Donnerstag, 5. Juni 2008

Am Mekong



Eine Erinnerung oder eine Fantasie: Felix ist ein vielleicht fünf- oder sechsjähriges Kind, ein kleiner, schmutziger brauner Knabe mit tränenverschmiertem Gesicht. Er ist ganz ausgefüllt vom Schmerz der Verlassenheit, ein Gefühl, das fast nicht zu ertragen ist. Er befindet sich am Ufer eines breiten Stromes – ist es der Mekong, der Ganges? Riesig und rotgedunsen steht die Sonne dicht über dem Horizont und taucht das weite, mit üppigen tropischen Pflanzen bewachsene Land in ein unwirkliches Licht. Jäh und unvermittelt wird bald die Nacht die ganze farbige Welt verschlucken, und Felix ist allein. Er ist doch noch so klein, und niemand ist da, der sich um ihn kümmert. Seine Eltern haben ihn im Stich gelassen, sind nicht zurückgekehrt. Warum haben sie ihn nicht mitgenommen, am Morgen, als sie mit dem Boot weggefahren sind, um Fische zu fangen? Felix, der in dieser Zeit und in dieser Sphäre ganz sicher nicht Felix heisst, weiss es nicht. Inzwischen ist es dunkel und Felix hat Angst.
Später treibt er sich in der Nähe einiger schäbiger Hütten herum, angezogen vom Geruch des Feuers und von gebratenem Fisch, aber die Menschen, die da leben, wollen ihn nicht, vielleicht will auch Felix sie nicht oder fürchtet sich einfach vor ihnen, denn im Grunde will er bloss seine Mutter und seinen Vater oder vielmehr die Geborgenheit und Verbundenheit, die sie für ihn bedeuten. Aber er hat auch Hunger.

Später sieht Felix sich immer wieder neben einem Ochsen gehen; ein junger Bauer, nur wenig älter als der Knabe, hat ihn aufgenommen und kümmert sich wie ein Bruder um ihn. Felix kann ihn sehen, der Bauer ist – wie Felix selbst – dunkelhäutig und schwarzhaarig, Felix empfindet grosse Zuneigung und Dankbarkeit für ihn. Er ist ein schweigsamer, ja stummer Mensch, aber Felix spürt, dass er von dem jungen Bauern geliebt wird, und deshalb liebt Felix ihn ebenfalls, obwohl er das Wort für Liebe nicht kennt. Die Liebe ist nicht etwas Kompliziertes und Schwieriges, sondern ein ganz einfaches Gefühl. Sie wohnen in einer Hütte ohne feste Wände, nur sie zwei – ein ereignisloses bäuerliches Leben, in dem jahrelang nichts passiert und sie sich selbst genügen. Nacht für Nacht liegen sie eng umschlungen im Schlaf. Sie brauchen niemanden sonst, sie kennen niemanden, sie reden nicht. Sie bepflanzen ihr Feld, die Sonne brennt auf sie nieder. Sie sitzen stumm am Feuer. Es gibt keine Zeit, alles verschmilzt in der einzigen Gegenwart. Manchmal küsst der junge Bauer, der nun schon nicht mehr so jung ist, Felix und presst seinen nackten Leib an den Körper von Felix. Das ist ein süsses Gefühl, wie Sättigung des Hungers. Felix nennt seinen Beschützer Bruder.

Dann ist Felix oder wie immer er damals geheissen haben mag, in einem späteren Kapitel dieser Geschichte, wieder allein. Sein «Bruder» muss gestorben sein. Felix ist sehr traurig, erneut aus dem Paradies vertrieben. Auch Felix ist ein fast stummer Mensch geworden (oder vielmehr geblieben), und seine Not äussert sich in unartikulierten gequälten Lauten. Felix besteht ausschliesslich aus Gefühl – er hat keinen Intellekt und keine Sprache. Und doch ist er ein fertiger Mensch mit sehr menschlichen, tiefen Empfindungen, aber auch fast noch wie ein Tier, mit der Unschuld eines Tiers. Dieser Mensch hat aber ein Bewusstsein, oder in diesem Moment des Abschieds, des erneuten Verlassenwerdens ist sein Bewusstsein erwacht. Er ist sich seines Schmerzes bewusst und kann den Grund für diesen Schmerz nicht vergessen. Er wird an diesem Schmerz krank.
Nun sieht Felix sich als erwachsenen Mann in der Hütte hocken. Er hat Angst. Er ist krank und schwach und fühlt, dass er sterben muss. Er sieht seine von offenen Geschwüren bedeckten Beine und Arme. Er kann sich kaum mehr bewegen, während einer der wilden, hungrigen Hunde, die um die Hütte herumlungern, dreister wird – Felix sieht die Hoffnung auf eine Mahlzeit in den Augen des Tiers. Der Hund kommt näher, leise knurrend. Felix spürt, dass er stirbt. Panik breitet sich wie heisse Lawa in ihm aus und treibt sein Bewusstsein aus dem Körper, und plötzlich fühlt er sich ganz leicht und kühl.

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