Donnerstag, 29. Mai 2008

Auf der Flucht (Teil 3)




Als Wolf, nachdem er lange und ausgiebig geduscht hat, ins Zimmer zurückkommt, scheint der Junge bereits tief und fest zu schlafen. Einer Intuition folgend, durchsucht Wolf die Taschen der Hosen des Jungen, die auf einem Stuhl liegen. Und tatsächlich befinden sich neben einigen zerknüllten Bath-Tausendernoten auch ein paar DM-Hunderter darin. Als Wolf seine Geldbörse kontrolliert, stellt er fest, dass ihm genau dieser Betrag fehlt. Wolf lächelt und macht dann ein böses Gesicht. Unsanft packt er den Jungen, der sich schlafend stellt, an den Schultern und fährt ihn, während er ihm anklagend die Banknoten unter die Nase hält, barsch an, dass er gehen solle. Nun beginnt ein grosses Lamento: Mit zusammengelegten Händen und auf dem Boden kniend wie zum Gebet fleht der Junge aus Lamphun Wolf an, ihn doch nicht wegzuschicken, ihm zu verzeihen, er sei ein sehr armer Junge und habe kein Geld. Wolf ist nicht wirklich wütend, viel eher amüsiert und ein klein wenig betroffen, aber das zeigt er dem Jungen natürlich nicht. Inzwischen ist es vor dem Fenster bereits wieder heller Tag, und Wolf merkt, dass er hundemüde ist. Wolf steckt die Bath-Noten in die Hosentasche des Jungen zurück und macht ihm noch einmal unmissverständlich klar, dass er sich vom Acker machen solle. Wolf will jetzt nur noch seine Ruhe haben und schlafen. Mit den vier- oder fünftausend Bath, die er dem Jungen lässt, ist dieser weiss Gott geradezu fürstlich entlohnt. Wolf ist nicht so heuchlerisch, dass er dem Jungen dessen kriminelle Energien übel genommen hätte, aber er traut ihm nun natürlich erst recht nicht mehr und muss womöglich gar um seinen Koffer voller Geld im Schrank fürchten. Aber er wird den Jungen, der nicht aufhört, zu betteln und zu beschwören und zu versprechen, erst dann los, als er ihm gelobt, ihn anderntags wiederzusehen. Wolf denkt allerdings nicht im Traum daran, diesen Schwur zu halten, auch wenn er dadurch den Menschen, den er noch vor Stunden für den allererotischsten auf der ganzen Welt gehalten hat, womöglich nie mehr sieht – der ist verweht, vergangen wie eine Fata Morgana.

Als Wolf erwacht, stellt er mit Erstaunen fest, dass es bereits wieder früher Nachmittag ist. Sein Zeitgefühl ist noch immer durcheinander. Er fühlt sich erfrischt und unbelastet vom Nachhall irgendwelcher dunklen Träume. Er fühlt sich sogar ausgesprochen gut: Das Leben liegt gewissermassen wie eine weite, fruchtbare Ebene vor ihm, er ist frei und hat alle Möglichkeiten dieser Welt, diese Freiheit so zu nutzen, wie es ihm passt. Er merkt gar nicht, dass er lauthals unter der Dusche singt, denn in seinen Gedanken ist er bereits daran, zu planen, was er es als nächstes unternehmen will. In Bangkok will er keinesfalls länger als ein paar Tage bleiben. Er will sich einen vertrauenswürdigen Jungen suchen und sich von dem dann dessen Heimatdorf zeigen lassen, im Norden oder Nordosten oder auch im muslimischen Süden des Landes – das ist immer noch die beste Art, Thailand kennen zu lernen. In zwei oder drei Wochen will er sich dann mit seinem Freund treffen – dann erst wird er offiziell in Thailand eingetroffen sein. Anschliessend gilt es, Geschäfte zu tätigen und Investitionen zu planen. Noch tropfend geht Wolf zum Schrank, um sich ein sauberes T-Shirt und eine leichte Baumwollhose zu holen. Doch während er die Schranktür öffnet, breitet sich in seinem Bauch ein siedend heisses Gefühl aus, das die Extremitäten beinahe taub werden lässt. Noch bevor die bewusste Erkenntnis sich in seinem Hirn festsetzen kann, blinken überall in seinem Körper Warnlichter auf: Etwas stimmt nicht. Und dann weiss er auch schon, was dieses Etwas ist: der Metallkoffer mit dem Geld, mühsam erbeutet und redlich gestohlen mit der Neunmillimeterkreditkarte und mit viel Glück durch Zollabfertigungen und Zolleinfuhren geschleust, ist weg, ist einfach nicht mehr da. Wolf fühlt sich einen Moment lang so, als würde ihm der Boden unter den Füssen weggezogen. Panik steigt in ihm auf; Schweiss tritt ihm auf die Stirn. Die Gedanken wirbeln wild durcheinander: Der Koffer ist weg, also muss ihn jemand genommen haben; derjenige, der ihn genommen hat, muss sofort gefunden werden. Der Junge mit den Segelohren, geht ihm als erstes durch den Kopf – der muss es gewesen sein, ich muss ihn finden, und zwar jetzt. Noch spürt er keinen Ärger, keine Wut, nur Panik und Entsetzen. Bis auf ein paar wenige hundert DM und ein paar lächerliche tausend Baath hat er nun kein Geld mehr, ist quasi über Nacht vom Krösus zum armen Schlucker geworden. Ich muss ganz ruhig sein, sagt er eindringlich zu sich, schön langsam überlegen. Sein Mund ist völlig ausgedörrt, und sein glühender Körper mit kaltem Schweiss bedeckt. Er nimmt sich ein Wasser aus dem Kühlschrank und zündet eine Zigarette an. Der segelohrige Junge aus Lamphun kann durchaus der Kofferdieb sein, das ist keineswegs auszuschliessen – er kann, aber er muss es nicht gewesen sein. Es ist nicht einmal wahrscheinlich, dass er es gewesen ist. Oder doch? Er hat Geld aus Wolfs Portemonnaie klauen können, während der unter der Dusche stand, also hätte er in diesem Zeitraum auch einen Metallkoffer aus einem Schrank entwenden und ihn irgendwo ausserhalb des Zimmers versteckt haben können. Allerdings – warum hätte er dann auch noch das bisschen Kohle aus Wolfs Brieftasche klauen sollen? Aber vielleicht wusste er damals ja noch gar nicht, dass der Koffer Geld enthält. Ziemlich sicher konnte er das zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen, der Koffer ist ja verschlossen gewesen; allerdings ist es nicht allzu schwer, einen solchen Koffer zu öffnen, selbst wenn man die Zahlenkombination nicht kennt. Oder es handelte sich dabei um ein ziemlich raffiniertes Ablenkungsmanöver. Pump aus Lamphun, falls er denn der Dieb ist, hat allerdings höchstens ahnen können, dass im Koffer Geld ist. War. Das übrige Gepäck – inklusive einer Spieglreflexkamera und einem brandneuen Minidisc-Recorder – ist, soweit es Wolf aufs erste überblicken kann, unberührt geblieben.
Wer kommt sonst noch als Dieb in Frage? Die Leute vom Hotel, irgendwelche Angestellte – alle, die in der letzten Nacht während Wolfs Abwesenheit im Hotel Zugang zu seinem Zimmer hatten. Das Zimmer ist nicht aufgebrochen worden, also kann Wolf ohnehin unwahrscheinliche unbeteiligte Dritte ganz ausschliessen. Zur Polizei kann Wolf mit seinem Verlust auf jeden Fall nicht gehen – was er freilich ohnehin nicht tun würde, selbst dann, wenn er das Geld nicht selbst geklaut hätte.

Was ist nun zu tun? In Wolf macht sich das Gefühl einer grossen Hoffnungslosigkeit breit, ein lähmendes, bitteres Gefühl, das sich als Reaktion auf den durch die kurzzeitige Panik ausgelösten Adrenalinschub einstellt und ihm das Denken erschwert. Wolfi hat Scheisse gebaut, denkt es in ihm, Wolfi ist ein Arschloch und hat eine Strafe verdient. Wolfi nennt er sich immer dann, wenn er sich selber hasst, wenn er sich selber nur noch beschimpfen und erniedrigen und demütigen kann. Wolfi hat ihn seine Mutter genannt, wenn sie böse mit ihm war. Wenn Wolfis Mutter mit Wolfi böse war, dann schlug oder bestrafte sie ihn nicht, nein, niemals, so war Wolfis Mutter nicht, nicht so, sie wusste, dass man Kinder nicht schlagen oder mit sadistischen Strafen quälen soll, aber sie gab ihm dann das Gefühl, nichts wert zu sein, absolut unfähig, ein hoffnungsloser Fall, ein verabscheuenswürdiges Stück Scheisse, ein verachtenswerter Abschaum, wie ein ekelerregendes Gefühl im Mund, das man so schnell wie möglich loswerden will. Jetzt, wo das Geld verschwunden ist, ist Wolfi wieder ein Nichts wie eh und je. All diese Gedanken und Empfindungen steigen in ihm auf und breiten sich in ihm aus und zerplatzen wieder, ohne dass er etwas dagegen tun könnte, während er auf seinem Bett sitzt und vor sich hinstiert und eine Zigarette nach der anderen raucht. Er muss etwas tun, aktiv werden, aus diesem Gefühl des Blockiertseins herauskommen, aber er hat absolut keine Ahnung, was er unternehmen soll. Noch will er der Möglichkeit, seine Beute endgültig und unwiederbringlich verloren zu haben, nicht ins Auge sehen.

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