...verliebte sich ein Mädchen in einen Weissen und betete zu Elegba, das auch sie weiss sein möge. Sie flehte derart inbrünstig und opferte so viele Hähne, dass die Göttin ihren Wunsch erfüllte. So konnte sie ihren Geliebten heiraten, und er nahm sie mit nach Frankreich, ohne von ihrer wirklichen Abstammung zu wissen. Aber nach einigen Jahren des Glücks gebar die junge Frau einen Jungen, der genau so aussah wie sein Grossvater: stark und schwarz. Im Glauben, dass sie ihn mit einem Sklaven betrogen habe, liess der Ehemann sie in der gleichen Nacht töten. Im Tod wurde sie wieder schwarz, aber dort in Frankreich schien niemand den Zauber und die Wunder Elegbas zu verstehen, und schnell wurde behauptet, dass sie die Pest gehabt habe, weshalb man ihren Leichnam verbrannte. Und ihren Sohn auch." Ratlos hob er die Schultern. "Vielleicht hast du ja mehr Glück!", sagte er schliesslich.
(aus: Alberto Vazquez-Figueroa, Der Leguan)
Freitag, 1. Januar 2010
Samstag, 26. Dezember 2009
Mittwoch, 23. Dezember 2009
Wir befinden uns in einer Scheune im Nordosten unseres Landes,
in Amerika, im Hochsommer des Jahres, in dem der Präsident sich einem Amtsenthebungsgesuch gegenübersah, und bislang waren wir sowenig romanhaft wie die Kühe mythisch oder ausgestopft waren. Das Licht und die Hitze des Tages (dieser Segen), die gleichbleibende Geruhsamkeit des Lebens einer jeden Kuh, das dem Leben der anderen Kühe entsprach, der verliebte alte Mann, der die geschmeidigen Bewegungen dieser tüchtigen, energischen Frau verfolgte, die Verklärung, der er sich hingab, der Eindruck, als hätte er nie etwas Ergreifenderes erlebt, und auch mein eigenes bereitwilliges Warten, meine eigene Faszination angesichts der Vielfalt, der Variantionsbreite, der anarchischen Ungeregeltheit sexueller Verbindungen und angesichts des Gebots an Mensch und Vieh, an hochdifferenzierte ebenso wie an kaum differenzierte Lebensformen, zu leben und das Leben nicht bloss zu ertragen, sondern es zu l e b e n und seine sinnlose Bedeutsamkeit fortwährend hinzunehmen, weiterzugeben, zu füttern, zu melken und aus vollem Herzen als das Rätsel anzuerkennen, das es ist - all dies wurde von zehntausend winzigen Eindrücken als Teil der Wirklihkeit bestätigt. Die sinnliche Fülle, der Überfluss, die reichliche, überreichliche Vielfalt der Einzelheiten, die die Rhapsodie des Lebens ausmachen.
Philip Roth, in: Der menschliche Makel. Hanser 2002.
Philip Roth, in: Der menschliche Makel. Hanser 2002.
Dienstag, 22. Dezember 2009
Es rührt mich an...
... mit welcher Sorgfalt da Gartenwege angelegt, mit welcher Emphase Balkone möbliert sind, mit welcher Entschiedenheit Strassen überquert, mit welcher Inbrunst Stühle vor Tische gerückt werden. Ganz leicht kommt mir die Stadt vor, ein Hauch, die Einwohner Luftbläschen, die mit tiefem Ernst Brötchen tragen und Grillwürstchen im Rauch wenden. Mit welcher Würde, mit welcher Ergebenheit jeder sich selber spielt, bis zum bitteren Ende. Was für ein wunderschönes Gärtchen wir anpflanzen mit Bäumchen und Stühlchen und Sonnenschirmchen. Was für herrliche Wohnblöckchen mit zierlichen Treppenhäuschen und Schornsteinchen obendrauf, was für saftiggrüne Hügelchen dazwischen, was für Rutschbähnchen, was für Bierfläschchen, was für Messerchen! Die einen spielen torkelnde Säuferchen, die anderen spielen kurzgeschorene Muskelmännchen, krawattentragende Prokuristchen. Mütterchen tauchen auf, einigen perlen Tränchen über die Wangen, die Chromstahlteilchen an den Krankenhausbettchen blitzen kostbar, und nicht einer, der sagt, ich verstehe mich nicht; nicht einer, der zu flattern beginnt; nicht einer, der übers Wasser entwischt. Alle bleiben und sind ganz ernst in ihrem Tun, ganz sicher in ihrem Glauben, dass dies eine Stadt sei, dass sie einzig dazu da seien, auf diese Art zu leben, Kinder zu kriegen, sich nach Balkonen zu sehnen. Eine heisse Welle von Glück über diese Sicherheit steigt in mir auf. Gleichzeitig steht die gnadenlose Sonne der Angst über mir, und ein umfasender Zweifel beginnt mich zu würgen, ob wir uns nicht vielleicht alle gegenseitig im falschen Leben halten, indem jeder die Ahnung, dass dies nicht das richtige ist, auf so tapfere Weise für sich bewahrt. Wir können gefoltert werden bis zum äussersten und würden trotzdem nicht preisgeben, dass wir nicht wissen, wer oder was wir sind, dass wir so sind, um keine Zeit und keine Gedanken darüber verlieren zu müssen, ob wir nicht vielleicht ganz anders sein könnten.
Matthias Zschokke, in: Ein neuer Nachbar. Ammann Verlag, 2002
Matthias Zschokke, in: Ein neuer Nachbar. Ammann Verlag, 2002
Mittwoch, 16. Dezember 2009
Der Engel vom Hauptbahnhof

Letzthin unterhielt ich mich mit Fendi, meinem indonesischen Lebenspartner, über die alte Frau, die immer im Rollstuhl in der Hauptbahnhofshalle sitzt. Er hatte mit seinen Freunden gerätselt, was diese Frau wohl den ganzen Tag mache und warum sie da sei. Es gebe ihm jedes mal einen Stich ins Herz, wenn er sie so dasitzen sehe, weil sie ihn an seine Mutter erinnere. Zuerst hatten sie gedacht, sie sitze da, weil sie kein Geld habe, aber dann beobachteten sie, dass die Frau Geld energisch zurückwies und höchstens eine Blume oder einen Apfel als Geschenk akzeptierte. Einer kam dann auf die folgende Idee: Die Frau sitze da, weil sie als junge Frau ihren Geliebten verloren habe. Er habe sie verlassen und sei mit dem Zug weggefahren. Und nun sitze sie da und erwarte seine Rückkehr. Ist das nicht eine schöne, traurige Geschichte? Ich erklärte ihm dann, dass sie meines Wissens da sitze, weil sie sich von Gott höchst persönlich beauftragt fühle, die Ankommenden und die Abfahrenden zu beschützen und zu segnen, als Schutzengel gewissermassen – eine Interpretation, die ihm ebenfalls unmittelbar einleuchtete.
Dienstag, 15. Dezember 2009
Traurige Jäger (21)

Ihn wunderte nicht, dass die Zollbeamten wie Ärzte gekleidet waren; er wusste, dass im Staate Misericordia die Repräsentanten des Gesundheitswesens – ein Clan von Ärzten, Psychotherapeuten, Krankenschwestern, Sozialarbeitern – die Macht in ihrer Hand hatten. Natürlich waren auch die Zollbeamten in Misericordia Zollbeamte wie anderswo auch und keine Ärzte; trotzdem musste man als Besucher von Misericordia damit rechnen, dass man sich einer peinlich genauen Untersuchung seines Gesundheitszustands zu unterziehen hatte. Auch im weitesten Sinn als Kranke geltende Personen durften die Grenzen von Misericordia nicht passieren. Und wer ist schon nicht im weitesten Sinn krank?
Sancho Pansa, Journalist mit Embonpoint, gut gekleideter Porschefahrer, liess die umfangreichen Untersuchungen seines Körpers mit Gleichmut über sich ergehen, beantwortete willig alle Fragen, die man ihm stellte, um heraus zu finden, ob auch in seinem Kopf alles in Ordnung sei. «Nun, zumindest ist er kein Seuchenträger», murmelte der ranghöchste Zollbeamten-Arzt schliesslich, das Auto und sämtliche Habseligkeiten waren inzwischen auch desinfiziertem und Sancho konnte die Grenze passieren. «Helfen und Heilen!» las er auf unzähligen Plakaten und Flaggen, die links und rechts die Autobahn flankierten. Misericordia war der weltgrösste Produzent und Exporteur aller Arten von Pharmazeutika. Jetzt, dachte Sancho, brauche ich etwas zu trinken.
Er hielt an der ersten Raststätte. Natürlich konnte man sich in Misericordia nicht einfach etwas zu trinken bestellen; Alkoholausschank war offiziell nicht nur in Autobahnraststätten strengstens verboten. Der Fusel, den man zu übersetzten Preisen auf dem Schwarzmarkt angeboten bekam, schmeckt scheusslich und ruinierte nicht nur die Leber. Gott sei Dank hatte Sancho sein Reservefläschchen dabei, für das man sich an der Grenze seltsamer- und glücklicherweise überhaupt nicht interessiert hatte und dessen Inhalt er nun diskret in die Cola kippen konnte.
Sancho war einer der wenigen Journalisten, die die Grenzen Misericordias überschreiten durften, um eine Reportage über das «verbotene Land» zu schreiben. Sogar ein Interview mit dem ersten Misericordianer, dem Staatschef oder Oberstchefarzt, wie er hier genannt wurde, war ihm zugestanden worden. Ein wichtiger Job, der sich als Karrieresprung erweisen konnte. Sancho war mächtig stolz, dass die Chefredaktion ihn für diese Mission ausgewählt hatte.
Aber während Sancho so sass und an seiner mit Wodka versetzten Cola nippte und ein wenig stolz auf sich war, schlossen sich vier kräftige Hände um seine Arme und rissen ihn brutal zurück in die Wirklichkeit und Gegenwart. Zwei fast noch milchgesichtig junge Männer schauten ihn nicht böse, sondern fast traurig an. «Was soll denn das?!» fragte Sancho empört. «Lassen Sie mich unverzüglich los! Ich bin Journalist und beauftragt, eine Reportage über Ihr Land zu schreiben – ein Auftrag, der mich fast ein wenig stolz macht. Sie können sich sicher vorstellen, dass Ihr Benehmen keinen guten Eindruck hinterlässt.» Die Psychiatriepflegerburschen, die übrigens beide auffallend gut gebaut und hübsch waren, verzogen keine Miene in ihren Milch-und-Honig-Gesichtern. «Wir müssen Sie leider einer Blutprobe unterziehen. Sie stehen im Verdacht des illegalen Alkoholkonsums und damit der eigenwilligen Gefährdung Ihrer Gesundheit. Da in unserem Land Rechtsgleichheit herrscht, werden misericordianische Gesetze auch auf ausländische Journalisten, so selten sie bei uns auch zu finden sind, angewandt. Bitte folgen Sie uns widerstandslos. Wir wollen nur das Beste für Sie!»
Da wurde Sancho, was sonst nicht seine Art war, beinahe hysterisch. Die beiden hübschen Burschen lösten in ihm ein ihm völlig neues Gefühl der Panik aus. Er verlangte nacheinander nach einem Anwalt, nach einem Kontakt mit seiner Botschaft, zuletzt absurderweise gar nach einem Arzt. Die beiden Weisskittel redeten besänftigend auf ihn ein, während er aus der Raststätte gezerrt, geschleift und getragen wurde, verfrachteten ihn in ein Dienstfahrzeug, dessen Türen mit dem Wappen Misericordias («Helfen und Heilen») geschmückt waren. Verpassten ihm eine Spritze. Sogleich war er bereit, sich in alles, was da auf ihn zukommen sollte, heiteren Sinnes zu schicken. Die Wärter hatten ihren harten Griff gelockert. Die Hand des einen ruhte nun warm auf Sanchos Oberschenkel, während der andere den Arm beinahe freundschaftlich um seine Schultern gelegt hatte. Sanchos Kopf glühte, so sehr schämte er sich der Erregung, die machtvoll von ihm Besitz ergriffen hatte.
Samstag, 12. Dezember 2009
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