Dienstag, 27. Mai 2008

Auf der Flucht (Teil 2)



Telephone Bar, Bangkok

Als Wolf erwacht, fühlt er sich nicht sehr ausgeruht. Schlimmer: er fühlt sich völlig zerschlagen, seine Psyche fühlt sich an, als wäre sie in einen Flugzeug-Crash geraten. Obwohl er mehr als acht Stunden geschlafen hat und es draussen schon lange wieder dunkel ist, fühlt er sich sehr viel schlechter als bei seiner Ankunft in Thailand. Die Euphorie vom Morgen ist komplett verflogen. Er fröstelt; die Klimaanlage hat die Luft im Zimmer auf etwa achtzehn Grad heruntergekühlt, und er liegt nackt auf dem Bett. Wolf stellt sich unter die heisse Dusche und versucht, sich an den Traum zu erinnern, aber er erinnert sich nicht mehr an den Inhalt, sondern bloss an das Gefühl der Irritation, das er beim Erwachen gehabt hat.
Er nimmt ein kleines Singha-Bier aus der Bar und schaut nach, ob der Koffer mit dem Geld noch im Schrank steht. Er versucht, die Unruhe, die ihn angesichts des Geldes packt, in sich niederzukämpfen. Als er das Hotel verlässt, schlägt die schwülheisse Luft wie eine körperhafte Substanz über ihm zusammen. Die Gerüche der zahlreichen Garküchen am Strassenrand vermischen sich, aber es riecht hauptsächlich nach Abgasen, und fast augenblicklich hat Wolf das Gefühl, dass sich der Schweiss auf seinem Körper mit den Schmutzpartikeln in der Luft verbindet. Für einen Augenblick glaubt er, sich übergeben zu müssen. Dann sitzt er in einem klimatisierten Taxi und lässt sich am Lumpini-Park vorbei zur Silom-Road fahren. In Bangkok herrscht vierundzwanzig Stunden lang im Tag die gleiche, angesichts von Hitze und Stinkluft schier unglaubliche hektische Betriebsamkeit, obwohl die Menschen sich fast immer den perfekten Anschein von Gelassenheit und Freundlichkeit geben. Aber das Überleben ist hart in Bangkok, auch heute noch oder heute erst recht, trotz Wirtschaftswachstum und futuristischen Glaspalästen im Stadtbild. Es ist härter geworden, denn fortwährend wird alles teurer, und die Lebenshaltungskosten betragen in der Metropole sicher das Doppelte oder mehr als im thailändischen Durchschnitt. Natürlich gibt es auch einige Gewinner in diesem Spiel, aber die Zahl der Verlierer ist grenzenlos.
In der Telephone-Bar, die schon brechend voll ist, hauptsächlich mit Farangs aus Europa und den USA, setzt sich Wolf an einen freien Tisch im ersten Stock, von wo aus er über den Rand der Balustrade hinaus das Treiben an den Bartheken im Erdgeschoss beobachten kann. Vielleicht findet er schon hier einen hübschen Boy für die Nacht. Von den jungen Thai, die sich im Telephone herumtreiben, sind die meisten bereit, für 500 und erst recht für 1000 oder 1500 Bath die Nacht mit einem Farang zu verbringen. Er bestellt sich einen Whisky mit Eis und Soda und fried rice mit Hühnchen, Spiegelei und etwas rohem Gemüse, obwohl er eigentlich keinen Hunger hat. Folglich isst er ohne Appetit und beobachtet dazu einen alten, glatzköpfigen Farang, der von einem Thai bearbeitet wird, ihn mitzunehmen. Der Farang, der wie ein Amerikaner aussieht, scheint unschlüssig zu sein. Der junge, etwas vollschlanke Thai hat ein pickliges Gesicht, das Wolf schon fast hässlich findet – von einer faszinierenden, dicklippigen Hässlichkeit, die durchaus sehr erotisch sein kann. Jetzt legt er seine Hand auf die fetten Oberschenkel des Amerikaners und flüstert ihm etwas Feuchtes ins Ohr. Auf den Tischen der Telephone Bar stehen alte Telefonapparate in allen Farben, die aber nicht funktionieren. Die Musik wird unterbrochen und die Verlosung einer Flasche Whisky angekündigt – Jack Daniels oder VAT und nicht etwa Thai-Whisky der Marke San-Tip natürlich. In der Bar erhebt sich ein Geschrei, als der Gewinner auf dem Los die richtige Zahl entdeckt. Wolf trinkt seinen dritten Whisky und beginnt, sich zu langweilen. Zwei- oder dreimal wollen sich junge Thai an seinen Tisch setzen, die ihm aber völlig ohne Reiz scheinen und deren Kontaktaufnahmeversuche er mit einem reservierten Lächeln einfach ignoriert. Es liegt wohl daran, dass sie sich allzu offensichtlich wie Strichjungen benehmen. Es fehlt Wolf der Reiz des Jagens und Gejagtwerden, das Unberechenbare, das eine Begegnung vielleicht ein bisschen gefährlich, aber auch sehr spannend machen kann.

Wolf zahlt und begibt sich in die Bar auf der gegenüberliegenden Seite, die auch nicht viel anders ist. Dies ist das eine Zentrum der Bangkoker Schwulenszene. Das andere entlang der Sukumvit besteht vor allem aus einer Unzahl von Gogobars, in denen die mit Nummern versehenen Boys an Metallstangen ihre fast nackten Körper verrenken und darauf warten, die unterschiedlichsten Bedürfnisse der einheimischen und fremden Kunden befriedigen. Da gibt es Sex-Lifeshows auf der Bühne, die punkto Artistik kaum mehr zu überbieten sind (die Jungs vögeln, oder tun sehr überzeugend so, als ob, während sie kopfüber von der Decke hängen). Für Wolf sind diese Lokale, nachdem er sie eine Weile frequentiert hat, aber nicht mehr interessant.
Er sehnt sich nach einer Begegnung. Tatsächlich fühlt er sich ein kleines bisschen einsam, ein Gefühl, das aber mit steigendem Alkoholkonsum abnimmt – Alkohol ist die Medizin der Männer und auch von ein paar Frauen. Es nimmt ab wie übrigens auch die kleine Depression und die uneingestandene Sorge um den Koffer mit dem Geld, der praktisch ungeschützt, aber gut getarnt in seinem Hotelzimmer steht. Aber daran will er jetzt nicht denken. Er will seine erste Nacht in Bangkok geniessen.



Die Disco ist proppevoll. Auf der Tanzfläche im Erdgeschoss, auf der Treppe, die zur Bar im Obergeschoss führt – überall Trauben von jungen Thai, dazwischen auch einige Farang. Wolf stellt sich im Obergeschoss an die Balustrade in der Nähe der Bar. Hier hat er einen guten Überblick, und auch der Nachschub von alkoholischen Getränken ist leicht zu bewerkstelligen. Aber er braucht nicht lange auszuharren. Unten in der Menge zwischen den Tanzenden entdeckt er den Jungen mit den Segelohren. Der hat ihn ebenfalls bemerkt und fixiert ihn mit derselben fast verzweifelten Intensität wie schon am Morgen am Swimmingpool. Diesmal regiert Wolf: er schenkt dem Jungen ein ganz kleines Lächeln und einen kaum länger als zufälligen Augenkontakt. Doch das reicht dem Jungen aus, und bevor Wolf seinen zweiten Drink bestellen kann, hat sich der segelohrige Thai zu ihm hoch gekämpft und berührt ihn jetzt am Arm. Die physische Präsenz, die erotische Ausstrahlung des Jungen erzeugt eine Empfindung auf seiner Haut, die sich anfühlt wie feine elektrische Ladung. Der Junge sagt nichts, sondern schaut ihn nur an mit seinen hungrigen fordernden Augen, während er Wolf am Arm gepackt hält, als wolle er ihn fortschleppen wie ein erlegtes Wild. Diese Situation irritiert Wolf ein bisschen. Einerseits gefällt ihm die Direktheit des Jungen und die Vorstellung, sich mit ihm gewissermassen ohne Worte unverzüglich in ein sexuelles Erlebnis zu stürzen, andererseits fühlt er die gleiche Verunsicherung wie vor vielen Jahren, als er sich einmal, ohne das vorher zu bemerken, mit einem taubstummen Jungen eingelassen hatte. Aber der Junge kann ja sprechen, und auf die Frage, ob er etwas zu trinken wolle, sagt er: «Yes, I want have wodka olange.» Er hat eine rauhe Stimme, die zu seiner übrigen Erscheinung passt: Sie ist voller Sex. Warum sie das ist, hätte Wolf nicht zu beschreiben gewusst, genauso wenig, wie er hätte erklären können, warum er den Jungen an sich so unglaublich sexy findet. Eine solche Wahrnehmung spielt sich auf einer Etage ab, die für den menschlichen Verstand unzugänglich ist und sich zu der völlig unlogischen Überzeugung in Wolfs Hirn verdichtet, dass er soeben auf den unter den inzwischen insgesamt sechs Milliarden Menschen gestossen ist, der ihn am meisten sexuell zu erregen vermag. Dabei läuft es ihm kalt den Rücken hinunter. Er sucht nach einem Satz in seinem Hirn, um eine Konversation oder wenigstens so etwas wie eine Konversation zu beginnen und vor allem, um die Kontrolle über die Situation zurück zu gewinnen, die ihm immer mehr zu entgleiten droht. Der Junge steht jetzt nämlich dicht vor ihm und hat seinen Arsch an Wolfs Schwanz gepresst, der längst hart geworden ist. Wolf fühlt sich ausserstande, sich aus diesem Körperkontakt zu lösen, und deshalb bietet er dem Jungen jetzt seinen eigenen Drink an. Der Junge wendet sich um und schaut ihn mit seinem leicht irren Blick an. Ob er wohl auf Drogen ist? Dann sagt er: «Let’s go!», eine Aufforderung, die mit keinem Widerspruch rechnet, und ein Widerspruch ist auch nicht zu erwarten. Wolfs Widerstand ist vollständig zusammengebrochen. So hat sich Wolf das zwar nicht ganz vorgestellt, aber jetzt ist es zu spät, dem Geschehen noch eine andere Wende zu geben.

Während er mit dem Taxifahrer den Preis von 60 auf 40 Bath herunterhandelt, wirkt der Junge völlig normal. Dann sitzen sie stumm im Wagen, der um diese Zeit fast zügig vorankommt, aber diese Stummheit ist sehr beredt: Wolfs Eingeweide sind elektrisiert, und er fühlt sich ganz ausgefüllt von einem überwältigenden, irgendwie unirdischen Verlangen. Der Junge hat Wolfs Hand genommen und sie auf seinen Oberschenkel platziert. Wolf spürt durch den Stoff der Jeans die Körperwärme des Jungen. Er muss alle seine Willenskraft aufbieten, um den Jungen nicht auf der Stelle zu küssen. Um sich abzulenken, fragt er ihn, wie er heisse. Pump, antwortet er, und er komme aus Lamphun im Norden des Landes, «I’m Pump from Lamphun». Er sagt das beinahe trotzig.

Im Hotelzimmer zieht Wolf den Jungen ohne alle weiteren Umschweife an sich heran und beginnt ihn zu küssen und hört nicht mehr auf damit. Seine Geilheit ist wie ein Feuer, das sich in ihm langsam auszubreiten beginnt und dann über ihn hinaus und dabei immer heisser wird. So etwas hat Wolf noch selten erlebt. Er lässt sich aufs Bett sinken, sodass der Junge auf ihn zu liegen kommt, und hört nicht auf, dessen saftige Lippen zu küssen. Dabei ertasten seine Hände durch die Kleider des Jungen hindurch dessen Körper. Ihn immer weiter küssend, entblättert er ihn wie eine Blume. Legt sich auf ihn, fickt ihn ganz langsam und sachte zwischen die Oberschenkel. Er wird immer langsamer und sachter, bis er sich schliesslich gar nicht mehr bewegt, aber das kann nicht verhindern, dass sich eine gewaltige Eruption in ihm ankündigt, bis sich seine Lust in einem Orgasmus, der fast schmerzhaft ist in seiner Intensität, entlädt. Dann küsst er den Jungen an jeder Stelle seines Körpers, ohne jede Hast und geniesserisch wie ein Gourmet, dessen ärgster Hunger gestillt ist und der sich aus purem Vergnügen und Kunstverstand an den köstlich zubereiteten Speisen ergötzt. Der Junge wird immer erregter. Sein Penis ist ungewöhnlich lang und ziemlich dünn – und den will er Wolf jetzt in den Hintern stecken. Während er immer wieder an einem Poppers-Fläschchen riecht, rammelt er wie ein Wahnsinniger, bis er sich röchelnd und wie von Sinnen in Wolf hinein ergiesst. Inzwischen nähert auch Wolfs Lust sich wieder dem Höhepunkt. Er setzt sich den Jungen rittlings auf seine Latte und lässt in seinem ganzen Körper bis hinauf ins Hirn, während er den Mund des segelohrigen Jungen trinkt und sich vorsichtig in ihm bewegt, den zweiten Orgasmus dieser Nacht geschehen.

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