Sonntag, 29. November 2009

Traurige Jäger (18)

Die Bar war angenehm schattig, aber die Luft wurde durch den Ventilator, der sich müde an der Decke drehte, im Grunde genommen überhaupt nicht gekühlt. Trotzdem herrschte in dem Raum ein tiefer Frieden. Der dunkle Mann hinter der Theke – ein Neger, dachte Sancho, oder ein Indianer – bewegte sich in keiner Weise und schien mit halb geschlossenen Augen tief und fest zu schlafen. Ein einziger Gast befand sich in der Bar, ein grosser hagerer Mann von ausgesprochen leptosomer Gestalt, mit breitem Texanerhut auf dem langezogenen Schädel. Der Hund war ganz brav und getraute sich nicht einmal zu winseln, geschweige denn nahm er sich die Freiheit heraus zu bellen. Sancho wagte fast wie in der Kirche kaum zu atmen.

Also hörte man nur das Summen der Mücken oder Fliegen unter dem Ventilator. Sancho zuckte hilflos mit den Achseln. Dann gab er sich einen Ruck, stellte sich neben den Hageren an die Bar und sagte mit fester, wenn auch etwas heiserer Stimme: «Una cerveza, por favor.» Unendlich langsam hoben sich die Augendeckel des Negers oder Indianers. Minuten später stand ein grosses kühles schäumendes Bier vor Sanchos Nase. Der Hund wedelte heftig mit dem Schwanz, während Sancho in langen Schlucken trank, bewegte die Ohren hin und her und schnüffelte mit der Nase an Sanchos Hosenbeinen.

Der Hagere wandte sich an Sancho und sagte mit einer Stimme, die wie eingerostete Eisenketten klang: «Ich bin der Sheriff in dieser gottverdammten Gegend. Sie befinden sich hier unter Geiern, mein Herr.» – «Sie sprechen Spanisch, Señor! Sie sprechen Spanisch, wenn auch mit einem gewissen Akzent: Gott hat Sie mir geschickt und alle Heiligen des Himmels. Lassen Sie mich Ihre Hände küssen!» Der Hagere liess das nicht zu, konnte aber nicht verhindern, dass ihm der Hund die Hosenbeine leckte. Sancho aber sprudelte los und erzählte seine Geschichte mit umso grösserer Vertrauensseligkeit, als er in den Zügen des Sheriffs eine nicht geringe Ähnlichkeit mit denen des Botschafters von Toboso entdecken konnte:

«Sie gleichen, verehrter Sheriff, Boss, Sir, in nicht unerheblichem Masse Don Quichotte, dem Botschafter von Toboso, der gekommen ist, die bösen Cerberaner zu bekämpfen.» – «Toboso?» sinnierte der Sheriff, «sagt mir nichts. Und Sie kommen tatsächlich aus Spanien mit Ihrem Hund?» – «Ich? Aus Spanien, ja. Mein Hund eher nicht. Oder vielmehr: Ich bin auch nicht mehr so sicher, woher wir eigentlich kommen. Es ist alles so verwirrend. Ursprünglich aus Eljas, Spanien, einem Dorf in der spanischen Estremadura, nahe Salamanca, nicht unweit der protugiesischen Grenze gelegen.» – «España!» seufzte der Hagere, «ein schönes, herbes Land.» Dann verfiel er wieder in sein dumpfes Schweigen.

Sancho trank sein Bier leer. Der Hund begann nun doch, von der Sehnsucht nach einer Wurst überwältigt, zu winseln. Der Sheriff klopfte mit seiner knochigen Hand auf die Theke. Die Augenlider des dunklen Mannes rutschten nach oben.

«Ein Bier für den Mann und eine Wurst für den Hund und einen Burbon für mich», bestellte der Sheriff. «Und etwas Hafer für mein treues Pferd.» Dann wurde getrunken und lange geschwiegen.

Schliesslich stellte der Hagere Sancho die folgende Frage: «Willst du mein Hilfssheriff werden?» – «Exakt genau das oder auch etwas Anderes», antwortete Sancho rasch. «Ich habe nämlich keinen müden Cent, keinen Sou und auch keine Pesete in der Tasche.» – «Dann lass dir diesen Stern an die Brust heften, mein Junge. Die Sterne sind ein Symbol für die Freiheit, aber auch für vollkommene Gesetzmässigkeit. Es ist dieselbe Gesetzmässigkeit, die die Sterne in unserem Innern regiert.» – «Das kann ich nicht entscheiden, Señor Sheriff, denn ich bin kein Mann von grosser Bildung. Aber da sie meinem Freund Don Quichotte vom Planeten Toboso so in allen Teilen gleichen wie ein Ei dem anderen, will ich Ihnen vertrauen. Sagen Sie mir nur, was ich zu tun und zu lassen habe, Boss, und ich werde mich sogleich anschicken, Ihnen zu gehorchen, Meister.» – «Zuallererst brauchst du, Hilfssheriff, ein Pferd; oder zumindest so etwas wie ein Pferd. Denn ich habe nur noch einen Esel im Stall. Natürlich hat man mir auch einen Dienstwagen mit Martinshorn zur Verfügung gestellt: doch der ist alt und rostig. Zudem ist Hafer billiger als Benzin und die Spesenordnung der hiesigen Behörden ist nicht gerade grosszügig ausgestaltet. Der Ort, den wir von Räubern, Banditen, Mördern und ähnlichem Gesindel sauber halten sollen, ist klein. Da gibt es bloss einen verlassenen Drugstore, eine leere Presbyterianerkirche und ein paar vergammelte Farmen. Die Gegend ist unwirtlicch, die Winde sind giftig, das Klima ist ungeniessbar. Kurz, dies hier ist ein Vorort zur Hölle. Bei uns in ‹Last Waterhole› lassen sich nicht einmal die Verbrecher gerne nieder.»
Don Quichotte schwieg gedankenverloren. Sancho dachte bei sich, dass das, was der gute Sheriff da ausgeführt hatte, einerseits schlecht, andererseits aber auch wieder gut war. Klar, dies hier war ein elendes Kaff. Klar, aber dafür gab es auch nicht so viel zu tun. «Den Kampf, den wir führen», fuhr der Sheriff da unvermittelt fort, «ist kein Kampf, in dem wir schnelle Autos und gefährliche Knarren brauchen. Schnelle Autos und feuerspeiende Waffen nützen uns in diesem Kampf gar nichts. Vergiss also schleunigst alle Kriminal- und Westernfilme, die du in deinem Leben gesehen hast, Sancho.» – «Ich bin weiss Gott schon lange nicht mehr dazu gekommen, mir einen gemütlichen Fernsehabend mit einem Krimi oder Western zu machen», seufzte Sancho mit tief empfundener Wehmut. Er musste sich auch eingestehen, dass der Sheriff wenig von einem John Wayne an sich hatte, eher im Gegenteil. «Wogegen oder wofür, Boss, kämpfen wir denn nun?» fragte er seinen neuen alten Vorgesetzten. «Wir kämpfen gegen etwas Unsichtbares», antworte Don Quichotte ernst. «Man kämpft immer gegen Unsichtbares. Das ist banal, ich weiss. Gegen einen Schatten. Gegen die Krankheit. Gegen eine Art Krankheit. Aber das brauchst du nicht zu verstehen. Folge mir einfach!» – «Ein Sheriff ist, wenn ich mich nicht täusche, so etwas wie eine Art Ritter. Ob Sie daneben auch noch so etwas wie ein Arzt sind, Boss, wage ich nicht zu entscheiden. Ich für meinen Teil kenn mich im Medizinischen nicht so aus. Schnupfen und überhaupt Erkältungen pflege ich mit einem kräftigen Schluck Brandy zu kurieren, ebenso nervöse Bauchschmerzen, die ich aber selten habe, und das dumpfe Völlegefühl, das sich nach einem ausgedehnten Mal einzustellen pflegt (das kommt bei mir schon häufiger vor). Man lebt zwar nur einmal, wie es heisst, muss aber im Leben für alles bezahlen, wie man mit den Jahren merkt. Unter Kopfschmerzen und Wetterfühligkeit leide ich glücklicherweise selten bis nie. Seit ein paar Jahren fühle ich allerdings manchmal ein Reissen in den Knochen. Das muss das Alter sein.» – «Das Alter oder nicht, Sancho, ich bin kein Arzt und rede auch nicht von Kopfweh oder Gliederreissen. Ich rede nicht von verschiedenen Krankheiten, sondern von der Krankheit schlechthin. Ich rede von der Wurzel des Übels, gegen die kein Kraut gewachsen ist und gegen die alle Ärzte der Welt nichts ausrichten können. Die Ärzte», Don Quichotte schnaubte verächtlich, «kleben Pflästerchen auf. – Die Krankheit, Sancho, ist ein intelligentes Wesen. Die Krankheit ist eine raffinierte Organisation. Verstehst du?»

Sancho verstand nicht im geringsten, was der Sheriff meinte, und er gab sich auch keine grosse Mühe, es zu verstehn, schliesslich ging es ihm nicht darum, seine Bildung zu vervollständigen, sondern einen Job zu bekommen und so sein Geld für Brot und Wein, Bett und Weib mit mehr oder weniger Mühe zu verdienen. Da es gegen einen unsichtbaren Feind ging, bestand die Aussicht, dass das Geld mit eher weniger Mühe verdient werden konnte. Andererseits wusste er aus Erfahrung, dass Menschen wie Don Quichotte oder der Sheriff hier als notorische Kämpfer gegen Windmühlen prinzipiell immer in Schwierigkeiten gerieten. Wenn auch meist in solche, die völlig unvorhersehbar waren. Das machte diese Schwierigkeiten aber jeweils auch nicht angenehmer. Undf auf ihn, Sancho, traf dann jeweils das Sprichwort zu: mitgefangen mitgehangen. Aber seis drum. Jetzt war er ha sowieso wieder in eine Kette von Unwägbarkeiten verstrickt. Und immerhin hatte ihn der Sheriff, der so verblüffend Don Quichotte ähnelte, ohne Weiteres auf die freundlichste Art zu einem Glas eingeladen. Also würde er dem Sheriff gegen unsichtbare Feinde in Gestalt oder in Gestaltlosigkeit von was auch immer kämpfen.

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