstreuten Häusern besteht, dauert es dann noch etwa eine Stunde. Aluk hat sich ein steinernes Haus gebaut, oder gleich zwei, eins für sich und eins für seine alte, kranke Mutter, aufgewachsen aber ist er in einer Bambushütte, in ärmlichsten Verhältnissen. Die Mutter hat ihre Kinder – vier Söhne, zwei Töchter – allein aufgezogen; nachdem ihr Mann sie hat sitzen lassen, um mit einem Ladyboy durchzubrennen, hatte sie kein Interesse mehr an Männern, war ihr partnerschaftlicher Bedarf gedeckt und sie lehnte entsprechende Angebote dankend, aber bestimmt, ab. Die Mutter, mit der sich Aluk eng verbunden fühlt, die er mehr als alles andere liebt und verehrt, hat sich abgerackert und dabei ihre Gesundheit ruiniert, um die Kinder durchzufüttern; jetzt leidet sie unter schwerem Asthma und unter Bluthochdruck. Sie ist eine zerbrechlich wirkende, aber bestimmte Person, die fast nur aus Haut und Knochen zu bestehen scheint. Die Erfahrung der Armut, die er als Kind erlebt hat, hat sich tief in die Seele von Aluk eingebrannt. Diese Erfahrung hat ihn sein Selbstvertrauen gekostet; er findet sich seltsam und hässlich, bezeichnet sich nicht nur im Scherz als Monster. «I’m such a strange person», ruft Aluk manchmal verzweifelt aus. Felix wird dann fast ein wenig wütend: «You’re a strange person – so what? I am also a strange person, everybody is a strange person, where is the problem? You can be ashamed of it, you can be afraid of it, you can be proud of it, you can make the best out of it, you can enjoy it: the choice is yours!» Aluk schaut Felix jeweils nur ganz verwundert an, wenn der einen solchen Ausbruch hat. Aluk weiss das alles, aber er ist sich auch bewusst, dass es leichter gesagt als getan ist, aus seiner Besonderheit das Beste zu machen. Schliesslich handelt es sich dabei um eine veritable Lebensaufgabe. Als Kind, sagt Aluk, hatte ich nie die Möglichkeit, zu spielen, ich musste arbeiten, zum Beispiel Kaugummi oder Eis verkaufen. Alles, was er an Bildung mitbekommen hat, ist ein bisschen Schule und dann noch ein bisschen Koranschule; das meiste hat er vom Leben gelernt. Aluk hält sich deshalb selbst für dumm. Er ist aber alles andere als dumm; er hat eine schnelle Auffassungsgabe, er spricht mindestens vier Sprachen (Bahasa Indonesia, Javanisch, Balinesisch, Englisch, etwas Deutsch), er hat einen kreativen Geist und – untrüglichstes Zeichen für Intelligenz – er hat Humor. Das Leben, von dem er das meiste lernte, wie wir alle übrigens, führte Aluk zunächst nach Bali, wo er erst auf dem Bau («in the project») und dann in einem Warung (einem kleinen Strassenrestaurant) arbeitete, und zwar von morgens fünf Uhr bis abends neun Uhr, sieben Tage die Woche. Da lernte er kochen. Dann hatte Aluk Glück: Er wurde von Lorna, einer amerikanischen Ärztin, die in Bali unter anderem Aids-Prävention betrieb, als Hausbursche engagiert. Hier lernte er Englisch, wurde nicht nur anständig, sondern wahrhaft freundschaftlich behandelt, bekam mit, wie so genannte Bule (wie Poulet ausgesprochen, aber mit weichem B), also Westler, so ticken, und was es heisst, schwul zu sein. Vorher hatte er zwar auch schon sexuelle Beziehungen mit Männern (vor allem mit einem seiner Lehrer an der Koranschule), aber damals, sagt Aluk, wusste ich noch nicht, «was Blasen, Ficken und Küssen bedeutet». Wenig später lernt Aluk an Balis Stränden seine ersten schwulen Sponsoren aus dem Westen kennen. Irgendwann wird er von einem dieser Sponsoren nach Deutschland eingeladen; allerdings hält diese Geschichte nicht, da der Deutsche bald zu seinem indonesischen Exfreund zurückkehrt. Das ist für Aluk die grosse Enttäuschung Nummer eins. Aus Liebeskummer trinkt er ein ganzes Fläschchen Poppers leer - ein Wunder, dass der das überlebt.
Felix lernt Aluk in der Bar kennen. Da ist Aluk noch keinen Tag in Zürich. Er hat Holland Hals über Kopf verlassen, wegen grosser Enttäuschung Nummer zwei, die sich in der Person eines holländischer Zahnarzt inkarniert hat, stinkreich und Besitzer von mindestens zwei Porsches, aber geizig, ein Arschloch und immer noch ungeoutet, obwohl schon fünfzig oder gar darüber. Also versteckt er Aluk regelrecht in seiner Wohnung über der Praxis in Amersfoort oder schliesst ihn sogar in seinem Zimmer ein, auch auf der Strasse darf Aluk sich nicht in der Nähe des schnauzbärtigen Dentisten zeigen, sondern hat auf der anderen Strassenseite zu gehen. Dafür darf er sich dann vom Doktor, der offenbar sexuell auf diese Marke konditioniert ist, also eine Adidas-Macke hat, in Adidas-Klamotten stecken lassen... Irgendwann hält Aluk das nicht mehr aus – das Eingesperrtsein, das Verleugnetwerden, mit der Adidas-Macke könnte er notfalls leben – und er flüchtet zu indonesischen Freunden in der Schweiz. Dort lernt er Felix kennen oder Felix lernt Aluk kennen und verliebt sich in ihn (er ist zwar damals noch mit Sonny liiert, aber diese Beziehung bröckelt bedenklich). Es braucht aber lange, bis Felix das Vertrauen von Aluk gewonnen hat – Aluk ist ein gebranntes Kind.

Dienstag, 23. Dezember 2008

Kultur und Tradition



"...Die Tradition ist ein wesentlicher Bestandteil der Kultur. Selbst der avantgardistischste Künstler geht dauernd mit Tradition um, mit der Tradition der Kultur. Er stellt sie zum Beispiel in Frage, aber seine Frage wird nur erkennbar, wenn wir die Tradition kennen und erkennen.
Eine Geschichte erkennen wir dann als Geschichte, wenn sie einer Geschichte gleicht. Ein Gedicht ist dann ein Gedicht, wenn es einem Gedicht gleicht, an Gedichte erinnert.
So könnte ich mir ohne weiteres vorstellen, dass es um 1800 herum Autoren gegeben hat, die gut und gern solche Gedichte hätten schreiben können wie heute Ernst Jandl - Goethe zum Beispiel oder Jean Paul. Nicht die Zeiten waren ganz anders oder schöner oder gar kultureller - nur die Reihe der Tradition war noch nicht so weit, dass man damals solche Gedichte hätte erkennen können. Sie glichen damals noch nicht Gedichten.
Tradition ist nicht einfach das alte Schöne. Die Tradition ist kein Antiquariat, sondern eine lebendige Reihe, die auf uns zukommt und hinter uns weitergeht, wie ein Asiat sagen würde, für den die Vergangenheit vor ihm liegt - er sieht sie - und die Zukunft hinter ihm, er sieht sie noch nicht.
Die Vergangenheit sehen, die vor uns liegt, dazu brauchen wir einen Beziehungspunkt. Die zeitgenössische, die avantgardistische Kunst ist immer wieder dieser Beziehungspunkt.
Wer glaubt, sogenannte alte Kunst ohne diesen aktuellen Bezug geniessen oder würdigen zu können, dem entgeht ein wesentliches Erlebnis, das Erlebnis, selbst als Konsument oder Produzent in dieser Traditionsreihe zu stehen, sich selbst als Teil dieser Tradition zu empfinden - hier zu stehen und die Vergangenheit vor sich zu sehen, im Wissen, dass hinter uns eine Zukunft sein wird. (...)
Kultur ist entweder etwas Vergangenes oder etwas Gegenwärtiges - eine Kultur der Zukunft wird schnell gefährlich. Die Aufgabe der Kulturschaffenden - aller, also der Politiker, der Museumsdirektoren, der Leser, Schauer und Hörer, der Schreibenden und Musizierenden - ist, erst einmal die Tradition fortzusetzen.
Er gibt - zum Beispiel - keinen Grund, heute noch Geschichten zu schreiben. Mit den Geschichten der vergangenen Jahrhunderte könnten wir unser Leben bestehen. Die Geschichten sind alle schon geschrieben, die Geschichten der menschlichen Leidenschaften, von Liebe und Tod, Neid, Hass und Intrige - dem wäre eigentlich nichts hinzuzufügen, als: Wir wollen die Tradition des Erzählens und die Tradition des Zuhörens fortführen - und zwar jetzt, heute, in diesem Jahr, Kultur hat keine Zukunft, sie hat nur ein Jetzt."
Peter Bichsel (1996) aus: Aber ich glaube dem Herrn Kamber. Eine Rede. Zitiert aus: Peter Bichsel: Die Totaldemokraten. edition suhrkamp, 1998.

Sonntag, 21. Dezember 2008

Hochzeiten und Scheidungen



Er legte sich aufs Bett, sank schon eher darauf.
"Woran denkst du, Jakob?"
"An Hochzeit", sagte er mit bebender Stimme, "an Verbindungen - zwischen Essen und Magen, Leib und Seele. Es ist schwieriger, Leib und Seele unter einen Hut zu bringen, als Mann und Frau. Von dieser Ehe kann man sich nicht mal scheiden lassen. Nur umbringen kann man sich, aber was nützt das? Leib und Seele müssen fähig sein, gemeinsam aufzuwachsen, gemeinsam zu altern, dann sind sie wie zwei arme alte Vögel im selben Käfig, die beide keine rechte Kraft mehr in den Flügeln habe. Der Körper ist schon schwach und hinfällig, die Seele reuig und vergesslich, und voneinander fliehen können sie auch nicht. Nu, was bleibt, ist nur verzeihen können. Das ist die Weisheit, die bestehen bleibt, nachdem all die anderen Weisheiten am Ende sind: verzeihen können. Wenn nicht einem anderen Menschen, dann wenigstens sich selbst verzeihen."

aus: Meir Shalev: Judiths Liebe. Diogenes 1998

Sonntag, 14. Dezember 2008

Montag, 8. Dezember 2008

Der Teufel im Schatten der Türme



Am 6. November fliegt Felix mit Malaysian Airlines zunächst nach Kuala Lumpur, und es ist das erste Mal, dass er Business-Class fliegt. Es ist das erste Mal, dass er sich das leisten kann, da er, nachdem anfangs 2004 auch seine Mutter gestorben ist, von seinen Eltern etwas Geld geerbt hat. Er schenkt sich diese besondere Reise selbst zum fünfzigsten Geburtstag. Felix könnte sich durchaus an ein wenig Luxus gewöhnen. Natürlich ist die Langestreckenfliegerei auch in der Business-Class nicht das reinste Vergnügen, aber viel angenehmer als in der «Holzklasse» ist es natürlich schon, und das nicht in erster Linie wegen des aufmerksameren Service, des Champagners und des besseren Essens, sondern vor allem wegen der viel komfortableren Platzverhältnisse und einem Schalensitz, der sich waagrecht stellen und schon fast zum Bett umfunktionieren lässt. Der Flug verläuft auf diese Weise für Felix also relativ angenehm, auch wenn es, wie immer, etwas irritierend ist, am Nachmittag loszufliegen und elf Stunden später, wenn man so richtig müde ist, am Morgen am südostasiatischen Zielort, in diesem Fall in der malaysischen Metropole, anzukommen. Geschlafen hat Felix im Flugzeug nämlich trotz Schalensitz, einigen Drinks und einer geringen Dosis Beruhigungsmittel praktisch nicht; er leidet immer noch unter Flugangst.
Felix hat zwei Tage in der malaysischen Hauptstadt eingeplant und gönnt sich drei Übernachtungen im «Le Meridien». Eigentlich ist im Stopover-Arrangement der Transport vom Flughafen zum Hotel mit inbegriffen, aber natürlich gibt es im Flughafen von Kuala Lumpur niemanden, der Felix erwarten würde. Wenn er sich vorher informiert hätte, dann wüsste Felix, dass vom Flughafen seit 2002 eine moderne und sehr bequeme Schnellbahn, der KLIA Ekspres, ins Stadtzentrum fährt, und zwar in den Sentral-Bahnhof, den Hauptbahnhof, über welchem als einer der beiden Türme neben dem Hilton das Le Meridien in den blauen Tropenhimmel ragt. Da sich Felix aber nicht informiert hat, nimmt er nicht die Bahn, sondern ein Taxi, das von einem Chinesen gefahren wird, und lässt sich die rund 50 Kilometer durch palmenbestandene Haine zur Stadt chauffieren. Der Chinese erzählt Felix, dass nur etwas mehr als die Hälfte der Malaysier Malaien seien und dass es vor allem viele Chinesen, aber auch eine grosse Gruppe Inder im Land und in der Stadt gebe, drei Volksgruppen, die nicht immer friedlich zusammengelebt hätten. Und er will Felix zudem gleich allerhand zeigen und vermitteln und mit ihm abmachen und überhaupt eine wichtige Rolle im Leben von Felix spielen. Er gibt Felix seine Visitenkarte und Felix verspricht hoch und heilig, den Taxifahrer heute oder morgen abzurufen.
Das Hotel ist der Hammer. Vom Hauptbahnhof führt ein Lift direkt in die pompöse Eingangshalle mit riesigem Kronleuchter und dezenter Piano-Bar. Der kleine Herr Felix staunt wieder einmal mit offenem Mund. Sein Zimmer befindet sich im 28. Stock und bietet durch die imposante Fensterfront, die die ganze Wand einnimmt, einen atemberaubenden Rundblick auf die Skyline der erstaunlich grünen Stadt auf dem gegenüber liegenden Hügelzug, da, wo auch die Petronas-Doppeltürme stehen. Tief unter sich sieht Felix das langgestreckte Gebäude des Nationalmuseums und ein Gewimmel von Autostrassen. In der Nacht verwandelt sich diese Szenerie in ein funkelndes Lichtermeer. Es ist fast schade, ein Hotelzimmer wie dieses überhaupt zu verlassen. Vorerst ist Felix sowieso so müde, dass er sich ein wenig hinlegen will. Nicht lange, bloss so ein Stündchen...

Als Felix wieder erwacht, ist es bereits später Nachmittag – Zeit für einen ersten Bummel durch die Stadt oder doch wenigstens durch die – meist indisch geprägten – Viertel, die nahe beim Hotel gelegen sind. Als es dunkel wird, kauft Felix in einem Wahrenhaus eine Flasche australischen Rotwein, mit der er später von seinem Hotelzimmer aus den Rundblick über die Stadt geniessen will und nimmt dann den gediegenen Service einer Freiluft-Swimmingpoolanlage mit Bars und tropischem Garten im zehnten Stock in Anspruch, der für die Gäste beider Hoteltürme, des Hilton und des Le Meridien, zugänglich ist und von ihnen benutzt werden kann. Felix schwimmt ein bisschen, trinkt an der Bar ein Bier und könnte sich für einmal so fühlen wie die Leute in den amerikanischen Filmen, die immer in solchen Hotels verkehren, aber Felix kommt sich vor allem ein bisschen komisch vor, in einem Zwischenzustand – nicht mehr zu Hause und noch nicht am Ziel angekommen –, der ihn diese Umgebung als ein bisschen irreal empfinden lässt.
Felix schläft dann, nach dem Genuss der Flasche Wein, trotz der Zeitverschiebung und obwohl er eben erst geschlafen hat, ziemlich rasch wieder ein und hat am anderen Tag, den er nicht allzu spät in Angriff nimmt, seinen Jetlag schon fast überwunden. Es gibt ein üppiges Frühstücksbuffet, an dem man es so oder so halten kann – deftig britisch oder nudelig-asiatisch –, mit überaus reizenden und zuvorkommenden Kellnern, die sogar Zeit für ein kleines Schwätzchen haben und alle Nase lang den Tee nachgiessen. Danach hat Felix sich für eine Stadtrundfahrt im Kleinbus angemeldet, an der neben ihm noch etwa fünf Personen aus anderen grossen Hotels der Stadt teilnehmen (ein Paar aus Syrien, mit dem Felix einige Worte wechselt, Japaner, ein paar britische Langnasen sind wohl auch dabei). Es ist bewölkt und ab und zu tröpfelt auch ein wenig Regen aus dem bleigrauen Himmel, dabei ist es drückend heiss, ein Klima wie in einer Waschküche, das einem um den Kopf geklatscht wird, wann immer man dem klimatisierten Kleinbus entsteigt. Sie besichtigen die Sehenswürdigkeiten KLs, wie die Stadt meist genannt wird: Die Petronas Towers, die auch bereits vor dem 11. September 2001 mit 452 Metern höchsten Zwillingstürme der Welt, ragen über einer der grössten Malls Malaysias, des Suria KLCC, in den Himmel. Der umgebende Stadtteil, «Goldenes Dreieck» genannt, bildet den kommerziellen Mittelpunkt der Stadt und ist darüber hinaus Zentrum eines reges Nachtleben – dies trotz streng islamischer Gesetzgebung in diesem Land. Auf dem Dataran Merdeka oder Merdeka Square, dem Platz der Unabhängigkeit, wurde am 31. August 1957, dem Unabhängigkeitstag, erstmals die malaiische Nationalflagge gehisst; zuvor war der grösste Teil Malaysias britische Kolonie gewesen. Der Kleinbus führt unsere kleine Touristengruppe zur Istana Negara, der Residenz des malayischen Königs, des repräsentativen Staatsoberhauptes, der alle fünf Jahre aus den Reihen der Herrscher der neun Sultanate nach dem Rotationsprinzip ausgewählt wird, und zu den Lake Gardens, einem 92 Hektar grossen Park in der Nähe des malaiischen Parlaments, der in früheren Zeiten einem britischen Kolonialvertreter gehörte. Innerhalb des Parks gibt es spezielle Areale für Schmetterlinge, Rotwild, Orchideen und Hibiscus sowie den grössten Vogelpark Südostasiens. Interessant ist auch der alte Bahnhof (Kuala Lumpur Railway Station) im viktorianischen Architekturstil, der 1911 fertig gestellt und im Jahr 2001 durch den neuen Hauptbahnhof (KL Sentral) abgelöst wurde, über den, wie erwähnt, das Meridien und das Hilton ragen. Aktuell dient der alte Bahnhof, ähnlich wie die Grand Central Station in New York, nur noch als Lokalbahnhof für den Nah- und Pendelverkehr. Eine weitere Sehenswürdigkeit ist das hemmungslos pathetische Nationaldenkmal (Tugu Negara), das die Gefallenen des malaiischen Freiheitskampfes während der japanischen Besatzungszeit und des anschliessenden Notstands (von 1946 bis 1960) ehrt. Da in Kuala Lumpur, wie gesagt, viele Chinesen und Inder leben, gibt es in der Stadt eine grosse China Town mit einem Chinese Night Market, einen indischen Markt und einige interessante Hindutempel. Als koloniales Erbe findet sich in KL auch eine anglikanische Kathedrale, dominante Religion ist aber natürlich der Islam, weshalb Moscheen wie die Masjid Jamek oder die postmoderne Nationalmoschee (Masjid Negara) im Stadtbild von zentraler Bedeutung sind. Dem malayischen Nationalmuseum (Muzium Negara), das Felix von seinem Hotelzimmer aus tief unter sich winzig klein wie ein Merklin-Modellhaus sehen kann, statten sie ebenfalls einen Besuch ab.
Im Internet hat Felix recherchiert, dass Homosexualität in Malaysia eigentlich gesetzlich immer noch verboten ist. Es lassen sich im Netz aber trotzdem ein paar Lokale und Treffpunkte ausfindig machen, unter anderem ein Lokal mit «Massage-Boys». Felix fährt mit der Hochbahn ins Zentrum hinüber, aber irgendwie gelingt es ihm nicht, die Adresse mit diesem Laden zu finden. Als Felix dann so orientierungslos in der Gegend herumstoffelt, wird er von einem der unvermeidlichen Taxifahrer KLs angesprochen, dem Felix erklärt, was er sucht – aber offenbar nicht deutlich genug. Zwar bringt der Taxifahrer Felix an einen Ort, wo Mann sich massieren lassen kann, aber es sind ausschliesslich junge Mädchen zugegen, worauf Felix auf diesen Service dankend verzichtet und sich wieder dem Komfort seines Hotels hingibt.

Schliesslich soll Felix sich ja morgen auch mit seinem Liebsten, Aluk, treffen, mit dem er inzwischen seit über einem Jahr nach kantonalzürcherischem Recht verpartnert ist, wie das so schön heisst; Felix ist mit seinem Freund also quasi verheiratet, was einerseits damit zu tun hat, dass Aluk nun ganzjährig in der Schweiz leben darf, andererseits aber auch damit, dass Felix dies ganz altmodisch als partnerschaftliche Verpflichtung versteht.
Anderntags hat Felix noch einmal etwas Zeit für einen Stadtbummel, denn sein Weiterflug nach Bali ist erst auf 15 Uhr vorgesehen. Er treibt sich in gigantischen Konsumtempeln herum, deren eines den für ein Einkaufszentrum eigenartigen Namen Setan (Teufel) trägt, und möchte dann auf die Aussichtsplattform der Petronas-Türme, aber der Zugang zu ihr ist den ganzen Tag für Schulklassen reserviert. Dass das Einkaufszentrum quasi ein Konsumtempel ist, der dem Teufel gewidmet sein soll, hat seine fast biblische Folgerichtigkeit.

Donnerstag, 27. November 2008

Und auch heute wieder gilt...



nur heute ist heute heute

Angenommen,



man würde den Begriff «Gott» durch den Begriff «Bewusstsein» ersetzen, ergäbe sich ein ganz neuer religiöser Sinn. Das Bewusstsein erschafft die Welt und hält die Wirklichkeit am Leben. Wir alle sind Teil dieses Bewusstseins und in diesem Sinn «Kinder Gottes»; allerdings ist unsere Individualität eine Illusion, die zwar ihren Sinn haben mag, uns aber doch gründlich in die Irre führt. Dies zu erkennen – dass wir der Tropfen sind, der in den Ozean zurückfällt, Teil eines reissenden Stroms, den wir als «Zeit» wahrnehmen, war schon immer Kern aller Mystik und Spiritualität.

Dienstag, 18. November 2008

Du kommst wieder!


Der Hanfdieb wird als Frosch wiedergeboren

Die Verbrechen, auf die eine Wiedergeburt als Tier oder Pflanze erfolgt, sind im Hinduismus (Gesetzbücher des Manu) genau geregelt:
Ein Brahmanenmörder fährt in den Leib von Hund, Schwein, Esel, Kamel, Rind, Ziege, Schaf, Hirsch oder Vorgel;
ein Brahmane, der das Geld eines Brahmanen stiehlt, wird tausendmal zu Spinne, Schlange, Echse oder Wassertier;
wer das Bett eines Edlen beschmutzt, wird hundertmal zu Gras, Busch, Ranke oder zu einem fleischfressenden Tier;
der Korndieb wird zur Ratte;
der Honigdieb zur Schmeissfliege;
der Milchdieb zum Vogel;
der Gewürzdieb zum Hund;
der Fleischdieb zur Grille:
der Seidendieb zum Rebhuhn;
der Hanfdieb zum Frosch;
der Baunmwolldieb zum Kranich
der Rinderdieb zur Riesenechse;
der Weihrauchdieb zur Bisamratte;
der Gemüsedieb zum Pfau;
der Feuerdieb zum Reiher;
der Möbeldieb zur Hornisse;
der Pferdedieb zum Tiger;
der Frauendieb zum Bären;
der Wasserdieb zum Kuckuck;
der Obstdieb zum Affen.

Frage: In welcher Tiergestalt wird ein hiesiger Politiker wiedergeboren?
Tipps bitte hier!

Freitag, 14. November 2008

Erste und letzte

Mögliche erste Sätze

«Der Anfang ist immer das entscheidende, hat man's darin gut getroffen, so muß der Rest mit einer Art von innerer Notwendigkeit gelingen, wie ein richtig behandeltes Tannenreis von selbst zu einer graden und untadeligen Tanne aufwächst.»

Der Himmel lag schwer über der Stadt.
Er erkannte seinen Irrtum zu spät.
Es war an einem ungewöhnlich heissen Frühsommertag Ende Mai, als F. in einem Taxi sass, dass ihn vom Wiener Westbahnhof zu seiner Pension in der Josefstädter Strasse bringen sollte.
Er hörte mit Wohlbehagen das vertraute Geräusch, als sich der Korken mit einem leisen Plopp aus dem Flaschenhals löste.
Ich bin mir bewusst, dass das nicht immer einfach ist.
Ilsebill salzte nach. (Bei Grass gestohlen, der mir ja sonst gestohlen bleiben kann.).
Entweder mache ich mir Sorgen oder etwas zu essen. (Bei Ildiko von Kürthy abgekupfert.)
Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt. (Bei wem geklaut? Natürlich. Bei Kafka.)
Also, es fängt damit an, daß ich bei Fisch-Gosch in List auf Sylt stehe und ein Jever aus der Flasche trinke. (Christian Kracht)
Ein Leben beginnt gewöhnlich mit der Geburt – meins nicht. (Walter Moers)
Während die meisten jungen Schotten seines Alters Röcke lüpften, Furchen pflügten und die Saat aussäten, stellte Mungo Park dem Emir von Ludamar, Al-Hadsch' Ali Ibn Fatoudi, seine bloßen Hinterbacken zur Schau. (T. C. Boyle)
Es geht auch Englisch:
It was the summer that men first walked on the moon. (Paul Auster)
The sky above the port was the color of television, tuned to a dead channel. (William Gibson)
The studio was filled with the rich odor of roses, and when the light summer wind stirred amidst the trees of the garden there came through the open door the heavy scent of the lilac, or the more delicate perfume of the pink-flowering thorn. (Oscar Wilde)
Viele Jahre später sollte der Oberst Aureliano Buendía sich vor dem Erschießungskommando an jenen fernen Nachmittag erinnern, an dem sein Vater in mitnahm, um das Eis kennenzulernen. (Gabriel Garcia Marquez)




Mögliche letzte Sätze

«Je schlechter das Buch, umso besser sein Ende. Und umgekehrt.»

Das wars.
Aber das war erst der Anfang.
Neun Monate später kam sie mit einem Mädchen nieder, das sechsundneunzig Jahre später an einem simplen Grippevirus sterben würde.
Das nächste Jahrhundert gehört, verdammt noch mal, mir! (John Barnes)
Dann endlich öffneten sich zwei Türflügel vor ihnen, und sie traten hinaus in einen von geradezu überirdischem Licht erfüllten Raum. (Andreas Eschbach).
Er war scheusslich. (Philip K. Dick)
«Gott sei Dank», sagte Bilbo lachend und reichte ihm die Tabakdose. (J.R. Tolkien)
«Ja, ich bin zurück», sagte er. (J.R. Tolkien)
Der Schumacher lächelte traurig und nahm des Mannes Arm, der aus der Stille und seltsam schmerzlichen Gedankenfülle dieser Stunde zögernd und verlegen den Niederungen seines gewohnten Daseins entgegenschritt. (Hermann Hesse)
Es gibt kein Ende. Ken MacLoed)

Mittwoch, 12. November 2008

Dem Himmel einen schreienden Teppich entgegenhalten



«Als Honda am Nachmittag Benares erreichte, liess er, sobald er im Hotel seine Koffer ausgepackt und gebadet hatte, einen Führer kommen. Eine auch von der Anstrengung der langen Bahnfahrt nicht geminderte, merkwürdig jugendliche Ungeduld hatte ihn in den Zustand einer gewissermassen heiteren Unruhe versetzt. Vor den Hotelfenstern draussen war alles von einer beklemmenden Nachmittagssonne erfüllt. Wenn er sich, hatte er das Gefühl, in sie hineinwürfe, müsste es möglich sein, das Mysterium unmittelbar zu erfassen.
Indessen, Benares war eine Stadt sowohl von höchster Heiligkeit als auch von tiefstem Schmutz. Zu beiden Seiten der engen Gassen, in die über die Dachtraufen hinweg kaum ein Sonnenstrahl fiel, standen dicht beieinander die Geschäfte mit Obst, mit Gesottenem, beriet hier ein Astrologe, wurden einem dort Getreide und Mehl zugewogen; alles voller Gestank, Feuchtigkeit, Krankheit. Nachdem sie dies hinter sich hatten, traten Honda und sein Führer auf einen an den Fluss grenzenden Platz hinaus; auf ihm sassen in Reihen rechts und links die aus dem ganzen Land hierher gepilgerten Siechen, in sich zusammengesunken, bettelnd, während sie auf den Tod warteten. Dazu die vielen Tauben. Der glühende Himmel nachmittags um fünf. Vor sich in seiner Bettelschale, einer Blechbüchse, ein paar Kupferstücke, das eine Auge rot und erblindet, hatte ein Leprakranker die fingerlosen Handstummeln in den Abendhimmel aufgereckt wie ein Maulbeerbaum nach dem Beschnitt seine Äste.
Da gab es Verkrüppelte jeder Art, hüpften Zwergwüchsige umher. Körperlich ohne irgendein gemeinsames Merkmal, waren sie wie uralte, nicht zu entziffernde Schriftzeichen. Nicht weil Entartung oder Verfall sie so hatte werden lassen, sondern weil sie noch immer die Lebendigkeit und Wärme des Fleisches besassen, wehte aus den verzerrten, verbogenen Gestalten ein zugleich widerwärtiger und heiliger Sinn. Blut und Eiter wurden von unzähligen Fliegen weitergeschleppt wie Blütenpollen. All diese Fliegen waren dick und funkelten grüngolden.
Rechts, wo es zum Fluss hinab ging, war ein mit bunt leuchtenden heiligen Symbolen bemaltes Sonnensegel aufgespannt, und neben der Menge, die der Predigt eines Priesters lauschte, lag, in ein Tuch eingewickelt, ein Leichnam.
Alles befand sich in einem Zustand des Schwebens. Das heisst: die nacktesten, hässlichsten Wirklichkeiten menschlichen Fleisches, einschliesslich seiner Ausscheidungen und üblen Gerüche, Krankheitskeime und Verwesungsgifte, begannen, so der Sonne ausgesetzt, in der Luft dahinzutreiben wie in der normalen Realität Dampf. Benares. Ein Teppich von geradezu prachtvoller Hässlichkeit. Eintausendfünfhundert Heiligtümer. Tempel, an denen neben den roten Säulen in schwarzen Ebenholzreliefs die Liebe dargestellt war in allen nur denkbaren Formen des Geschlechtsverkehrs. Häuser, in denen Witwen von früh bis spät unter lauten Klagelitaneien inbrünstig den Tod herbeisehnten. Einheimische. Fremde Besucher. Sterbende. Gestorbene. Mit Pusteln übersäte Kinder. Kinder, die sich sterbend an die Brüste ihrer Mütter klammerten… Ein von ihnen allen, den Tempeln, den Menschen, Tag und Nacht dem himmlischen Firmament lustvoll entgegengehaltener, schreiender Teppich.»
Yukio Mishima, in: Der Tempel der Morgendämmerung.

Donnerstag, 6. November 2008

Wer ist wir?




Yes, we can – ein Slogan, den Felix, wie seine Kommentare in diesem Blog nahe legen, wohl eher skeptisch gegenübersteht. WE can – wer wir? Trotzdem – Felix mag Obama und hat seinen Wahlsieg sogar mit Tränen in den Augen begrüsst. Aber nicht aus realpolitischen Gründen oder weil er denkt, dass Obama die Welt in ein Paradies verwandeln kann, und von heute auf morgen schon gar nicht. Felix ist vom Sieg des ersten schwarzen Präsidenten aus gewissermassen psychologischen Gründen begeistert – weil dieser Sieg einen Paradigma-Wechsel bedeutet, der für längere Zeit nicht mehr rückgängig zu machen sein wird. Felix ist deshalb so begeistert, weil mit Obama gewissermassen ein Aussenseiter auf den Thron gehisst wurde, ein Mann, mit dessen Umständen und Lebensverhältnissen sich Felix identifizieren kann, Kind einer binationalen Beziehung, multikulturell aufgewachsen, ein Mann, der auf der einen Seite in der ganz normalen verrückten Schule des Lebens den Pragmatismus und Bescheidenheit gelernt und dem auf der andern Seite von Gott oder wem auch immer ein Charisma geschenkt wurde, das auch Skeptiker und Schwarzseher wie uns zu begeistern vermag. Nein, Felix ist überzeugt davon, dass Obama kein weiterer gewöhnlicher Präsident sein wird. Felix hat das Gefühl, an einer Zeitenwende zu stehen – was nicht heisst, dass sich nun alles zum Besseren wendet (das tut es nie), aber vielleicht, dass jetzt notwendige Korrekturen vollzogen werden, die zur Entwicklung der Menschheit beitragen, so, wie es Wendepunkte im individuellen Leben gibt, die mit (auch schmerzhaften) Veränderungen einhergehen, ohne die das Leben aber dumpf und langweilig würde, zu einer blossen Last.

Dienstag, 4. November 2008

No Happy Ending

Das Leben hat kein Happy End. Ein Happy End ist für uns nicht vorgesehen – für niemanden von uns. Aber spielt das eine Rolle? Würde ein Happy End denn Sinn machen? No Happy Ending – das ist eine anthropologische Grundvoraussetzung, verschleiert von ein wenig Hoffnung. Tausende von Jahren der Geschichte zeigen diese Offensichtlichkeit. Wir müssen lernen – und wir müssen leiden, damit wir lernen. Auch wenn wir scheitern – und wir werden letztlich scheitern, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche –, so müssen wir dennoch versuchen, das Richtige zu tun. Was aber ist das Richtige? Unmöglich, es zu wissen. Das Authentische vielleicht – oder, um ein altmodisches Wort zu gebrauchen, das Wahrhaftige. Es hat etwas mit Ehrlichkeit zu tun (auch ein altmodisches Wort) – aber nicht mit Ehrlichkeit anderen gegenüber (das wäre Rücksichtslosigkeit), sondern mit Ehrlichkeit zu sich selbst. Mehr kann man im Leben wohl kaum erreichen, und es ist jämmerlich wenig. Aber mit dieser Einsicht fängt diese Art von Ehrlichkeit wohl an. Wenn ich nun noch die Eitelkeit, die selbst in dieser Ehrlichkeit steckt, ausräumen könnte, hätte ich wahrscheinlich einen ersten Schritt getan – einen bescheidenen ersten kleinen Schritt.

Samstag, 1. November 2008

Mittwoch, 29. Oktober 2008

Man hört nie auf zu warten, dass das Eigentliche anfängt




Bahnhof von Webster Grove, St. Louis, wo Jonthan Franzen aufgewachsen ist

«Die Adoleszenz geniesst man am besten unbefangen, doch leider ist Befangenheit ihr bestimmendes Symptom. Selbst wenn einem etwas Wichtiges passiert, selbst wenn einem das Herz bricht oder vor Freude übergeht, selbst wenn man sich ganz und gar in das Bemühen vertieft, das Fundament der eigenen Persönlichkeit zu legen, kommen die Momente, da man sich bewusst wird, dass das, was passiert, nicht das Eigentliche ist. Ausser wenn man stirbt, liegt das Eigentliche noch vor einem. Das allein, dieses grausame Gemisch aus Bewusstsein und Irrelevanz, diese festintegrierte Bedeutungslosigkeit, ist Erklärung genug, dass einen alles ankotzt. Man fühlt sich elend und schämt sich, wenn man seine Adoleszenznöte für nicht wichitg hält, aber man ist dumm, wenn man es tut. Das war die Zwickmühle, vor der unser Spiel mit Mr. Knight (dem Schuldirektor, Anm. prinzderstaebe) und die Tatsache, dass wir etwas derart Nutzloses (die Streiche einer Gruppe Jugendlicher, zu der auch der Autor gehörte, Anm. prinzderstaebe) derart ernst nahmen, uns noch wundersame fünfzehn Monate Gnadenfrist gewährte.
Aber wann beginnt das Eigentliche? Mit fünfundvierzig bin ich nahezu täglich dankbar, dass ich der Erwachsene bin, der ich mit siebzehn so gern sein wollte. An meiner Armkraft arbeite ich im Fitnessraum; mit Werkzeug komme ich mittlerweile ganz gut zurecht. Gleichzeitig, nahezu täglich, verliere ich Schlachten gegen den Siebzehnjährigen, der noch immer in mir steckt. Ich esse mittags eine halbe Schachtel Oreo-Kekse, ich mache am Fernseher Grosseinkäufe, ich fälle moralische Pauschalurteile, ich renne in zerschlissenen Jeans durch die Stadt, ich trinke an einem Dientagabend Martini, ich glotze auf Bierwerbungsdekolltés, ich bezeichne jede Gruppe, der ich nicht angehöre, als uncool, ich verspüre den Drang, Range Rover zu ritzen und ihnen die Reifen zu zerstechen; ich tue so, als würde ich nie sterben.
Aus der Zwickmühle, dem Problem einer Mixtur aus Bewusstsein und Leere, kommt man nie heraus. Man hört nie auf zu warten, dass das Eigentliche anfängt, weil das einzig Eigentliche am Ende das ist, dass man stirbt. Bis dahin jedoch taucht immer wieder Mr. Knight auf: Mr. Knight als Gott, Mr. Knight als Geschichte, Mr. Knight als Regierung oder Schicksal oder Natur. Und das Spiel der Kunst, das als Buhlen um Mr. Knights Aufmerksamkeit beginnt, lädt einen schliesslich dazu ein, es um seiner selbst willen mit einem Ernst zu betreiben, der durch seine fundamentale Nutzlosigkeit rettet und gerettet wird.»
(Jonathan Franzen in: Die Unruhezone. Eine Geschichte von mir. Rowohlt Verlag 2007. Unbedingt zu empfehlen ist der grossartige Roman «Corrections» (dtsch. Korrekturen, erschienen ebenfalls bei Rowohlt. Lesen!)

Dienstag, 28. Oktober 2008

Am schlimmsten sind die Verallgemeinerer und Pauschalisierer

Natürlich muss man verallgemeinern: Bäume sind Bäume und Wald ist Wald, Kühe machen Mühe und Schweizer sind ordentlich, aber fantasielos, zuverlässig, aber auch langweilig. Nein, im Ernst: Verallgemeinerungen müssen sein, damit man nicht im Chaos versinkt, rein gedanklich, und, sprichwörtlich, vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht. Verallgemeinerungen sind also nicht schlimm, sie sind gewissermassen ein Arbeitsinstrument unseres Geistes. Schlimm sind hingegen die systematischen Verallgemeinerer, die so an ihre Verallgemeinerungen glauben wie die christlichen Fundamentalisten wortwörtlich an die Bibel, die also den Werkzeugcharakter von Verallgemeinerungen entweder aus dem Blick verloren haben oder gar nie im Blick hatten. Verallgemeinerrungen sind die nahen Verwandten der Vorurteile und beide sind Nachkommen von Denkfaulheit oder mangelnder geistiger Redlichkeit. So werden denn plötzlich „die Albaner“ zu Kriminellen und „die Jugendlichen“ zu Kampftrinkern und „die Banker“ zu kapitalistischen Heuschrecken und die Männer kommen vom Mars und die Frauen von der Venus und die Schwulen haben eine Föhnfrisur und einen ausgestellten kleinen Finger… Nur ja nicht differenzieren, heisst denn auch die Devise in der Politik, in der Wirtschaft und in den Medien; differenzierte Urteile sind unpopulär und anstrengend und dürfen den Menschen nicht zugemutet werden. Tatsächlich nicht?

Freitag, 24. Oktober 2008

Ich erkenne meine Grenzen, also bin ich




An einem der Freitage beim Spazieren kam mir der folgende Satz in den Sinn: «Ich bin das, wozu mich meine Erfahrungen gemacht haben. Aber weshalb habe ich gerade diese Erfahrungen gemacht?» Dieser Frage möchte ich in einem Text nachgehen. Wenn ich beispielsweise 50 oder 100 Jahren früher geboren worden wäre, hätte ich wahrscheinlich nie und nimmer junge Männer aus Thailand und Indonesien getroffen und mein Leben wäre ganz anders – wahrscheinlich weitaus weniger glücklich, aber wer weiss? – verlaufen. Die Geschichte meines Lebens ist insofern bedeutend und spannend, weil in ihr auf einzigartige Weise Umstände und Zufälle gebündelt sind, ein Zusammentreffen von Faktoren stattfindet, das sozusagen einmalig ist – einmalig, aber aus nahe liegenden Gründen auch wieder symptomatisch. Was ist Wirklichkeit? Vielleicht ist eben doch alles nur ein Traum? Was bleibt von der Vergangenheit, von vergangenen Geschichten? Meine eigene Vergangenheit, meine eigene «Geschichte» kommt mir genau so irreal vor wie die Geschichte überhaupt. Was empfinde ich, wenn ich an die Zeiten von Breschnew oder Nixon denke? Ich sehe vor meinem geistigen Auge fast gespenstische Filmsequenzen in komischen Farben von Menschen mit seltsamen Frisuren und in seltsamen Kleidern. Mich streift genauso ein Gefühl der Irrealität, wie es mich früher, in der Erinnerung, als Kind oder junger Mann streifte, wenn ich an das Jahr 2008 dachte. Das war Science Fiction für mich!
Ich konnte mir als Jugendlicher nie und nimmer vorstellen, 40 zu werden. Und jetzt bin ich, ein nach Feng-Shui-Gesetzen in dieser Welt ausgerichtetes oder auch eingerichtetes Dickerchen, drauf und dran, 53 zu werden. Das ist doch ungeheurlich! Und ich hätte nie gedacht, dass das Älterwerden dermassen viele amüsante Aspekte haben könnte. Tatsache! Ich habe noch nie so viel gelacht wie in den letzten paar Wochen und Monaten. Als ich Ende dreissig eine etwas ausgedehntere Midlife-Krise endlich hinter mich gebracht hatte, offenbarten mir die menschlichen Obliegenheiten immer mehr ihre komischen Seiten. Klar, diese menschlichen Angelegenheiten und Sachen und Verhältnisse und Bewandtnisse und Beziehungen haben natürlich nicht nur diese komische Seite, es gibt weiss Gott auch die dämonische Dimension des hominiden Lebens, das ist ja das Verwirrende. Gerade das kann man als junger Mensch so wenig begreifen und so schlecht akzeptieren. Als junger Mensch willst du Ordnung haben, willst dir ein ordentliches Weltbild schaffen, glaubst noch, dass das möglich ist, gibst dir Mühe, unterteilst in «gut» und «bös», bist guten Willens, wenn dabei auch manchmal übermütig, öfters betrübt, immer mal wieder zornig, ab und an depressiv, fast immer hoffnungslos verwirrt – aber irgendwann gibst du dieses Bemühen auf, erkennst, dass es völlig nutzlos ist, lässt die Widersprüchlichkeiten widersprüchlich sein und Gott einen lieben Mann und Fünfe gerade, erkennst, wie befreiend das Paradoxe ist. Brauchst alles nicht mehr so todernst zu nehmen, vor allem nicht dich selbst. Es gibt nichts Angenehmeres und Befreienderes, als über sich selbst zu lachen. Das kannst du dir als junger Mensch noch nicht leisten. Da musst du erst noch etwas erreichen, was auch immer, ein Lebensziel und so, eine Karriere durchziehen, ein Künstler sein, reich sein, erfolgreich sein, schön sein. Irgendwann ist das gegessen. Ist die jugendliche Schönheit dahin, entfällt auch die Notwendigkeit, gefallen zu müssen. Irgendwann erkennst du, dass du es nie und nimmer schaffen wirst, alle Bücher zu lesen, alle Länder zu bereisen oder alle Herzen zu erobern und erst recht nicht alle Länder zu erobern und alle Herzen zu bereisen. Irgendwann wird dir bewusst, dass das letzte Hemd tatsächlich keine Taschen haben wird. Gibst du dich mit dem zufrieden, was dir zu-fällt, fällt plötzlich eine Menge Stress von dir ab und deine Schultern werden leicht, wenn auch dein schwerer und runder gewordener Bauch zu verhindern weiss, dass du abhebst. Pflicht weicht immer mehr der Kür. Und, so paradox das klingt, der bedrohlich näher rückende Tod verleiht dem Leben eine besondere bittere Süsse. Gerade das Bewusstsein der Begrenztheit der Zeit, die man auf dieser Erde zur Verfügung hat, zwingt einen schon fast in die Gegenwart hinein, in ein Erleben des legendären Hier und Jetzt – ganz ohne Yoga oder bewusstseinerweiternde Drogen. Die relativierende Wirkung dieser zunehmenden Todesnachbarschaft schärft das Gefühl für den Lebensgenuss – und für die Absurdität des menschlichen Seins, oder vielleicht des Seins überhaupt. Ich erkenne meine Grenzen, also bin ich. Wie soll ich irgendetwas begreifen, wirklich erkennen, begreifen – das Wesen der Zeit, das Leben, die Wirklichkeit, den Tod – und dann erst Gott! Religion, die vorgibt, Gott zu begreifen, zu verstehen, erklärbar zu machen, ist die wohl allergrösste denkbare Überheblichkeit, die schlimmste und unheilbringendste Hybris, überhaupt denkbar ist. Ein lächerlicher Kinderversuch, absolut unreligiös im Grunde.

Mittwoch, 15. Oktober 2008

Früher und heute (IV)

Früher war sogar die Zukunft besser.
Karl Valentin

Dienstag, 14. Oktober 2008

Im Namen Gottes...

...gibt es unter Menschen nur den Wahnsinn.

Donnerstag, 2. Oktober 2008

Früher und Heute (III)



«First Avenue Ecke Dreissigste Strasse», sagte ich zum Taxifahrer am nächsten Tag. «Universitätsklinik.»
«Gutaussehendes Weibsstück, mit dem Sie da aus dem Hotel gekommen sind», sagte der Fahrer, als die Fahrt durch die Stadt begann. Kurz bevor ich das Taxi herangewinkt hatte, war ich beim Verlassen des Essex House auf dem Weg zum Krankenhaus downtown der Frau eines alten Freundes über den Weg gelaufen, und ich hatte unter dem Hotelbaldachin eine Weile mit ihr gesprochen.
»Ja?»
«Auf’n Sprung zu Besuch bei ihr gewesen?»
«Verzeihung?»
«Sie ficken sie’»
Im Rückspiegel sah ich ein grünes Augenpaar, dessen brutaler Blick noch beunruhigender war als die Frage. Hätte ich nicht schon beim Gespräch vor dem Hotel Zeit verloren, dann hätte ich mich dagegen entschieden, mein Leben jenen Augen anzuvertrauen, und wäre aus dem Taxi ausgestiegen, doch da ich unbedingt im Krankenhaus sein wollte, um meinen Vater zu sehen, ehe er in den Operationssaal gebracht wurde, sagte ich: «Um die Wahrheit zu sagen, nein. Aber einer meiner Freunde. Sie ist seine Frau.»
«Welchen Unterschied macht das schon? Er würde Ihre Frau ficken.»
«Nein, dieser spezielle Freund nicht, wenn ich auch annehme, dass das vorkommt.» Ich nahm es an, weil ich es gelegentlich selbst getan hatte, doch anders als der Fahrer legte ich nicht gleich alle Karten auf den Tisch. Wir hatten noch ziemlich weit zu fahren.
«Das kommt dauernd vor, Kumpel», erklärte er.
Ich dachte, es wäre keine gute Idee, ihn zu beleidigen, und antwortete einigermassen leichthin: «Nun, es ist immer gut, mit einem Realisten zu sprechen.»
Er antwortete mir mit unverhüllter Verachtung. «Ach, so nennt man das?»
Jetzt erst nahm ich Gebäude draussen wahr, und ich bemerkte, dass er am Park in die falsche Richtung abgebogen war und jetzt uptown fuhr. «He!» sagte ich und erinnerte daran, wohin wir wollten.
Um seinen Irrtum zu korrigieren, beschloss er, ganz nach Osten bis zum F.D.R. Drive zu fahren und dann nach Süden «hinüberzuschiessen». Dazu gehörte, dass er sogar noch weiter in die falsche Richtung fahren musste, um auf den Schnellweg zu gelangen.
Ich war weitaus früher aufgebrochen als nötig gewesen wäre, um gegen elf Uhr dreissig beim Krankenhaus zu sein, doch wegen eines Staus bei der Einfahrt zum Schnellweg war es jetzt schon nach elf, ehe das Taxi überhaupt angefangen hatte, sich in den dichten Verkehrsfluss nach Süden einzufädeln.
«Wohl’n Arzt, wie?» fragte er und fixierte mich, wie ich im Spiegel sah, mit kriegerischem Blick.
«Ja», sagte ich.
«Was für ‚ne Art?»
«Raten Sie.»
«Kopf», sagte er.
«Stimmt.»
«Psychiater», sagte er.
«Stimmt.»
«In der Universitätsklinik.»
«Nein, oben in Connecticut.»
«Wohl Chef der Klinik?»
«Sehe ich aus wie der Chef der Klinik?»
«Klar», sagte er mit Autorität.
«Nein», sagte ich, µeinfach einer der ärztlichen Mitarbeiter. Damit bin ich zufrieden.»
«Sie sind schlau – Sie gehen nicht auf Dollarjagd.»
Ich stellte fest, dass ich ihn unter Beobachtung genommen hatte, als würe ich tatsächlich ein Profi, dessen Interesse über das eines gewöhnlichen, zweitweiligen Fahrgastes hinausging. Der Mann war ein Mastodon, und obwohl das Taxi eine grossformatige Limusine war, quoll er über seine Hälfte der vorderen Sitzbank hinaus und reichte oben bis etwa einen Zentimeter unter das Wagendach – und das Lenkrad in seinen Händen war ein winziger Säugling, ein Säugling, den er erdrosselte. Alles, was ich im Spiegel von seinem Gesicht sehen konnte, waren jene Augen, die aussahen, als könnten sie, wenn sie aus seinem Kopf heraussprängen, einem ebnso den Garaus machen wie seine Hände. Seine Ausstrahlung war sogar noch bedrohlicher als seine einleitende Bemerkung hatte vermuten lassen, und die Idee, mit ihm den Schnellweg «entlangzuschiessen», gefiel mir gar nicht, insbesondere seit klar war – und nicht nur, weil er fast zu Anfang in die falsche Richtung gefahren war –, dass seine Aufmerksamkeit auf etwas Zwingenderes gerichtet war, als mich dorthin zu bringen, wohin ich wollte.
«Wissen Sie was, Doc», sagte er und schwenkte ganz plötzlich und ohne Mangel an Waghalsigkeit auf die Überholspur Richtung Süden hinüber, «mein alter Herr liegt jetzt im Grab, ohne seine vier Vorderzähne. Ich hab sie ihm aus seinem beschissenen Maul geschlagen.»
«Sie haben ihn nicht gemocht.»
«Er war ein Scheisser und ein Versager, und er wollte, dass ich auch ein Versager würde. Elend hat gern Gesellschaft. Er hat meinen älteren Bruder immer dazu angestiftet, mich auf der Strasse zu verprügeln. Mein älterer Bruder hat mich verprügelt, und mein Alter hat ihn niemals davon abgehalten. Und da bin ich eines Tages, als ich zwanzig war, zu ihm hingegangen und ich hab gesagt: Weißt du, wofür das ist? Weil du mich nie vor Bobby beschützt hast. Ich bin nicht einmal zu seiner Beerdigung gegangen. Aber viele Kinder gehen nicht zur Beerdigung ihrer Eltern, oder?» Mit einer auf einmal ganz hohl klingenden, ganz auf Rechtfertigung bedachten Armsünderstimme fügt er hinzu: «Ich bin nicht der erste.»
Die Augen im Spiegel, die nichts Brutales oder Kriegerisches verbargen, warteten auf meine Antwort.
«Sie sind nicht der erste», versicherte ich ihm.
«Meine Mutter ist nicht besser», sagte er, und das Wort «Mutter» spuckte er aus, als wäre es kein Wort, sondern etwas Verdorbenes, in das er hineingebissen hatte. «Sie hat mich weinend angerufen, dass er tot ist, und ich habe gesagt: Los, nur weiter, wein bloss um den grossen Helden. Und ich habe zu ihr gesagt, wwas für eine dumme Kuh sie ist.»
«Es muss schwer für Sie gewesen sein, nicht wahr?»
Die Reinheit der Paranoia, die in jenen Augen aufflammte, Liss micht denken: Licht, das von der Klinge eines Messers springt. Doch wenn er glaubte, ich sei eine Art von Ironiker, der wie sein Vater minus vier Vorderzähne in die Grube fahren wollte, hatte er sich in mir getäuscht. Ich war ein Psychiater, der sich nicht zu Urteilen herabliess, und das schien ihm glücklicherweise nicht zu spät zu dämmern. Er war keineswegs dumm, meine Güte, er war misstrauisch! Indem sein verstorbener Vater es versäumt hatte, ihn vor Bobby zu beschützen, hatte er einen sehr skeptischen jüngeren Sohn auf die Welt losgelassen.
«Tja», antwortete er mit trauriger Stimme, «schwer kann man es schon nennen.» Doch indem er mit dem Kopf in die Luft stiess, fügte er hinzu: «Ich habe überlebt.»
«Das ist mal sicher.»
Dann verblüffte er mich. Ich wäre nicht überraschter gewesen, hätte er vom Sitz neben sich eine Teetasse erhoben uns mit höflich und zierlich abgespreiztem kleinen Finger einen kleinen Schluck genippt. «Doc, ich bin unsicher.»
«Sie?» Ungläubig, ich gönnt es ihm. «Wovon zum Teufel reden Sie? Sie haben Ihrem Vater die Zähne in den Rachen geschlagen, Sie haben Ihrer Mutter die Meinung gesagt, als sie in Tränen war – das ist Ihr taxi, was Sie da fahren, oder?»
«Oh ja. Ich habe zwei.»
«Zwei – wieso, Sie sind so sicher, wie man überhaupt nur sein kann.»
«Bin ich das?» fragte mich dieser gewalttätige Bastard.
«So scheint’s mir.»
«Sie sind gut zu mir, Doc – ich werde Ihnen einen Buck vom Fahrpreis abziehen. Sie sollen nicht für meinen Fehler zahlen müssen.» Als er vom Schnellweg zur Vierund dreissigsten Strasse abschwenkte, wurde er sogar noch grosszügiger. «Ich stelle schon jetzt den Taxmeter ab und ziehe Ihnen noch einen Buck vom Gesamtpreis ab.»
«Wenn Sie wollen. Das ist sehr nett von Ihnen.»
Ich fragte mich, ob ich es nicht zu weit getrieben hatte. Ich blickte in den Spiegel in der Erwartung, dass er jetzt bereit wäre, mich umzubringen, weil ich ihn nett genannt hatte. Doch nein, es gefiel ihm. Dieser Kerl ist menschlich, dachte ich, im schlimmsten Sinne des Wortes.
Als ich vor dem Krankenhaus aus dem Taxi sprang, war ich ein guter Psychiater und gab ihm den einzigen Rat, dem er meiner Meinung nach folgen konnte. «Weiterboxen», sagte ich zu ihm.
«He, Sie auch, Doc», sagte er, und das Gesicht, das, wie ich jetzt sah, das eines Riesenbabys war, eines übermässig fleischigen, schwer trinkenden, verbitterten Säuglings von vierzig Jahren, hatte sich jetzt in ein übersättigtes Lächeln aufgelöst und zeigte mir an, dass schon bei meinem allerersten professionellen Debüt eine positive Übertragung stattgefunden hatte. Er hatte es tatsächlich getan, so wurde mir jetzt klar, er hatte den Vater vernichtet. Er gehört zu der Urhorde von Söhnen, die, wie Freud zu mutmassen beliebte, dazu fähig sind, den Vater gewaltsam auszulöschen – die ihn hassen und fürchten und ihn, nachdem sie ihn überwältigt haben, dadurch ehren, dass sie ihn verzehren. Und ich komme aus der Horde, die keinen Schlag austeilen kann. Wir sind nicht so, und wir bringen es nicht fertig, weder gegen unsere Väter noch gegen sonst jemanden.
(aus: Philip Roth: Mein Leben als Sohn. Eine wahre Geschichte. dtv. Sehr empfehlenswertes Buch – wie alles, was ich bisher von Philip Roth gelesen habe. Der ist auf seine Art genauso satrk wie sein Namensvetter Joseph.)

Donnerstag, 25. September 2008

Früher und heute (II)



"Wenn ich ins Kino will und sage, ich habe kein Geld, dann darf ich nicht ins Kino. Weil es niemanden gibt, der ohne Geld ins Kino gehen will. Es gibt zu jeder Zeit Dinge, die man aussschliessen kann. Früher durfte man zum Beispiel die Vorstellung ausschliessen, ein Mensch könne fliegen, oder, die Erde sei rund. Heute darf man die Idee ausschliessen, es gäbe Menschen, die ohne Geld ins Kino wollen. So verschieben sich die Unmöglichkeiten.
So wie heute niemand mehr grosse Löcher in den Zähnen hat, wo Spinat drin steckt.
Früher hatte man grosse Löcher mit Spinat. Heute nicht mehr. Weil wir versichert sind gegen grosse Löcher mit Spinat.
Die ganze Zahnlosigkeit ist heute aufgehoben. Soll es einer wagen, ohne Zähne in einer Stadt herumzulaufen. Im Emmental mag das angehen. Dort darf man ja auch noch schwerhörig sein, oder mit einer abgefrorenen Nase Milch verkaufen. Aber nicht in der
Stadt. Selbstverwahrlosung ist strafbar, weil es an Unmögliches erinnert, und 'Unmöglich' ist ein Lästerwort. Mir soll einer kommen mit einem Grind. Den werde ich schleunigst da hinschicken, wo er hingehört. Das heisst, ich weiss nicht, wo er hingehört, aber mein nächster Polizist wüsste das."
(aus: Matthias Zschokke: Max)

Mittwoch, 24. September 2008

Kürzestroman

Der schöne Ritchie verliebt sich in den kleinwüchsigen Robie. Er weiss nicht, wie ihm geschieht. Robie ist ausserstande, diese Liebe zu erwidern oder auch nur anzunehmen, weil er sich nicht vorstellen kann, dass ein gutaussehender, "normaler" Mensch wie Ritchie sich in einen "Krüppel" wie ihn verlieben kann. Eine unmögliche Liebe, die tragisch endet: Ritchie bringt sich aus Verzweiflung um, Robie versteinert.

Felix Rex



Es gibt Leute, die träumen davon, Diktator zu sein.
Felix weiss, dass er ein König ist (in seinem kleinen Königreich).

Sonntag, 21. September 2008

Früher war alles...



...gleich wie heute und doch ganz anders. Das Hotel Dolder hiess früher zum Beispiel einfach "Grandhotel Dolder", während es sich heute viel moderner oder postmoderner und vor allem viel englischer "The Dolder Grand" nennt. "Im Dolder Grand spielt Dollar Brand", könnte Felix da dichten, nur würde das wahrscheinlich kaum einen Sinn machen, weil 1. Dollar Brand heute kaum mehr jemand kennt und weil 2. der in die Jahre gekommene afrikanische Pianist und Komponist sich seit längerer Zeit Abdullah Ibrahim nennt. Seine Musik ist übrigens, nebenbei gesagt, immer noch ein Ohr voll wert.
Ja, die heutige Zeit, wie soll Felix sie beschreiben? Sie zeichnet sich, wie übrigens alle Zeiten davor oder danach, durch ihren Materialismus aus. Geld regiert die Welt, jawoll. Aber welches Geld? Ist Geld überhaupt real? Woher kommt zum Beispiel das Geld, welches die US-Regierung dem maroden Bankensystem unterbuttert? Wieviele Milliarden waren es schon wieder - 700 Millarden oder 7000 Milliarden? Wo hat die US-Regierung dieses Geld gefunden? Und wem muss sie es irgendwann wieder zurückzahlen? Wer schuldet wem Geld - und warum? Was ist Geld überhaupt?
Hand aufs Herz - bei dieser Subprime-Krise: Blicken Sie da durch? Felix hat gestern Abend eine Diskussionssendung im Fernsehen zu verfolgen versucht, musste aber schliesslich kapitulieren - er hatte nicht den Hauch einer Ahnung, was ihm da hätte erklärt werden sollen. Irgendwann hatte er das unheimlich Gefühl, dass die Befrager - zwei Journalisten der NZZ - und der Befragte - ein Privatbanker und Spezialist (Mitglied des Bankrates), Konrad Hummler hiess er, glaube ich - genauso wenig eine Ahnung hatten, wovon sie sprachen, wie ich verstand, was sie sagen wollten.
Und wie war das schon wieder? Der Markt wird es schon richten, hiess es doch die ganze Zeit. Dieses neoliberale Gerede, wie lässt es sich mit den abstrakten ominösen 700 oder 7000 Milliarden Dollar vereinbaren, von denen ich weiter oben sprach? Die unsichtbare Hand des Marktes - ein Gespenst?
Die Natur des Menschen ist immer noch dieselbe wie schon immer - insofern haben sich die Zeiten nicht geändert. Kürzlich wurde das Milgram-Experiment wiederholt, in welchem Menschen andere Menschen auf "wissenschaftlichen Befehl" mittels Stromstössen "bestrafen" mussten oder vielleicht auch durften. Die meisten haben es wiederum getan. Nur scheint es heutzutage immer mehr in Mode zu kommen, dass man vor allem die Opfer (und die "Gutmenschen") als die "Bösen" definiert - während die Zyniker, die gerissenen Erfolgstypen, die schlauen Machtmenschen und die hemmunglosen Egoisten zu Vorbildern erklärt werden (eine schon fast karikierende Darstellung hat dieser Menschentyp im Roman "American Psycho" von Bret Easton Ellis gefunden. In Abwandlung der Darwinschen Losung "Survival of the fittest" müsste man dann davon sprechen, dass heute nur noch die Rücksichtslosesten eine Überlebenschance haben.
Kein Wunder, dass Jugendliche sich da in Jugendszenen gegen die Erwachsenen verbünden("Emos"),in denen die Empfindsamkeit, die Trauer, der Weltschmerz und das Dasein eines Loosers lustvoll inszeniert wird.

Donnerstag, 4. September 2008

Eine kleine Reise nach Belgien



Acht Stunden im Zug vergehen gleichzeitig langsam und schnell. Dieser Zug ist angenehm, nicht zu voll und nicht zu leer und nicht zu hypermodern, ein guter alter Zug eben, der in annehmbarem Tempo durch eine annehmbare, ja durchaus sehenswerte Landschaft fährt. Bis Strassburg, gar bis Metz ist es regnerisch, ab Luxemburg reisst die Wolkendecke auf und zum Abend hin, schon in Belgien, gibt es spektakuläre Licht-und-Wolkenspiele. In Brüssel dann ein wolkenloser Himmel, aber kalt – Nordwind.
Unterwegs, im Zug, kleine Begegnungen mit freundlichen, aber völlig unaufdringlichen Menschen – ein alter Mann, ein Bauer mit grossen Händen und einem roten Gesicht und warmen Augen, der Felix hin und wieder anlächelt, zwischen Strassburg und Metz. Ein junges Mädchen mit Rucksack und viel Gepäck, das friedlich schläft und sogar ein wenig schnarcht. Der Bauerngeruch des Alten, das Schnarchen des Mädchens sind seltsamerweise Balsam für die Nerven von Felix. Er ist nämlich immer ein bisschen nervös, wenn er allein unterwegs ist an einen Ort, wo er bisher noch nie war. Und allein unterwegs ist er, weil Aluk sich momentan in Indonesien befindet und weil Aluk in diesem Jahr kein Visum für die Schweiz mehr ausgestellt bekommt.
Belgien oder vielmehr Wallonien ist überraschend, vom Zug aus, sehr ländlich, hügelig, waldig, wenig dicht besiedelt. Die Orte erinnern Felix an England oder an Holland – graue und rötliche Backsteinhäuser, die meisten unverputzt, schön im Herbstlicht.

Brüssel hat Felix sich ganz anders vorgestellt – unattraktiv, technokratisch, ohne Charme. Dass das nicht stimmt, fällt Felix schon bei der Einfahrt auf – es nachtet bereits ein. Zunächst aber Stress – wo soll Felix aussteigen? Brüssel hat jede Menge Bahnhöfe: Ost, West, Nord, Süd, Central usw. Felix entscheidet sich schliesslich für den Gare du Midi, die Endstation. Und nun benimmt er sich wirklich wie der letzte Tourist, mit seinem Regenschirm und dem Koffer und dem Baedeker in der Hand. Felix weiss, er muss zur Rolstraat, die auch Rue de Rouleau heisst; da hat er im «Residence les Ecrins» ein Zimmer reserviert. Das klang, in der Beschreibung des Schwulenführers, ganz attraktiv. Zentral gelegen, ein über hundertjähriges Haus, grosse, schöne Räume… Zuerst sucht Felix also die U-Bahn und dann die richtige Linie und muss fragen, wie man ein Ticket löst, Felix schämt sich und ist nervös und kommt sich wie eine ältere, hilfesuchende Dame vor. Aber dann muss er sich unverhofft doch irgendwo in der Nähe des Hotels befinden. Beginenhof, St. Katharinen-Kirche, alles vorhanden, nur von der Rue de Rouleau keine Spur, und die Leute, die Felix auf der Strasse nach der Strasse fragt, haben ebenfalls keine Ahnung. Schliesslich hilft ihm die freundliche Wirtin einer Kneipe weiter – Felix hat die richtige Adresse zielsicher mehrere Male knapp verpasst.

Das Zimmer ist enttäuschend – klein, das Bett unbequem, obwohl neu, die Dusche in der Zwischenetage ohne Warmwasser, wie Felix später bemerkt. Gewiss, das Haus ist alt und die Lage perfekt, aber mehr als die 45 Euro, die Felix pro Nacht bezahlt, ist seine Kammer wirklich nicht wert. Aber was solls, Felix ist froh, wieder einmal irgendwo untergekommen zu sein. Ein Bett braucht der Mensch; ein Nest braucht der Mensch, und sei es auch noch so bescheiden. Nun kann Felix sich etwas entspannen und merkt, dass er ziemlich müde ist. Er ist 47 und spürt das auch, jedes einzelne verdammte Jahr schleppt er mit sich herum, wie Jahrringe haben sie sich um seinen Bauch gelegt – kein Wunder, dass dieser immer umfangreicher wird. Felix setzt sich in eine Kneipe, eine italienische, wie er bald merkt, und er bestellt ein Bier und eine Pizza mit Salat und natürlich Wein und später Grappa und flirtet die ganze Zeit mit einem jungen Marokkaner? Algerier?, der hinter der Theke als Buffetbursche arbeitet, der Bursche ist wirklich noch sehr jung und sehr sexy und er schaut Felix die ganze Zeit an und lächelt ihm zu und Felix lächelt mit leuchtenden Augen zurück, sie tauschen auch mal ein Wort, ach, es ist fast wie in alten Zeiten, nur dass die alten Zeiten eben vorbei sind und Felix, wie gesagt, inzwischen ein älterer Herr ist, aber auch ältere Herren können ja ganz nett sein, wie man weiss. Und dann bezahlt Felix und gibt dem Falschen das übertriebene Trinkgeld – der Buffetbursche darf ja nicht einkassieren – und verfügt sich zurück in sein lausiges Hotelzimmer, wo er, trotzdem zufrieden und mit einem behaglichen Seufzer, endlich die müden Haxen hochlagern kann, sich ein letztes Glas Wein genehmigt und sich im ersten deutschen Fernsehen, der Sender ist aufs Netz des Hotel-TVs aufgeschaltet, noch ein paar Infos zu den anstehenden deutschen Wahlen reinzieht. Es geht um einen Typen namens Möllemann, der mit antisemitischen Äusserungen auf Flugblättern, die er zum Wahlkampf verteilen liess, aufgefallen ist. Das sind die Wonnen des Alters, sozusagen, oder wenigstens die Wonnen des persönlichen Älterwerdens von Felix, nicht Möllemann natürlich, aber dass er sich im Hotelzimmer damit begnügen kann, in die Glotze zu schauen und sich nicht von irgendeiner innerpsychischen Instanz zu irgendeiner Form von Nachtleben genötigt sieht oder gedrängt fühlt. Dann schläft Felix ein, aber, verdammt noch mal, ihm fehlt sein zweites Kissen, an das er sich klammern kann und das gewissermassen unabdingbar ist, und das Bett fällt etwas nach hinten ab, was es nicht sollte, denn das ist ungut beim Schnarchen, weil so das Gaumensegel oder wie dieses Ding heisst irgendwie eingeklemmt oder an den Rachen gepappt wird, sodass Felix nach nächtlichem Atemstillstand, einem so genannten Schlaf-Apnoe-Syndrom, mit einem Gefühl der Atemnot erwacht – aber ist ja egal, Felix hat Ferien, er kann ausschlafen und träumt verrücktes Zeug, unter anderem vom Job, was für ein Witz.

Am nächsten Tag wacht Felix dann trotzdem einigermassen gut gelaunt auf. Das Hotelfrühstück ist auch eher eine Sache, über die wir gnädig den Mantel des Schweigens breiten wollen. Aber draussen ist wunderschönes Wetter, kalt, wie gesagt, jedoch ein Licht vom feinsten. Brüssel ist wirklich eine beeindruckende Stadt. Felix hat vor Kurzem damit angefangen, zu fotografieren, mit einer ganz einfachen Canon ohne Zoom, die Panorama-Bilder machen kann und die Felix gegen seine Coop-Superpunkte eingelöst hat. Felix beginnt also eine lange Stadtwanderung. Nur schon in unmittelbarer Umgebung des Hotels gibt es jede Menge attraktiver Bilder, in diesem besonderen Licht. Jede Menge Altstadt, leicht zu finden bei der guten Beschilderung, die sich die Touristikabteilung der Stadt hat einfallen lassen, jede Menge Wanderwege. Felix lässt sich treiben durch Alt und Neu. Der grosse Markt ist fantastisch, wirklich einer der grandiosesten Plätze, die es in Europa gibt. Maneken Pis ist lächerlich, was dieser pinkelnde Knabe an sich hat, um zum Wahrzeichen zu werden, ist Felix schleierhaft. Kirchen, Gebäude, Bilder, Ausblicke, Überblicke, nicht zu beschreiben, aber zu fotografieren. Felix marschiert und knipst, er sitzt in der Sonne und im kalten Wind, in Parks und im botanischen Garten, und er geniesst vor allem dieses besondere Licht, die Vermählung dieser Stadtlandschaft mit diesem Licht, dass es nur jetzt, Ende September und oft im Oktober und selten auch noch im November auf diese Weise gibt, es ist das klare, unaggressive Licht des Herbsts. Das Licht des Sommers ist pampig, matschig, erdrückend. Im Frühling ist es einfach Sonnenlicht, das zu blühenden Bäumen und Blumen passt. Aber jetzt ist es strahlend, klar, konturierend.

Irgendwie zieht es Felix in die Eglise de Sablon, eine gotischen Kirche aus dem 15. Jahrhundert, die der Jungfrau Maria gewidmet ist. Die erste Liebfrauenkirche von Sablon wurde 1304 von der Gilde der Armbrustschützen gestiftet und zu Beginn des 15. Jahrhunderts teilweise, dem Geschmack der Zeit entsprechend, barock verschönert. In dieser Kirche wird seit 1348, als Herzog Johann III. von Brabant in Brüssel residierte, die Notre-Dame à la Branche verehrt, die im «göttlichen Auftrag» von Beatrijs Soetkens, der Frau eines armen Tuchwebers, aus der Antwerpener Liebfrauenkirche entwendet worden war. Nach dem «gottgewollten» Raub der Statue der heiligen. Jungfrau, so erzählt die Legende, erwies sich die Reise von Antwerpen zurück nach Brüssel als sehr beschwerlich. Mit einem kleinen Ruderboot musste sich die fromme Reisende gegen heftigen Wind, gefährliche Strömung und Wellengang vorwärtsbewegen. Himmlische Kräfte erbarmten sich und trugen den hölzernen Kahn mit der gleichzeitig gottesfürchtigen und langfingrigen Beatrijs pfeilschnell und sicher durch die Gischtkronen des aufgepeitschten Wasser. Vor einer herbeigeeilten Menge ging Beatrijs mit der Statue der heiligen Jungfrau am Übungsplatz der Schützengilde an Land. Ob ihrer wundersamen Rückkehr wurde beschlossen, fortan der heiligen Jungfrau zu Ehren eine grosse Prozession abzuhalten.

In diese Muttergotteskirche zieht es Felix nun also mit aller Kraft. Er zündet eine Kerze für 50 Cent für seinen kürzlich verstorbenen Vater an. Und dann setzt er sich auf einen der bereitgestellten Stühle und ergibt sich der Stimmung in diesem hohen, weiten Raum. Felix ist nicht katholisch, er würde sich nicht einmal als Christen bezeichnen, aber er spürt die Anwesenheit der Muttergottes und des leidenden Jesus in diesem Raum trotzdem. Er sitzt da und die Tränen strömen aus ihm heraus. Er spürt seine Seele wie eine offene, brennende Wunde, und er spürt all den Schmerz der Welt, seinen eigenen, aber auch den der anderen, und ein unendliches Meer von Traurigkeit, das unterirdisch in ihm wogt. Dies zu spüren und es dem Unbekannten, Grossen, das Felix in diesem Raum empfängt, zu übergeben oder es ihm darzustellen – wir finden kein besseres Wort –, ist in diesem Moment sein Gebet. Felix erwartet keine Antwort darauf und es ist keine Art von Gebet, das erhört werden könnte, aber es ist eben die einzige Art, wie Felix beten kann.

Freitag, 22. August 2008

Fünf Vorurteile und ihre Widerlegung




Vorurteil Nummer 1: Homosexualität ist widernatürlich

«Es ist schon in der Sache widersinnig, einer biologisch unnatürlichen Lebensform gleiche Rechte wie heterosexuellen Paaren zuzugestehen», führte EDU-Nationalrat Christian Waber als Argument gegen das Partnerschaftsgesetz an, das am 5. Juni 2005 in der Schweiz vom Volk angenommen wurde und es schwulen und lesbischen Paaren erlaubt, ihre Partnerschaft rechtlich zu schützen. Körperlich und seelisch seien Mann und Frau, dies die Argumentation kirchlich-fundamentalistischer Kreise, so geschaffen, dass sie der Ergänzung bedürfen, um den göttlichen Auftrag auszuführen, der da lautet: «Seit fruchtbar und mehret euch!» Diese doch eher archaisch und mythisch als wissenschaftlich anmutende Sicht geht davon aus – ähnlich wie Platon, der sagt, die Menschen seien ursprünglich kugelförmig gewesen und dann zu ihrem Unglück von einem übel wollenden Gott in zwei Halbkugeln geteilt worden –, dass die Menschen hälftig angelegt sind. Homosexuelle Beziehungen würden diese «natürliche Zuordnung» nicht haben und könnten deshalb die Aufgabe der Arterhaltung nicht erfüllen. Die gleichgeschlechtliche Liebe wird von diesen Kreisen als «naturwidrige Trieb-Verirrung» gebrandmarkt – etwa auf der Internetseite www.christus-kommt-bald.de.
Offenbar besteht die Hauptsorge der Leute, die solche Thesen vertreten, darin, dass die Menschheit aussterben könnte – und zwar nicht etwa wegen der Zerstörung unserer natürlichen Lebensgrundlagen durch Umweltverschmutzung, Klimawandel, Konsumwahn oder etwa wegen drohender Kriege welcher Art auch immer mit Massenvernichtungswaffen oder wegen Naturkatastrophen, sondern weil offenbar die Gefahr besteht, dass sich immer mehr Menschen dem «Laster» der Homosexualität zuwenden. Abgesehen davon, dass diese Behauptung nur schon deshalb absurd ist, weil niemand zur Homosexualität «verführt» werden kann, lässt diese Sicht auch völlig ausser Acht, dass die Bevölkerung auf dem ganzen Planeten immer noch rasant zunimmt und dass bei uns die Menschen aus ganz anderen Gründen immer «reproduktionsmüder» sind, etwa weil Kinder zunehmend zu einem Armutsrisiko werden.
Tatsache ist: Ein gewisser Teil der Menschheit ist in allen Kulturen und war durch alle Zeiten hindurch mehr oder weniger ausgeprägt «schwul» oder «lesbisch» – nämlich etwa 5 bis 10% der Bevölkerung, je nachdem, wo man die Grenze zieht bei den ohnehin fliessenden Übergängen zwischen den Begriffen «homosexuell», «bisexuell» und «heterosexuell». Möglich, dass die Homosexualität nicht als solche bezeichnet wurde oder wird und auch nicht schon immer als «selbstständige Lebensform» existierte – das Phänomen als solches ist ganz gewiss keine Erfindung der Neuzeit. Homosexualität kommt übrigens auch im Tierreich vor und ist weder ein Ausdruck der Dekadenz noch irgendeiner Triebverirrung, sondern – ganz natürlich! (Homosexuelles Verhalten ist bei männlichen wie auch bei weiblichen Tieren mittlerweile in Tausenden von Fällen que{e}r durch das gesamte Tierreich dokumentiert; man darf daher als gesichert voraussetzen, dass keine grössere Tiergruppe auf diesem Planeten existiert, in der Homosexualität nicht vorkäme.)


Vorurteil Nummer 2: Homosexualität ist eine Krankheit

Schwule Männer und lesbische Frauen unterscheiden sich weder in hormoneller noch anderer physischer Hinsicht von heterosexuellen Menschen. Trotzdem wurden Homosexuelle lange Zeit von der Wissenschaft und werden immer noch von christlich-fundamentalistischen und zum Teil von rechtskonservativen Kreisen als «krank» diffamiert, da sie die Lebens- und Arterhaltungsfunktionen «stören» würden (siehe Vorurteil 1). Entgegen neuerer Erkenntnisse behaupten sie zudem unverdrossen, Homosexualität sei eine erworbene Sexualneurose. Auf der schon oben erwähnten Internetseite www.christus-kommt-bald.de steht wörtlich folgende Aussage: «Alle Homos, die mit Neurose-Tests untersucht wurden, weisen eine ‹neurotische Emotionalität› auf. Sie leiden unter einer gespaltenen Persönlichkeit: einem erwachsenen Ich und einem unreifen, infantilen Ich, dem ‹psychischen Infantilismus› oder ‹Schizosexie›. Dieser Infantilismus ist unabhängig von Intelligenz und Begabung.» Solche und ähnlich abenteuerliche Theorien entbehren jeder wissenschaftlichen Grundlage und entlarven sich selbst als verkappte Homophobie.


Vorurteil Nummer 3: Homosexualität ist heilbar

Einmal ganz abgesehen davon, dass Homosexualität keine Krankheit ist und folglich auch nicht «geheilt» werden muss (siehe Vorurteil Nummer. 2), ist es auch gar nicht möglich, jemanden, der lesbisch oder schwul ist, «umzudrehen» und in eine oder einen Heterosexuellen zu «verwandeln», wie das früher auch von Ärzten und der Psychiatrie mit Tabletten, Hormonspritzen, Psychotherapien und sogar Elektroschocks oder operativen Eingriffen versucht wurde. Das ist reiner Unsinn! Mittlerweile sind glücklicherweise die meisten Ärzte und Ärztinnen zu der Einsicht gelangt, dass Homosexualität keine Krankheit ist. Die Weltgesundheitsorganisation hat folgerichtig die Homosexualität aus dem Register der Krankheiten gestrichen. Vor allem christlich-fundamentalistische Kreise, aber etwa auch die Scientologen stellen immer noch die Behauptung auf, schwule Männer und lesbische Frauen könnten durch Seelsorge, Gebet, Living Waters1 oder Gesprächstherapie – oder im Fall der Scientologen gar durch intensives Schwitzen – «geheilt» oder zumindest zu einem sexuell-abstinenten Leben geführt werden. Die «Behandlung» von Schwulen und Lesben mit dem Ziel, sie «umzudrehen», ist nichts anderes als eine – in sektenähnlichen Gemeinschaften in vielen Bereichen nicht unübliche – Gehirnwäsche, die sehr häufig bewirkt, dass der sich um «Besserung» bemühende homosexuelle Mensch – letztlich vergeblich – gegen seine eigene Natur und damit gegen sich selber ankämpft und daran zerbricht, denn Homosexualität ist untrennbar mit der Persönlichkeit eines Menschen verbunden. Derart «behandelte» Menschen laufen gerade durch die oft sehr brutalen «Therapieversuche» Gefahr, krank zu werden! Natürlich kann ein schwuler Mann seine – oder eine lesbische Frau ihre – Neigungen verleugnen und unterdrücken, vielleicht sogar heiraten und Kinder bekommen und bis an das Lebensende sein/ihr Geheimnis und seine/ihre wahre Persönlichkeit verstecken – was früher (vor dem Entstehen der Schwulenbewegung) auch oft der Fall war. Der Preis kann das lebenslange Unglück von ganzen Familien sein und bei den Betroffenen zu schweren psychischen Problemen führen.


Vorurteil Nummer 4: Homosexualität ist pervers

Was als sexuelle Perversion gilt, ist relativ. Verschiedene psychologische Schulen (Freud, Adler etc.) haben sie verschieden definiert, die Definition ist auch abhängig vom Zeitgeist (siehe auch Vorurteil Nummer 2). Heute spricht die Psychiatrie nicht mehr von sexuellen Perversionen, sondern von sexuellen Störungen und insbesondere von Störungen der sexuellen Präferenz (sog. Paraphilien). Sie zeichnen sich dadurch aus, dass die sexuelle Befriedigung an aussergewöhliche Bedingungen geknüpft ist (wie im Fetischismus, im Exihibitionismus, im Voyeurismus und im Sado-Masochismus). Diese Störungen treten gleichermassen bei «homosexuellen» und «heterosexuellen» Menschen auf. Therapiert werden Paraphilien vor allem bei hohem Leidensdruck der Betroffenen, sie sind allerdings schwierig zu behandeln. Zu verurteilen – auch strafrechtlich – sind sicherlich alle sexuellen Praktiken, die nicht auf gegenseitigem Einvernehmen beruhen oder ein Machtgefälle ausnützen. Solche Praktiken kommen ebenfalls sowohl im heterosexuellen wie im homosexuellen Kontext vor. Natürlich wird im Volksmund der Begriff pervers auch für alles verwendet, was man (höchst subjektiv!) als «nicht normal» empfindet. Die Homosexualität ist aber nur insofern nicht «normal», als (in allen Kulturen) lediglich eine Minderheit von 5-10% der Bevölkerung schwul oder lesbisch ist (siehe oben). Nur würde zum Beispiel ja auch niemand behaupten, die Rätoromanen in der Schweiz seien pervers – bloss, weil es sich dabei um eine kleine sprachliche Minderheit handelt und es folglich nicht «normal» ist, Rätoromanisch zu sprechen!


Vorurteil Nummer 5: Homosexualität ist sündig

Homosexualität und Religion ist in vielen Religionen ein Problemfeld; weil viele religiöse Gruppierungen Homosexualität (aber auch andere Formen der Sexualität wie zum Beispiel die Selbstbefriedigung) strikt ablehnen, meist unter Berufung auf heilige Texte, religiöse Schriften oder Traditionen, fühlen sich religiös geprägte Homosexuelle häufig in einen Gewissenskonflikt gedrängt.
In westlichen Ländern wird meist vorrangig mit der Familie, welche Homosexuelle nicht gründen könnten, argumentiert, da die herkömmliche Familie als ein wesentliches Lebensziel angesehen wird. Das anderswo häufig genannte Argument von der grundsätzlichen «Sündhaftigkeit» oder schlicht «Falschheit» von Homosexualität wird dagegen insbesondere in Europa von den Angehörigen der entsprechenden religiösen Gemeinschaften weniger akzeptiert.
In der Tat gibt es eine Reihe von Bibelstellen, die den Geschlechtsverkehr zwischen Männern bzw. zwischen Frauen verurteilen. Aber bei näherem Hinsehen zeigt sich, dass diese Aussagen auf zeitgebundenen Vorstellungen beruhen und auf einem anderen Wissensstand über den Menschen und seine Sexualität. Zum Beispiel geht Paulus im Römerbrief (1,18 ff.) davon aus, dass Homosexualität frei wählbar sei und dass sie jederzeit auch wieder aufgegeben werden könne. In seiner Vorstellung ist jeder Mensch heterosexuell. Wir wissen heute, dass dem nicht so ist. Von einer homo- oder bisexuellen Persönlichkeitsprägung war Paulus noch nichts bekannt. Von Jesus gibt es keine Aussagen zur Homosexualität. Auf ihn jedoch beruft sich Paulus, wenn er zur Überwindung sinnlos gewordener Grenzen aufruft: «Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht mehr Sklaven und Freie, nicht mehr Mann und Frau, denn ihr alle seid einer in Christus Jesus» (Gal. 3,28). Was man durchaus auch so interpretieren kann, dass Jesus keinen Unterschied zwischen Heterosexuellen und Homosexuellen gemacht sehen will. Diese Haltung würde sich jedenfalls weitaus besser mit dem neutestamentlichen Konzept der Selbst- und Nächstenliebe vertragen als die homophobe Haltung vieler kirchlicher Würdenträger. Daraus würde folgen: Homo- und Heterosexualität sind gleichwertige Varianten der Sexualität!