Donnerstag, 11. Juni 2009

Die Rückkehr

Es war an einem gewöhnlichen Samstag Ende April, die Sonne schien und das Laub an den Bäumen war von einem frischen Grün und sah fast gesund aus. Felix war zusammen mit seinem Freund, einem Studenten der Pharmazie, unterwegs: per Fahrrad. Man schrieb das Jahr 2017. Zu jener Zeit war es ein fast schon extravagantes Unternehmen, sich mit dem Velo auf die Strassen zu wagen. Sie sassen und strampelten auf alten rostigen Rädern aus den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, die waren der letzte Schrei und nicht ganz billig. Modemässig hingegen war man mit der Reminiszenz bereits zehn Jahre weiter und trug wieder synthetische Hemden mit grossen Kragen und Hosen mit ausgestellten Beinen. Sonst aber war nichts mehr wie damals. Die Zentren waren immer mächtiger geworden und hatten schliesslich fast das ganze Hinterland verschluckt, so dass die ehemalige Nation sich als einzige Agglomeration der grossen Stadt präsentierte, die aber noch immer nicht über ihr eigentlich provinzielles Niveau hinausgekommen war. Die Luft war giftig, denn noch immer hatte man es nicht geschafft, die Autos abzuschaffen. Doch die beiden Freunde waren guten Muts, der Apotheker hatte ein paar Tabletten Dexedrine besorgt, zudem waren sie frisch ineinander verliebt. Zwischen den Strassen und Schnellbahnlinien gab es Inseln mit Wäldern und Wiesen mit richtigen Kühen, Reste von Dörfern, regelrecht ausgestorben, leergefegt und langweilig, vereinzelt fanden sich Pubs und Take-Aways, Leute sassen unter Schirmen an Plastiktischchen und tranken Kaffee, Coca Cola oder Bier, schenkten sich mit trägen Augen Blicke oder auch nicht oder schauten bloss der Katze zu, die elegant über irgendein Geländer schritt. Eine ältere Dame mit Hut las in einer solchen Gastwirtschaft ein Buch über Astrologie. UIn einem Dorf sassen Jugendliche auf ihren Mofas und warteten in der Sonne, bis die Diskothek ihre Türen öffnete, die sich im Keller eines Pubs befand. Dann führte die Strasse durch eine Ebene, die weniger dicht besiedelt war, aber umso intensiver landwirtschaftlich genutzt wurde; diese Gegend war berühmt für ihre Gefängnisse. Der Freund, den sie besuchen wollten, war ein nicht mehr ganz junger Student, der Blumen aus Südamerika ausfuhr und alten Damen viel Freude bereitete.

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Felix musste mal. Man hatte viel geplaudert, gar philosophiert, einiges an Wein getrunken. Felix war müde, und die Deckel fielen ihm fast über die Augäpfel, während er schiss. Er fühlte sich wohl, entspannt, fast glücklich, er wollte nichts hinzu und nichts weg, kein Plus und kein Minus, er baumelte mit den Beinen, die wie junge Bäume waren, spürte, wie sich eine weitere Wurst in harmonischem Gleiten aus seinem Hintern löste. Er pfiff eine leise Kindermelodie vor sich hin. Er patschte mit den Händchen auf die Oberschenkel, deren Haut wie Pfirsich war.

Als er auf die Füsse sprang, fiel ihm etwas auf: Das fühlte sich nach Erinnerung an, war aber nicht zu benennen. Das fühlte sich an wie ein gewaltiger Schrecken, hatte Ähnlichkeit mit dem Moment des Erwachens: im Schlaf ist alles so mild und weich, kein Traum ist unausweichlich... Er tastete. Er griff zur Türfalle hoch. Er schaute zurück ins Badezimmer. Die Dimensionen der Objekte hatten sich verschoben. Das dachte er nicht, das war die unbarmherzige Meldung seiner Nervenenden, die direkt an die Zentrale weitergleitet wurde, um von dort ihren Rückstoss in alle Organe zu erfahren. Der Spiegel über dem Waschbecken hing weit oben. Die Kloschüssel war unnatürlich gross, der Raum war weit und hoch. Dies wollte er nicht wahrhaben: Er kniff die Augen zusammen, bis das Bild, das er sah, mit dem Bild seiner gewohnheitsmässigen Wahrnehmung verschwamm.

Er fühlte sich alleingelassen. Er wollte zurück in die vertrauten Koordinaten. Er hörte Stimmen: Er hörte die Stimme seiner Mutter, seines Vaters. Bilder sah er und Töne hörte er und Gerüche überfielen ihn, wie sie sich einem Blinden, einem Tauben: wie sie sich einem Menschen ereignen, der seiner Sinne beraubt ist und halluzioniert – fern, so fern… Er öffnete mit Anstrengung die Tür, blieb stehen und roch. Der Geruch! Dieser Geruch war unanständig, ein Totengeruch. Er wollte seine Freunde sehen, er wollte sich ein grosses Glas Wein die Kehle runterjagen, ein riesengrosses Glas Schnaps, er wollte diesen Geruch mit dem Abendgeruch seines Geliebten vertauschen.

Es riecht nach alten Frauen und Biskuits, die schon lange in verschlossenen Blechbüchsen leiden. Er taumelt, er greift sich mit einer komisch erwachsenen Geste an die Stirn, er sieht eine Hand, die nicht die seine ist, es ist eine Kinderhand, die aus einer Risswunde blutet. Eine alte Frau kommt auf ihn zu und sagt auf französisch: Oh mein Gott! Mon Dieu, was hast du wieder gemacht, du dummer, ungeschickter Junge, du machst alles schmutzig!

Er beginnt zu schreien, als die fremde Frau auf ihn zukommt, drohend, gross, mit bösem Blick. Hände packen ihn und es nützt nichts, dass er strampelt, um sich beisst. Die Stimme der fremden Frau sagt auf französisch, auf englisch, auf russisch, auf polnisch, auf deutsch: Wart nur, bis Papa kommt! Dann wird er in ein schwarzes Zimmer gesperrt, in ein schwarzes Bett gepackt, in ein schwarzes Loch gesteckt.


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Da reisst eine der alten Frauen die Tür auf und mit ihr stürzt unbarmherzig die Morgensonne in den Raum. Sie reisst die Decke von seiner geschwellten kleinen Grösse und zerrt ihn gutgelaunt ins Bad, das Bad mit der grossen Kloschüssel und dem Spiegel, der so weit oben über dem grossen Waschbecken hängt, wo sie kalte Waschungen an ihm vornimmt. Selbst in diesem Bad riecht es jetzt sehr angenehm und gegenwärtig nach frischem Kaffee. Ob Kinder in seinem Alter wohl schon Kaffee bekommen? Ihm fällt ein, dass er nicht weiss, welches Jahr man schreibt. Es ist Zeit, in die Schule zu gehen, sagt die Frau.


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In der Schule sitzt er in der dritten Reihe, neben Wolfgang. Immer wieder schaut er verstohlen nach links zu seinem Kameraden. Felix kommt sich nackt vor und schämt sich, weil er schon wieder einen Steifen hat. Es ist ihm, als würden Käfer auf der Haut seines Körpers spazieren gehen. Es sind kleine schwarz leuchtende Käfer, er sieht sie auf den Händen herumkrabbeln, die vor ihm auf dem Pult liegen. Die Materie, sagt der Lehrer vorn, besteht zur Hauptsache aus nichts. Der Lehrer, dessen Körper gross, schlank, kräftig und schwarz behaart ist, trägt nichts als einen knappen goldfarbenen Slip, unter dem sich eine halbe Erektion abzeichnet. Wolfgang steht jetzt neben dem Lehrer und streichelt ihm die Oberschenkel. Wolfgangs Augen leuchten und sein Mund ist sehr rot. Felix friert. Da dringt ein feuchtheisser Dampf durch die geöffneten Fenster ins Schulzimmer. Ob etwas gross oder klein zu nennen ist, doziert der Lehrer, während Wolfgangs eine Hand im Slip des Lehrers verschwindet, hängt immer davon ab, womit man es vergleicht. Felix bemerkt, dass er sich allein in dem Schulzimmer befindet, allein mit Wolfgang, dem Lehrer und dem Dampf. Zum Beispiel die Welt, fährt der Lehrer fort, während sich Wolfgangs blutroter Mund über den Schwanz des Lehrers stülpt, die Welt ist klein, unendlich klein, wenn man sie mit dem Universum vergleicht, aber sie ist zugleich auch unendlich gross, wenn man sie neben ein Atom stellt: so hängt alles zusammen. Felix fühlt sich schwer. Er würde gerne etwas sagen, fragen, tun, aber es ist zu schwer, die Beine sind zu schwer, die Zunge ist zu schwer. Er würde gerne die Käfer von seinem Körper wegwischen, aber auch seine Hand ist zu schwer. Wolfgang sitzt wieder neben ihm, der Lehrer steht vorn, angekleidet, der Dampf ist weg. Der Lehrer sagt: Felix, komm an die Tafel. An die Tafel ist ein Auge in ein Dreieck gezeichnet. Felix denkt: Ich kann doch nicht. Die Käfer. Und ich bin nackt. Und ich habe einen Steifen. Drohend sagt der Lehrer: Felix. Und dann noch einmal, ganz langsam: F e l i x. Hilfesuchend ergreift Felix Wolfgangs Hand, doch dieser entzieht sie ihm unwillig. Das Auge starrt Felix an.

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Die feuchte Kälte dringt durch seine Kleider. Es riecht nach verfaultem Gras. Der Himmel ist grau, aber dennoch zu hell für seine an die Dunkelheit gewohnten Augen. Ich muss in die Stadt, denkt Felix: Die Stadt bei Nacht, das ist mein Revier. Er steht auf, der Rücken tut weh, der Kopf tut weh, der Atem brennt in den Lungen, er hat sich bestimmt erkältet; aber das macht nichts, denn in der Stadt gibt es Medikamente gegen alles. Vor sich sieht er sinnlos eine morsche Brücke zwischen zwei kahlen Bäumen hängen.

Felix prügelt sich vorwärts wie einen müden Esel. Auf seinem Rücken hocken gleich drei: nämlich die Angst vor dem Tod, die Angst vor dem Leben und die Angst vor der Angst. Er kann sie nicht sehen, aber er hört sie singen zu dritt: Grüss mir Neapel, grüss mir Mumbai und grüss mir New York! Und jetzt hüscht und hott!

Endlich liegt die Stadt vor ihm und hat die Form eines riesigen menschlichen Hirns. In dieses Hirn führt ein Gewirr von Strassen, Schnellbahnlinien, Flugschneisen, Tunnels. Aus dem Hirn heraus quillt unsichtbar ein Brei aus Lärm, heulen Sirenen, gellen Schreie, bellen Schüsse. Irgendwie muss er jetzt durch dieses Durcheinander hindurch, mit geschlossenen Augen, verstopften Ohren und blindem Vertrauen, denn irgendwo tief innen, im Herzen des Hirns, wohnt der Geliebte und wartet, er hat den Löffel mit der Medizin in der Hand, er ist da: für eine Nacht, eine Stunde, einen Atemzug.

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Mein Herr, sagte der Herr zu Felix, sie liegen falsch. Wir sind hier ein Amt der Stadtverwaltung und zuständig für Zivilstandsänderungen, Todesfälle, Hallenbäder, Kehrrichtverbrennung, die Polizei, den Tierpark und das offizielle Verkehrsbüro. Wenn sie etwas verloren haben, dann müssen sie schon aufs Fundbüro. Das Fundbüro finden sie auf dem Fundbüro. Was suchen Sie? Das, was vorher die Löcher im Mantel Ihrer Existenz ausmachte? Ihren Herzallerliebsten? Einen Traum, eine Insel? Eine Morphiuminjektion? Aber ich bitte Sie! Sie kennen sich nicht mehr aus in den Möglichkeiten und den Wirklichkeiten? Die Gegenwart ist ihnen abhanden gekommen, der ewige Moment? Das Amt für Zeitfragen, mein Herr, ist in den Ferien, jämmerlich ersoffen in einem südlichen Meer. Sie sind ein Hund? Und suchen nach dem Knochen unterm Eis? Der Knochen schmilzt, der Hunger bleibt.

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Wolfgang ist sehr elegant gekleidet. Mein Gott, ist der elegant gekleidet, denkt Felix. Es geht mir gut! sagt Wolfgang, ich habe alles, was man sich wünschen kann: einen Rolls, ein Schloss in Frankreich, ein Privatflugzeug, süsse Mädchen, geile Jungs, ich reise viel, jawohl, betätige mich auch sportlich, schnupfe Kokain. Schmerzen und unangenehme Gefühle gibt es bei mir nicht: Gegen jedes Übel habe ich ein Mittelchen bereit; ich bin Apotheker, du erinnerst dich.
Weisst du, sagt Felix, dass ich damals, als wir noch zusammen zur Schule gingen, in dich verliebt war?
Wolfgang lacht: ist das aber süss! Nein, du warst auch gar zu unansehnlich mit deinen Pickeln! Aber ich mochte dich, weil du so gutmütig warst.
Ich was nicht gutmütig! Ich war ein Teufel, ein reissender Wolf!
Ja,, lacht Wolfgang, das bist du ja wohl heute noch: Felix, der reissende Wolf! Haha! Das müssen wir begiessen: ich habe Medizin für dich. Du wirst dich grossartig fühlen, wenigstens für den Moment. Wenn du willst, kann oich auch einen Jungen für dich besorgen –
Oh ja, sagt Felix, dem der Gedanke an den Drink schon in den Kopf gestiegen ist, besorge mir einen Jungen!

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Es war an einem gewöhnlichen Samstag Ende April oder Anfang Mai, die Sonne schien jedenfalls und hatte einen Grünstich. Felix ist zusammen mit seinem Traumprinzen, den ihm Wolfgang besorgt hat, unterwegs: im allermodernsten Traummobil. Dies in einem Jahr, kurz wie ein Tag oder kürzer, einem Jahr wie ein Schiff, wie ein verlotterter Kahn, der am Auseinanderbrechen ist und den Namen “Vergessen” trägt. Zu jener Zeit ist es durchaus in Mode, im Traummobil unterwegs zu sein. Es besteht keine Gefahr, jemandem zu begegnen, dem man nicht begegnen will. Die Milchstrasse ist ein Quartier. Nichts verspricht anstrengend zu werden. Man braucht nicht zu reden. Man braucht nicht einmal zu atmen. Und schon gar nicht braucht man sich zu berühren. Es gibt keine Terrassen und keine alten Damen und keine Astrologie mehr: der Tierkreis ist zu einem Punkt geschrumpft.

Die Ebenen haben sich quer gestellt und die Dörfer sind weggeruscht, ich weiss nicht wohin. Die Diskotheken aber tanzen in den Diskotheken mit den Gefängnissen langsam den letzten Tango von Paris.

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