Samstag, 6. März 2010

Traurige Jäger (24)

Nach getaner Arbeit betrat Sancho erneut einen der Keller, die behördlicherseits ignoriert wurden, aber es war nicht Claudes Keller, vielleicht gab es Claudes verruchten Keller wirklich nicht und hatte ihn nie gegeben, vielleicht hatte er, Sancho Pansa, Journalist mit Embonpoint, Halluzinationen gehabt, was wusste man schon in diesem verfluchten Land der chemischen Substanzen, ein Getränk, eine Speise konnten vergiftet sein, es galt auf jeden Fall aufzupassen. Trotzdem trank er, Sancho Pansa, leidenschaftlicher Porschefahrer, in langsamen Schlucken das Bier, das vor ihm stand. Sancho war so in Gedanken versunken, dass er gar nicht merkte, wie sich jemand neben ihn setzte. «Darf ich Sie etwas fragen?» fragte dieser Jemand zu Sancho herüber. Es war ein etwa fünfundvierzigjähriger, grosser und dicker Mann mit grauen Strähnen im Haar und auch in dem sehr gepflegten Schnurrbart. «Schon passiert», sagte Sancho mit einer vagen Handbewegung. Der Mann war sorgfältig, aber nicht geschmackvoll gekleidet, in Farben, die Sanchos Meinung nach nicht zueinender passten. Das Hemd zum Beispiel war zu pink, die Krawatte zu hellblau, mit zu gelben Punkten getüpfelt, er trug, wie das in diesen Kellern üblich war, nicht das offizielle Weiss, wein Anzug war in einem zarten Hellgrün gehalten. Ein Papagei, dachte Sancho, ein Paradiesvogel. Viele, auch nicht zu einander passende Farben zu tragen entsprach wohl in Misericordia einem kompensatorischen Bedürfnis. «Sie sind, wie ich gehört habe, ein ausländischer Journalist?» fragte der Mann in höflichem Tonfall. «Woher wissen Sie das?» Sancho war etwas alarmiert. «Ach», sagte der Mann obenhin, «von irgendwoher. Gerüchte. Klatsch. Ich weiss es nicht mehr, ehrlich. Da einer wie Sie in Misericordia Seltenheitswert hat, sind Sie natürlich eine Sensation. Und in gewisser Hinsicht ist Misericordia City ein grosses Dorf. Man sieht Ihnen den Ausländer übrigens von weitem an», meinte der farbige Herr schelmisch und drohte scherzhaft mit dem Finger. «Wieso?» fragte Sancho perplex. «Nun, Sie wirken ein bisschen… verwildert. Schön verwildert. Frei.» Sancho winkte ab. «Bei uns ist auch nicht alles Gold, was glänzt», meinte er grosszügig, «Mensch bleibt schliesslich Mensch – bei allen ethnischen, kulturellen und politischen Unterschieden.» Immer beim Bier hatte Sancho den Hang zu banalen Redensarten. «Der Mensch ist des Menschen Wolf – auch wenn gleichzeitig alle Menschen Brüder sind. Und Schwestern», fügte er ziemlich zusammenhangslos bei. Sancho lachte. «Was wollten Sie mich also fragen?» – «Sie haben natürlich auch bemerkt, mein Verehrter, dass wir Misericordianer, bildlich gesprochen, in zwei verschiedenen Stiefeln herumlaufen. Herumhinken. Herumtorkeln. Dass auch wir zwei Seelen…» – «Sicher habe ich gewisse Widersprüche zwischen Theorie und Praxis wahrgenommen. Ist ja logisch. Solche Widersprüche gibt es überall. Vielleicht sind sie anderswo nicht ganz so krass wie bei euch. Nehmen wir nur mal diese Kneipe…» – «Und?» unterbrach ihn der farblich nicht zueinender passende Herr. «Werden Sie über diese Widersprüche in Ihrer Zeitung berichten?» – «Aber klar doch, aber sicher, schliesslich bin ich Journalist und kein PR-Heini! Ich werde das ganze ein bisschen humoristisch-satirisch verpacken und im Rahmen des Schicklichen… Hören Sie, was wollen Sie eigentlich? Ich bin hier Gast und… Das journalistische Gewissen hat ein grosses Herz, wenn Sie mir dieses schiefe Bild erlauben. Widersprüche gibt es, wie gesagt, überall, und die Leser unserer Medien wollen sowohl printmässig wie auch online in allererster Linie unterhalten werden.» Sancho wusste gar nicht, was ihn dazu brachte, so viel zu reden. Vielleicht doch eine Droge? «Ich weiss», seufzte der farbige Herr, «es geht um das, worum es immer geht: Um Reklame, Absatz, Umsatz, Geld…Werden Sie dafür, dass Sie diplomatisch bleiben, auch entsprechend bezahlt?» Der Herr fragte das im gleichen, sachlich-höflichen Tonfall. «Also bitte, erlauben Sie mal!» protestierte Sancho mit rotem Kopf. «Nein, ich werde natürlich nicht dafür bezahlt, dass ich diplomatisch bleibe. Ich werde natürlich von meinem Arbeitgeber bezahlt, und der wiederum wird von den Inserenten bezahlt, aber die Redaktion ist natürlich strikt unabhängig.» – «Warum schweigen Sie dann zu dem Skandal, der sich in Misericordia nicht ereignet, sondern der Misericordia ist!» – «Ich schweige ja gar nicht. Ich werde, wie gesagt, im Rahmen meiner Möglichkeiten und so objektiv wie möglich… Ich weiss ja gar nicht, worüber ich schweigen sollte, falls ich darüber schweigen möchte! Ach, das ist alles zu kompliziert. Ich kriege regelmässig Kopfschmerzen, wenn ich über Misericordia nachdenke. Gewiss, Misericordia ist ein seltsames Land, ein Land mit für mich exotischen Sitten. Aber so seltsam und exotisch denn auch wieder mich. Manches hier ist mir nur allzu vertraut. Einiges glaube ich zu verstehen, anderes lässt mich völlig ratlos, kann ich in keinster Weise in mein Weltbild platzieren. Ich begreife zum Beispiel nicht, was mit mir ganz persönlich vorgeht, seit ich in Misericordia bin. Ich glaube, dieses Land spielt ein Verwirrspiel mit mir. Deshalb bin ich lieber ein bisschen vorsichtig. Ich halte nichts von jenen Haudrauf-Journalisten, die meinen, partout die Helden spielen zu müssen. Kriegsberichterstatter, Frontschweine – das sind doch alles Desperados und Spinner. Ich tue meinen Job, das ist alles. – Wer garantiert mir eigentlich, dass Sie nicht auch zu jener ominösen Gegenseite gehören, die es in einem paranoiden Land wie Misericordia einfach geben muss? Vielleicht gehören Sie ja zu den Hals-, Nasen-, Augen- und vor allem Ohrenärzten! Wer garantiert mir, dass Sie überhaupt wirklich sind – was immer das heissen mag – und nicht ein Trugbild, ein Phantom, chemisch erzeugt in meinem Hirn? Gott, es ist wirklich nicht leicht, unter solchen Voraussetzungen Journalist zu sein.» – «Da haben Sie den Nagel auf den Kopf getroffen», antwortete der bunte Hund von einem Herrn betrübt, «die Wirklichkeit von wem oder was auch immer kann Ihnen niemand garantieren. Umgekehrt gilt natürlich auch. Wir befinden uns in einer Erkenntnisfalle. Also müssen wir von der Hypothese ausgehen, dass wir uns beide zumindest auf der gleichen fiktiven Ebene befinden, sollte es uns denn etwas an handfester Realität mangeln. Denn wie können Sie mich halluzinieren, während ich gleichzeitig Sie halluziniere? Das wäre ein eigenartiger Zufall. Aber zugegeben – ausgeschlossen ist es nicht. – Ich muss Ihnen übrigens einen Gruss ausrichten. Vom schönen Claude.» Der Herr schaute ernst. «Das heisst, so schön ist er nicht mehr, der schöne Claude.» «Von Claude?» Sancho war erstaunt, ja erschrocken. «Ja, ist denn Claude…?» – «Er wurde interniert. Ins Hospital verfrachtet. Traurig, aber wahr. Andererseits aber auch nicht allzu verwunderlich. Claude hatte schon immer eine besondere Begabung, mit dem DmG in Konflikt zu geraten. Ausserdem ist es nämlich ganz und gar nicht so, dass es in Misericordia keine Krankheiten mehr gibt. Gewiss, es wurde die eine oder andere Krankheit überwunden, dafür tauchte umgehend eine neue auf. Diese Mär von der ausserordentlichen Gesundheit der Misericordianer ist eine reine Propaganda lüge, gut für die Pharmaindustrie und ihre Exporte. Aber das wissen Sie ja. Was Sie vielleicht nicht wissen, ist, dass seit einiger Zeit eine mysteriöse Krankheit in Misericordia grassiert (und, soviel wir wissen, grassiert sie vorläufig nur in Misericordia, Folge der Abschottung des Landes), die konsequent tödlich ist und gegen die man bis vor Kurzem weder ein Heilmittel noch einen Impfstoff kannte. Wäre das offiziell bekannt geworden, hätte es bestimmt unangenehme Folgen für die Glaubwürdigkeit des Systems und das internationale Ansehen dieses Landes gehabt, und es wäre sehr schlecht für die Exportquote unserer Pharmaindustrie gewesen. Jetzt scheint diese Industrie vor einem entscheidenden Durchbruch zu stehen, wie gemunkelt wird. Man rechnet also damit in Kürze ein Heilmittel und vor allem einen entsprechenden Impfstoff zu finden. Es handelt sich bei der Krankheit, von der hier diem Rede ist, übrigens um eine Virusinfektion. Die hauptsächlich durch Geschlechtsverkehr übertragen wird. Wann haben Sie eigentlich vor, Misericordia wieder zu verlassen?» – «In etwa zwei Wochen läuft meine Aufenthaltsbewilligung aus.» – «Dann nehmen Sie sich in Acht, mein Herr», sagte der Herr uns schwieg.

Auch Sancho schwieg. Er erinnerte sich an seine Ankunft in Misericordia, an seine Verhaftung danach, an die traumatische Fahrt im roten Porsche, während der er, nachdem er gewissermassen durch ein Wurmloch geschlüpft war, eine Begegnung mit sich selbst hatte, an den Oberchefarzt, der so sehr Don Quichotte glich, an die äusserst verwirrende Begegnung mit Claude, einem fast androgynen Wesen, das weder Mann noch Frau oder vielmehr sowohl Mann als auch Frau war, oder vielleicht auch ein Engel (oder ein Schattenengel oder ein Engelsschatten), so anziehend und die Sinnlichkeit Sanchos erregend, dass er einen Pflaumensturz um den anderen erlitten hatte, an seine Kontakte als Journalist mit dem «offiziellen» Misericordia… Das Unbehagen in seinem Baum verdickte sich zu einem schweren Klumpen.

«Sie meinen…» fing er an, wagte aber nicht, den Satz zu Ende zu sprechen. Stattdessen sagte er: «Darf ich Sie zu einem Bier einladen?» – «Aber bitte!» meinte der blassrosa-hellblaugrüne Mann gönnerhaft, «ein Schlückchen Champagner, auch Chlöpfmost oder Nuttendiesel genannt, wäre mir allerdings lieber. Bier macht dick. Und ich bin schon dick genug. Sehen Sie denn nicht, wo das alles hinaus läuft, lieber, guter, bester und ebenfalls eher vollschlanker Freund? Man kennt Sie doch hier in Misericordia! Sie sind ein offenes Buch: Sie sind der goldrichtige Mann. Das Departement für moralische Gesundheit mit seinen hartgeschliffenen Fundamentalisten, diesen Taliban, die, was den Zustand der Moral im ausländischen Teil der Weltbevölkerung betrifft, immer noch eine missionarische Hoffnung in sich tragen, empfiehlt Sie wärmstens dem Departement für Pharmazie. Man ködert Sie, und es braucht nicht viel, um Sie in eine Falle zu locken. Sie sind Journalist; aber das ist unwichtig, so lange Sie nichts wissen. Sie ahnen nichts davon, dass Sie angesteckt sind; ebenso wenig, dass uns wie sehr Sie ansteckend sind, denn die Krankheit bricht erst mehrere Jahre nach der Ansteckung aus. Und mit jedem Geschlechtsverkehr, den Sie als ein polygam veranlagter und mit einer gesunden sexuellen Neugier ausgestatteter Mensch vollziehen, potenziert sich die Zahl der Angesteckten und neuen Anstecker enorm und erhöhen sich damit die Marktchancen für unser in Kürze entwickeltes geniales Serum und Medikament. Da staunen Sie, was! So was nennt man aktives Marketing, mein Herr! Da müssen nur noch ein paar solche wandelnde Zeitbomben wie Sie in die grosse weite Welt entlassen werden, und schon steht unserer Pharmaindustrie ein Bombengeschäft ins Haus. Ausserdem ist diese Krankheit für unsere Regierung dann eine gewissermassen aussenpolitische Angelegenheit uns erst recht ein Grund, uns vornehm vom Rest der bösen Welt abzukapseln.» – «Aber das ist ja ungeheuerlich! Bestätigen Sie mir auf der Stelle, dass das alles nur zusammengesponnen und restlos erfunden ist!» Sancho war so schockiert, dass er sich gar nicht mehr erholen konnte. «Woher wollen Sie denn das alles überhaupt wissen?» – «Ich weiss es, weil ich das Geschäft und die Menschen kenne. Ich arbeite selbst im DmG, als Arzt zweiten Grades. Natürlich, die Geschichte um diese Krankheit kann sich auch ganz anders abspielen, aber das heisst nicht auf eine weniger schockierende Art. Ich muss jetzt gehen. War mir eine Freude, Sie kennen zu lernen. Und denken Sie daran, was ich Ihnen gesagt habe. Seien Sie vorsichtig – wenn Sie das können und wollen. Und nun adieu.»

Der Mann war verschwunden. So etwas durfte doch einfach nicht wahr sein! So etwas gab es nicht einmal in den absurdesten Alpträumen. Nein, es war unmöglich, dieser farbige Heini ein Wichtigtuer und Scharlatan. Plötzlich schreckte er auf, eilte zur Tür. Aber der so genannte Arzt hatte sich in seiner ganzen farblich nicht zusammen passenden Pracht bereits in Luft aufgelöst. Frechheit. Zum Teufel mit diesem ganzen Scheiss-Misericordia. In erregtem Ton fragte er den Kellner: «Kennen Sie den Herrn, der soeben gegangen ist? Können Sie mir sagen, wer das ist? Es ist wichtig!» – Aber der Kellner schüttelte nur den Kopf. «Welcher Herr? Ich habe keinen Herrn gesehen. Sie müssen sich täuschen», sagte er abweisend. Sancho blieb nichts anderes übrig, als durch die inzwischen menschenleeren Strassen, die gewisse nebelhafte Erinnerungen an sehr unangenehme Gefühle (und an voll geschissene Hosen) in ihm weckten, zu seinem Hotel zurück zu kehren, da eine starke Schlaftablette, von denen es in jedem misericordianischen Schlaf- und Hotelzimmer grosse Mengen gab, zu sich zu nehmen und dann die Reserveflasche, die Notfallfalsche mit der brennenden Flüssigkeit in langen tiefen Schlucken leer zu trinken und dann diesen höchst unerfreulichen Tag schleunigst zu vergessen.

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