Montag, 11. Mai 2009

Gelber Schimmel




Gelber Schimmel? Unsinn – Schimmel sind weiss, das weiss doch jedes Kind. Gelb sind Schimmel höchstens dann, wenn das Weisse der Pferdekörper ins Schmutzige verrutscht ist. Aber dieses Gelb ist kein schmutziges Weiss, sondern hat die leuchtende Farbe von Zitronen. Kommt dazu, dass sich das Pferdchen, von dem wir hier reden, verdoppelt und in die äusseren Augenwinkel eines vielleicht vierzigjährigen Mannes gestohlen hat, der soeben niedergeschlagen eine Party verlässt, die ein wenig enttäuschend für ihn verlaufen ist. Die Frauen haben auf seinen sonst so unwiderstehlichen Charme spröde reagiert. Der Champagner hat ihn auch nicht zu beflügeln vermocht. Jetzt wird er sich eben zu Hause einen schönen starken Drink mixen und den Spätfilm im Fernsehen geniessen. Er lässt sich in das weiche Polster seines Wagens fallen, wirft wie immer einen kurzen prüfenden Blick in den Spiegel im Wageninnern. Und da fällt ihm das zitronengelb phosphoreszierende Etwas in seinen Augenwinkeln zum ersten Mal auf. Er erschrickt. Die Erscheinung ist so unerwartet. Er berührt mit seinen Zeigefingern sanft die gelben Stellen. Die fühlen sich ein wenig an wie Samt. Er beschliesst, die Abklärung dieses Phänomens zu verschieben, bis er zu Hause vor dem Badezimmerspiegel steht. Ist ja lächerlich, denkt er, dass ich mich wegen so was beuruhige. Eine optisch-haptische Täuschung, denkt er. Hab wohl doch zu viel getrunken.
Zu Hause angekommen, trödelt er absichtlich, zieht sich aus und an, hüllt sich in den Morgenmantel, macht den Fernseher an. Dann schlendert er wie absichtslos zum Badezimmerspiegel. Etwa münzengrosse zitronengelbe Flecken zeigen sich da, wo sich höchstens, allerhöchstens ein paar Lachfältchen zeigen dürften.
Scheinen sogar noch etwas grösser geworden zu sein. Na ja, vielleicht auch nicht. Sieht auch nicht besonders schlimm aus. Wie aufgeklebt. Wieder befühlt er die pelzigen Stellen. Noch nie hat er von einer Krankheit gehört, die sich in solchen Symptomen äussert. Das ist beruhigend. Überhaupt, er fühlt sich gut. Er fühlt sich blendend. Er fühlt sich ganz und gar gesund. Er versucht, die gelb leuchtenden Stellen neben seinen Augen weg zu reiben, aber ohne Erfolg. Im Gegenteil, jetzt wächst das gelbe Pelzchen auch auf seinen Fingerkuppen. Er flucht leise in sich hinein, befeuchtet im Wohnzimmet einen Lappen mit Whiskey, reibt damit seine Augenwinkel, die Fingerkuppen, aber alles wird nur schlimmer dadurch, die Schimmelstellen scheinen den Whiskey zu lieben und werden grösser, bilden jetzt richtige Pölsterchen, überall auf den Händen und im Gesicht rasch zusammenwachsende Schimmelinselchen. Das sieht bizarr aus, aber er findet es jetzt nicht mehr lustig. Greift sich die Tube, mit deren Salbe er sonst seinen Fusspilz bekämpft, schmiert sie sich hektisch ins Gesicht, massiert sie in die Hände ein.
Das wirkt. Die gelben Partien weichen sofort zurück wie der Teufel vor dem Weihwasser. Erleichtert stöhnt er auf. Es lebe die Chemie, denkt er. Jetzt wird er sich betrinken, denkt er, sich gnadenlos ins Koma saufen. Eine Stunde später liegt er stockhagelvoll auf seinem Bett, aber er schläft unruhig, träumt viel und nicht sehr angenehm.

Keuchend und nach Luft ringend kämpft sich der Träumer aus dem Traum. Er ist zunächst sehr erleichtert, als er sich in seinem Bett wieder findet. Geiwss, der Schädel brummt und heftige Gewitter entladen sich in seinem Kopf, aber das ist normal, wenn man einen Kater hat, und es würde nach einem Alptraum nichts Schöneres geben als die Normalität.
Ja, alles wäre normal. Es wäre Sonntagmorgen – oder wohl eher Sonntagmittag – und er hätte ein pelziges Gefühl im Mund, er hätte Durst.
Durst – ein völlig unspektakuläres Bedürfnis. Durst ist Heimat. Gletscherbach und Dorfbrunnen. Humpen mit gelbem, schäumendem Bier. Gartenwirtschaften, Serviertöchter mit guten Hüften. Blasmusik, Fondue, humpahumpatäterä. Sonntagnachmittag, Erdbeercoupe. Mittwochabend, Jassrunde. Durst, Heimat.

Er greift sich mit der Hand ins Gesicht. Die Hand ist gelb, und die Haut des Gesichts fühlt sich an wie ein Fell.
Immer noch, schon wieder, jetzt erst recht.
Er lacht, alut und trotzig.
Dann kommt ihm die Idee, noch gar nicht erwacht, sondern bloss in einem anderen Alptraum gelandet zu sein, wie Mister Spock on LSD. Das ist unangenehm, aber nicht allzu tragisch. Er versucht, sich zu erinnern, an irgendwas, aber die Gedanken laufen chaotisch in seinem Hirn durcheinander.
Die Sonne, die durch das grosse Fenster in den Raum hinein scheint, ist sehr hell. Er kann sich nicht entsinnen, je eine solche Helle gesehen zu haben.
Auch die Pflanze neben dem grossen Fenster leuchtet, verströmt ein intensives grünes Licht.
Die ganze Wohnung hat sich verändert, nicht sehr, auf keine dramatische, aber doch ausgesprochen charakteristische Art und Weise, die er einfach nicht in Sprache fassen kann.
Die Gegenstände sind von einer nicht zu überbietenden Körperhaftigkeit. Sie ragen ungeheuer weit in den wie aufgeblasenen Raum hinein.
Allmählich geht sein Entsetzen in ein Gefühl der Verwunderung, des Staunens über.
Er denkt: Ich denke, ohne zu denken. Ich fühle, ohne zu fühlen. Ich empfinde, ohne zu empfinden. Ich empfinde, wie wenn nicht ich es wäre, der empfindet. Ich empfinde, wie wenn es kein Ich mehr gäbe.
Er denkt, dass der denkt, dass der denkt, dass er denkt…
Ein Echo hallt von den Wänden in seinem riesigen Kopf.
Er sitzt in seinem Kopf wie in einem Raum voller Spiegel.
Er schaut hinaus auf die namenlosen Gegenstände, die eine würdevolle, ehrfurchtgebietende Eigenständigkeit ausstrahlen.
Er nimmt das intensive Licht in sich auf, er staunt und fühlt sich frei, und dieses Gefühl der Feriheit ist Glück.
Ja, er hat sich wohl verwnadelt.
Die tosende Stille hinein explodiert ein Trommelfeuer aus scharf konturierten Tönen. Was ist das?
Natürlich, sein Handy. Er weiss noch, wo sein Handy liegt, ihm fällt noch ein, was ein Handy ist und was man mit einem Handy macht.
Er ist nicht verrückt. Er befindet sich bloss in einem Alptraum.
Oder auf einem Trip.
Man kann auch in einem Alptraum telefonieren, denkt er jetzt.
Vielleicht ist das ganz lustig.
«Bist du es, Manfred?» fragt eine Frauenstimme.
Er räuspert sich. Ist er es, Manfred? Möglich, aber es hat keine Bedeutung. Nicht mehr.
«Ich bin es, deine Mutter. Du musst unbedingt vorbei kommen. Ich muss die etwas ganz Wichtiges erzählen.» Er hört fasziniert zu, hingegeben, verliert sich an die Medlodie in der Stimme und achtet nicht auf den Sinn der Worte.
Die Frau am anderen Ende der Leitung fängt jetzt an zu weinen.
«Ich kann nicht kommen», sagt er heiser, unter Aufbietung all seiner Willenskraft. Mühsam reihen sich die Worte aneinander. «Ich habe überall gelben Schimmel im Gesicht. Und an den Händen auch. Wie es um den übrigen Körper steht, weiss ich nicht.»
«Bist du betrunken?» fragt die Frauenstimme scharf. «Jetzt am Mittag?»
«Ich habe ein Fell bekommen», schreit er als Antwort in das Handy und schleudert es dann mit voller Wucht von sich.
Was geht ihn diese Stimme an? Was geht ihn überhaupt noch an?
Er legt sich auf den Boden und döst. Die Sonne scheint ihm auf den Kopf, wärmt ihm die Schnauze. Er fühlt sich wohl. Er beginnt zu schnurren, probeweise erst, dann mit immer grösserer Selbstverständlichkeit.
Die Zeit hat aufgehört zu existieren. Er befindet sich im vergangenheitslosen, zukuftslosen Raum der Gegenwart, den Menschen nur im Traum oder im Rausch erfahren und dann gleich wieder vergessen.
Die Sprache zerfällt. Das Leben hat immer gerade erst angefangen.
Bald wird er Hunger bekommen, aber davon weiss er noch nichts.

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