Montag, 23. August 2010

Berufliche Patchwork-Existenzen – schöne oder schreckliche neue Arbeitswelt?

Die Zeit der lebenslangen Beschäftigung in einem Beruf ist vorbei – von der lebenslangen Beschäftigung in einem Betrieb ganz zu schweigen. Das, was man „berufliche Patchwork-Existenz“ nennen könnte – das Nach- und Nebeneinander von selbstständigen und unselbstständigen Erwerbsformen, der Zweit- und Drittberuf, ehrenamtliche Tätigkeiten, Arbeit auf Zeit, Arbeit auf Abruf, Teilzeitarbeit und Teilselbstständigkeit inklusive Kinderbetreuung und Hausarbeit – wird immer mehr zur alltäglichen Realität. Die Frage ist nur: Führen diese neuen, flexiblen Formen des Arbeitens zu grösserer Freiheit und Selbstverwirklichung - oder doch eher zu einer prekären beruflichen Existenz am sozialen und finanziellen Abgrund?

Der Begriff „Prekarisierung“ beschreibt die stetige Zunahme der Zahl von Arbeitsplätzen mit wenig (Einkommens-)Sicherheit. Mit einer prekären Beschäftigung kann man kaum seinen Lebensunterhalt verdienen und sich schon gar nicht auf Dauer sozial absichern. Eine homogene Klasse wie ehedem das Proletariat ist das „Prekariat“ aber nicht: Vom Arbeiter ohne Schulabschluss bis zum Privatdozenten sind viele Gruppen vertreten. Auch Radiojournalismus, früher mal ein Traumjob, kann ins „Prekariat“ führen: In der Deutschschweiz liegt das Durchschnittseinkommen dieser Branche gerade mal bei 3300 Franken. Minijobs, Zeitarbeit und Dauerpraktika schufen moderne Tagelöhner. Dies hat Auswirkungen auf die Mittelschicht: sie wird seit Jahren kleiner und ihre Vertreter steigen eher ab als auf ("Abwärtsmobilität").

Die Probleme des Prekariats sind primär organisatorischer Natur, verursacht dadurch, dass das soziale Netz noch nicht den neuen ökonomischen Realitäten angepasst worden ist. Der Arbeitsplatz als solcher, egal, ob in der Fabrik oder im Büro, ist prekär, unsicher geworden. Die rasanten Entwicklungen in Wissenschaft und Technik haben zu einem wachsenden Bedarf an hoch spezialisierten Fachkräften geführt – aber auch zu einem entsprechend geringeren Bedarf an Unspezialisierten. Dies erhöht die Prekarität der Arbeitssituation der sogenannten Unterschicht zusätzlich. Einfache Arbeit ist nichts mehr wert, weil irgendwo auf der Welt immer noch billiger produziert werden kann. Bereits ist zur Kennzeichnung der sozialen Position der grössten Verliererinnen und Verlierer dieser Entwicklung ein neuer Begriff kreiert worden: das „abgehängte Prekariat“ – Menschen, die mit den neuen Realitäten des Arbeitsmarkts nur schlecht klarzukommen.

Flexibilisierungsstrategien im Arbeitsmarkt schliessen neben der flexiblen Gestaltung der zeitlichen Dimension von Arbeit wie Gleitzeit-, Teilzeit-, Temporärarbeit, Jobsharing usw. Veränderungen ihrer räumlichen, biografischen, funktionellen sowie lohnbezogenen Dimensionen ein. Stichworte dazu sind Tele- und Heimarbeit, flexibler Berufsausstieg, Laufbahnunterbrechung, verlängerte Lebensarbeitszeit, Outsourcing, Arbeit auf Abruf, Leistungslöhne, Boni und Aktienoptionen.

Modernisierungsgewinne und -verluste

Flexibilisierte Arbeitsverhältnisse und berufliche Patchwork-Existenzen werden wohl zu beidem führen, zu „Modernisierungsgewinnen“ und „-verlusten“. Man kennt in der Psychologie den Begriff der Selbstwirksamkeit, der ein wichtiger Indikator dafür ist, ob sich jemand gesund und zufrieden fühlt. Erlebt jemand eine Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse als Gestaltungsraum, über den er oder sie (mehr oder weniger) frei verfügen kann, dann empfindet er/sie das als eine Zunahme an Selbstwirksamkeit und damit an subjektivem Wohlbefinden und an Glück. Sind mit einer solchen Flexibilisierung aber Gefühle der Ohnmacht, der Verunsicherung und der Existenzangst verbunden, dann wird sie im Gegenteil als Verlust von Selbstwirksamkeit erlebt und damit als Verlust von Lebensqualität. Es ist nicht „nur“ die Unsicherheit der materiellen Existenzgrundlage, die diese diffuse Angst provoziert; ebenso droht stets die Möglichkeit eines Status- und damit auch eines teilweisen Identitätsverlusts.

Ob es für den Einzelnen eher in die eine oder die andere Richtung gehen wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab:
- primär von seiner Ausbildung und seiner Herkunft
- von seiner Bildung und seiner Fähigkeit zum „Wissenmanagement“
- von seinem Alter
- von den familiäre Verhältnissen, in denen er lebt
- von seiner persönlichen Einstellung einer „offenen“/unsicheren Zukunft gegenüber
- von seinem Gesundheitszustand
Das positive Bild der „Zukunft der Arbeit“ entspricht für eine Minderheit von Menschen durchaus bereits der Wirklichkeit. Für diese sogenannten Wissensarbeiter/-innen, zu denen Manager, Beraterinnen und Wissenschaftler gehören, bedeuten Entgrenzungsprozesse meist ein Zugewinn an Freiheit, da sie in der Lage sind, eigene Normen aufzustellen und meist auch die Verhandlungsposition besitzen, diese durchzusetzen.
Anders zeigt sich die Situation am anderen Ende der Skala, bei den schlecht ausgebildeten und unqualifizierten Arbeitnehmerinnen und -nehmern. Die starke psychische Verunsicherung dieser Gruppe durch schwindende Arbeitsplatzsicherheit resultiert aus der zunehmenden Verwundbarkeit dieser Arbeitnehmer. Die Arbeitsbedingungen in den so genannten Entwicklungsländern vermitteln einen Eindruck davon, wie eine Arbeitswelt mit fehlender Durchsetzung von Arbeitsnormen und Rechten der Arbeitnehmer aussieht. Flexibilisierte Arbeitsverhältnisse in dieser Form erfüllen zwar ihre Rolle als „Puffer“ der Globalisierung, die soziale Zeche bezahlen zunächst aber die Beschäftigten dieses „informellen Sektors“ allein. Dass sich bei jedem längeren Ampelstopp eine Horde von Scheibenputzern auf die wartenden Autos stürzte, war früher ein sicherer Hinweis darauf, dass man sich in der Metropole eines „Entwicklungslandes“ befand; heute ist dies auch in europäischen Grossstädten wie Berlin der Fall.

Bei der Mittelschicht, die von der eingangs erwähnten „Abwärtsmentatlität“ betroffen ist und unter denen sich durchaus auch gut ausgebildete „WissenarbeiterInnen“ befinden, sind die Erfahrungen mit flexibilisierten Arbeitsverhältnissen wohl eher ambivalent. Abhängig von Alter, Branche und Persönlichkeit, erleben sie die Entwicklung mal eher als grössere Gestaltungsfreiheit, mal eher als grössere Unsicherheit. Für jemanden, der keinen Job mehr findet, weil er zu alt ist oder den „falschen“ Beruf hat, reduziert sich die Wahlfreiheit allerdings auf den unfreiwilligen Gang zur Regionalen Arbeitsvermittlungsstelle und später zum Sozialamt.

Was tun gegen die negativen Folgen?

Massnahmen zur Verbesserung der Situation des „Prekariats“ verlangen nach einer Reform der öffentlichen Versicherungen, des Steuerwesens und der Arbeitslosenversicherungen. Um dem Prekariatsbetroffenen zu helfen, muss die Frage beantwortet werden, wie der Staat für die soziale Sicherheit seiner Bürgerinnen und Bürger besorgt sein soll und welche Gegenleistung diese dafür zu erbringen haben. Auch die Altersvorsorge ist nicht auf die Gegebenheiten einer sich wandelnden Arbeitsgesellschaft eingestellt: Die „armen Alten“ von morgen sind die Langzeitarbeitslosen, erfolglosen Selbstständigen und Kleinstverdiener von heute.

Die Schaffung eines existenzsichernden Bürgergeldes oder garantierten Grundeinkommen ist zwar keine neue Idee, aber in dieser Frage vielleicht ein bedenkenswerter Lösungsansatz: Er würde bei den meisten Menschen zu einer «Mischarbeit» führen, die sich aus normaler Erwerbsarbeit, Gemeinschaftsarbeit und Versorgungsarbeit zusammensetzen könnte. Der Zeitanteil, der für Erwerbsarbeit genutzt würde, ginge insgesamt stark zurück – klassische Arbeitslosigkeit wäre wohl kaum noch ein Thema. Um das Bürgergeld zu finanzieren, müsste sich der Staat aus vielen Bereichen der Versorgung zurückziehen; dies würde aber durch den Anstieg von Gemeinschafts- und Versorgungsarbeit mehr als kompensiert. Der Wirtschaftsethiker Peter Ulrich sagt dazu: „Wer Bürger eines Landes und volljährig ist, hätte Anspruch auf ein solches Grundeinkommen. Wie weit er darüber hinaus noch erwerbstätig sein möchte, bliebe ihm überlassen. Wer Kinder aufzieht, würde zusätzlich zum Beispiel ein halbes Grundeinkommen pro Kind bekommen.“ Dem Einwand, dass die Menschen dann womöglich keine Motivation mehr hätten, zu arbeiten, begegnet Ulrich mit dem Argument, dass nur die Kombination von Grund- und Erwerbseinkommen einen hohen Lebensstandard ermöglichen würde. Zudem bedeute die Erwerbsarbeit für die meisten Menschen weit mehr als nur Einkommen, nämlich innere Erfüllung und Selbstwertgefühl. Das Grundeinkommen dürfte allerdings nicht zu hoch sein, damit der Anreiz, eine Erwerbsarbeit anzunehmen, nicht allzu gering wäre. Es dürfte aber auch nicht zu tief sein – sonst würden weiterhin fast alle in den Arbeitsmarkt drängen. Es käme also darauf an, Grundeinkommen und Lohnanreize so auszubalancieren, dass weder Arbeitslosigkeit noch Arbeitskräftemangel daraus resultieren würde.

„Flexicurity“
„Flexicurity“ lautet das Zauberwort der Vertreter einer sozial abgesicherten Flexibilisierung, die überzeugt sind, dass in Zukunft Arbeitsmärkte weiter flexibilisiert werden müssen, wenn Beschäftigung und Wettbewerbsfähigkeit gesichert werden sollen. Dies erfordere jedoch eine Weiterentwicklung des bisherigen Instrumentariums der sozialen Sicherung. Soziale Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit würden sich in einem neuen Gleichgewicht weiterentwickeln lassen und müssten nicht als gegensätzliche Interessen betrachtet werden. Zu den Elementen einer sogenannten "Flexicurity-Strategie" gehören derzeit die Schaffung von Übergangsarbeitsmärkten, die Instrumente einer beschäftigungssichernden Arbeitszeitpolitik und das Konzept des lebenslangen Lernens. Übergangsarbeitsmärkte versuchen, fliessende Übergänge zwischen Beschäftigung und Nicht-Beschäftigung zu schaffen. Sie sollten tarifvertraglich oder gesetzlich abgesichert sein und niedrige und unstetige Einkommen mit Sozialtransfers kombinieren.

„Flexicurity“ steht nicht grundsätzlich im Widerspruch zum Bürgergeld, klingt im Moment aber noch etwas gar vage und damit nach Absichtserklärung und gutem Willen. Weil es im Interesse der ganzen Gesellschaft liegt, dass sich soziale Konflikte in Zukunft nicht (wieder) zuspitzen, wäre es nötig, den Begriff mit Leben zu füllen. Eine Zweiklassengesellschaft kann auch nicht im Interesse jener sein, die sich auf der sicheren Seite wähnen. Der Arbeitsmarkt der Zukunft ist eine Herausforderung, die alle Beteiligten betrifft.

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