Sancho dachte darüber nach, was es bisher an zugleich Positivem, Wissenswertem und Unterhaltsamem über Misericordia zu berichten gab. Er würde gern auch etwas erfunden haben, aber da er nur in beschränktem Mass über Fantasie verfügte, fiel ihm das allzu schwer. Nicht ohne Grund pflegte er unter Kollegen zu behaupten, dass es im Leben nichts Fantastischeres gebe als die Realität. Und nichts Komplexeres. Sancho war müde und ratlos.
«Im Staate Miserciordia ist vorbildlicherweise alles, was gefährlich ist, verboten. Also ist alles verboten in Misericordia, denn unter bestimmten Umständen kann alles gefährlich sein. Das ganze Leben ist lebensgefährlich, haha. Misericordianer sind prophylaktisch denkende Leute. Vorsicht ist die Mutter ihrer Porzellankiste. Der gute Misericordianer übt es, sich klein zu machen, damit er von den gewaltigen Kräften, die letztlich auch sein Dasein bestimmen, möglichst übersehen werde. Es ist in Misericordia strengstens verboten, mit einem anderen Menschen in näheren Kontakt zu treten, denn solcher Kontakt beinhaltet Seuchengefahr. In Misericordias pharmazeutischen Laboren werden die verletzlichen, weichen Körper chemisch gepanzert, die fleischlichen Seelen wie in einer Esse stahlhart gemacht, hart wie Kruppstahl. Misericordia ist unser aller einziges grosses Spital. Alle Menschen hier sind versichert, rundum versichert, sie haben die Notfallstation in nächster Nähe, ihnen kann nichts geschehen, denn nicht nur sonntags beten sie in ihren weissen Betten zu ihren weissen Göttern.»
Sancho seufzte tief. Dann zerriss er, was er geschrieben hatte, und legte sich in den Kleidern aufs Bett, um eine letzte Zigarette zu rauchen. Was natürlich strengstens verboten war. Aber das war Sancho jetzt egal.
Dienstag, 19. Januar 2010
Mittwoch, 13. Januar 2010
Glück, Zeit. Wasser. Fragen
Ein neues Jahr hat begonnen, sagt man, gar ein neues Jahrzehnt, was bedeutet, dass man sich mit der Zukunft konfrontiert zu werden bemüssigt fühlt, aber was heisst das? Es wäre einmal mehr nach dem Wesen der Zeit zu fragen, ein Unterfangen, das leicht ins Philosophischen hinabzugleiten oder auch hinaufzuflutschen droht, was einerseits daran liegt, dass diese Frage ein weites Feld ist und andererseits daran, dass man, wie beim Sprechen über die Liebe oder das Glück oder das Leben oder den Tod oder die Unermesslichkeit des Alls, beim Sprechen über all diese letzten Fragen also eigentlich nie so richtig weiss, worüber man spricht. Über Zeit zu spekulieren kommt mir ähnlich absurd vor wie es wohl dem Fisch vorkommen müsste, sich über das Wesen des Wassers den Kopf zu zerbrechen. Nun nehme ich nicht an, dass es einem Fisch in den Sinn kommen könnte, seinen nicht sehr zum Intellektuellen und Abstrakten tendierenden Fischkopf über das Wesen des Wassers zu zerbrechen, obwohl man auch das natürlich nicht sicher sagen kann, denn schliesslich gibt es ja offenbar auch viele sehr intelligente Fische wie Delphine und Wale, wobei ich mir da nicht sicher bin, ob das wirklich Fische sind. Mein an unzähligen Quizsendungen trainiertes Halbwissen sagt mir, dass Delphine und Wale Säugetiere sind, man spricht von Meerssäugern, nicht wahr, doch wäre das Bild, die Metapher von Meeressäugern, die sich über das Wesen des Wassers den Kopf zerbrechen, ja auch irgendwie überzeugend, resp. eben absurd, oder die Frage, ob absurd oder nicht, ebenso berechtigt. Dieser Schlenker von meinem eigentlichen Gegenstand, der Zeit, zu den Fischen resp. dem Wasser führt mich zum auch nicht das erste Mall gedachten Gedanken über die Unendlichkeit meines Nichtwissen, meiner fundamentalen Ungebildetheit. Je älter ich werde, desto mehr wird mir – wie Sokrates – bewusst, dass ich nichts weiss, und je älter ich werde, desto weniger Dinge erlebe ich rep. desto weniger Gedanken denke ich zum ersten Mal, das Leben neigt mit zunehmendem Alter zur Wiederholungsträchtigkeit, weshalb es auch nicht allzu sehr verwundern darf, dass mir immer öfter auffällt, wie wenig ich weiss. Eine Erkenntnis oder Einsicht, die einen deprimieren könnte, die mich aber seltsamerweise nicht deprimiert, sondern auf eine beinahe verzweifelte Weise beinahe fröhlich macht. Wobei es, kleine Klammerbemerkung, natürlich gar nicht stimmt, dass man in fortgeschrittenem Alter nichts mehr Neues erlebt, man erlebt sogar ganz dramatisch oder auch traumatisch Neues, zum Beispiel spätestens dann, wenn man stirbt. Vielleicht stirbt man sogar darum, weil man wieder einmal etwas Neues erleben möchte. Wobei man jetzt kleinkrämerisch und erbsenzählerisch und indiesuppespuckerisch resp. spielverderbend einwenden könnte, dass es in keinster Weise erwiesen sei, dass das Sterben etwas Einmaliges und damit Erstmaliges sei, man könnte mit den Millionen oder gar Milliarden, diesen Myriaden von Hindus und Buddhisten der Welt hinter dem Ofen oder dem Berg hervorkommen, die an die Wiedergeburt glauben, aber das wollen wir hier jetzt nicht tun, um die Sache nicht noch mehr zu verkomplizieren. Und obwohl wir in den letzten paar Minuten nicht schlecht auf den Assoziationen herumgesurft sind und unseren eigentlichen Gegenstand scheinbar oder anscheinend so ziemlich aus den Augen verloren haben, haben wir doch einiges zum Wesen der Zeit gedacht und nun auch ausgesprochen, wenn auch nicht sehr Präzises und schon gar nichts Naturwissenschaftliches, aber trotzdem, belassen wir es dabei.
Etwas anderes. «Glück» soll zum Schulfach werden. Ein besonderes Wahlfach soll den Aargauern Berufs- und Oberstufenschülern künftig die positiven Seiten des Lebens näher bringen: das Wahlfach «Glück». Dies fordern drei Grossräte der Grünen in einem Vorstoss vom Regierungsrat. Es gehe nicht um «Zuckerguss-Pädagogik». Der Umgang mit dem Glück sei jedoch eine Lebenskompetenz, die jungen Menschen vermittelt werden müsse, begründen sie ihr Anliegen. Glück sei eine «anspruchsvolle Angelegenheit». Bei Schülern und Lehrpersonen habe die Schule «immer weniger das Image eines Glückbringers». Wer glücklich sei, bringe in der Schule und am Arbeitsplatz eine höhere Leistung.
Glück als leistungssteigernde Droge? Und stimmt das: ist Glück eine «anspruchsvolle Angelegenheit»? Ist Glück lernbar? Oder anders gefragt: Ist ein Glück, das man lernen kann, noch Glück? Wenn ja, warum? Und wenn nein, warum nicht? Anregungen zur Beantwortung dieser schwierigen Fragen sind jederzeit willkommen.
Etwas anderes. «Glück» soll zum Schulfach werden. Ein besonderes Wahlfach soll den Aargauern Berufs- und Oberstufenschülern künftig die positiven Seiten des Lebens näher bringen: das Wahlfach «Glück». Dies fordern drei Grossräte der Grünen in einem Vorstoss vom Regierungsrat. Es gehe nicht um «Zuckerguss-Pädagogik». Der Umgang mit dem Glück sei jedoch eine Lebenskompetenz, die jungen Menschen vermittelt werden müsse, begründen sie ihr Anliegen. Glück sei eine «anspruchsvolle Angelegenheit». Bei Schülern und Lehrpersonen habe die Schule «immer weniger das Image eines Glückbringers». Wer glücklich sei, bringe in der Schule und am Arbeitsplatz eine höhere Leistung.
Glück als leistungssteigernde Droge? Und stimmt das: ist Glück eine «anspruchsvolle Angelegenheit»? Ist Glück lernbar? Oder anders gefragt: Ist ein Glück, das man lernen kann, noch Glück? Wenn ja, warum? Und wenn nein, warum nicht? Anregungen zur Beantwortung dieser schwierigen Fragen sind jederzeit willkommen.
Freitag, 8. Januar 2010
Motto des Tages
Das Ende ist erst der Anfang.
(Gefunden in: NZZ Folio, Januar 2010: Der Tod. Geschichten aus dem Diesseits. Das Heft ist übrigens sehr zu empfehlen)
(Gefunden in: NZZ Folio, Januar 2010: Der Tod. Geschichten aus dem Diesseits. Das Heft ist übrigens sehr zu empfehlen)
Dienstag, 5. Januar 2010
Traurige Jäger (22)
Sancho sass nun wieder in seinem Auto, dem geliebten Porsche, der ihm das Gefühl von Freiheit und Abenteuer gab. Ja, Freiheit! Sancho spürte sie im Sonnengeflecht. Es liess sich schnell fahren im Porsche, denn es gab wenig Verkehr aus Misericordias Strassen. Die Landschaft war flach und karg. Ein kahler Hügel war Abwechslung für die Augen. Der Highway ging schnurgerade. Die Sonne brannte erbarmungslos aus einem spanischen Himmel. Sancho lehnte sich zurück. Einmal donnerte auf der Gegenfahrbahn ein wie ein Weihnachtsbaum geschmückter Truck an ihm vorbei. Blitzschnell entschwindend und doch ganz deutlich konnte er für einen Moment den irischen Trucker, einen kleinen dicken Mann und einen Hund, der eigentlich schon aus dieser Geschichte verschwunden ist, ausmachen. «The Greatest Niagara» musste er allerdings übersehen haben. Mit Füssen, die ihm affenartig gekrümmt, nackt und stark behaart erschienen, hielt er sich am Steuerrad fest, die Hände lässig hinter dem Kopf verschränkt, Kaugummi kauend, während er mit sehr hoher Geschwindigkeit auf der schnurgerade Strasse an Hinweisschildern vorbeiraste, die die nahende Stadt, Miserciordia City, ankündigten.
Freitag, 1. Januar 2010
"Einmal...
...verliebte sich ein Mädchen in einen Weissen und betete zu Elegba, das auch sie weiss sein möge. Sie flehte derart inbrünstig und opferte so viele Hähne, dass die Göttin ihren Wunsch erfüllte. So konnte sie ihren Geliebten heiraten, und er nahm sie mit nach Frankreich, ohne von ihrer wirklichen Abstammung zu wissen. Aber nach einigen Jahren des Glücks gebar die junge Frau einen Jungen, der genau so aussah wie sein Grossvater: stark und schwarz. Im Glauben, dass sie ihn mit einem Sklaven betrogen habe, liess der Ehemann sie in der gleichen Nacht töten. Im Tod wurde sie wieder schwarz, aber dort in Frankreich schien niemand den Zauber und die Wunder Elegbas zu verstehen, und schnell wurde behauptet, dass sie die Pest gehabt habe, weshalb man ihren Leichnam verbrannte. Und ihren Sohn auch." Ratlos hob er die Schultern. "Vielleicht hast du ja mehr Glück!", sagte er schliesslich.
(aus: Alberto Vazquez-Figueroa, Der Leguan)
(aus: Alberto Vazquez-Figueroa, Der Leguan)
Samstag, 26. Dezember 2009
Mittwoch, 23. Dezember 2009
Wir befinden uns in einer Scheune im Nordosten unseres Landes,
in Amerika, im Hochsommer des Jahres, in dem der Präsident sich einem Amtsenthebungsgesuch gegenübersah, und bislang waren wir sowenig romanhaft wie die Kühe mythisch oder ausgestopft waren. Das Licht und die Hitze des Tages (dieser Segen), die gleichbleibende Geruhsamkeit des Lebens einer jeden Kuh, das dem Leben der anderen Kühe entsprach, der verliebte alte Mann, der die geschmeidigen Bewegungen dieser tüchtigen, energischen Frau verfolgte, die Verklärung, der er sich hingab, der Eindruck, als hätte er nie etwas Ergreifenderes erlebt, und auch mein eigenes bereitwilliges Warten, meine eigene Faszination angesichts der Vielfalt, der Variantionsbreite, der anarchischen Ungeregeltheit sexueller Verbindungen und angesichts des Gebots an Mensch und Vieh, an hochdifferenzierte ebenso wie an kaum differenzierte Lebensformen, zu leben und das Leben nicht bloss zu ertragen, sondern es zu l e b e n und seine sinnlose Bedeutsamkeit fortwährend hinzunehmen, weiterzugeben, zu füttern, zu melken und aus vollem Herzen als das Rätsel anzuerkennen, das es ist - all dies wurde von zehntausend winzigen Eindrücken als Teil der Wirklihkeit bestätigt. Die sinnliche Fülle, der Überfluss, die reichliche, überreichliche Vielfalt der Einzelheiten, die die Rhapsodie des Lebens ausmachen.
Philip Roth, in: Der menschliche Makel. Hanser 2002.
Philip Roth, in: Der menschliche Makel. Hanser 2002.
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