Freitag, 29. Februar 2008

Hotel «The Doors» – Interview mit dem Hotelmanager Jack Wolf (Interview 2)




Globel Events: Jack Wolf, welche Idee, welches Konzept stecken hinter Ihrem Hotel?

Jack Wolf: «The Doors» ist mehr als ein Hotel. Ins «Doors» kommt man nicht primär, um zu übernachten. Ein klassisches Hotel dient als Mittel zu Zweck, es ermöglicht den Besuch einer interessanten Stadt oder einer spektakulären Landschaft, es ist Ausgangspunkt für Erlebnisse und Ausflüge. Das «Doors» hingegen ist selbst das Ziel und das Erlebnis. Das Wesentliche eines Urlaubs im «Doors» ist der Aufenthalt in diesem so genannten Hotel, das aber in Wirklichkeit Türen öffnet in ungeahnte Erlebniswelten.

Globel Events: Wie kam es zum Namen Ihres Hotels, das mehr sein will als ein Hotel, und welche Bedeutung hat dieser Name für das Konzept Ihres Hauses?

Jack Wolf: Wie ich schon gesagt habe, ist das Hotel selbst das Eingangstor in eine Welt, in der sich Sein und Schein, Realität und Fantasie, Ernst und Spass vermischen oder vielmehr ununterscheidbar werden. Unser Haus ist das Eingangstor in eine «Twighlight Zone», in eine Sphäre der Zwielichtigkeit. Der Name selbst geht auf eine Rockband des letzten Jahrhunderts zurück. Vielleicht erinnern Sie sich an einige ihrer Titel? Riders on the Storm, Break on through to the other Side, Light my fire, Not to touch the earth, Alabama Song... Vor allem ihr Sänger, Jim Morrison, verstand sich ja als ein Bewohner des Grenzlandes zwischen den Welten, als den Eidechsenmann, der die Wurmlöcher zwischen den Universen gefunden haben will. Türen verbinden das Drinnen mit dem Draussen, das Vorher mit dem Nachher. Es ist übrigens interessant, dass die Rockband ihren Namen von einem Buch geliehen hat («The Doors of Perceptions», die Türen der Wahrnehmung, von Aldous Huxley, das wiederum von Erfahrungen mit den psychedelischen Drogen Meskalin und LSD handelt – übrigens auch heute noch sehr interessant zu lesen. Huxley wiederum spielt damit auf ein Zitat von William Blake an: «If the doors of perceptions were cleansed, everything would appear to man as it is, infinite.» Wenn die Pforten der Wahrnehmung gereinigt wären, würde dem Menschen alles so erscheinen, wie es ist, nämlich unendlich.

Globel Events: Was haben die Gäste denn konkret in Ihrem Haus zu erwarten? LSD-Tripps?

Jack Wolf: Sie haben nichts zu erwarten – und alles! Was in Dantes Inferno über dem Eingang zur Hölle steht, könnte auch über dem Eingangstor zum Hotel «The Doors» stehen: Lasst also, die ihr hineingehet, alle Hoffnung fahren! Dieses Eingangstor kann aber auch ins Paradies führen: das ist alles offen und hängt ganz allein vom Besuchenden – oder vielleicht auch vom Zufall – ab. Vielleicht erwartet sie auch ein LSD-Tripp – vielleicht, vielleicht. Oder jede andere Möglichkeit der Berauschung, der Ausschweifung und des Exzesses. Es ist aber auch möglich, dass die Gäste unseres Hauses von ziemlich brutalen – ich würde sagen: texanischen – Cops inhaftiert, verhört und möglicherweise sogar gefoltert werden. Wobei lange, vielleicht bis ans wie auch immer geartete Ende, offen bleiben wird, ob dies Teil einer Inszenierung ist oder bitterer Ernst. Wie gesagt: Wir pflegen im Hotel «The Doors» die Uneindeutigkeit und lassen die Sachverhalte gerne in der Schwebe. Alles ist letztlich der Interpretation unserer Gäste überlassen. Wenn sie zu dumm sind, sich einen intelligenten Reim auf die Ereignisse zu machen, können wir schliesslich auch nichts dafür. Auch nicht für ihre Leichtgläubigkeit oder ihren übertriebenen Skeptizismus. Eine Geld-zurück-Garantie gibt es in unserem Hotel jedenfalls nicht – wie es auch keine Zurück-Garantie auf irgendetwas gibt.

Global Events: Das klingt aber, sagen wir mal, nicht sehr kundenfreundlich. Gibt es denn überhaupt Gäste, die sich auf das doch ziemlich risikoreich klingende Abenteuer eines Aufenthalts in Ihrem Haus einlassen – und wenn ja, was für Menschen sind das?

Jack Wolf: Es klingt vielleicht unglaubwürdig: Aber die Leute sind gerade zu verrückt danach, ins «Doors» zu kommen. Und zwar jede mögliche Art von Menschen. Wir sind auf Jahrzehnte hinaus ausgebucht. Wir brauchen uns deshalb weder um Zielgruppen noch um Marketing zu kümmern. Es gibt eine Biographie über den erwähnten Jim Morrison mit dem Titel: «Keiner kommt hier lebend raus.» Jeder Mensch, den es auf diese Erde geschleudert hat, weiss es: Keiner kommt hier lebend raus. Und das könnte ebenfalls über dem Eingangstor unseres Hotels stehen: Keiner kommt hier lebend raus. Unsere Gäste wissen das, und deshalb wollen sie wissen, was hier wirklich geschieht. Vielleicht läuft unser Hotel aber auch deshalb so gut, weil den Leuten letztlich gar nichts anderes übrig bleibt, als uns eines Tages zu besuchen.

Global Events: Und erfahren Ihre Kunden während des Aufenthaltes in Ihrem Haus, was wirklich geschieht?

Jack Wolf: Das ist gut möglich. Die Reise ist ungewiss, nur das Ziel ist sicher, und wenn man so genau wissen würde, was unterwegs passiert, wäre das Ganze ja keine Überraschung mehr, oder? Nein, im Ernst – die Wirklichkeit ist doch definiert durch die Komplexität des Bewusstseins dessen, der mit ihr konfrontiert wird. Es gibt also nicht «die Wirklichkeit», sondern nur «meine eigene Wirklichkeit». Ich kann nun mal meinen Kopf nicht verlassen und beispielsweise in den Ihren schlüpfen, verehrter Interviewer. Deshalb hängt es von jedem eigenen Kunden selber ab, wie er den Aufenthalt in unserem Hotel erlebt und wie weit ihn seine Bewusstseinsreise dabei führt.
Aber verlassen wir diese eher theoretische Ebene nun wieder. Ein Aufenthalt im «Doors» ist durchaus auch mit Spass und Genuss und Unterhaltung vom Feinsten verbunden, und die Vergnügungen des Leibes kommen ebenso sehr zum Zug wie diejenigen des Geistes und der Seele. Auch dabei ist wiederum die individuelle Konstitution des Einzelnen entscheidend. Ein gänzlich humorloser Mensch wird seine Zeit in unserem Hotel natürlich ganz anders erleben als ein Spassvogel, und ein Asket wird ihn anders erleben als ein Gourmet oder auch ein Gourmand, wobei es durchaus sein kann, dass der Asket dabei seine geniesserische und der Geniesser seine asketische Seite entdeckt. Wie gesagt, im «Doors» ist alles möglich.

Und wie teuer kommt dieser ganze Spass den Kunden Ihres Hotels zu stehen?

Jack Wolf: Sagen wir es einmal so: Wir haben einkommensabhängige, gestaffelte Preise. Bei uns sind Arme und Reiche willkommen, und wir kennen keine Unterschiede der Haufarbe, der Kultur, des Alters, des Geschlechts oder der geschlechtlichen Präverenz. Sie sehen: unser Unternehmen basiert auf der Grundlage der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und des globalisierten Kapitalismus: Wir machen mit allen ein Geschäft, und jeder darf in seiner eigenen Währung bezahlen, und wer das, was er schuldig ist, nicht bezahlen kann, der muss seine Schuld eben abarbeiten – Gelegenheiten dazu gibt es genug im Hotel «The Doors». Aber eigentlich ist das auch gar nicht so wichtig, denn letztlich bezahlt jeder ohne Ausnahme den Preis für seinen Aufenthalt im «Hotel der Hotels» mit seinem Leben. Wir bezeichnen uns also in unseren Werbebroschüren nicht ganz zu Unrecht als «das ultimative Hotel» oder das «Hotel an sich» (auch wenn das, wie ich sehr wohl weiss, ein Widerspruch in sich selbst ist). Darf ich Sie jetzt zu einem Rundgang durch unsere Räumlichkeiten begleiten?

Global Event: Vielen Dank, Herr Wolf. Es ist uns eine grosse Ehre. In unserer nächsten Ausgabe können Sie die erste einer Serie von aussergewöhnlichen, reich bebilderten Reportagen aus dem «Doors»-Hotel lesen. Die Serie trägt den Übertitel «Menschen im Hotel».

Zitat des Tages



Der Mont Ventoux, "dessen Gipfel von einer Steinwüste bedeckt wird, die von einem so erstaunlichen Weiss ist, dass es auch im Sommer so aussieht, als ob dort oben Schnee liegen würde".

«Wenn ein Irrer etwas vorhat, verheimlicht er seinen Plan mit der grössten Geschicklichkeit, die man sich vorstellen kann, und die wunderbare Verstellungskunst, mit der er dabei den geistig Gesunden beinahe perfekt zu imitieren imstande ist, bildet denn auch eines der sonderbarsten Probleme, das es in der psychologischen Wissenschaft überhaupt gibt. Wenn ein Wahnsinniger ganz vernünftig scheint, wäre es eigentlich höchste Zeit, ihn in die Zwangsjacke zu stecken!»

E.Y. Meyer, «Das System des Doktor Maillard»

Montag, 18. Februar 2008

Mit Jürg Randegger im portugiesischen Frühling



LisboaTram, zu kurz geraten, aber ausser Rand und Band

Mit dem Flugzeug hüpft man nur so von einer Welt in die andere. In der Nacht hat Felix schlecht geschlafen – noch in seinem Bett in der WG in Bern notabene, obwohl ihm das nun bereits eine Ewigkeit her zu sein scheint. Birgit bricht zwischen drei und fünf in der Früh ziemlich hörbar ebenfalls auf – auch in die Ferien, nach Spanien. Alles fährt weg, dem Frühling entgegen.
Hier ist es in der Tat bereits Frühling. Die Bäume zeigen die ersten grünen Blättchen. Es ist zwar noch nicht heiss, aber doch so warm, dass man jederzeit im Freien sitzen kann.
Lisboa, die schöne Lisa, die weisse Stadt auf den Hügeln, wird Felix wahrscheinlich gefallen, das zeichnet sich bereits ab. Er hat in einer dritt- oder viertklassigen Pension mit schiefem Boden das schönste und grösste Zimmer bekommen, für etwa zehn oder zwölf Franken pro Nacht.
Natürlich kann Felix kein Portugiesisch, aber er versteht vom Spanischen und vom Italienischen her doch das eine oder andere Wort. Wenn die Leute reden, ist das ein weicher, wohlklingender Singsang in seinen Ohren.

Felix hat gegessen und sitzt beim Kaffee mit Brandy. Er wird bedient wie ein Fürst (allerdings ist er, neben zwei alten Weiblein, auch der einzige Gast; rührend und etwas traurig warten all die weiss gedeckten Tische vergeblich auf hungrige und durstige zahlungskräftige Menschen). Das Essen war übrigens gut, auch der Wein schmeckte; nichts Ausserordentliches oder Exquisites, aber gut: mit rührender Sorgfalt, fast gastfreundlich, dargeboten. Obwohl die Laute dieser Sprache hier so weich sind, denkt Felix, rasen die Buschauffeure wie Bankräuber auf der Flucht durch die Strassen. Reizend sind die Trams: zu kurz geraten, aber ausser Rand und Band. Auf der Strasse fallen Felix Leute auf: unter anderem eine alte Frau, die vielleicht noch gar nicht so alt ist und einen anklagenden, weithin schallenden Monolog hält, den Felix natürlich nicht versteht.

Felix versucht, sich vorzustellen, wie diese Stadt vor vielleicht zweihundert Jahren fast untergehen musste, weil die Erde bebte, was den damals jungen Goethe in seine erste existentielle Krise stürzte. Goethe hätte, um hierher zu gelangen, monatelang reisen, in wanzenverseuchten Betten heruntergekommener Herbergen liegen und sich von Wegelagerern ausrauben lassen müssen. Und Felix fliegt in zweieinhalb Stunden hierher, über die Wolken, wie im Traum – verdammt, er kann es einfach nicht glauben!
Während Felix im Restaurant sitzt und schreibt, ohne sich im geringsten gestört oder missachtet zu fühlen, reden zwei Männer an der Bar in der weichen singenden Sprache und in der Küche singen die Frauen leise, schön.

Es ist der Abend des Auffahrtstages. Felix sitzt wieder in einer Beiz, wieder vor Wein, aber in einer anderen Beiz und vor anderem Wein. Am Fernsehen bringen sie die Leidensgeschichte Jesu, in der weichen portugiesischen Sprache. Felix bleibt davon nicht unberührt.
Am Nachmittag trinkt er nach einer Begehung der Stadt von Hügel zu Hügel mit zwei Portugiesen Wein. Sie sind der Meinung, Englisch mit ihm zu sprechen. Dass Felix sie trotzdem nicht versteht, ist eigentlich egal. Schliesslich haben sie etwas zu trinken und somit auch etwas zu lachen. Dann sieht Felix einen jungen Mann von hinten, mit schönen Beinen in kurzen Hosen, der eine irgendwie wilde Ausstrahlung hat. Felix verfolgt ihn und seinen Freund auf einen der Hügel, und plötzlich dreht sich der Wilde mit den schönen Beinen um. Seine Augen blitzen irgendwie drohend aus einem Gesicht, das von Narben und verheilten Brandwunden entstellt ist.
Jetzt ist Felix betrunken, an diesem heiligen Abend, nicht schwer, aber doch, ein Zustand, der sich über Stunden hinweg aufgebaut hat. Er hat getrunken, wie die Portugiesen und mit den Portugiesen, die seine Brüder sind, obwohl sie nicht die gleiche Sprache sprechen und das Englisch der Portugiesen beim besten Willen kein Englisch ist und sie Felix für einen Engländer oder für einen Schweden halten. Von der Schweiz, einem Einwanderungsland für Portugiesen, wollen diese Portugiesen seltsamerweise noch nie etwas gehört haben.



Grenzkaff zu Spanien inmitten von Maulwurfshügeln (oder hat Gott hier ein paar Häufchen gemacht?)

Penamacor ist ein Grenzkaff, und die haben es ja bekanntlich in sich. Am Sonntag trifft Felix Arthur, seinen archäologischen Grabungskollegen, um ein Uhr auf dem Praçade Luis Camões, dem Dichterplatz. Sie haben sich da verabredet. Am Montag fahren sie mit Fähre und Bahn nach Setubal, wo zwei Deutsche mit Kind seit bald zwei Jahren in einer kleinen Werft oder eigentlich einfach am Strand an einem 26 Meter langen alten Kahn aus massivem Holz herumbasteln, mit welchem sie dereinst nach Brasilien segeln wollen. Felix beurteilt dieses Vorhaben angesichts des Zustandes, in dem sich das Schiff befindet, eher skeptisch, enthält sich aber diesbezüglich jeden Kommentars. Die kleine Familie ist ganz nett und Felix ist von dem dreijährigen Knaben, der geschickt die Leiter rauf- und runterklettert, die in den Bauch der Schiffes führt, schwer beeindruckt, obwohl er diesem Gekrabbel nicht ganz entspannt zusehen kann. Arthur würde gern länger bleiben (er hat ein Auge auf die Frau in der Familie geworfen, dieser Möchtegerncasanova), aber in der Nähe des Schiffs stinkt ganz grässlich eine Fabrik – das kann nicht gut sein für das Kind –, die Fungizide oder Herbizide oder sonst was Giftiges herstellt, auf jeden Fall schlägt Felix diese Dreckluft auf die Lungen und er kriegt Lufthunger. Nein, hier kann Felix unmöglich übernachten. Also fahren sie wieder zurück nach Lisboa.
Am Dienstag Zugfahrt nach Castello-Branco, am Mittwoch Busfahrt nach Penamacor, portugiesische Estremadura. Nur wenige Kilometer von hier, aber auf der anderen, der spanischen Seite der Grenze, wohnt ein alter Kumpel von Felix aus Bauarbeiterzeiten, Juan de la Cruz, mit seiner Familie. Den wollte Felix eigentlich besuchen – deshalb überhaupt die Reise nach Penamacor –, aber sie sehen dann doch von diesem Ausflug ab, weil Arthur eine grössere Menge Gras und Hasch mit sich führt, die er nicht über die Grenze hin- und hertragen mag.
Sie fahren stattdessen mit dem Taxi von Penamacor nach Mont Santo, einem etwa zwanzig Kilometer entfernten kleinen Dorf auf einem ebenso benannten Berg. Der Berg ist von riesigen runden Felsen geradezu übersät, die sich auf teilweise groteske Weise übereinander türmen. Die Häuser des Dorfes sind um diese Steine herum oder auf diese Steine gebaut. Oben auf dem Berg steht eine riesige Burgruine, die sehr alt sein muss. Es gibt auch Kapellen, Gräber etc. auf diesem Berg. Ein rätselhafter Ort mit einem fantastischen Ausblick auf das an sich topfebene Land, aus dem im Sonnenuntergang wie überdimensionierte Maulwurfshügel kleine Berge ragen.



Das «portugiesischste Dorf Portugals»

Recherchen über das Dorf fördern die folgenden Informationen zutage: Der Legende nach widerstand die Bevölkerung dieses Bollwerks im zweiten Jahrhundert vor Christus sieben Jahre lang der römischen Belagerung, eine Tat, die das Dorf alljährlich am 3. Mai in der Festa das Cruzes (Fest der Kreuze) feiert. Im zwölften Jahrhundert schenkte Dom Alfonso Henriques den von den Mauren eroberten Ort dem Templerorden, dessen Portugiesischer Meister Gualdim Pais die Burg wieder aufbauen liess. In diesem kriegerischen Bollwerk wurden einst in ausgehöhlten Felsen die tapferen Ritter aus der Zeit der Christlichen Eroberungen beerdigt. Das Dorf entwickelte sich auf dem Abhang des Hügels unter Ausnutzung der Granitfelsen für die Wände der Häuser. Verschiedentlich dient gar ein einziger Block als Dach. Mit Familienwappen gezierte Herrenhäuser, manuelinische Tore, das Haus, in dem der Schriftsteller und Arzt Fernando Namora wohnte und praktizierte, der sich hier zu seinem Roman «Retalhos da Vida de um Médico» inspirieren liess, machen einen Gang durch die steilen Gassen noch interessanter. Besondere Beachtung verdient die Torre de Lucano (14. Jahrhundert), gekrönt von einem silbernen Hahn, eine Trophäe, die Monsanto bei einem Wettbewerb im Jahre 1938 erhielt, bei dem es zum «portugiesischsten Dorf Portugals» gekürt wurde. Der spätgotische, mit Stilelementen der Frührenaissance und der orientalischen Welt ergänzte manuelinische Stil geht übrigens auf König Manuel I. den Glücklichen zurück (also gewissermassen einen Namensvetter von Felix), der im 15./16. Jahrhundert lebte.

Der Tag nach dem Tag in Monsanto ist ein Wandertag in der Pampa. Sie sind an diesem Tag etwa acht oder neun Stunden lang zu Fuss unterwegs, allerdings nicht ganz freiwillig. Als Proviant haben sie etwas Wasser dabei und ein paar Joints. Also ist es auch ein Fastentag, wenn auch nicht unbedingt ein Tag der Abstinenz. Sie wollten ja eigentlich nur ein bisschen spazieren, sich in dieser Maulwurflandschaft, in der sie sich wie die Liliputaner vorkommen, etwas ergehen – vielleicht sind sie aber auch normal gross und dafür die Maulwurfhügel gigantisch, von denen die einen sich üppig bewachsen präsentieren, während die anderen fast kahl sind –, aber sie verirren sich bald, weil es in der portugiesischen Pampa natürlich keine angeschriebenen gelben Wanderwege gibt wie in der Schweiz. Und fragen können sie auch niemanden, da die Gegend verdammt dünn besiedelt ist – sie begegnen insgesamt gerade mal drei Nasen, nämlich solchen von Hirten oder Bauern, die ihren einsamen Geschäften nachgehen. Unsere beiden Freunde gehen also fast verloren in dieser Pampa, wandern mal hügelaufwärts, mal hügelabwärts und so fort, das ist zwar schön und gut, aber schliesslich bekommen sie dann doch irgendwann einmal Hunger und Durst, denn das Wasser ist natürlich längst alle und es will sich nirgendwo auch nur ansatzweise ein angeschriebenes Haus zeigen (das ist auch nicht so wie in der Schweiz, wo man alle paar Meter, zumal in katholischen Gegenden, auf ein Wirtshaus stösst). Sie bekommen – oder sagen wir mal: Felix bekommt, denn Toni ist ein unerschrockener, furchtloser, verwegener Heteromann – etwas den Bammel. Auch sind sie ziemlich müde, als unverhofft vor ihrem Blick der Hügel mit dem gelobten Städtchen Penamacor darauf auftaucht und von unseren Wandervögeln mit nicht geringer Euphorie begrüsst wird. Der erste Schluck Bier, den sie in der ersten Kneipe von Penamacor zu sich nehmen, ist einfach köstlich, eine wahre Offenbarung, und das übliche und üblich langweilige Menu, das sie beide gleich zweimal bestellen, zur nicht geringen Verwunderung des Personals, ein kulinarischer Traum. Hunger, sagt man ja, sei der beste Koch, und in der Tat, Felix hat kaum je etwas Besseres gegessen als an diesem Abend in Penamacor.

Vor dem Rückflug auf dem Flughafen in Lissabon Jürg Randegger, ein Mitglied des legendären Cabarets Rotstift, umringt von einer Gruppe von Fans, erzählt lautstark Witze; da weiss Felix, dass er wieder in der Schweiz ist.

Mittwoch, 13. Februar 2008

Interview 1



Lieber Herr Felix, wir wollen uns heute mit Ihnen über Männer und Frauen unterhalten.

Nur zu!

Was ist für Sie eine typische Frau, ein typischer Mann?

Ich glaube nicht an diese Typisierungen, die machen höchstens einen statistischen Sinn. Es gibt wohl Eigenschaften und Merkmale, die bei Frauen und Männern gehäuft auftreten, aber das sagt noch wenig bis nichts über den individuellen Einzelfall aus. Natürlich könnte man sagen: Männer sind eher wie Hunde und Frauen eher wie Katzen. Ganz falsch läge man damit nicht. Ein aktuelles Beispiel: Die beiden Herren Couchepin (Bundespräsident der Schweiz) und Mörgeli (Nationalrat der Schweiz). Die kann man sich doch durchaus als Hunde vorstellen: der eine ein Herr kläffender Wadenbeisser, der andere ein Monsieur Kotzbrocken auf vier Beinen mit grinsenden Lefzen. Unter uns gesagt: Hunde sind Wesen, die ein bisschen einfach gestrickt sind, was sie aber auch irgendwie liebenswert machen kann (oder, wie in den vorgenannten Beispielen, eben gerade nicht; aber wenn sie einen so treuherzig anschauen und gestreichelt werden wollen? Da kann man schon schwach werden). Katzen sind viel raffinierter, sie können einen ganz schön bezirzen und um den Finger wickeln, und wenn sie bösartig sind, dann nicht auf eine so plumpe Weise wie meistens die Männer. Aber wie gesagt: das sind grobe Verallgemeinerungen. Im wirklichen Leben gibt es natürlich auch sehr katzenhafte Männer und hundeartige Frauen, um es mal so zu sagen.

Und, lieber Herr Felix, was sind Sie?

Da haben Sie es: Sie stellen mich mit Ihrer Frage vor ein Dilemma. Ich bin weder Hund noch Katze, oder vielmehr: sowohl als auch. Ich habe wohl mehr weibliche Züge als viele andere (und vor allem: viele heterosexuelle) Männer, aber ich fühle mich dennoch nicht als Frau. Gewisse Verhaltensweisen von Frauen sind mir sogar vollends fremd (zum Beispiel ihr Schuh- oder Kleidertick). Mit den meisten («klassischen») Männern verbindet mich: Komplizierte Beziehungsdiskussionen gehen mir auf den Geist. Für mich sind Liebe und Sex (meistens) zwei verschiedene Paar Schuhe. Andererseits interessiere ich mich für sehr viele «Frauenthemen» (Literatur, Kunst, Psychologie), habe nahe am Wasser gebaut, bin auch sonst sehr emotional und sehr sehr neugierig, so dass mich auch, aber nicht nur, Klatsch in den Bann ziehen kann. Viele Männerthemen (Autos, Sport, Frauen, Autos, Technik!!!, Computer) interessieren mich dagegen überhaupt nicht, und viele Herangehensweisen von Männern an die Herausforderungen des Lebens (Imponiergehabe, Konkurrenzgerangel, Kumpanei, Gewalttätigkeit) leuchten mir nicht unmittelbar ein. So weiss ich zum Beispiel nicht, ob ich eher einen Frauen- oder einen Männerhumor habe. Was ist Frauen-, was ist Männerhumor? Gehört ein Sinn für Ironie, für das Groteske und für die Alltagskomik tatsächlich eher zum Männerhumor, wie ich meine? Vielleicht sitze ich da einfach einem Vorurteil auf.

Fragen wir anders: Sind Sie eher vom Mars oder eher von der Venus?

Wenn Sie das so meinen, dass der Mann vom Mars dominant, aktiv, rücksichtslos, kriegerisch sei und die Frau von der Venus anschmiegsam, geschmeidig, passiv und lieb, dann kann ich wiederum keine eindeutige Antwort geben. Ich glaube nicht, dass viele Menschen mich für sehr dominant halten würden, aber ich kenne die herrschsüchtigen Züge meines Charakters durchaus. Ich will auch nicht bestreiten, dass ich anschmiegsam, passiv und lieb sein kann (und es manchmal auch sein will), aber andererseits liebe ich meine Freiheit und werde ausgesprochen ungern dominiert, vor allem dann, wenn ich es nicht selbst so will. Nein, dieses Mars-Venus-Geschwätz ist ein Chabis. Und überhaupt habe ich jetzt keine Zeit mehr, mich mit Ihnen zu unterhalten. Wenn schon, dann bin ich weder vom Mars noch von der Venus, sondern von einem ganz anderen Planeten aus einem ganz anderen Sonnensystem.

Montag, 4. Februar 2008

Wiener Blues für den König der Fische




Felix sitzt wieder einmal im Café «Hummel» in Wien und hat sich einen Tee und eine Soda bestellt. Der Kellner hat ihn zwar komisch angeschaut, aber Felix findet, dass es um halb elf in der Früh noch entschieden zu früh für das erste Bier ist. Ausserdem hat er gestern Nacht im Zug über die Schnur gehauen. Er hat eine Flasche Wein geleert, es war ein guter Château-Neuf-du-Pape Jahrgang 1983. Er bestellte sich dann auch noch Bier und schluckte eine – zwar schwache – Schlaftablette. Daraufhin schlief er tief und fest, wahrscheinlich hat er entsetzlich geschnarcht. Als er erwacht, gleitet vor dem Fenster eine vom ersten blassen Februarsonnenschein erhellte schneebedeckte Landschaft vorbei. Er erinnert sich undeutlich an einen Traum von Bären, die ihn über einen offenen weiten Platz gejagt haben. Sein Hals schmerzt, das aufgequollene, entzündete Halszäpfchen klebt am ausgetrockneten Gaumen. Er bestellt beim Couchetier mit krächzender Stimme einen Kaffee und eine grosse Flasche Mineralwasser. Immerhin, Kopfschmerzen hat er keine. Über Nacht hat sich auch nicht der Weltuntergang ereignet, oder vielleicht doch, jedenfalls ist ihm dies wohltuend egal.
Er mietet sich im Hotel Concordia, einem Jugendstilhaus, zum reduzierten Winterpreis ein kleines Zimmerchen im fünften Stock. Nach einer unverhältnismässig langen Fahrt im altersschwachen Lift liegt er auf dem Bett, verkatert und völlig erschöpft, und ringt nach Atem. In seinem Kopf formen sich Erinnerungen an Gerüche, an Bilder und Gefühle zu einem geilen Brei. Mit einem Gefühl von unbefriedigbarem Durst auf der Zunge fällt er in einen unruhigen Schlummer.
Er sitzt nackt auf dem Bett. Seine Augen brennen hinter dem Dunkel der Hände. Plötzlich fühlt er, wie sanfte Finger über sein Haar streichen. Er lässt es einfach geschehen, ohne sich zu fragen. Lässt es geschehen, dass sich fremde Lippen auf seiner Haut niederlassen. Dass sich ein geschmeidiggliedriger, samthäutiger Körper an den seinen schmiegt. Seine Sinne werden von einem tiefen weichen Schwarz umschmeichelt, in das er sich bedingungslos hineinfallen lässt.
Vor seinen Augen dämmert es grünlich. Er befindet sich einige tausend Meter unter Meer, auf dem Grund, inmitten eines Waldes von schwänzelnden züngelnden Pflanzen. Umschwänzelt und umzüngelt von fischleibigen Jünglingen. Er selber ist ein fischleibiger züngelnder und schwänzelnder Jüngling.
«Majestät haben geträumt!», blubbert ihm eine Stimme zu. Es ist die Stimme des ersten königlichen Unterwasserhofnarren. Er erwacht und befindet sich in einem Hotelzimmer im achten Wiener Bezirk. Die Nacht des Ozeans, in die seine Sinne so wohltätig gebettet waren, hat sich gelichtet. Er nimmt neben sich die Umrisse eines schwarzen Körpers wahr, während er sich auf den linken Ellenbogen aufstützt.
«Wer bist du?», fragt er. Die schwarze Gestalt knurrt liebevoll und kitzelt ihn mit den Krallen ihrer Pfoten. Da schläft Felix wieder ein.
Am andern Morgen wird er durch ein heftiges Pochen geweckt. «Wir dulden keine Gäste bei den Gästen!» tönt die Stimme des Portiers in kräftigem Wienerdialekt durch die Tür. «Ich bin allein, bin doch so allein!», gibt Felix fast schreiend zur Antwort, von einem Moment auf den andern hellwach, und tastet mit den Händen panisch im Bett herum. «Ich bin allein, allein, allein!» Da bumsen aber schon starke Polizistenschultern gegen die Tür von Zimmer 502 im fünften Stock des Hotels Concordia im achten Wiener Bezirk. Felix sitzt aufrecht im Bett, mit nacktem Oberkörper und gesträubtem Haar. Vier Bullen mit Maschinengewehren im Anschlag – spezielle Eingreiftruppe oder so – stehen um ihn herum. «Wo hast du ihn versteckt?», schreit der Polizist, der offensichtlich der Anführer der Bande ist.
«Er sitzt im Kreuzpunkt, er hat sich verzogen», antwortet Felix darauf nicht ohne Würde. «Es gibt für euch nichts zu tun. Und überhaupt, ich hatte gedacht, Austria sei ein monarchistisch gesinntes Land. Ich bitte also um ein wenig Achtung für den König der Fische!» Worauf die Polizisten sich höflich und kratzfüssig empfehlen.

Quatsch, so spielt sich diese Geschichte natürlich nicht ab. Felix hat bloss geträumt. Allerdings ist die Luft im Abteil wirklich unglaublich trocken, und als der Couchette-Mann Felix fürs Frühstück weckt, ist sein Mund tatsächlich verklebt, das Halszäpfchen ist aufgequollen und tut beim Schlucken weh. Während des Frühstücks unterhält Felix sich mit einem Ungarn, der unzählige Tabletten – homöopathische, wie er betont, er habe einen kleinen Herzinfarkt gehabt – schluckt, über das Wetter, das immer ein dankbares Thema ist. Und Felix wohnt in der Tat im Hotel Concordia in der Josefstadt, da das Hotel Wolf geschlossen ist momentan, sonst würde Felix natürlich das Wolf wählen, wo er vor sieben Jahren logiert hat, Felix ist ein Gewohnheitstier und ausserdem ein wenig nostalgisch veranlagt. Man gibt ihm ein ruhiges Zimmer im fünften Stock des Jugendstilhauses, in dem das Hotel untergebracht ist, und das Felix ganz gut gefällt.

Felix flaniert in die Innenstadt, in den 1. Bezirk, isst im «Nordsee» etwas Fischiges und trinkt dazu ein grosses Bier; vorher, unterwegs, hat er sich sehr komisch gefühlt, irgendwie abgehoben, ähnlich, wie letztes Jahr in Cerbère. Tripartig, so, als würde er nächstens den Verstand oder wenigstens den gesunden Realitätssinn verlieren. Dabei war’s wohl einfach wieder Kater und Müdigkeit. Nach Fisch und Bier geht es ihm ein bisschen besser. Er beschliesst, da er doch nun Archäologe ist, dem Naturhistorischen Museum einen Besuch abzustatten. In den grossen Sälen ist er manchmal einer Ohnmacht nahe, aber er hält tapfer durch, nur die zoologische Abteilung durchquert er fast im Laufschritt. Die kalte Luft draussen tut gut – es hat heuer viel Schnee in Wien. Felix wird fast wieder frisch. Er geht zu Fuss alte Wege – in die Kreuzgasse, wo er, wie wir uns erinnern, einmal in einer WG gewohnt hat und von einem Verehrer gebadet wurde, lang ist es her. Er fährt dann mit der Strassenbahn zurück, Kopfhörer des Walkman übergestülpt, und trinkt im «Hummel» Bier, schlürft eine Leberknödelsuppe.



Dann geht er aufs Hotelzimmer und schläft eine Runde – es ist wirklich ruhig hier, man schläft herrlich. Etwa zwei Stunden später erwacht er und fühlt sich nach wie vor komisch, irgendwie zerschlagen. Er hat noch keinen Hunger. Er liegt auf dem Bett und holt sich einen runter (nein, das hat er vor dem Einschlafen gemacht), er liegt also auf dem Bett und liest in einem Krimi (Sjöhwall/Wahlöo: Der Mann, der sich in Luft auflöste) und trinkt dann eine Dose Zirrer-Bier, die er sich eigentlich für die Nacht in einem Laden gekauft hat.



Der Roman, der in den Sechzigerjahren spielt, handelt von einem schwedischen Journalisten namens Alf Matsson, der spurlos in Ungarn verschwunden ist. Er war im Auftrag einer Schwedischen Zeitung nach Budapest geflogen, um dort ein Interview mit einem Boxer zu führen und über politische Ereignisse zu berichten. Da sich Alf Matsson seit einer Woche nicht zu Wort meldet und man ihn auch nicht im Hotel erreichen kann, erstattet man dem Aussenministerium Bericht über den Fall. Die Angelegenheit muss jedoch inoffiziell behandelt werden, da sonst politische Problemen zu befürchten oder gar zu erwarten wären. Die Stockholmer Polizei wird eingeschaltet und schickt Martin Beck, welcher wegen dieses Falles seinen Urlaub opfert, nach Budapest. Dort erfährt der Kommisar im Hotel, dass Alfred Matsson noch am Tag seiner Ankunft das Hotel verlassen hat, ohne Pass und Gepäck, und seitdem nicht mehr aufgetaucht ist. Martin Beck begegnet einem schwedischen Kollegen, der ihm bei dem Fall hilft. Da es weder Hinweise noch Spuren von dem Journalisten gibt, weiss Martin Beck nicht, was er tun soll. Doch eines Nachts wird er am Donaukai von Unbekannten zusammengeschlagen und plötzlich sieht die Sache anders aus.

Um etwa halb acht schlägt Felix das Buch zu und verlässt das Hotel. Durch die Strozzi- und Neubaugasse will er die Gegend an der Linken Wienzeile, wo sich die Schwulenlokale befinden, erreichen. Unterwegs stösst er auf ein chinesisches Lokal, das ihn sozusagen zum Eintreten auffordert. Es befinden sich nur wenige Gäste in dieser Gaststätte, dafür hängen chinesische Schlangen in der Luft herum. Felix bestellt zuerst eine Frühlingsrolle, dazu ein Viertel Rotwein, nicht ganz passend, dann Nasi Goreng, auch nicht gerade chinesisch, eine Riesenplatte voll und saugut, Felix überisst sich, bestellt, nachdem das Viertel Rotwein alle ist, noch warmen Reiswein zum Verdauen, merkt aber bald, dass Reiswein beim Verdauen wenig bis gar nichts hilft. Eher im Gegenteil. Dann geht er runter zur Linken Wienzeile. Zuerst, im Alfi, setzt er sich an die Bar. Junge und hübsche Knaben gibt es da und alte, dickbäuchige Freier, es ist, als sei er nie weggewesen. Felix schaut bloss zu, wie die Geschäfte abgewickelt werden, hat selber nichts im Sinn, fühlt sich zu alt, um als Stricher durchzugehen, und zu jung, um den Freier abzugeben (was freilich ein Irrtum ist; man ist nie zu jung, um Freier zu sein, bloss Geld muss man haben). Felix trinkt zuerst Kaffee und Clavados, dann ein Krügl Bier. Das Krügl (oder heisst es etwa der Krügl?) bedeutet in Wien ein grosses, das Seidl (der Seidl?) ein kleines Bier. So was weiss man natürlich, wenn man in Wien als Habitué durchgehen will (es heisst das Krügl, definitiv). Einer der Stricher fasst Felix so ziemlich ins Auge, aber dieser sagt Felix nicht zu – zu männlich, zu kräftig, mit Schnauz. Hingegen ist ihm der Barkeeper sehr sympathisch. Sonst hat Felix mit niemandem auch nur Augenkontakt.
Nächste Station ist das «Manhattan». Dieses Lokal kennt Felix nicht, weil es neunundsiebzig noch nicht existierte. Es hat genau einen Jungen da, der Felix gefällt, aber der ist schon vergeben. Felix trinkt ein Achtel Roten, er ist müde und es wird ihm bald langweilig. Er versucht es dann noch in einem letzten Lokal, das «Freddys Bar» heisst und sich auch irgendwo da in der Gegend befindet. Freddy – Felix nimmt an, dass der Glatzkopf hinter der Theke Freddy sein muss – hat nur wenige Gäste: ein paar ältere Herren. Felix kann ihren Klatsch ziemlich gut mitverfolgen, es ist, wenn er die Augen schliesst, wie ein Hörspiel in astreinem Wienerdialekt, das heisst, es schmäht nur so daher. Dazu furchtbarste Dudel-Schunkel-Musik. Felix trinkt ein Achtel Rotwein. An einem Würstlstand nimmt er dann noch ein so genanntes Frankfurter Würstl, wie man es nur in Wien bekommt, zu sich, als Bettmümpfeli, wenns denn schon kein Würstl von einem feschen Burschn sein soll. Schon vor zwölf ist er wieder im Bett und überlegt sich, warum es zum Beispiel in Wien keine Wiener Würstchen zu kaufen gibt oder in Berlin keine Berliner und in Paris auch keine Pariser. Und der Hamburger, den man in Hamburg immerhin bekommt, ist auch keine ausgesprochene Hamburger Spezialität.

Am nächsten Tag fährt Felix mit der Stadt- und der Strassenbahn raus nach Grinzing und dann durch die verschneiten Rebkulturen zum Kahlenberg hoch. Das ist ziemlich schön. Im Restaurant auf dem Kahlenberg trinkt er ein Viertel Weisswein. Dann steigt er runter nach Nussdorf. Daselbst in einer Kneipe ein weiteres Viertel. Dann mit der U-Bahn vom Bahnhof Heiligenstadt aus (graue leere Häuserfronten, trostlos) zur U-Bahn-Station Schwedenplatz und von da aus quer durch den 1. Bezirk in «seine» Josefstätter-Strasse und ins Hummel, wo Felix gebackene Champignons, eine Spezialität des Hauses, isst und ein weiteres Viertel trinkt. Dann zwei Stunden schlafen. Duschen, rasieren, wichsen, oder nein: wichsen, duschen, rasieren. Ein Bier im «Strozzihof», eine, zwei Codein-/Ephedrin-Tabletten. Felix fühlt sich jetzt in Form. Dann runter an die Wienzeile, rein in die «Gärtnerinsel», ein verrücktes Lokal, hohe Räume, bisserl düster, alter Bullerofen, surrealistische Bilder an der Wand, paar übriggebliebene langhaarige Wiener Freaks. Klaus Naomi singt, opernhaft. Sehr verladene Vibrationen. Felix bestellt Rindfleischsalat pikant und Bier. (Noch nie was gehört von Klaus Naomi? Macht nichts, der ist auch in den Achzigerjahren nicht mehr als ein Geheimtipp, ein deutscher Untergrunder in New York, und wir meinen, gehört zu haben, dass der schon vor einigen Jahren das Zeitliche gesegnet hat, Aids, Überdosis, so was. Schwul war er natürlich auch, ein schwuler Untergrundsänger. Couscous Poulette schreibt in seinem/ihrem Blog über Klaus Naomi: «Ce gay-lurron, aux faux airs du Petit Prince, posait sa tessiture de ténor mix castrat sur des airs de cabarets. Mmmm, de Simple man à Waisting my time, difficile de définir le style Naomi. Androïde du côté vestimentaire, maquillage de geisha, voix d’opéra, être bizarre … tout cela à la fois.» Das kann man gelten lassen. Und fragen Sie uns bloss nicht, wer zum Teufel Couscous Poulette ist.)



Manhattan. Ein alter Rechtsanwalt, scharf auf junge Boys, aus Jersey, Kanalinsel, kippt einen Scotch nach dem anderen, korrigiert das Englisch von Felix, treibt Schweizer Geographie mit ihm und will wissen, wie Felix es mag, von vorn oder von hinten, mit oder ohne Rohrstöckchen. Immerhin zahlt er Felix ein Bier. Codein/Ephedrin. Ein Amerikaner erzählt, dass im wahren Manhattan, also dem am anderen Ende des grossen Teichs, alle Saunen und viele Bars geschlossen worden seien, wegen Aids, da müssten die Schwulen aus dem Big Apple eben nach good old Europe rüberschippern, um Scenelife zu erleben. Der sadistische Engländer mit dem Lehrerkomplex meint, Aids sei von den Kommunisten in die westliche Welt eingeschleust worden. Nuts! ruft Felix, shit!
Es schneit. Felix will noch in die Disco «Why Not», im ersten Bezirk. Er ist schon ziemlich verladen. Felix hat das Gefühl, man wolle ihn in diesem Etablissement verarschen und übers Ohr hauen (will man auch, aber so besoffen ist Felix denn doch nicht, dass er zweimal fürs gleiche Bier bezahlt). In der Disco hat es anfangs wenige Leute, aber so gegen eins trudeln die Gäste ein. Disco-Scheiss-Musik und stiere Videoclips. Der Ami von vorhin schmust mit einem süssen Thaiboy. Felix denkt mit Wehmut an Tuj. Er hat bei all den knackigen jungen Männern aber nicht den Hauch einer Chance. Keiner schaut ihn auch nur mit dem Arsch an.
Felix geht zu Fuss nach Hause oder vielmehr zurück ins Hotel, nach Hause wär ja wohl ein bisschen weit, verirrt sich in den eisigen, einsamen sibirischen Strassen voller Eis und Schnee, zerreisst in einem Wutanfall den Stadtplan, den er nicht mehr deuten kann. Er findet dann, gegen halb vier und völlig durchfroren, aber wieder halbwegs nüchtern, doch noch und wie durch ein Wunder zum Hotel zurück, allerdings von einer ganz anderen Seite her, als er erwartet hätte. Er schläft mit einem Gefühl der Enttäuschung ein.
Am nächsten Abend, kurz vor sieben, sitzt Felix wieder in der «Gätnerinsel» vor einem Viertel Roten. Es ist saukalt draussen jetzt. Felix war heute in Schönbrunn, zu Fuss. Plötzlich – nein, nicht plötzlich, schon gestern tat es ihm ein bisschen weh – schmerzt sein Knie so stark, dass er kaum mehr gehen kann. Felix humpelt also zur nächsten U-Bahn-Station und fährt zurück in die Innenstadt, um zuerst im «Bräunerhof» zu sitzen…



… und dann ins Kino zu gehen. Es läuft «La cage aux folles», Teil 3. Der erste Teil war ja noch lustig, aber die Story dieses dritten Teils ist dünn und dümmlich. Irgendwie passend zu diesem Wienaufenthalt, der kein sehr gelungenes Revival darstellt.

Donnerstag, 31. Januar 2008

Tsunami am Doubs



Felix sass, sitzt und wird gesessen haben in einem alten, klapprigen Volvo, zusammen mit seinen Dichterfreunden, es ist Freitag, sie wollen ein verlängertes Wochenende im Jura verbringen. Sie fahren von Bern aus über Hinterkappelen, Illiswil, Murzelen, Frieswil, Dettlingen und Radelfingen zunächst nach Aarberg. Felix ist gut gelaunt: keine Atmenbeschwerden, keine Herzbeschwerden, kein Stechen im Kopf und kein Zwicken im Magen, auch kein Flashback von einem LSD-Trip, alles ist okay. Er sitzt zunächst neben Roland vorn, angegurtet, denn das muss sein. Dänu, welcher mit Jean-Jacques hinten sitzt, ein grünes Beret trägt und verschiedenfarbene Hosenbeine hat: das linke grün, das rechte gelb, nein rot; oder das linke gelb oder rot, das rechte grün, Dänu findet die oben mit Namen genannten Dörfer zum Kotzen oder jedenfalls zum Motzen: sie gefallen ihm nicht und er würde, zum Exil zum Beispiel in Murzelen verknurrt, glattweg davonlaufen oder draufgehen. Ja, ja, Murzelen, Fliegenschiss auf der Landkarte, nicht der Rede wert, aber aus Murzelen besteht nun mal die Welt. In Aarberg machen sie einen ersten Halt, denn Roland will Zigaretten kaufen, Gauloises extra oder Marlboro Gold. Sie ringen mit sich und beschliessen, noch nicht in einem Wirtshaus einzukehren. Auch Aarberg ist übrigens nicht der Rede wert und doch die halbe Schweiz, so hat alles zwei Seiten. Felix sitzt jetzt hinten im Volvo, neben Jean-Jacques, während sie über Bühl, Hemrigen, Bellmund nach Biel fahren, durch Biel hindurch, sich quer durch die erste Jurakette pflügen, sozusagen, La Heutte und Sonceboz passieren, in Sonceboz nicht die Abzweigung Richtung St. Imier nehmen, sondern weiter nach Tavannes fahren, in Tavannes nicht die Abzweigung nach Tramelan-Saignelegier nehmen und etwas später auch nicht die Abzweigung nach Bellelay, wo die literarisch zumindest einmal verewigte (Friederich Glauser, «Der Tee der drei alten Damen»), an eine Schutz- und Trutzburg gemahnende Irrenanstalt steht, sondern weiterfahren durch Reconvilier hindurch (nicht abzweigen nach Loveresse), durch Malleray hindurch, durch Bévilard hindurch (wo Roland sich vorstellen könnte, Lehrer an der Gesamtschule zu sein), durch Moutier hindurch, nicht abzuzweigen Richtung Grandval-Crémines-Gänsbrunnen-Welschenrohr und Herbetswil, wo sich das Arschloch der Welt befindet, sondern schnurstracks weiter nach Roches, aber vor Choindez dann doch abzuzweigen nach Rebeveulier, ein Kaff, welches Dänu seit fernen Kindertagen in seiner Erinnerung mit sich herumschleppt (da gibt es ein grosses Schild, auf dem steht REBEUVELIER, und eine Burg, ein Schloss gar, und süsse Knappen, und stramme Pagen, und ein blondes Burgfräulein).



Die an eine Schutz- und Trutzburg gemahnende Irrenanstalt von Bellelay



Friedrich Glauser

Baurenhöfe gibt es in Rebeuvelier natürlich auch, und Hunde, zum Glück angebundene, einen Dorfladen und immerhin, wie sie erfreut feststellen, eine Beiz. In dieser Beiz gibt es einen Ölofen, eine Wirtin, einen weiteren Gast, Tische, tischtuchbedeckt, auf den Tischen Plastikkörbchen mit Erdnüssen, Pommes-Chips-Tüten nature und paprika, Kägi-Fret-Schoggiwaffeln und süsse Brezeln.



Roland trinkt einen Kaffee und Dänu eine warme Schokolade, er knappert dazu Salznüsschen, er scheint es süss-salzig zu mögen. Jean-Jacques nippt an einem Verveine-Tee. Felix hat eine grosse Flasche Bier (Warteck) bestellt, weil er ja nicht fahren muss und auch gar nicht fahren kann. Als sie die Beiz wieder verlassen, senkt sich bereits Dämmerung, wie der Dichter zu sagen pflegt, übers Land. Farbe des Schnees jetzt blau. Sie fahren wieder auf die Hauptstrasse zurück, passieren Choindez und Courrendin. Die verschneiten Felder links und rechts der Strasse sehen in der dreiviertelsatten Dunkelheit aus wie ein See. Folglich können sich unsere lieben Freunde vorstellen, auf einer Chaussee zu fahren. Sie stellen es sich vor. Sie fahren durch Delémont. Felix sitzt noch immer hinten. Nach Devilier steigt die Strasse an, auf den Col des Rangiers hinauf, welcher eine Höhe von 856 Metern über Meer aufweist.



Der zerstörte Fritz wird an einem Sonntag im Jahr 1984 entdeckt

Hier stand früher das zweimal zerstörte und dann nicht wieder aufgebaute Denkmal des «Alten Fritz» aus dem 1. Weltkrieg. Etwas unterhalb der Passhöhe zweigt die Strasse nach St. Ursanne ab. In rassigem Tempo kurvt Roland die sechs Kilometer runter auf eine Höhe von 434 Metern über Meer: hier fliesst gemächlich gemütlich der alte Vater Doubs: Au monde, il n’est rien plus doux/Que Saint-Ursanne au bord du Doubs.




Sie kehren zunächst im Hotel du Soleil ein, um einen halben Weissen zu trinken. Sie sind wieder quasi die einzigen Gäste. Sie kommen auf den Erdrutsch zu sprechen, der sich etwas oberhalb von St. Ursanne ereignet hat und sich jetzt gegen den Doubs vorschiebt. Mit einem, zwei oder auch drei Stundenkilometern Geschwindigkeit. Wenn die Erdmassen im Bett des alten Vaters Doubs gelandet sein werden, wird es eine Stauung geben, ist ja klar. Der auf diese Weise entstandene Damm oder Wall wird natürlich brechen können. Dann wird sich eine Springflut ereignen, ein Tsunami: zehn, zwanzig Meter hoch. Und St. Ursanne wird den Doubs runtergespült werden, an Ocourt vorbei und womöglich ohne die nötigen Zollformalitäten über sich ergehen zu lassen über die französische Grenze. Und unsere Freunde mittendrin. Aber vom Zoll später. Wegen der drohenden Springflut, überlegen sich unsere leicht paranoid veranlagten Dichter, ist das Dorf fast menschenleer.
Nach dem halben Weissen suchen sie sich nichtsdestotrotz mit einem etwas mulmigen Gefühl eine Unterkunft. Neben dem «du Soleil» bietet sich noch das «Cigogne» an, was wahrscheinlich in etwa unserem deutschschweizerischen «Storchen» entspricht. Alle anderen Hotels sind geschlossen. Man ist auch im «Cigogne» nicht gerade begeistert über ihren Besuch: am übernächsten Tag sind Betriebsferien. Nein, es herrscht in der Tat keine Saison für den Fremdenverkehr in St. Ursanne. Eine junge Frau zeigt ihnen die Zimmer, Doppelzimmer für 80 Franken die Nacht. Es stinkt in den Zimmern nach Moder, Verfaultem und Schimmel, obwohl sie frisch renoviert sind. Ausserdem funktioniert das Etagen-WC nicht, und eines der Zimmer hat keine eigene Toilette. Felix bezieht mit Roland das eine der Zimmer, das toilettenlose. Dann wollen sie essen, ein Ansinnen, das mit befremdetem Erstaunen quittiert wird: auch das noch! Sie bekommen eine Karte vor den Latz geknallt, die sich nicht gerade durch Fantasiereichtum auszeichnet. Sie bestellen wieder Weissen. Immerhin ist eine Aktion im Angebot: zwei Forellen für 15 Franken. Forellen sind schliesslich die Spezialität des Clos-du-Doubs. Felix, Dänu und Jean-Jacques bestellen denn auch brav ihre Truits à la meunière, während Roland, der manchmal etwas zum Querschlägertum neigt, heissen Schinken bestellen muss, weil er sich vor Fischgräten fürchtet resp. vor dem durch solche verursachten Erstickungstod. Die Strafe folgt auf dem Fuss: der Schinken schmeckt ganz fürchterlich, wie Roland mit angewiderten Gesichtszügen erläutert, er ist wohl etwas zu gut abgehangen, so gut, dass er bereits einen gewissen Arschgeruch ausdünstet. Roland flucht über die Weiberwirtschaft; das Hotel mitsamt dem Restaurant wird ausschliesslich von Frauen geführt. Die Forellen schmecken ganz passabel. Felix denkt hin und wieder an die Springflut; es scheint nicht unmöglich, dass sie kommt. Er rechnet immer mit allem, um nicht mit unangenehmen Überraschungen konfrontiert zu werden. Solche Gedanken werden ohne Erbarmen mit Weisswein runtergespült.
Nach dem Essen machen sie noch einmal einen Rundgang durch das verschlafene mittelalterliche Städtchen. Nur wenige Fenster sind erleuchtet, obwohl es erst zehn Uhr ist. Dann sitzen sie etwas trübsinnig und natürlich ein weiteres Mal als einzige Gäste in einer Kneipe, es läuft ein Fernseher und im Fernseher irgendeine Sendung über die Weltraumfahrt mit Bruno Stanek.



Der heilige Bruno Stanek

Besser, man zieht sich ins Hotelzimmer zurück, auch wenn es dort ein bisschen nach Moder stinkt. Roland und Felix nehmen ein Gutenachtbier mit aufs Zimmer. Sie spielen, in den Betten nebeneinander liegend, eine Partie Schach. Felix baut einen Grasjoint. Die Partie endet mit einem eindeutigen Patt. Während sie im Badezimmer ihrer Freunde Wasser resp. Bier abschlagen (da das Etagen-WC, wie gesagt, nicht funktioniert), werden sie von einem grundlosen Lachanfall geschüttelt. Dann liegen sie wieder im Bett, Felix ist am Einschlafen, sein Hirn befindet sich bereits im Alpha-Zustand, während Roland noch liest (Christoph Geiser, Brachland) und den Kopfhörer seines Walkman übergestülpt hat.



Christoph Geiser

Felix träumt von der Springflut. Da weckt ihn ein gewaltiges, grollendes Geräusch. Es ist aber nicht der Tsunami, wie Felix nach einigen bangen Sekunden, die er braucht, um sich zu orientieren, feststellt, sondern das Geräusch stammt bloss von seinem schlafenden Kumpel im Nachbarbett, der sich ungeniert einer exzessiven Schnarchorgie hingibt. Roland hat Felix gewarnt: Ich schnarche ein bisschen, hatte er gesagt. Felix wickelt sich das Kissen um den Kopf. Alle Viertelstunden dröhnen die Kirchenglocken vor dem Fenster des Hotelzimmers. Dazwischen horcht Felix auf die Springflut. Ein Königreich für zwei Ohrenstöpsel!
Dafür hat man am anderen Morgen einen zauberhaften Ausblick auf den Kirchplatz und die Kirche oder vielmehr das Kollegial, von welchem Gonzague de Reynold behauptet: «L’admirable Collégiale, on peut la comparer à bien des églises fameuses de l’Italie ou de la France, mais savons-nous assez ce qu’elle représente?» Wir wissen es, lieber Gonzague, frank und frei gesprochen, nicht.



Der heilige Gonzague de Reynold

Es schneit vor dem Fenster in dichten Flocken, während sich Roland rasiert und Felix duscht, weil die Springflut nun doch nicht gekommen ist. Dann wird gefrühstückt, denn solcherlei Tun ist, zumindest zwischen neun und zehn Uhr, im Zimmerpreis inbegriffen. Dänu wundert sich darüber, dass das Brot nach Camembert riecht. Aber es ist nicht das Brot, das nach Camembert riecht, sondern die Butter, denn die ist ranzig. Oh diese Weiberwirtschaft! stösst Roland ingrimmig zwischen den Zähnen hervor. Als es ans Bezahlen geht, warten die Weiber vergeblich auf ein Trinkgeld. Und jetzt wendet man sich dem historischen Teil der Reise zu: nämlich wird nun das Collégiale besichtigt, was man nicht mit Kloster, sondern mit Stift zu übersetzen hat. Ein Kloster war das Stift nur bis 1119, nämlich ein benediktinisches, dann wurde es in das offizielle Kapitel eines Domherrn umgewandelt. Das Domkapitel besitzt in Deutschland (ausser in Bayern) und der Schweiz sowie einigen weiteren Diözesen (beispielsweise im Erzbistum Salzburg) unter anderem ein Wahlrecht bei der Neubesetzung des Bischofsstuhls der Diözese, jedenfalls aber ein Wahlrecht für den Kapitelvikar, welcher im Fall der Vakanz des Bischofsstuhles die Diözese interimistisch leitet, sofern kein apostolischer Administrator bestellt ist. So viel nur am Rand und für Nichtkatholen. Auf jeden Fall hat St. Ursanne seinen Ursprung einem frommen Eremiten namens Ursicinus oder Urcinus zu verdanken.



Der heilige Ursicinus

Dieser kam zusammen mit ein paar anderen Heiligen vom fernen Irland via Bregenz an die Gestade des Doubs, wo er die Barbaren Mores lehren wollte und um 620 nach Christus das Zeitliche segnen sollte. Später tauchte der heilige Wandrille, Nobelmann des Königs Dagobert I., zusammen mit Donald und Daisy Duck und Tick, Trick und Track in St. Ursanne auf und so weiter, während unsere nicht ganz ausgeschlafenen Freunde im Kreuzgang wandeln und es heftig schneit.





Dagobert I.; Tick, Trick und Track 1; Tick, Trick und Track 2

Auf einer Steintafel stehen die berühmten Namen derer von Asuel, von Landskron, von Ze Rhein, von Hallwyl, von Wattenwyl, von Neuchâtel, von Montjoie, von Lichtenfels, Dänu sieht, wie er im Kreuzgang steht mit seinem grünen Beret und den verschiedenfarbenen Hosenbeinen, mehr denn je aus wie der Narr, Trumpfkarte des Tarot mit der Ziffer Null, Zero, Hoffnarr Dagoberts I., immerhin ist Dänu trotz seines italienischen Nachnamens Bernburger und hat also, wenn auch entfernt, einen Bezug zu Aristokratischem.



Als sie genug von Kunst- und überhaupt Historischem haben und zu allem Überfluss an einem riesigen Altersheim vorbeispaziert sind, taucht das Problem der Weiterfahrt auf. Da St. Ursanne in einem Talkessel liegt, die Strassen inzwischen schneebedeckt sind und der grüne Volvo nicht gerade als schneeresistent oder schneetauglich bezeichnet werden darf, bleibt eigentlich nur noch die Strasse entlang dem Doubs, Richtung Frankreich, als Ausweg. Na ja, und auf dieser Strasse gleiten sie nun dahin. Die Landschaft ist, um wieder einmal ein Dichterwort zu bemühen, zauberisch. Fast nur Landschaft und nur wenig Zivilisation. Und Schnee, überall Schnee, das ist ja auch Natur, nicht wahr. Also Natur in Form von Schnee auf Natur in Form von nackten Bäumen und, was man allerdings nicht sieht, in Form von nackter Erde, das heisst unbegraster Erde oder Erde bedeckt von kümmerlich-braunem erfrorenem Gras. Es ist Winter, fürwahr. Und der grüne Volvo, ist der auch Natur? Von Schnee bedeckt ist er allemal. Und die Menschen im grünen Volvo, sind die Natur? Immerhin, es pulsiert Blut in ihren Adern, rot und organisch. Es hängt Fleisch an ihren Knochen, und an manchen nicht zu knapp. Es pulsieren Gedanken in ihren zweifellos organischen Hirnen. Sind die Gedanken auch natürlich? Und wenn ja, welche? Und wenn nein, warum nicht? Eigentlich ist doch alles Natur, denkt Felix. Bei Brémoncourt die Grenze zu Frankreich. Ist diese Grenze auch Natur? Hervorgebracht, um nicht zu sagen: erfunden von menschlichen, organischen Menschenhirnen, die sich längst in ihre Moleküle aufgelöst haben. Kleines Kaff in der Schneewüste. Mit mindestens zwei Beamten, dem schweizerischen und dem französischen Zollbeamten, die hier, am Arsch der Welt – aber nein, der befindet sich ja bei Herbetswil –. pistolenbewaffnet ihren Dienst an ihrem jeweiligen Vaterland tun. Zwei Arbeitslose weniger auf der Welt. Pässe, Identitätskarten, Legitimationen, Ausweise, alles verschwindet im Passhäuschen. Da wird nun geprüft, wie unsere Dichterfreunde annehmen dürfen, vielleicht nur mittels Fahndungsbuch, vielleicht bereits via mit Interpol verbundenem Polizeicomputer, ob Roland, Jean-Jacques, Dänu und Felix keine national oder international gesuchten verdächtigen Personen – Terroristen, Verbrecher, Mörder, Diebe, Kinderschänder, Rauschgiftschmuggler – sind. Felix hat noch ein bisschen Gras, Cannabis indica sattiva enthaltend und bestimmt der Natur entstammend, im Nessecaire, dem Notwendigen, nachbarlich bei Zahnbürste und Rasierzeugs. Der Schweizer Zöllner interessiert sich aber nicht fürs Gepäck, bloss für die Ausweise, das ist dem doch egal, was in Frankreich, wo Gott lebt, nicht hockt, aber speist, und zwar gut, nämlich wie Gott, eingeführt wird. Dafür interessiert sich schon eher sein französischer Kollege, er schaut sich ihr Gepäck an, aber nur von aussen, er wird sich sagen, dass man es nicht übertreiben soll mit dem Pflichteifer, ist ungesund, lieber demnächst einen Aperitif trinken, den Pflichteifer kann er getrost seinen Schweizer Kollegen überlassen. Franzosen sind selbst als Beamte nicht so, denkt Felix. Gepäck anschauen ja, aber nur von aussen. Gott ist eher zu ertragen, wenn er lebt, als wenn er hockt. Und er lebt, wie das Sprichwort sagt, wenn er speist, in Frankreich. In der Schweiz mag er Kohle scheffeln und auf Goldbarren hocken, in Frankreich schlürft er Austern und schlückelt Veuve Cliquot oder gar eine Flasche sauteuren Louis Roederer Cristal (es klingt übrigens sehr lustig, obwohl das überhaupt nicht hierher gehört, wie uns natürlich sehr bewusst ist, wenn ein Thailänder diesen Markennamen auszusprechen versucht, nämlich etwa wie Rouis Loedelel Clistar).



Und so gleiten sie auf verschneiten Strassen über Glère-Vaufry-Soulce-Cernay nach St. Hippolyte, welches, unnötig zu betonen, wieder ein von einem Heiligen beschützter Ort ist. Ein durchaus nicht unsympathischer Ort. Es ist inzwischen fast zwei Uhr geworden und unsere vier Terroristen und Verbrecher haben Hunger, kein Wunder nach dem ranzigen Frühstück. Sie finden eine Beiz eher am Rand oder an der Peripherie des Städtchens, welche sich schlicht und einfach und ohne zusätzliche Schnörkel «Pizzeria» nennt. Die Pizzeria an und für sich. Dabei bekommt man in dieser Pizzeria nicht einmal Pizza. Immerhin hat es aber zur Ausnahme auch mal andere Gäste da. Und einen Töggelikasten, eine Tischfussballkiste. Der Beizer sieht ein wenig versoffen aus. Unsere Freunde bestellen Aperitif, Pernod oder Pastis, und Kleingeld für das Töggelispiel. Und das Menu, Suppe, Koteletten mit Spaghetti, und vorher Charcuterie, später Fromage. Einen Liter Roten. Sie spielen: Dänu kann’s, Roland kann’s auch ganz gut, Jean-Jacques und Felix spielen schlecht, aber mit viel Einsatz. Unsere Freunde sind jetzt beinahe ausgelassen. Nach dem Essen und einem weiteren Töggelispiel besuchen sie die verfallende Kirche des heiligen Hippolyte, der lächerlich fromm als Statue auf seinem Ehrenplatz steht. Alsbald wird er von Roland geschmäht. Das hätte Roland besser nicht getan; kaum sind sie auf der jetzt schneefreien Strasse in Richtung Maîche unterwegs, als am Volvo das Gas nicht mehr richtig zieht und es der Wagen am Hang gerade noch auf die Mofageschwindigkeit von maximal vierzig Stundenkilometer bringt. Man muss also annehmen, dass gewisse Heilige, obwohl längst verstorben, empfindlich sind und eine Vergeltungsmentalität pflegen. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig, als im Schneckentempo weiterzutuckern. Immerhin scheint jetzt die Sonne. Wintersportler hasten auf Langlaufskiern durch die Gegend. Nach Charquemont fällt die Strasse wieder ab ins Tal des Doubs.



Zwischen dem französischen und dem schweizerischen Grenzposten Biaufond no mans land. An diesem schweizerischen Grenzposten, der den Brückenkopf nach dem Übergang über den Doubs bildet, werden ihre Papiere, Ausweise, Idenitätskarten, Passeports Suisses, Passaporti Svizzeri wieder mit Akribie untersucht. Danach werden sie von einem Zöllner mit dem Gesicht eines Schäferhundes aufgefordert, den Wagen zu verlassen und mit dem Gepäck ins Zollhäuschen zu kommen. Das ist ja ein Cerberus ganz eigener Art, denkt Felix. Er hat das Gras, einer Eingebung oder bösen Ahnung folgend, vom Toilettentäschchen in seine linke Hosentasche transferiert. Der Zöllner-Schäferhund prüft das Gepäck sehr sorgfältig. Nachdenklich hält er ein Päckchen Zigarettenpapierchen Rizla bleu, von dem ein Eckchen Karton abgerissen ist, welches Verwendung als Filter gefunden hat, in der Hand. Als er im Gepäck von Jean-Jacques einige Optalidon-Tabletten findet, fragt er seinen Kollegen Henri, der missmutig und zweifingrig eine Schreibmaschine bearbeitet, ob es sich hierbei um eine legale oder um eine illegale Droge handle. Aber sicher, aber sicher, sagt der Kollege uninteressiert, von dem ich annehme und der auch so aussieht, als möchte er vor allem mit möglichst wenig Scherereien durchs Leben kommen. Als die Kontrolle des Gepäcks keinen illegalen Tatbestand ergibt, der den Schäferhund veranlassen könnte, seines Amtes zu walten oder zuzubeissen, wird eine Leibesvisitation der mittleren Intensität über die vier potenziellen Gangster verhängt. Einer nach dem anderen müssen sie dem Schäferhund in ein Nebenräumchen folgen, wo sie aber etwas ganz anderes als ein Schäferstündchen erwartet. Als erster ist Jean-Jacques dran. Jetzt gilt es für Felix, zu handeln. Er muss das Gras loswerden, und zwar sofort, wenn sie nicht in diesem verdammten Biofond hängen bleiben wollen. Er steckt das kleine Päckchen also schwups hinter einen Prospekt des Uhrenmueums von La Chaux-de-Fonds. Jetzt kann er sich vom Beamten ruhig betatschen lassen. Nachdem der Schäferhund auch noch den alten Volvo auseinandergenommen hat, dürfen sie endlich weitertuckern. Uff!



Die Strassen von Novosibirsk

Sie beschliessen, in La Chaux-de-Fonds zu übernachten und womöglich einen Garagier zu finden, der ihnen das Auto flickt. Das ist gar nicht so einfach an einem Samstagabend, aber schliesslich stossen sie auf einen Monsieur Jungen, der sie zu seiner Werkstadt am westlichen Ende der Stadt lotst. Da stellt er bald einmal fest, dass die Membran kaputt ist. Kleine Sache! Für Jungen kein Problem!, sagt Monsieur Jungen. Er hat nur gerade keine passende Ersatzmembran zur Hand. Aber der Kollege X oder der Kollege Y, er telefoniert französisch, fährt gleich mal nach Le Locle, während unsere schiffbrüchigen Dichter und Gangster im Büro des Meisters Jungen warten. Dieser gibt Anweisungen: Wenn das Telefon läutet: Ne touchez pas! Wenn ein Kunde kommt: Hinhalten! Sagen, der Jungen sei nur schnell weg! Als er vom Kollegen X und vom Kollegen Y wiederkommt, hat er zwar eine Membran, aber es ist eine, die nicht zu dem alten Volvo passt. Doch was ein Jungen ist, der gibt nicht so schnell auf. Ich versuche es noch beim Kollegen Z, meint Herr Jungen, obwohl es Roland inzwischen schon peinlich ist und er den Garagisten beschwört, der möge sich doch nicht so derangieren. Nein, nein, der Ehrgeiz des Meisters der Schraubenschlüssel ist angestachelt, während der Magen von Felix knurrt. Leichte Atembeschwerden, leichtes Herzstechen von der Anspannung im Wagen, auf dem glitschigen Eis und im Schnee, Fantasie, dass die grausame Mutter Natur sie verschlingt, mit Mund und Geschlecht, Untergang in den Wassern der Springflut und im immer dichter wirbelnden Schneegestöber, dann die Anspannung am Zoll – was hilft da besser als Speis und Trank? Endlich kommt Monsieur von Kollege Z zurück. Sie haben sich schon vorgestellt, dass Jungen seinerseits eine Panne gehabt oder sogar einem Unfall zum Opfer gefallen oder durch einen Herzinfarkt dahingerafft worden sein könnte. Aber auch die Membrane von Z passt nicht: Murphys Gesetz. Merde, flucht Jungen, nun echt frustriert. Jetzt müsse er aber heim, die Alte warte mit dem Essen. Am Montag, ja am Montag sei das Problem bestimmt blitzschnell gelöst. Ob sie ein Hotel brauchen würden? Ja. Dänu wünscht sich eines mit Kegelbahn. Das «Moulin» hat Kegelbahn. Jungen, der offenbar leidenschaftlich gern und mit kaum zu überbietender Weltgewandtheit telefoniert, lässt zwei Zimmer reservieren. Die Gaststube des «Moulin» ist wieder einmal leer. Eine schlampige und offenbar verladene Serviertochter bringt ihnen Bier (dem Felix ein Grosses und Roland eine Stange), heisse Schokolade (Dänu) und Kaffee (Jean-Jacques). Dann muss Felix scheissen. Er hat leichten Durchfall. Während er sitzt und scheisst, schaut er in Ermangelung einer anderen Zerstreuung oder Lektüre seinen Pass an. Schweizerische Eidgenossenschaft. Confederazione Svizzere. Nr. 2 703 320. Nom Name Cognome Name. Enfants voir page keine Ziffer. The holder of this passport is a Swiss citizen and is entitled to return to Switzerland at any time. Geboren am 12. November 1955 fünf/fünf. Grösse 172 cm. Cheveux Blond. Occhi Grau. Distinguishing Marks Keine. Dieser Pass wurde ausgestellt gestützt auf Passempfehlung. Bern, den 3. März 1975 Kantonale Polizeidirektion Unterschrift nichtentzifferbar. Gebühr Fr. 25.- Sfr. Stempel: 2. Juni 1975 Entrada Portbou. Bab-Sebta 10. Dezember 1975. Ouel Moumen 1. Dezember 1975. Direccion General Seguridad Fronteras 7. Juni 1976 Salida C Ceuta (El Tarajal). Felix blättert um. Namen: Sezal. Santa Cruz Airport Bombay. Eyzinon. Immigration Officer Taftan Check Point (Pakistan). Gerstungen DDR. Graniczna Mirjaveh Kontrolna Centralnego Portu Lotniczego Wraszawa-Okecie. Departure Mirjaveh Border. Section Consulaires de l’Ambassade de la Rép. Islamique de l’Iran à Berne. Kapikule Demiryolu Kapisi T.C. Edirne 15.VIII. 80 Giris. Departure from Sonauli. K.B. Bahtia Consular Agent Embassy of India Islamabad. Seen at the Royal Nepalese Embassy New Dehli. Fee Rs. 90.-/Ninty only. Jetzt hat der Druck in den Gedärmen von Felix ganz aufgehört. Felix kann den Pass wieder in die Tasche stecken und zu seinen Freunden zurückkehren aus dem Orkus. Nachdem sie Bier, Kaffee und heisse Schokolade ausgetrunken und bezahlt haben, beziehen sie die Zimmer. Das eine Doppelzimmer mit Dusche, das Dänu und Felix beziehen, kostet 60 Franken die Nacht, das andere, ohne Dusche, 50 Franken. Dann suchen sie eine Kneipe zum Essen. In La Chaux-de-Fonds liegen mindestens 60 Zentimeter Schnee, da die Stadt fast 1000 Meter über Meer liegt, also schon fast ein Höhenkurort ist. Roland fühlt sich von der ungeschminkten Hässlichkeit der geometrisch angelegten Stadt positiv angesprochen. Las Vegas, meint er. Nein, eher Novosibirsk.



Zwischen den Fahrbahnen der Hauptstrasse (Rue de la Liberté) türmen sich Schneewälle bis unter die nackten Kronen der in Zweierreihe angepflanzten Bäume. Unsere Freunde einigen sich schliesslich auf das Restaurant «Cercle des Italiens». Sie bestellen Pizze quatro stagioni und Salat. Eine Flasche Rotwein. Dann Kaffee mit Grappa. Auf der Pizza hat es zu viel Wurst.



Danach spazieren sie wieder durch die kälteklirrenden Strassen von Novosibirsk. Kehren noch einmal ein, dieses Mal ist es ein Spunten, in dem sich interessanterweise die Jugend trifft. Musik läuft, Jazz oder wohl eher Jazzrock. Die Kellnerinnen haben zu tun, es ist Samstagabend, die Kneipe ist, im Unterschied zu anderen Kneipen, die unsere Freunde auch schon gesehen haben, voll. Unsere vier Weltenbummler und Bettentummler stehen oder sitzen in der Bar ein wenig wie bestellt und nicht abgeholt rum in der Bar in der Bar ja was machen sie da? Roland und Felix trinken dunkles Bier, Dänu und Jean-Jacques einen Likör der ist süss und schwör. Geräuschkulisse für die Ohren, Formen und Farben für die Augen. Felix überlegt sich, ob er ein zweites Bier bestellen soll, aber da verkündet Roland schon, dass er müde sei und gehen wolle. Na gut, denkt Felix, kann ich ja im Hotel noch eine Flasche (Cardinal) aufs Zimmer nehmen. La Chaux-de-Fonds ist, da im Kanton Neuenburg liegend, Cardinal-Gebiet, während der Kanton Jura sich biermässig ganz in der Hand der Basler Brauerei Warteck befindet. Aber das nur entre Paranthèse. Im Hotelzimmer zieht sich Dänu ganz aus, also nackt bis auf die Haut, er ist tatsächlich splitterfasernackt. Er hat ein Buddha-Bäuchlein, das aber ganz gut zu ihm passt. Felix behält seinen Pullover an, da er sich nur sehr ungern erkälten oder verkühlen möchte (er erkältet sich dann aber trotzdem). Dänu ist schon erkältet, also spielt es keine Rolle mehr und so schläft er eben nackt, wie Gott oder die Natur ihn schufen. Sie lesen noch ein wenig, der eine bepullovert, der andere nackt, der eine liest «Versuch über die Pubertät» von Hubert Fichte (Dänu), der andere von Guido Bachmann «Echnathon». Drüben, im anderen Zimmer, spielen Jean-Jacques und Roland eine Partie Reiseschach, die aber zu keinem eindeutigen Ergebnis in Form eines triumphierend ausgestossenen «Schachmatt!» führt. Felix liest: «Ein Affenknabe mit grossem Glied wollte sich immer wieder einer dunklen Äffin nähern, wurde aber geohrfeigt. Sie schien sich mehr für mich zu interessieren; denn sie wies mit dem Zeigefinger nach mir, lachte und klopfte sich auf die Schenkel. Sie kehrte sich um und präsentierte sich hingekauert. Sie schaute über die Schultern und begann, sich zu masturbieren. Der Affenjunge besprang sie. Er drang kurz ein, wurde aber wieder geohrfeigt.» Felix las das Buch mit einer Mischung aus Abscheu, Langeweile und Faszination. Er fand das Buch einen ganz reizvollen Eintopf aus Hans Henny Jahnn und der Illuminatus-Trilogie von Robert Shea und Robert Anton Wilson. Gewürzt mit einer Prise Meyrink und abgeschmeckt mit einer Fingerspitze Genet.



Hubert Fichte, 1935 bis 1986

Dänu las inzwischen: «Die Männer trinken den Urin dessen, der den Fliegenpilz ass, und werden gross und reichen bis an die Wolken, die nächsten trinken den Urin derer, die den Urin dessen tranken, der den Fliegenpilz ass, und werden gross und reichen bis an die Wolken und die nächsten trinken den Urin derer, die den Urin derer tranken, die den Urin dessen tranken, der den Fliegenpilz ass, und werden gross und reichen bis an die Wolken.»



Guido Bachmann, 1940 bis 2003

Felix trinkt indessen nur einen Schluck gutes altes ordinäres hopfen- und malzhaltiges, kalorienreiches und eher basisches Bier der Bierbrauerei Cardinal. Dieses ergibt zwar auch ein gutes Quantum Urin, wir bezweifeln aber, dass der, der diesen Urin trinken würde, gross werden und bis an die Wolken reichen würde. Roland zieht währenddessen seinen Turm auf E8. Dann schläft Felix ein, zum 11431igsten Mal in seinem Leben. Gott sei Dank ist Dänu kein Schnarcher.
Am andern Morgen schmeckt die Butter nicht nach Camembert. Die Sonne scheint von einem wolkenlosen Winterhimmel. Sie fahren mit dem Bus den Hügel rauf, an dem sich die Stadt hochzieht. Spazieren mit vielen anderen im Schnee. Bis das Spazieren langweilig wird, die Füsse kalt werden, das Rutschen auf dem Eis verleidet, der Magen wieder einmal knurrt, und überhaupt. Jetzt beginnt erneut die Suche nach einem Restaurant. Auch in La Chaux-de-Fonds sind am Sonntag die meisten Kneipen zu. Schliesslich kehren sie im «Terminus» ein. Roland, Felix und Jean-Jacques bestellen Entrecôte, Pommes-frites und in Speck eingewickelte Bohnen, nota bene das Mönü, Dänu Walliser Spaghetti, das sind Spaghetti mit Fleischstückchen drauf, dazu zuerst einen jungen Beaujolais, der wie Sirup schmeckt, dann einen kräftigen Burgunder, Côte de Beaune-Villages 1983. Nach dem Essen will Dänu unbedingt Kegeln. Aber alle Kneipen mit Kegelbahn haben geschlossen, auch die Kegelbahn in ihrem Hotel darf an einem Sonntagnachmittag aus unerfindlichen Gründen nicht benutzt werden. Dann weichen sie aufs Billardspielen aus, oder wollen das vielmehr. Aber auch das Centre de Billard ist zu, runde Bälle – ausser vielleicht Fussbälle, aber nicht im Winter – scheinen in La Chaux-de Fonds am Sonntag einfach nicht angesagt. Und der Spielsalon auf drei Etagen, der Ort, wo sich La Chaux-de-Fonds Jugend am Sonntag trifft, ist dermassen überfüllt, dass sie das Lokal fluchtartig verlassen. Schliesslich setzen sie sich ins Bahnhofbuffet. Dänu macht ein saures Gesicht, es ist ihm langweilig. Dänu und Felix beschliessen, mit dem Zug, der viertel nach fünf Richtung Neuchâtel abfährt, La Chaux-de-Fonds zu verlassen. Jean-Jacques und Roland, welche noch eine weitere Nacht in der Schweizer Uhrenmetropole verbringen wollen, dürfen oder müssen, um anderntags den hoffentlich inzwischen von dem rührigen und findigen Herrn Jungen reparierten grünen Volvo in Empfang zu nehmen, beschliessen, die Kino-Vorstellung um halb fünf zu besuchen (Tati, Les vacances de Monsieur Hulot). Bis es so weit ist, hat man aber noch Zeit, eine Flasche Wein zu bestellen, dieses Mal Rosé vom Neuenburgersee, und wenn schon nicht zu kegeln oder zu billarden, so doch eine Runde «Tschau Sepp» zu spielen, ein Kartenspiel, das unseren Dichtern zum Abschluss ihrer kleinen Reise keinen allzu grossen geistigen Aufwand abfordert.



Der Bahnhof von Novosibrisk

Samstag, 26. Januar 2008

Spanischer Herbst und seltsame Zustände



WG-Leben


Felix macht schon wieder WG-Ferien und ist dieses Mal mit der ganzen Gruppe, die auch in Bern zusammen- und manchmal auch aneinander vorbei lebt, in Spanien. Das Haus, das sie gemietet haben und das einem Engländer gehört, hat einen eigenen Swimming-pool, ist schön gelegen und luxuriös ausgestattet, wenigstens in den Augen von Felix, der natürlich keine Ahnung davon hat, wie zum Beispiel eine wirklich luxuriöse Villa aussieht, da er seine Vorstellungen vom Leben der Schönen und der Reichen aus Serien wie Dallas oder Denver Clan bezieht. Das Essen in der Kneipe, wohin man sich mit dem Taxi bringen lässt (das Gelände ist weitläufig), schmeckt gut. Saufen reichlich, weil billig, die Nächte kurz, die Tage lang, die Sonne ungewöhnlich heiss, sie brennt auf der Haut, in den Augen, in den Därmen, am Nachmittag, nach dem ersten und vor dem zweiten Cerveça, treiben die Männer Gymnastik: Bauchmuskeltraining ist angesagt, sie wollen ja schliesslich attraktiv sein, die einen für die Frauen und die anderen für die Jungs. Dazu aus dem Kassettenrecorder der passende Popsong: «I want Muscles» von Diana Ross. Wobei Felix ja eigentlich schon ein warmes, heisses Päckchen ist, ein Muskelpaketchen, er hat den ganzen Sommer über mit Schaufel und Pickel in der Sonne geschuftet. Archäologie. Römerzeugs ausgebuddelt, Ziegelfragmente vor allem, aber auch einige Münzen und Fibeln. Also Bauchmuskeltraining, obwohl Felix es gar nicht nötig hätte im Moment, dann Köpfler ins laue Wasser des Swimming Pools, in dem schon ein paar Melonen schwimmen, weiss der Teufel, wieso. Muss sie jemand reingeschmissen haben. Aber warum? Darüber nachzudenken hätte Felix jetzt Zeit. Er denkt aber trotzdem nicht darüber nach. Er hängt vielmehr auf seinem Schattenplätzchen rum und tut so, als würde er im mitgebrachten Chandler oder Glauser lesen, dabei denkt er an etwas Unanständiges und legt diskret den aufgeschlagenen Glauser auf seinen Schoss.

Felix schwankt hier in diesem heissen spanischen Herbst die ganze Zeit hin und her zwischen ziemlich extremer Lustigkeit und einer total extremen Traurigkeit, die weiss der Teufel woher kommt und sich eines Morgens, als er vom Brandy total verkatert erwacht (zwar ohne Kopfschmerzen, es ist ihm auch nicht schlecht, aber verkatert ist verkatert, wenn ihr wisst, was ich meine), buchstäblich oder vielmehr unbuchstäblich über ihn und schüttelt ihn während zweier Stunden so richtig durch – also nicht bloss so ein bisschen weinen, weil man, wie gesagt, etwas nah am Wasser gebaut hat –, ein Zustand, in den er seit seiner Kindheit nicht mehr geraten ist (er hat so einiges seit seiner Kindheit nicht mehr erlebt. Als Kind hatte Felix nämlich noch ganz andere Fähigkeiten als exzessives Weinen, zum Beispiel konnte er damals in seinem Innern vor dem Einschlafen aus dem Nichts heraus die schönste Musik entstehen lassen, nicht wie ein Komponist, sondern wie ein Zuhörer in einem Konzertsaal, nur, dass er eben keinen Konzertsaal und auch keine Musiker mit Instrumenten dazu brauchte. Später, als er in der Schule Blockflöte spielen lernen sollte, behauptete seine Lehrerin, Felix sei total unmusikalisch. Dabei war Felix einfach damals schon manuell extrem unbegabt, aber sicher nicht unmusikalisch, da müssen wir schon bitten!). Das mit der Traurigkeit hängt vielleicht sogar damit zusammen, dass Felix seit seiner Kindheit so viele Verbindungen (Fähigkeiten? Erfahrungsräume?) abhanden gekommen sind. An seiner momentanen Lebenssituation kann es eigentlich nicht liegen. Felix sollte glücklich sein, ist er doch frisch verliebt. Die Trauer ist grund-los, das heisst sie ist wie ein unendlich tiefer unterirdischer See, gewissermassen ein Meer aus Traurigkeit, das nicht von dieser Welt ist. Mare lacrimae, das Meer der Tränen. Die Trauer ist ein zugleich warmes, nasses und bitteres Glück. Felix ist vielleicht traurig, weil er verliebt ist.

Am Dienstagabend haben sie ausführlich Abschied gefeiert, das heisst, der Abend hat sich nicht allzu sehr von den vorherigen Abenden unterschieden. Sie lagen sich, lange nach Mitternacht und nachdem die letzte Flasche Brandy endgültig leer war, in den Armen wie entwurzelte Bäume, deren Astwerk sich nach dem Sturm unentwirrbar ineinander verfangen hat. Am Mittwochmorgen holt sie früh ein Taxi ab, das sie nach Gerona bringen soll. Sie, das ist nicht die ganze Gruppe, sondern bloss Felix und ein Begleiter, auf den wir später zurückkommen wollen. Felix freut sich auf seinen neuen Freund, ist ungeduldig. Seine neue Flamme ist nicht nur Bäcker, sondern auch Konditor und Confiseur, also ein süsser Wohltäter der Menschheit. Aber Felix liebt ihn natürlich nicht nur deswegen. Sein Freund ist jung und schön, ein wenig tuntig zwar, aber wen stört das, Felix jedenfalls nicht. Die weiche, glatte Haut des neuen Geliebten schmeckt ein wenig nach Honig, Kardamon und Anis. Wenn Felix an seinem Bäcker herumschnuppert, steigt eine Hitze in ihm hoch, die beim Schnuppern zum Beispiel an einem Apfelstrudel kaum in ihm hochsteigen würde. Doch das ist ein anderes Kapitel, ihre Liebe ist noch jung und wir hüten uns, davon zu plappern (wir wollen das Glück der beiden ja nicht verschreien).

Im Taxi geht es Felix noch einigermassen gut. Der Fahrer, der eher wie ein Kneipenwirt aussieht, und zwar wie einer, der selbst sein bester Kunde ist, lässt Flamenco-Musik laufen. Felix sitzt da und geniesst es, seinem knusperigen Bäcker und Törtchenmacher entgegenzufahren oder entgegen zu schweben. Im Bahnhof von Gerona dann, nach einem Kaffee und einem Tortilla-Sandwich, versucht Felix vom Fräulein Señorita an der Informaçion zu erfahren, auf welchem der insgesamt vielleicht zwölf Geleise denn der Talgo nach Genf kurz vor oder kurz nach elf wohl einzufahren beliebe oder geruhe. Felix stammelt etwas auf Spanisch und das energische spanische Fräulein mit leichtem Damenbart fragt ihn in barschem Ton, ob er Französisch könne. Felix bejaht und stammelt etwas in einer Sprache, die er für Französisch hält. Als Antwort bekommt Felix die folgenden Wörter ungefähr in dieser Reihenfolge an den Kopf geschleudert: Ojo del culo, idiota, cabròn, hijo de puta, mierda, maricon! Ja ob er denn nun Französisch könne oder nicht, herrscht ihn das cholerische Fräulein Señiorita oder wohl doch eher die Señora mit Damenbart, nachdem sie sich ein wenig beruhigt hat, auf Französisch an. Da fasst sich Felix ein Herz und sagt in höchster Not: El tren a Ginevra, da donde va? Und siehe da, nun wird er verstanden. Der Zug nach Genf fahre überhaupt nicht, bekommt er auf Französisch in triumphierendem Tonfall zur Antwort, jedenfalls nicht heute. Felix will wissen, warum, aber die unbarmherzige Señora hat sich längst schon endgültig von ihm abgewandt. Blöde Kuh, denkt er, aber eher erschrocken als empört, suchen wir das Gleis eben selber!

Es stellt sich schliesslich heraus, dass der Talgo nach Genf an diesem Tag tatsächlich nicht verkehrt, und auch kein anderer Zug: Streik in Frankreich! Im Land der Tricolore streitet man sich über die Ursache sich häufender Zugsunglücke. Menschliches Versagen der Lokführer oder Stationsbeamten, hat die Regierung festgestellt. Mangelnde Sicherheitsvorkehrungen, zu wenig Personal, meinen die Gewerkschaften. Und Felix sitzt – natürlich zusammen mit dem kleinen Araber und einigen anderen Passagieren – zwischen der Regierung von Frankreich, notabene einer, die sich sozialistisch nennt, und der französischen Eisenbahnergewerkschaft in der Tinte und weiss nicht wohin mit seiner brennenden Ungeduld. Da stehen sie nun auf dem Bahnsteig des Bahnhofs von Gerona wie bestellt und nicht abgeholt. Auf dem Bahnsteig von Gerona, wo auf der Bank vor Felix eine Frau sitzt. Eine Frau, die Felix kennt. Aus der geriatrischen Abteilung des Zieglerspitals in Bern, Hauptstadt der Schweiz, wo Felix eine Zeitlang als Hilfspfleger kotverschmierte Greisenärsche saubergemacht hat. Schon damals sass dieser Frau der Tod wie eine grosse garstige und natürlich schwarze Spinne im Gesicht. Sie hält ein Taschentuch vor den Mund gepresst und ihre Augen schauen angestrengt ins Leere. Da wird Felix unruhig, ein leichter Schwindel ist in seinem Kopf, sein Atem geht schleppend oder stockend, wie man will. Manchmal kann sich Felix einfach nicht von den Seelenzuständen anderer Leute abgrenzen, es ist dann, also würde er von diesen Seelen geradezu eingesogen.
Sie steigen nach einer geraumen Weile in einen Regionalzug, der sich zwar Rapido nennt, was, soviel Felix versteht, an sich «schnell» bedeutet, der aber nichtsdestotrotz bei jedem Fliegenschiss hält. Nein, Felix kann die Schönheiten der gemächlich vorbeiziehenden Natur nicht geniessen, die Berge, die kahlen Hügel, das Meer. Er will vorwärts, er ist auf der Flucht. Er hat den Tod gesehen, auf dem Gesicht der alten Frau. Er will heim, ins Vertraute, verschmelzen mit dem heissen kleinen Punkt.
Der Zug, in welchem Felix sitzt und in dem es Felix unwohl ist, weil er Atembeschwerden und Angstzustände hat, führt sie nach Port Bou an die französische Grenze. In Port Bou sind Felix vor zehn Jahren, in umgekehrter Richtung fahrend, dreihundert Franken gestohlen worden oder er hat sie da verloren. Jemand wird damals seine Freude daran gehabt haben. In der Bahnhofshalle von Port Bou leben übrigens – sagten wir es schon? – Fledermäuse. Schräge Gegend da oben oder da unten.
Auch das ist uns nicht neu: Zwischen Port Bou und Cerbère, Cerberus, liegt die Grenze.
Felix sitzt also im Zug und fühlt sich immer komischer, seine Seele ruht weniger als sie sich windet auf einem Nadelkissen oder Nadelbrett, aber nicht wie ein Fakir, sondern eher wie der Leidende auf dem Prokrustesbett, sein Körper ist schwach und sein Hirn ist wach, jedenfalls wacher, als es sonst ist, gleichzeitig hat er das Gefühl, nächstens in eine Ohnmacht zu fallen, Nachbarin, ihr Fläschchen. Hysterisch, denkt Felix, aber er kann es nicht ändern, und wir können es auch nicht.
Alles, was einem Menschen üblicherweise Zuversicht und Vertrauen schenkt – das Bewusstsein, mit beiden Arschbacken, ja, mit den Arschbacken, meine Damen und Herren, fest auf dem Boden der so genannten Realität zu sitzen, fehlt Felix in diesem Moment ganz und gar. Er schwitzt kalt, seine Handflächen sind feucht. Er nimmt nur noch Seltsamkeiten wahr. Der Zug, die Leute im rumpelnden Zug, die vorbeigleitende Landschaft hinter dem Fenster, er selbst – alles verwandelt sich ganz und gar in Seltsamkeit, in etwas Fremdartiges, nie Gesehenes. Wenn alles Vertraute verschwindet, ist es wie Sterben. Dann gilt es Abschied nehmen, Freunde.
Cerbère, Cerberus, der dreiköpfige Höllenhund, Bruder der Sphinx, ans Mittelmeer gekettet, steht am Tor zu den anderen Welten und zeigt seine Zähne. «Da Herakles nicht wusste, was er mit dem Hund anfangen sollte, brachte er ihn dem Hades zurück.»
Cerberus bewacht das Reich des Hades, die Unterwelt, das Schattenreich, er sorgt dafür, dass die Toten nicht ins Reich der Lebendigen zurückkehren können.





Cèrbere ist der erste Ort auf französischer Seite nach der Grenze. Da kommen Felix und sein Begleiter um zwei Uhr am Nachmittag an. Das Wetter ist sommerlich-tropisch, obwohl schon Oktober. Trotz des Streiks soll ein Nachtzug nach Genf fahren, der Cerbère etwa um Mitternacht verlassen wird.
Na also! Alles halb so wild: in zehn Stunden geht es weiter!
Es ist jetzt an der Zeit, das Geheimnis zu lüften und der geneigten Leserschaft bekannt zu geben, wer denn der ominöse Begleiter an der Seite von Felix ist. Es handelt sich dabei um einen kleinen Araber oder Perser mittleren Alters, wie man sagt. Es ist ein alter Bekannter von Felix, ein Sonderling, mit dem dieser auch schon auf Reisen war, damals in einem roten Deux-chevaux namens Antonius. Wir kennen ihn alle unter dem Namen Ernst. Ein inzwischen rot gekleideter Araber, der sich auf dem Pfad der Erleuchtung des so genannten Bhagwans befindet und den es auf diesem Weg sogar nach Amerika, in die Vereinigten Heiligen Staaten von Amerika, verschlagen hat, ein Reich, in das der rote Araber so gar nicht passen will. Auch der kleine Araber gleitet am Himmel des Schicksals und weiss nicht, wohin es ihn verschlagen wird. Das Leben ist wirklich ein Abenteuer. Die Liebe ein anderer Himmel. Der Tod wird das letzte Abenteuer sein oder das erste. Und wir trinken von Lethe, dem Vergessen, dem süssen, süssen Vergessen. Es schmeckt nach Brandy, es hat den Geruch deiner Achselhöhlen. Es ist Fliegen, Gleiten, Jagen, es ist die heisse Sonne, der Wind, der dem Meer süsse Schauer über die Haut jagt. Die Ränder der Berge gegen den Horizont. Das Singen des Windes, der sich an einem Hohlkörper reibt. Der internationale Bahnhof von Cerbère, der auf halber Höhe mitten im Bild steht, der Zug von Port Bou, Spanien, entlässt immer mehr Ausländer, die eigentlich von Cerbère nichts wollen, die mit Cerbère nichts zu tun haben wollen, die nur weiter, heimzu wollen, in die warmen Kuschelbettchen und zu den gewohnten Schnullern, die die Schönheit von Cerbère nicht wahrhaben wollen oder wahrhaben können, diese grausame Schönheit des Höllentors, denn in Cerbère, diesem Übergang, wird gewartet. An den Tischchen in der näheren und weiteren Umgebung hocken in der Mehrzahl Schweizer und Schweizerinnen. Die schweizerische Jugend und auch die älteren Semester sitzen also wartend in Cerbère in einem Strassencafé und wundern sich, dass das Bier so teuer geworden ist. Man erzählt sich von dem, was war, und von dem, was sein wird, aber nie von dem, was ist.



Cerberus, der Höllenhund

Doch zurück zu Felix, der sich, in Cerbère angelangt, noch immer sehr unruhig fühlt. Immerhin ist er froh, raus zu sein aus dem klaustrophobischen Zug. Er will sich bewegen. Sie können, nach einem längeren Theater an einem Schliessfach, ihre Reisetaschen bei der Gepäckaufbewahrung, an einem Schalter mit der Bezeichnung «Bagages» bei einem Mann, der eigentlich streikt, gegen eine ziemlich hohe Gebühr in Verwahrung geben. Sie können sich sogar Couchette-Plätze im Nachtzug reservieren.
Aber es hilft alles nichts. Sie gehen in ein Restaurant am Häfchen essen. Felix bestellt Hühnchen mit Pommes-frites, er ist nicht hungrig, aber er denkt, dass es ihm, nachdem er etwas gegessen und getrunken hat, besser gehen wird. Doch das Gegenteil ist der Fall. Der leise Schwindel im Hirn verstärkt sich. Das Herz schlägt unvermindert schnell. Felix schwitzt und ringt um Atem. Er fühlt sich immer noch gleichzeitig müde und überwach. Das ohne Genuss verspeiste Hähnchen liegt beleidigt in seinem Magen. Er will an den Strand, der allerdings nicht sandig ist, sich hinlegen und ein wenig schlafen. Er legt sich in die Sonne. An Schlaf ist allerdings nicht zu denken. Es kommen ihm vielmehr die beiden Buben in den Sinn, Schweizerbuben, die er in Sant Antoni di Calonge am Strand beim Spielen beobachtet hat. Das heisst, eigentlich haben sie ja nicht gespielt, sie schienen sich im Gegenteil zu langweilen. Es war Unruhe in ihren Körpern. Diese Unruhe deutete auf das langsame oder auch plötzliche Erwachen neuer Sinne hin. Felix stellt sich nun diese Unruhe vor, das beruhigt ihn ein wenig, während er an einem anderen Strand liegt, in der Bucht von Cerbère, und auf Erlösung wartet, auf irgendeine Erlösung, er ist da nicht wählerisch, er nimmt jede. Die Eltern der schönen Buben hatten den ganzen Tag vor der Strandbar gesessen und gefressen und gesoffen und die dicken hässlichen Ehefrauen der dicken hässlichen Ehemänner hatten gesagt: Schön, sich auch einmal bedienen zu lassen. Aber die Buben waren noch wie junge Tiere.



Der Strand von St. Antoni di Calonge

Die Beruhigung ist nur eine oberflächliche. In tieferen Tiefen brodelt es noch immer ohne Rücksicht auf das Ruhebedürfnis von Felix. Jemand muss Felix einen Trip in einen Drink getan haben. Oder er leidet unter einem Flash-back. Zu so einer Hundsgemeinheit ist die Chemie seines Körpers durchaus fähig. Die Nerven mit Adrenalin geschmiert. Der kleine Araber entdeckt Kurt Furgler, den Bundespräsidenten der Confoederatio Helveticae, der inkognito in der Bucht von Cerbère badet, sich vor dem Sprung ins Wasser eine Zigarette anzündend, um sich Mut zu machen, und danach, um sich für den Mut zu belohnen. Geheimdienst überwacht ihn, den Bundespräsidenten mit dem verkniffenen Mund, diskret, der spanische, der französische natürlich, aber auch der amerikanische und sogar der chinesische. Ein kleiner struppiger Hund bellt mit bewundernswürdiger Penetranz alle Autos an, die vorbeifahren. Er wird nicht überfahren, obwohl er mitten auf der Strasse steht und nicht weichen will. Es ist Cerberus, der Höllenhund, getarnt als kläffender Strassenköter, denn wir befinden uns im zwanzigsten Jahrhundert. Dem Felix entgeht kein Detail. Er ist der Geheimdienst, der den Geheimdienst überwacht.



Kurt Furgler, schweizerischer Bundesrat, cognito

Als federleichte Wölkchen sich vom Land gegen das Meer zu bewegen und sich alsbald in Luft auflösen, als sich der Himmel violett färbt und die elektrischen Lichter aufflammen, sitzen der kleine Araber und Felix auf der Terrasse eines Restaurants und in der Tiefe gischt das Meer gegen die schiefrigen, quer liegenden Felsen. Sie trinken Pernod oder Pastis. Im Innern des Restaurants entdeckt Felix Kurt Furgler wieder, aber auch James Bond, einen Wissenschaftler, einen Inder, eine Inderin, einen hübschen blonden Mann. Eine gefährliche Geschichte scheint sich anzubahnen, noch undurchschaubar. Felix raucht Zigaretten, obwohl lufthungrig. Er fürchtet sich, will sich aber nichts anmerken lassen. Der Wirt reibt sich die Hände, er freut sich sichtlich darüber, dass die Eisenbahner streiken, beschert es ihm doch das Geschäft des Jahrhunderts. Auch Felix und der kleine Araber gehen jetzt ins Innere des Restaurants. Bestellen sich das teuerste Essen, das es auf der Karte gibt, und einen Liter Wein. Aber Felix ist nur durstig. Schon den Fisch mag er nicht anrühren, er sieht einen Kadaver auf seinem Teller liegen, er will keine Leichen essen, er will lieber trinken, trinken beruhigt mich sonst immer, sagt Felix laut zum kleinen Araber, der sich genüsslich Fisch in den Mund schiebt und kaut. Felix säuft den Wein wie Wasser, wird aber nicht einmal ansatzweise betrunken. Er ist nun endgültig überzeugt davon, dass ihm der gegnerische Geheimdienst LSD in die Blutbahnen geschmuggelt hat. Er kann jetzt niemanden mehr anschauen, ohne das Entsetzliche zu bemerken, das bei jedem im Hintergrund lauert. Er kann keinen Schritt mehr gehen, ohne das dünne Eis unter seinen Füssen knirschen zu hören. Er kann nicht mehr am Tisch vor der Fischleiche sitzen, von welcher er keine zwei Bissen verspeist hat. Er muss aufstehen, ruckartig, und an die frische Luft rennen, den kleinen Araber perplex allein an seinem Tisch im Restaurant zurücklassend. Der Wind bläst auf Hohlkörpern Melodien aus der Unterwelt. Felix steht mit Augen gross wie Wagenräder am Meer, das jetzt pechschwarz ist mit weissen Schaumkronen. James Bond hat sich als James Bond verkleidet. Kurt Furgler ist auf Kurt Furgler geschminkt. Felix ist Felix, aber er würde gerne aus seiner Haut schlüpfen oder vielmehr aus seinem Hirn und bitte eine andere Rolle übernehmen. Er ist ein Spion wider Willen, einer, der eigentlich gar nichts wissen will. Nein, er will nichts wissen, nie mehr auch nur das Geringste wissen!
Schliesslich wagt er sich doch wieder zurück ins Restaurant, säuft weiteren Wein, der Wirt kann nicht verstehen, wie man seinen guten Fisch, Spezialität des Hauses, einfach stehen lassen kann. Bei diesem Wirt ist Felix endgültig unten durch, so viel ist schon mal klar. Felix beginnt zu reden, um nicht zu schweigen. Die Sprache, sagt er zum kleinen Araber, der schon immer wusste, das Felix ein bisschen plemplem ist oder sogar eine ganz gewaltige Meise hat, hätte dieser Felix nur auf ihn gehört, damals in Griechenland, die Sprache ist dem Menschen gegeben wie die Musik, das Symbolische ist wie eine gläserne Wand vor dem Abgrund.

Schliesslich sitzen oder vielmehr liegen sie im Nachtzug von Cerbère nach Genf. Und Felix fühlt das Jagen durch Raum und Zeit und weiss doch, dass er dem Unheimlichen nicht entrinnen kann, dem Sterben nicht, dem Geborenwerden nicht, dem Aufbruch ins Unbekannte nicht.
Ist die Angst nun ein Freund oder ein Feind?