Mittwoch, 11. November 2009

Traurige Jäger (17)

Als rosig und kitschig und kalifornisch der Morgen sich am Himmel breitmachte, lag Sancho Pansa noch immer am Rand der Strasse, versunken in einen tiefen, komatösen Schlaf. Die Strasse war ein Highway, wenig befahren um diese Tageszeit, und von Mauern war weit und breit nichts zu sehen. Im Gegenteil – die Strasse führte durch eine Wüste.

Jetzt näherte sich ein struppiger Hund dem wie tot am Boden liegenden Sancho, um ausgiebig an ihm zu schnuppern und ihm das Gesicht und schliesslich auch das Gesicht abzulecken. Man sieht, dass der kleine struppige Hund sogleich eine tiefe Zuneigung zu unserem Sancho fasste. Durch die Berührung der warmen, raue und nassen Hundezunge wurde Sancho schliesslich wach. Er hatte soeben davon geträumt, in einer römischen Arena mit einem jungen Elefanten einen langsamen Tango zu tanzen. Das Publikum hatte getobt und gewiehert vor Lachen. Sancho konnte das nicht verstehn, Was war denn so komisch daran, wenn er in einer römischen Arena einen langsamen Tango mit einem jungen Elefanten tanzte?

Doch nun sah er ganz nah vor seinen Augen den Kopf des Hundes, der ihn mit verliebter Gier in den Augen anschaute. «Weg, weg da», ächzte Sancho und versuchte sich zu erheben, was ihm nach einiger Mühe, denn alle Glieder taten ihm fürchterlich weh, schliesslich auch gelang. Der Hund wedelte mit dem Schwanz und stiess kurze begeisterte Beller aus.

Als er verwundert um sich schaute, fragte sich Sancho besorgt, wo denn die Mauern, die Stadt, der Palast und vor allem sein Freund, der Botschafter Don Quichotte von Toboso, geblieben waren. Oder hatte er das alles bloss geträumt? Dass er jetzt in einer Wüste gelandet war, hatte gerade noch gefehlt und setzte dem ganzen die Krone auf. Und liess sich eiegntlich nur durch Zauberei erklären, obwohl Zauberei, Verzauberung und Magie weit besser zu Don Quichotte passten.

Jetzt, in der hellen, nun schon heissen Sonne, neigte Sancho Pansa weit mehr als bei Nacht zum philosophischen Sichdreinschicken in die momentane Situation. «Sei es wie es sei», sagte er zu dem Hund. «Man wählt sich sein Leben ja nicht aus. Wer fragt dich denn nur schon, ob du überhaupt geboren werden willst.» Der Hund bellte zustimmend, es schien ihm auch schon so einiges widerfahren zu sein in seinem Leben. «Ein Hundeleben», stellte Sancho fest und wischte sich den Schweiss von der Stirn. Er hatte Kopfschmerzen. Indessen näherte sich mit stets sich verstärkendem Brummen ein rasch grösser werdender Latwagen oder Truck von Süden oder Norden oder Westen oder Osten her, um mit lautem Tuten an Sancho und dem Hund vorbeizudonnern.


Einige hundert Meter weiter schien es sich der Lastwagenfahrer oder Trucker allerdings anders überlegt zu haben, denn er stoppte seinen Koloss ziemlich abrupt. «Gut», dachte Sancho, «gut. Latschen wir also hin. Wir können ja nicht ewig hierbleiben, wo immer hier auch ist.» Und er nahm zusammen mit seinem Hund den staubigen Weg unter ihre sechs Beine, einen ziemlich langen Weg, der sie von dem wie ein Weihnachtsbaum geschmückten riesigen Lastwagen trennte. Sancho kam es so vor, als hätte er inzwischen den ganzen Kopf voller grauer Haare. Wir könnten jetzt gemein sein und den Trucker, kurz bevor Sancho und sein Hund das Riesenbaby ereichten, davonfahren lassen, aber stattdessen lassen wir den Fahrer, dessen Haar im heissen Wüstenwind flattert, aus dem Fenster gelehnt schreien: «Hurry up, man, hurry up, I can’t wait for you this whole fucking day!». Sancho kletterte schnaufend in die Führerkabine, der Hund sprang ihm auf den Schoss. Ehrlicher, fadengerader, schörkelloser Südstaatenrock drang in seine Ohren. Der Fahrer war rotblond und kräftig und von irischer Abstammung. Er hatte natürlich tätowierte Arme und trug eine blaue Fliegermütze mit Schirm, die zu klein wirkte auf seinem riesigen runden Schädel. Ein Gringo, dachte Sancho, wieso begegne ich jetzt einem Gringo? Der Lastwagenfahrer begann, auf Sancho einzureden in seiner breiigen Sprache. «Where you go?» fragte der Trucker, «are you Mexican?» Und, als Sancho nur verständnislos schaute: «Tu Mexico?» – ;No Mexico», sagte Sancho darauf, «Elijas, Provinca di Salamanca, España.» Das verstand nun wiederum der Trucker nicht. Er war aber überzeugt davon, dass er sich einen illegalen Einwanderer aus dem Süden in den Wagen geholt hatte, den er schleunigst wieder loswerden musste. Er war zwar ein gutmütiger Mensch, aber nicht lebensmüde. Da musste nur eine Polizeistreife kommen. Doch tauchte glücklicherweise bloss eine Tankstelle auf, «The greatest Niagara». Eine Tankstelle mit Motel und allen Schickanen. Na ja, ein bisschen abgefuckt, aber immerhin.

«Du stiegst hier aus», sagte der Trucker unwirscher zu Sancho, als er es eigentlich wollte. Oft sind ja die Menschen im Grunde genommen besser als das Resultat, das die Umstände aus ihnen gemacht haben. Sancho verstand zwar nicht den genauen Wortlaut der wiederum amerikanisch gesprochenen Worte, aber es war ihm immerhin klar, dass er in diesem Gefärt zusammen mit seinem Hund nicht mehr erwünscht war. Erst nimmt er mich mit, um mich dann gleich wieder rauszuschmeissen, grummelte er in sich hinein. Soll einer diese Gringos verstehen, Die spinnen doch, die Amerikaner. Sancho schüttelte, aber vorsichthalber mehr innerlich, den Kopf.

Da stand er nun wieder mit seinem Hund auf der staubigen Strasse. Was jetzt? Sancho, der Weltenherrscher, hatte keinen Cent in der Tasche und sah aus wie ein Landstreicher. Ach, Weltenherrscher. Eier!

Er hatte keinen Cent, keinen Sou und auch keine müde Pesete in seinem Sack, dafür einen kleinen hungrigen und durstigen Hund am Hals. Eine unangenehme Situation für einen Mann in einem fremden Land. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als durch jene Tür zu treten, über welcher ein Schild mit dem Wort «Bar» hing. «Bar», das verstand er. Ein polyglottes Wort, fast in sämtlichen Sprachen der Welt zu Hause. Gott sei Dank gibt es solche Wörter, dachte Sancho. Gott sei Dank gibt es solche Wörter, die nicht nur leere Worte sind. Bars, die man wirklich betreten kann. Beim Lesen des Wortes «Bar» merkte Sancho, dass nicht nur der Hund, sondern auch er selbst ziemlich durstig war.

Vielleicht hatten die da ja eine Arbeit für ihn, Zapfsäule bedienen oder so was, Tellerwaschen meinetwegen, dachte Sancho. Für nicht mehr als ein Glas Bier und eine Wurst für den Hund. Schliesslich befand er sich offenbar in dem gelobten Land, wo man es vom Tellerwäscher zum Millionär bringen konnte.

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