Montag, 19. November 2007

Im Reich von König Jelali









King Jelali, Felix und King Jelali, Musizierende Berberjungen in Sidi Harazem, Salhi mit der perfekt konstruierten Ziegennase; Bab el Manur in Meknes


Etwa 30 Kilometer vor Fez geht ihrem klapprigen Bus der Most aus, und nun steht der irgendwie ratlos mitten auf der Strasse. Die Passagiere steigen aus und haben sich schon mit dem Zwangsaufenthalt in der heissen, baumlosen Steppe abgefunden, als ein Tankwagen und mit ihm die Rettung naht: ihr Fahrzeug schluckt Benzin und fährt, frisch gestärkt, weiter.
Unterwegs in diesem Bus kommen sie mit einem Jungen ins Gespräch, den seine Kumpel Salhi nennen. Sein ovales Gesicht unter gekraustem Dunkelhaar ist bronzen, in diesem Gesicht sitzt eine grosszügige, spielerisch konstruierte Ziegennase, darunter erster Bartflaum über einem weichlippigen Mund, grazile Wangengrübchen beim Lächeln, breites Kinn – nichts Spitzes oder Scharfes findet sich in diesem von makelloser Haut überspannten Gesicht. Auch der Rest des Jungen ist nicht von schlechten Eltern. Kurz und gut, sowohl Ingo als auch Felix sind von diesem Salhi angetan, der ausserdem sehr intelligent und ausgesprochen kommunikativ ist, und beide buhlen sie um die Gunst des Jungen.
In Fez, an der Bushaltestelle vor Bab Boujloud, verabschiedet sich Salhi vorübergehend von ihnen, will sie aber glücklicherweise «revoir». Er übergibt sie für die Zwischenzeit den fürsorglichen Händen von «double-crazy» Jelali, eines kleinen, schlauen, liebeswürdigen, stolzen, janusköpfigen Jungen, Wulstlippen unter einem angedeuteten Schnäuzchen, negroide Gesichtszüge und spiralförmig vom Kopf abstehendes Haar, halb König und halb Dämon, mit dem biegsamsten Körper, den man sich vorstellen kann. Koboldhaftes Sprudellachen, das sich durch Teerrückstände vom vielen Rauchen in der Kehle kämpft. Jelali, treuer Führer auf verschlungenen Pfaden, liefert sie im Hotel Mauretania in der Medina beim Bab Boujloud ab. Dann zeigt er ihnen die Stadt, sie wandern durch die Souks und besichtigen eine Ledergerberei und eine Produktionsstätte für Tamtams. Später, in der Nacht, liegen Ingo und Felix auf einem zu schmalen Doppelbett im Hotel, hinter dem Fenster der rauschende Bach, der erfrischen soll, aber nur Lärm macht. Und dazu die schwüle Hitze, die bewirkt, dass unsere Freunde sich schweissgebadet der Schlaflosigkeit ergeben.
Am nächsten Tag nimmt sie Jelali wieder in Empfang; später stossen ein paar weitere Jungs dazu: ein Junge aus Marrakech, der in Fez Ferien macht, ein Kleiner mit eingeschientem Arm, der 21-jährige Mohammed, ein stolzer Familienvater, mit einem Mädchen, einem «Feuerteufel», der «mit jedem geht» und Ingo später seinen «moustache» zeigt, und auch Salhi taucht glücklicherweise wieder auf. Sie sitzen müssig in einem schattigen Park an einem künstlichen Weiher und beschliessen, am Nachmittag zur Mineralquelle Sidi Harazem hinauszufahren, einem modern ausgebauten Erholungsort für begüterte Marokkaner, der aber auch als Treffpunkt und Begegnungsort für die einheimischen Jugend dient, die abseits der modernen Bauten, dort, wo das Wasser warm aus dem Felsen sprudelt, unter schattigen Hartlaubbäumen ihre ofenrohrgrossen Joints raucht. Die neuen Freunde von Ingo und Felix kaufen Oliven, Melonen, Aprikosen, Kirschen, Brot und Hammelfleisch ein, ein Picknick, das später alle mit grossem Genuss verzehren. Sie hören Musik und ergeben sich der grossen Hitze der allmächtig grossen Sonne des nordafrikanischen Sommers, die bei allen den Hang zu einer eher vegetativen Befindlichkeit noch verstärkt. Ein paar dunkle Berberjungen mit fein geschnittenen, ernsten Gesichtern, farbige Bänder ums gekrauste Haar geschlungen, leben nun schon seit einem Monat in einem blau-weiss-gestreiften Stoffzelt; jetzt machen sie Musik, singen, schlagen den Rhythmus auf Tamtams und spielen auf arabische Art Gitarre. Ein kleiner Junge, dessen Stimme noch nicht gebrochen ist, hat mit Begeisterung die Rolle des Vorsängers übernommen. Überhaupt, die Intensität, mit der die jungen Künstler ihre Musik darbieten – einfach überwältigend.
Am Abend, bevor sie daran denken, zurück nach Fez zu fahren, spazieren sie durch den aufgeheizten Beton von «Neu-Sidi Harazem». Felix flirtet mit Salhi, sie spazieren Hand in Hand, was hier wirklich niemanden irritiert, vielleicht deshalb, weil es sich dabei um eine simple Geste purer Sympathie handelt, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Um neun Uhr nehmen sie ein Taxi und fahren zurück in die Stadt. Jelali lädt die ganze Gesellschaft ein, in seinem Wohnraum, seinem Königreich, weiterzufeiern. Jelalis «chambre bleu». Man geht in der Dunkelheit durch schmale Gassen und kommt in einen stillen Hof und steht dann unvermittelt vor Jelalis «rauyome du Hashish». Jelali hat rote Birnen eingeschraubt und die Wände mit Bildern von Rockstars und nackten Frauen verklebt. Jelali legt eine Kassette in den Rekorder, und Carlos Santanas südamerikanische Rhythmen strömen in den Raum. Alle hocken sich auf den Matratzen nieder, die den Wänden entlang am Boden liegen. Jelali holt einen gewaltigen Brocken Haschisch aus seiner Vorratskammer und schneidet ein tüchtiges Stück vom Kuchen ab. Jelali bastelt gewaltige Joints, und sie rauchen die ganze Nacht. Felix, fühlt sich dem Tag immer mehr entrückt und fällt immer tiefer in die Welt der Nacht hinein, bis er schliesslich in tiefem Schlaf versinkt, seine Beine unentwirrbar in die Beine der anderen Schläfer verknotet. Gegen Morgen entwirrt Mohammed, der Familienvater, den Knäuel und legt die Betäubten schön ordentlich hin.
Am nächsten Tag sind sie beim Familienvater, der aus einer nicht ganz armen Familie stammt, zum Essen eingeladen. Es gibt köstlichen Tomatensalat, Hackfleischbällchen, Oliven, Früchte, saure Milch, Tee. Mohammed erzählt aus seinem Leben. Seine Frau und sein Kind leben in den Bergen. Er sei nicht zur Schule gegangen und arbeite auch nicht, er habe bei seinen Eltern ja, was er brauche. Mohammeds Mutter, eine Algerierin, hat etwas von einer «grande dame» an sich, sie spricht ein sehr gutes Französisch und schätzt eine gepflegte Konversation.
Gegen Abend gehen sie ins Café beim Park, liegen in bequemen Stühlen herum, trinken Cola und rauchen Hasch. Felix fühlt sich jedoch körperlich etwas angegriffen und bekommt wieder einmal Durchfall (im Gegensatz zu Ingo, der einen Rossmagen hat, ist Felix in heissen fremden Ländern stets akut durchfallgefährdet). Felix erträgt auch grosse Hitze nicht wirklich gut, und die Hölle stellt er sich als einen schattenlosen Ort vor, an dem die Sonne sengend von einem Himmel ohne Horizont brennt. In der Nacht schläft er schlecht oder eigentlich gar nicht, es ist stickig heiss im Zimmer und lärmig im Hotel. Er muss immer wieder zur Latrine rennen, wo es gelb-wässrig aus ihm heraus explodiert. Dazwischen stellen sie sich mit dem Bettzeug unter die lauwarme Dusche und hüllen sich dann in die feuchten Laken, aber das bringt nur vorübergehende Linderung. Um fünf Uhr in der Früh können sie beide, Ingo und Felix, nicht mehr schlafen und stehen auf. Felix fühlt sich in der Morgenhitze aber bald so geschwächt, dass sie ein besseres, kühleres Hotel suchen, mit einem Zimmer, in dem zwei einzelne Betten stehen, und in dem Felix den Nachmittag verschläft. Ist aber auch eine Schnapsidee, mitten im Sommer nach Nordafrika zu fahren!

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Poster du Maroc
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Am nächsten Tag nehmen sie die kurze Strecke nach Meknes unter die Räder. Sie entsteigen dem Bus beim Bab-el-Mansur, dieser Perle marokkanischer Architektur. Sie stellen ihr Gepäck in den Gemächern des luxuriösen Fünf-Sterne-Hotels «Meknes» ab. Anschliessend bummeln sie durch das Labyrinth der Altstadt und treffen auf Bekannte von Felix des letzten Jahres: Umarmungen und lebhaftes gegenseitiges Befragen. Einer dieser Bekannten hat sich emporgearbeitet, er ist jetzt nicht mehr guide, sondern Verkäufer in einer Boutique und im Vergleich zum Vorjahr sehr gut angezogen.
Mit zwei neuen «Rucksäckchen», Mohammed einerseits, einem Saharakrieger, der nach eigenen Angaben den «grünen Marsch» mitgemacht hat, und Fouad, einem siebzehnjährigen Herzensbrecher (von Männer- und Frauenherzen), verbringen sie den Nachmittag im modernen Schwimmbad von Meknes. Felix schwimmt und flirtet gleichzeitig mit einem gut aussehenden und ernsthaften jungen Mann, der kurz vor dem Abi steht. Aber um 18 Uhr, als das Bad schliesst, muss Felix brav mit den beiden «Gastgebern» Mohammed und Fouad losziehen, denn die Höflichkeit gebietet es so: seinem «Führer» wird man nicht einfach so untreu (als Grüner Marsch wird übrigens ein 1975 vom Staat Marokko im Rahmen des Westsaharakonflikts organisierter Marsch von 350000 grösstenteils unbewaffneten Menschen bezeichnet. Der Marschweg führte vom südlichen Marokko in die zu Spanien gehörende Kolonie Spanische Sahara, die heutige Westsahara, und sollte Spanien zur Übergabe der Kolonie an Marokko bewegen. Grün ist die Farbe des Islam).
Sie kaufen Picknick und Kif und schlagen ihr Lager auf einem Hügel gegenüber der Altstadt auf, New Meknes im Rücken, und haben so ein herrliches Panorama vor Augen, «Poster du Maroc», wie Fouad grinsend meint, ein Gemälde in Schwarz unter Orange-Gelb-Grünlich-Bläulich-Blau-Dunkelblau und Violett. Sie rauchen und essen, Mohammed spielt auf einem marokkanischen Zupfinstrument, die Jungs erzählen, wie sie die Touris abzocken (Felix und Ingo, als «Freunde», sind selbstverständlich nicht mitgemeint). Sie diskutieren über die Arbeitslosigkeit und die damit verbundenen mangelnden Zukunftsperspektiven für junge Menschen in Marokko und wie dadurch der Wunsch, zu einem Pass zu kommen und auszuwandern, fast zum einzigen Ziel wird, das von Jugendlichen und vor allem von jungen Männern zwar verfolgt, aber nur ganz selten erreicht wird.
In der Nacht ist der Magen von Felix wieder sehr unzufrieden und reklamiert mit brummenden Geräuschen und häufigen Druckgefühlen im Mastdarm. Am Morgen fühlt Felix sich erschlagen und denkt, dass er wohl nie wieder etwas essen kann, ohne dass das zu einer Katastrophe in seinem Verdauungstrakt führt.
Um halb vier fährt der Zug nach Tanger. Sie sind den ganzen Tag mit Fouad zusammen, aber Felix hängt nur erschöpft, matt und geschwächt herum und muss sich überallhin förmlich mitschleppen lassen.
Auch die Zugfahrt selbst ist ihm zuwider: die Hitze, die stinkenden, überfüllten Abteile, das arrogante Benehmen der Beamten, ihre Napoleonsallüren, und Felix sitzt mürrisch auf seinem treuen, etwas ramponierten Rucksack.

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