Dienstag, 13. Mai 2008

Strassen

Auf der Verliererstrasse zu gehen, bedeutet: aus einem Mangel heraus leben, ein Loch sein, das gefüllt werden muss. Auf der Gewinnerstrasse lebt man aus einem Überfluss heraus – das ist der tiefere Sinn des Bibelwortes, dass Geben seliger denn Nehmen sei. Ob einer auf der Verlierer- oder auf der Gewinnerstrasse geht, ist unabhängig von unseren herkömmlichen Vorstellungen des Erfolgs oder Misserfolgs. Erfolg ist allenfalls ein sekundäres Nebenprodukt für den, der auf der Gewinnerstrasse geht. Geben und Nehmen spielt sich nur zu einem Teil auf der materiellen Ebene ab: es geht dabei auch und vor allem um Gefühle, um Energien, um Intelligenz. Auf der Gewinnerstrasse gehen, heisst aber auch: bewusst das Risiko des Absturzes in Kauf zu nehmen, mehr noch: die Kunst zu lernen, den Absturz zu geniessen, die Intensität des Absturzes zu geniessen. Hingabe braucht Mut. Das Grundgefühl dessen, der auf der Verliererstrasse geht, ist Angst. Diese Angst entsteht aus einem Sicherheitsbedürfnis, das nicht mehr zu befriedigen ist. Das Grundgefühl dessen, der auf der Gewinnerstrasse geht, ist ein Vertrauen, das derjenige, der auf der Verliererstrasse geht, als blindes Vertrauen bezeichnen würde, weil es keiner Logik, zumindest keiner beschreib- und begreifbaren Logik folgt. Dieses Vertrauen kann aber nur dem zufallen, der die Angst kennt: der durch die Angst hindurchgegangen ist. Niemand, der auf der Gewinnerstrasse geht, ist nicht zuvor auf der Verliererstrasse gegangen. Angst kommt von Enge, und in der Enge waren wir alle, bevor wir geboren wurden. Niemand, der die Kunst lernt, den Absturz zu geniessen, hat nicht zuvor viele Male die Panik vor der dem Absturz kennengelernt, die schmerzhafte Lähmung vor dem Fall. Nur der kann das köstliche Glück der Freiheit begreifen, der die Qual und die Verzweiflung des Gefangenseins, aber auch die Verführung zu Trägheit und Passivität, die in der Knechtschaft liegt, durchlitten hat: das ist ein Gesetz des Lebens.

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