Man schämt sich, ich zu sagen.
Man kann sich nur den Schädel einschlagen.
Das Leben lässt sich nüchtern nicht ertragen.
Man schämt sich, ich zu sagen.
Samstag, 12. Dezember 2009
Donnerstag, 10. Dezember 2009
Traurige Jäger (20)
Aber eine Stunde später schon ritten zwei uns wohlbekannte Gestalten – der lange Dünne mit dem Texanerhut auf dem Schädel auf einem klapperdürren Ross, der kleine Dicke auf einem kurzbeinigen Esel, beide mit Scheriffsstern auf der Brust – in die nächtliche Wüste hinaus. Der Himmel war von den vielen gut sichtbaren Sternen wirklich erstaunlich hell. Jetzt, in der Nacht, war es empfindlich kühl geworden, und Sancho und der Sheriff ritten in einem so flotten Tempo, wie es die Pferdestärken von Esel und Klappermähre gerade eben noch erlaubten.
Plötzlich hörte Sancho ein grässliches Schreien, das ihm sämtliches Blut in den Adern gerinnen liess. «Ach,das sind doch bloss die Affen», sagte der Sheriff, als er das Erschrecken seines Assistenten bemerkte. «Aha, nur die Affen», sagte Sancho und wiegte den Kopf.
Sie ritten die ganze Nacht, kreuz und quer, wie es Sancho schien (aber wie will man das in der Wüste beurteilen), ohne dass sich etwas Erzählenswertes ereignet hätte; ausser, dass der Sheriff einmal das ganze Magazin seiner Pistole auf einen harmlos dastehenden, wenngleich stacheligen Kaktus abfeuerte. Irgendetwas musste Don Quichotte an dem Kaktus erschreckt oder irritiert haben. Sancho war aber so taktvoll, den Sheriff nicht nach dem Grund dieser Irritation zu fragen. Trotzdem schien Don Quichotte für den Rest des nächtlichen Streifzuges etwas verlegen zu sein. «Du hast», sagte er zu Sancho, «wie alle allzu freundlichen Menschen etwas Schizophrenes an dir.» Ansonsten wurde zwischen den beiden nur noch wenig gesprochen.
Es dämmerte bereits der Tag, als sie müde und hungrig und staubig endlich wieder zuhause anlangten. Die Schwester des Sheriffs schlief wohl noch. Der Hund war bereits ausgeschlafen und bellte morgenfroh, nicht ahnend, dass er schon bald aus dieser Geschichte verschwinden muss. Sancho schlug vor, ein paar Eier zu braten, vorzüglich zu etwas Schinken und Speck, aber der Sheriff wollte wieder einmal nichts vom Essen hören. Deshalb beschränkten sie sich darauf, vor dem Schlafengehen ein letztes – oder vielmehr ein erstes – Glas zu trinken.
Als Sancho, der lange – getrennt durch die Unendlichkeiten von Raum und Zeit – nicht mehr auf einem Bett gelegen, die Glieder wohlig ganz fest und zärtlich auf der Matratze liegen fühlte und die Müdigkeit einer holdseligen Entspannung wich, da dachte er: So könnte es ewig sein, dieses Liegen ist das ganze Glück (der Schlaf sei ewig, doch das Erwachen gewiss). Dann schlief er schon, sank in einen neuen Traum. Die Momente des Glücks sind auch für einen Sancho von flüchtiger Natur. Don Quichotte aber ging auf und nieder, schlaflos, murmelte etwas zwischen den Zähnen hindurch und dachte nach und dachte nach.
Plötzlich hörte Sancho ein grässliches Schreien, das ihm sämtliches Blut in den Adern gerinnen liess. «Ach,das sind doch bloss die Affen», sagte der Sheriff, als er das Erschrecken seines Assistenten bemerkte. «Aha, nur die Affen», sagte Sancho und wiegte den Kopf.
Sie ritten die ganze Nacht, kreuz und quer, wie es Sancho schien (aber wie will man das in der Wüste beurteilen), ohne dass sich etwas Erzählenswertes ereignet hätte; ausser, dass der Sheriff einmal das ganze Magazin seiner Pistole auf einen harmlos dastehenden, wenngleich stacheligen Kaktus abfeuerte. Irgendetwas musste Don Quichotte an dem Kaktus erschreckt oder irritiert haben. Sancho war aber so taktvoll, den Sheriff nicht nach dem Grund dieser Irritation zu fragen. Trotzdem schien Don Quichotte für den Rest des nächtlichen Streifzuges etwas verlegen zu sein. «Du hast», sagte er zu Sancho, «wie alle allzu freundlichen Menschen etwas Schizophrenes an dir.» Ansonsten wurde zwischen den beiden nur noch wenig gesprochen.
Es dämmerte bereits der Tag, als sie müde und hungrig und staubig endlich wieder zuhause anlangten. Die Schwester des Sheriffs schlief wohl noch. Der Hund war bereits ausgeschlafen und bellte morgenfroh, nicht ahnend, dass er schon bald aus dieser Geschichte verschwinden muss. Sancho schlug vor, ein paar Eier zu braten, vorzüglich zu etwas Schinken und Speck, aber der Sheriff wollte wieder einmal nichts vom Essen hören. Deshalb beschränkten sie sich darauf, vor dem Schlafengehen ein letztes – oder vielmehr ein erstes – Glas zu trinken.
Als Sancho, der lange – getrennt durch die Unendlichkeiten von Raum und Zeit – nicht mehr auf einem Bett gelegen, die Glieder wohlig ganz fest und zärtlich auf der Matratze liegen fühlte und die Müdigkeit einer holdseligen Entspannung wich, da dachte er: So könnte es ewig sein, dieses Liegen ist das ganze Glück (der Schlaf sei ewig, doch das Erwachen gewiss). Dann schlief er schon, sank in einen neuen Traum. Die Momente des Glücks sind auch für einen Sancho von flüchtiger Natur. Don Quichotte aber ging auf und nieder, schlaflos, murmelte etwas zwischen den Zähnen hindurch und dachte nach und dachte nach.
Freitag, 4. Dezember 2009
Traurige Jäger (19)
Der Sheriff lud Sancho samt Hund dazu ein, in seinem Haus zu wohnen, das er mit seiner unverheirateten Schwester zusammen besass. Das Haus war verlottert und irgendwie altmodisch und vielleicht gerade deshalb sehr gemütlich. Die Schwester war eine schweigsame, mürrisch scheinende Frau mittleren Alters, die aber, wenn sie etwas sagte, einen klaren, nüchtern-sachlichen Geist besass. Zweifellos hatte es der Sheriff einzig und allein ihr zu verdanken, dass er ein einigermassen vernünftiges Leben zu führen vermochte, oder eben: vermocht hätte. Denn es ist einem Don Quichotte nicht vergönnt, ein einigermassen vernünftiges Leben zu führen. Das wissen wir ja.
Der Sheriff hatte ein eigenartiges Hobby oder vielmehr eine ziemlich ausgefallene Leidenschaft: Er sammelte Engel. Die standen in allen Grössen, Farben, Formen und Geschmacksnuancen im ganzen Haus herum und bildeten einen Gegenstand stetigen Zankens und Streitens zwischen den beiden Geschwistern. Aber der Sheriff, obwohl sonst von sanfter, gütiger Wesensart, liess sich auf keine Weise dazu bringen, von den Engelsfiguren, deren älteste nach seiner eigenen Aussage mehrere tausend Jahre alt war, abzulassen. Die Engel waren nämlich ein Teil der Lebensphilosophie Don Quichottes und hatten mit dem Kampf oder Kreuzzug zu tun, den er führte. Abends, nach einem einfachen, aber wohlschmeckenden Mahl, das aus Maisfladen, Hammelfleisch, einer Sauce aus Tomaten, schwarzen Oliven, viel Knoblauch, Rosmarin und Basilikum bestand, versuchte der Sheriff, seinem neuen alten Assistenten diese Lebensphilosophie auseinander zu setzen:
«Die Engel», führte Don Quichotte aus, «sind ein Symbol für die Zukunft des Menschen über den Menschen hinaus. In den Engeln vollendet sich das, was im Menschen erst angelegt ist als Möglichkeit. Der Mensch von heute ist ein Schlachtfeld, auf welchem die Engel der Zukunft mit den Gespenstern der Vergangenheit einen erbitterten, aber fairen Kampf kämpfen. Fair nenne ich ihn deshalb, weil der Ausgang dieses Kampfes immer wieder und immer noch ungewiss ist, also beide Seiten die Chance haben, ihn zu gewinnen.»
Der Sheriff machte eine bedeutungsschwangere Pause, in der das verächtliche Schnauben seiner Schwester deutlich hörbar war. Dann dozierte er weiter: «Ich stehe im Dienst der Engel. Ich ringe für den Engel in mir mit dem Schatten des Engels in meiner Brust. Ich fühle mich – verzeiht mir das Bild – zur Hebamme berufen, insofern fühle ich mich mit dem grossen griechischen Philosophen Sokrates verwandt; ich bin Hebamme, aber auch Gebärmutter und Embryo. Das ist alles so schwierig auszudrücken.» Don Quichotte seufzte.
Sie tranken Burbon oder Scotch, Sancho konnte das nicht so genau entscheiden. Jedenfalls schmeckte es scheusslich. Zumindest wenn mqn es mit einem guten spanischen Brandy verglich. Der Hund schnarchte.
«Die Engel haben ihre Antithese, ihren Kontrapunkt, ihren Schatten. Dieser Schatten ist nicht das Tier, oder das Tierische im Menschen, das wir meinen, wenn wir vom Teufel reden und im Hinblick darauf, dass der Mensch die Krone der Schöpfung sei. Nein. Das Tierische in uns ist wie eine wehmütige Erinnerung an eine längst vergangene, altvertraute Zeit. Mit der Entwicklung vom Menschen zum Engel, wenn ich so sagen darf, ist auch das Böse im Begriff, einen entsprechenden Schritt zu tun und seine verlockende, entsetzliche Melodie auf einer höheren – oder tieferen – Oktave zu spielen. So, wie die Engel ein Entwurf des Guten im Menschen sind, so sind die Schattenengel eine Projektion des Ungeheuerlichen in die Zukunft hinein. Dass beide Entwicklungen zusammengehören und sich bedingen, um ein Ganzes zu geben, braucht uns hier nicht zu interessieren, Sancho. Der Kämpfer ergreift Partei. Und zwar ohne Vorbehalte.»
Der Sheriff schwieg und trank. Sancho trank und schwieg. Die Schwester Don Quichottes murmelte: «Hirngespinste!» und nahm ebenfalls einen Schluck.
«Und so, wie das Engelhafte der Zukunft kraft seiner Potenz schon jetzt im Gegenwärtigen und gar im Vergangenen wirkt, Sancho, schwappt auch die Ungeheuerlichkeit des Bösen zurück ins Gegenwärtige. Das ist die Krankheit, von der ich dir sprach!»
Die Schwester sagte: «Dass es Gut und Böse gibt, ist ein Gesetz des Lebens. Sogar der tödliche Kampf ist ein Spiel. Nur Idioten machen eine Idee zur Tyrannin ihres Lebens. Eine Idee ist wirklich eine gute Geliebte für einen Mann: so treu, dass sie ihm schliesslich die Luft zum Atmen nimmt!» Die Schwester lachte trocken.
«Es gibt hier», fuhr der Sheriff fort, ohne sich in seinem Gedankengang stören zu lassen, «ganz in der Nähe und mitten in der Wüste das, was ich das Bermudadreieck der Zukunft nenne: Eine chemische Fabrik, in der hinter Stacheldraht, Elektrozaun und scharf bewacht von Männern mit Maschinenpistolen und Schäferhunden, die Alchemie unserer Zeit vorangetrieben wird. Es gibt eine Energiefabrik, in welcher der Funken aus dem Stein geschlagen wird und der Mensch sich die Gewalt der Materie untertan macht. Und es gibt eine Weltraumbasis, von welcher aus die Menschen – vorerst noch langsam wie die Mücken _ in die unendlichen Tiefen des Alls vordringen.
Hier, in diesem Bermudadreieck der Zukunft, zeigt das, was wir den Fortschritt der Wissenschaft nennen, sein Janushaupt ganz deutlich. Der so genannte Fortschritt könnte uns vielleicht helfen, mit der stets wachsenden Zahl von Menschen auf der Erde fertig zu werden, sie zu ernähren und zu erhalten – er kann uns zum Beispiel helfen, neue Heimstätten im Weltraum zu finden, er uns sogar zu so etwas wie einer gewissen Weisheit und einem begrenzten Verständnis führen – er kann aber auch bewirken, dass die Menschheit endgültig zu einer Monstrosität wird, zu einer Krankheit, zu einem Fieberwahn, den die Erde, will sie gesunden, erst einmal ausschwitzen muss.
Die Brutalität und Grausamkeit, die Menschen an Menschen verüben können und wollen und verüben in den grossen Krieger der Völker und den kleinen Kriegen des alltäglichen Zusammenlebens, diese äusseren Zeichen des Bösen sind ein vergleichsweise harmloser Widerschein der wahren zerstörerischen Kraft.»
«Das Böse», sagte die Schwester des Sheriffs darauf nur trocken, «ist keine selbstständige Kraft. Es ist ein Teil der Kraft, die sich selbst in einer bestimmten Art und Weise interpretiert. Es gibt, wie auch die Physik es sagt, nur diese eine Kraft, allerdings in sehr verschiedenen Manifestationen. Gott, mein lieber Bruder, ist blind.»
Sancho ging die Theoretisiererei der beiden allmählich auf die Nerven. Er wollte wieder einmal etwas Konkretes hören. Die Anwesenheit der Schattenengel, erfuhr er auf sein Drängen, sei im «Bermuda-Dreieck» besonders stark zu bemerken; man spüre sie wie einen kalten Hauch, der ganz und gar durch einen hindurchgehe, so, als wäre man bloss ein Knochengerüst ohne Fleisch und Haut. Ausserdem werde das Denken bei der Berührung mit den Schattenengeln wie zu einem Stück Materie: Man denke plötzlich in kleinen Lehmklümpchen, die absonderliche Figuren ganz ohne Sinn ergeben würden, und dies reize einen zu einem ganz und gar nicht lustigen Lachen, es sei, als würde man an einer besonders unanständigen Stelle besonders hinterhältig gekitzelt. Auch habe man, mitten in der Wüste unter einem unnatürlich grossen Mond stehend und mit dieser erdrückenden Unzahl von Sternen über dem Kopf und der absurden Silhouette der Weltraumbasis im Gegenlicht der Scheinwerfer vor Augen, immer das Gefühl, als ob dicht hinter einem jemand stehe. Es sei dies ein sehr körperliches Gefühl. Es mache einen gelinde gesagt nervös. Er, der Sheriff, neige überhaupt zur Nervosität in letzter Zeit. Deshalb habe er auch Sancho als seinen Assistenten engagiert, denn der, mit seiner Statur und seiner Bodenständigkeit, mache den Eindruck eines nicht so leicht zu erschütternden Menschen.
Sancho wollte diese Komplimente (oder wie auch immer die Einschätzung des Sheriffs gemeint war) schleunigst abwehren und berichtigen, aber Don Quichotte war bereits nicht mehr zu bremsen. «Noch diese Nacht», rief er mit dem Feuer der bei ihm wieder neu erwachten Begeisterung aus, «wollen wir der Gefahr vereint ins Auge sehen.» Dabei hatte er, wie Sancho fand, vom Whiskey bereits den gewissen sehnsüchtigen glasigen Blick. Auch gefiel ihm der Gedanke gar nicht, heute noch einmal raus zu müssen mit seinem Herrn in die finstere Nacht, wo es doch hier so gemütlich war gerade.
Der Sheriff hatte ein eigenartiges Hobby oder vielmehr eine ziemlich ausgefallene Leidenschaft: Er sammelte Engel. Die standen in allen Grössen, Farben, Formen und Geschmacksnuancen im ganzen Haus herum und bildeten einen Gegenstand stetigen Zankens und Streitens zwischen den beiden Geschwistern. Aber der Sheriff, obwohl sonst von sanfter, gütiger Wesensart, liess sich auf keine Weise dazu bringen, von den Engelsfiguren, deren älteste nach seiner eigenen Aussage mehrere tausend Jahre alt war, abzulassen. Die Engel waren nämlich ein Teil der Lebensphilosophie Don Quichottes und hatten mit dem Kampf oder Kreuzzug zu tun, den er führte. Abends, nach einem einfachen, aber wohlschmeckenden Mahl, das aus Maisfladen, Hammelfleisch, einer Sauce aus Tomaten, schwarzen Oliven, viel Knoblauch, Rosmarin und Basilikum bestand, versuchte der Sheriff, seinem neuen alten Assistenten diese Lebensphilosophie auseinander zu setzen:
«Die Engel», führte Don Quichotte aus, «sind ein Symbol für die Zukunft des Menschen über den Menschen hinaus. In den Engeln vollendet sich das, was im Menschen erst angelegt ist als Möglichkeit. Der Mensch von heute ist ein Schlachtfeld, auf welchem die Engel der Zukunft mit den Gespenstern der Vergangenheit einen erbitterten, aber fairen Kampf kämpfen. Fair nenne ich ihn deshalb, weil der Ausgang dieses Kampfes immer wieder und immer noch ungewiss ist, also beide Seiten die Chance haben, ihn zu gewinnen.»
Der Sheriff machte eine bedeutungsschwangere Pause, in der das verächtliche Schnauben seiner Schwester deutlich hörbar war. Dann dozierte er weiter: «Ich stehe im Dienst der Engel. Ich ringe für den Engel in mir mit dem Schatten des Engels in meiner Brust. Ich fühle mich – verzeiht mir das Bild – zur Hebamme berufen, insofern fühle ich mich mit dem grossen griechischen Philosophen Sokrates verwandt; ich bin Hebamme, aber auch Gebärmutter und Embryo. Das ist alles so schwierig auszudrücken.» Don Quichotte seufzte.
Sie tranken Burbon oder Scotch, Sancho konnte das nicht so genau entscheiden. Jedenfalls schmeckte es scheusslich. Zumindest wenn mqn es mit einem guten spanischen Brandy verglich. Der Hund schnarchte.
«Die Engel haben ihre Antithese, ihren Kontrapunkt, ihren Schatten. Dieser Schatten ist nicht das Tier, oder das Tierische im Menschen, das wir meinen, wenn wir vom Teufel reden und im Hinblick darauf, dass der Mensch die Krone der Schöpfung sei. Nein. Das Tierische in uns ist wie eine wehmütige Erinnerung an eine längst vergangene, altvertraute Zeit. Mit der Entwicklung vom Menschen zum Engel, wenn ich so sagen darf, ist auch das Böse im Begriff, einen entsprechenden Schritt zu tun und seine verlockende, entsetzliche Melodie auf einer höheren – oder tieferen – Oktave zu spielen. So, wie die Engel ein Entwurf des Guten im Menschen sind, so sind die Schattenengel eine Projektion des Ungeheuerlichen in die Zukunft hinein. Dass beide Entwicklungen zusammengehören und sich bedingen, um ein Ganzes zu geben, braucht uns hier nicht zu interessieren, Sancho. Der Kämpfer ergreift Partei. Und zwar ohne Vorbehalte.»
Der Sheriff schwieg und trank. Sancho trank und schwieg. Die Schwester Don Quichottes murmelte: «Hirngespinste!» und nahm ebenfalls einen Schluck.
«Und so, wie das Engelhafte der Zukunft kraft seiner Potenz schon jetzt im Gegenwärtigen und gar im Vergangenen wirkt, Sancho, schwappt auch die Ungeheuerlichkeit des Bösen zurück ins Gegenwärtige. Das ist die Krankheit, von der ich dir sprach!»
Die Schwester sagte: «Dass es Gut und Böse gibt, ist ein Gesetz des Lebens. Sogar der tödliche Kampf ist ein Spiel. Nur Idioten machen eine Idee zur Tyrannin ihres Lebens. Eine Idee ist wirklich eine gute Geliebte für einen Mann: so treu, dass sie ihm schliesslich die Luft zum Atmen nimmt!» Die Schwester lachte trocken.
«Es gibt hier», fuhr der Sheriff fort, ohne sich in seinem Gedankengang stören zu lassen, «ganz in der Nähe und mitten in der Wüste das, was ich das Bermudadreieck der Zukunft nenne: Eine chemische Fabrik, in der hinter Stacheldraht, Elektrozaun und scharf bewacht von Männern mit Maschinenpistolen und Schäferhunden, die Alchemie unserer Zeit vorangetrieben wird. Es gibt eine Energiefabrik, in welcher der Funken aus dem Stein geschlagen wird und der Mensch sich die Gewalt der Materie untertan macht. Und es gibt eine Weltraumbasis, von welcher aus die Menschen – vorerst noch langsam wie die Mücken _ in die unendlichen Tiefen des Alls vordringen.
Hier, in diesem Bermudadreieck der Zukunft, zeigt das, was wir den Fortschritt der Wissenschaft nennen, sein Janushaupt ganz deutlich. Der so genannte Fortschritt könnte uns vielleicht helfen, mit der stets wachsenden Zahl von Menschen auf der Erde fertig zu werden, sie zu ernähren und zu erhalten – er kann uns zum Beispiel helfen, neue Heimstätten im Weltraum zu finden, er uns sogar zu so etwas wie einer gewissen Weisheit und einem begrenzten Verständnis führen – er kann aber auch bewirken, dass die Menschheit endgültig zu einer Monstrosität wird, zu einer Krankheit, zu einem Fieberwahn, den die Erde, will sie gesunden, erst einmal ausschwitzen muss.
Die Brutalität und Grausamkeit, die Menschen an Menschen verüben können und wollen und verüben in den grossen Krieger der Völker und den kleinen Kriegen des alltäglichen Zusammenlebens, diese äusseren Zeichen des Bösen sind ein vergleichsweise harmloser Widerschein der wahren zerstörerischen Kraft.»
«Das Böse», sagte die Schwester des Sheriffs darauf nur trocken, «ist keine selbstständige Kraft. Es ist ein Teil der Kraft, die sich selbst in einer bestimmten Art und Weise interpretiert. Es gibt, wie auch die Physik es sagt, nur diese eine Kraft, allerdings in sehr verschiedenen Manifestationen. Gott, mein lieber Bruder, ist blind.»
Sancho ging die Theoretisiererei der beiden allmählich auf die Nerven. Er wollte wieder einmal etwas Konkretes hören. Die Anwesenheit der Schattenengel, erfuhr er auf sein Drängen, sei im «Bermuda-Dreieck» besonders stark zu bemerken; man spüre sie wie einen kalten Hauch, der ganz und gar durch einen hindurchgehe, so, als wäre man bloss ein Knochengerüst ohne Fleisch und Haut. Ausserdem werde das Denken bei der Berührung mit den Schattenengeln wie zu einem Stück Materie: Man denke plötzlich in kleinen Lehmklümpchen, die absonderliche Figuren ganz ohne Sinn ergeben würden, und dies reize einen zu einem ganz und gar nicht lustigen Lachen, es sei, als würde man an einer besonders unanständigen Stelle besonders hinterhältig gekitzelt. Auch habe man, mitten in der Wüste unter einem unnatürlich grossen Mond stehend und mit dieser erdrückenden Unzahl von Sternen über dem Kopf und der absurden Silhouette der Weltraumbasis im Gegenlicht der Scheinwerfer vor Augen, immer das Gefühl, als ob dicht hinter einem jemand stehe. Es sei dies ein sehr körperliches Gefühl. Es mache einen gelinde gesagt nervös. Er, der Sheriff, neige überhaupt zur Nervosität in letzter Zeit. Deshalb habe er auch Sancho als seinen Assistenten engagiert, denn der, mit seiner Statur und seiner Bodenständigkeit, mache den Eindruck eines nicht so leicht zu erschütternden Menschen.
Sancho wollte diese Komplimente (oder wie auch immer die Einschätzung des Sheriffs gemeint war) schleunigst abwehren und berichtigen, aber Don Quichotte war bereits nicht mehr zu bremsen. «Noch diese Nacht», rief er mit dem Feuer der bei ihm wieder neu erwachten Begeisterung aus, «wollen wir der Gefahr vereint ins Auge sehen.» Dabei hatte er, wie Sancho fand, vom Whiskey bereits den gewissen sehnsüchtigen glasigen Blick. Auch gefiel ihm der Gedanke gar nicht, heute noch einmal raus zu müssen mit seinem Herrn in die finstere Nacht, wo es doch hier so gemütlich war gerade.
Sonntag, 29. November 2009
Traurige Jäger (18)
Die Bar war angenehm schattig, aber die Luft wurde durch den Ventilator, der sich müde an der Decke drehte, im Grunde genommen überhaupt nicht gekühlt. Trotzdem herrschte in dem Raum ein tiefer Frieden. Der dunkle Mann hinter der Theke – ein Neger, dachte Sancho, oder ein Indianer – bewegte sich in keiner Weise und schien mit halb geschlossenen Augen tief und fest zu schlafen. Ein einziger Gast befand sich in der Bar, ein grosser hagerer Mann von ausgesprochen leptosomer Gestalt, mit breitem Texanerhut auf dem langezogenen Schädel. Der Hund war ganz brav und getraute sich nicht einmal zu winseln, geschweige denn nahm er sich die Freiheit heraus zu bellen. Sancho wagte fast wie in der Kirche kaum zu atmen.
Also hörte man nur das Summen der Mücken oder Fliegen unter dem Ventilator. Sancho zuckte hilflos mit den Achseln. Dann gab er sich einen Ruck, stellte sich neben den Hageren an die Bar und sagte mit fester, wenn auch etwas heiserer Stimme: «Una cerveza, por favor.» Unendlich langsam hoben sich die Augendeckel des Negers oder Indianers. Minuten später stand ein grosses kühles schäumendes Bier vor Sanchos Nase. Der Hund wedelte heftig mit dem Schwanz, während Sancho in langen Schlucken trank, bewegte die Ohren hin und her und schnüffelte mit der Nase an Sanchos Hosenbeinen.
Der Hagere wandte sich an Sancho und sagte mit einer Stimme, die wie eingerostete Eisenketten klang: «Ich bin der Sheriff in dieser gottverdammten Gegend. Sie befinden sich hier unter Geiern, mein Herr.» – «Sie sprechen Spanisch, Señor! Sie sprechen Spanisch, wenn auch mit einem gewissen Akzent: Gott hat Sie mir geschickt und alle Heiligen des Himmels. Lassen Sie mich Ihre Hände küssen!» Der Hagere liess das nicht zu, konnte aber nicht verhindern, dass ihm der Hund die Hosenbeine leckte. Sancho aber sprudelte los und erzählte seine Geschichte mit umso grösserer Vertrauensseligkeit, als er in den Zügen des Sheriffs eine nicht geringe Ähnlichkeit mit denen des Botschafters von Toboso entdecken konnte:
«Sie gleichen, verehrter Sheriff, Boss, Sir, in nicht unerheblichem Masse Don Quichotte, dem Botschafter von Toboso, der gekommen ist, die bösen Cerberaner zu bekämpfen.» – «Toboso?» sinnierte der Sheriff, «sagt mir nichts. Und Sie kommen tatsächlich aus Spanien mit Ihrem Hund?» – «Ich? Aus Spanien, ja. Mein Hund eher nicht. Oder vielmehr: Ich bin auch nicht mehr so sicher, woher wir eigentlich kommen. Es ist alles so verwirrend. Ursprünglich aus Eljas, Spanien, einem Dorf in der spanischen Estremadura, nahe Salamanca, nicht unweit der protugiesischen Grenze gelegen.» – «España!» seufzte der Hagere, «ein schönes, herbes Land.» Dann verfiel er wieder in sein dumpfes Schweigen.
Sancho trank sein Bier leer. Der Hund begann nun doch, von der Sehnsucht nach einer Wurst überwältigt, zu winseln. Der Sheriff klopfte mit seiner knochigen Hand auf die Theke. Die Augenlider des dunklen Mannes rutschten nach oben.
«Ein Bier für den Mann und eine Wurst für den Hund und einen Burbon für mich», bestellte der Sheriff. «Und etwas Hafer für mein treues Pferd.» Dann wurde getrunken und lange geschwiegen.
Schliesslich stellte der Hagere Sancho die folgende Frage: «Willst du mein Hilfssheriff werden?» – «Exakt genau das oder auch etwas Anderes», antwortete Sancho rasch. «Ich habe nämlich keinen müden Cent, keinen Sou und auch keine Pesete in der Tasche.» – «Dann lass dir diesen Stern an die Brust heften, mein Junge. Die Sterne sind ein Symbol für die Freiheit, aber auch für vollkommene Gesetzmässigkeit. Es ist dieselbe Gesetzmässigkeit, die die Sterne in unserem Innern regiert.» – «Das kann ich nicht entscheiden, Señor Sheriff, denn ich bin kein Mann von grosser Bildung. Aber da sie meinem Freund Don Quichotte vom Planeten Toboso so in allen Teilen gleichen wie ein Ei dem anderen, will ich Ihnen vertrauen. Sagen Sie mir nur, was ich zu tun und zu lassen habe, Boss, und ich werde mich sogleich anschicken, Ihnen zu gehorchen, Meister.» – «Zuallererst brauchst du, Hilfssheriff, ein Pferd; oder zumindest so etwas wie ein Pferd. Denn ich habe nur noch einen Esel im Stall. Natürlich hat man mir auch einen Dienstwagen mit Martinshorn zur Verfügung gestellt: doch der ist alt und rostig. Zudem ist Hafer billiger als Benzin und die Spesenordnung der hiesigen Behörden ist nicht gerade grosszügig ausgestaltet. Der Ort, den wir von Räubern, Banditen, Mördern und ähnlichem Gesindel sauber halten sollen, ist klein. Da gibt es bloss einen verlassenen Drugstore, eine leere Presbyterianerkirche und ein paar vergammelte Farmen. Die Gegend ist unwirtlicch, die Winde sind giftig, das Klima ist ungeniessbar. Kurz, dies hier ist ein Vorort zur Hölle. Bei uns in ‹Last Waterhole› lassen sich nicht einmal die Verbrecher gerne nieder.»
Don Quichotte schwieg gedankenverloren. Sancho dachte bei sich, dass das, was der gute Sheriff da ausgeführt hatte, einerseits schlecht, andererseits aber auch wieder gut war. Klar, dies hier war ein elendes Kaff. Klar, aber dafür gab es auch nicht so viel zu tun. «Den Kampf, den wir führen», fuhr der Sheriff da unvermittelt fort, «ist kein Kampf, in dem wir schnelle Autos und gefährliche Knarren brauchen. Schnelle Autos und feuerspeiende Waffen nützen uns in diesem Kampf gar nichts. Vergiss also schleunigst alle Kriminal- und Westernfilme, die du in deinem Leben gesehen hast, Sancho.» – «Ich bin weiss Gott schon lange nicht mehr dazu gekommen, mir einen gemütlichen Fernsehabend mit einem Krimi oder Western zu machen», seufzte Sancho mit tief empfundener Wehmut. Er musste sich auch eingestehen, dass der Sheriff wenig von einem John Wayne an sich hatte, eher im Gegenteil. «Wogegen oder wofür, Boss, kämpfen wir denn nun?» fragte er seinen neuen alten Vorgesetzten. «Wir kämpfen gegen etwas Unsichtbares», antworte Don Quichotte ernst. «Man kämpft immer gegen Unsichtbares. Das ist banal, ich weiss. Gegen einen Schatten. Gegen die Krankheit. Gegen eine Art Krankheit. Aber das brauchst du nicht zu verstehen. Folge mir einfach!» – «Ein Sheriff ist, wenn ich mich nicht täusche, so etwas wie eine Art Ritter. Ob Sie daneben auch noch so etwas wie ein Arzt sind, Boss, wage ich nicht zu entscheiden. Ich für meinen Teil kenn mich im Medizinischen nicht so aus. Schnupfen und überhaupt Erkältungen pflege ich mit einem kräftigen Schluck Brandy zu kurieren, ebenso nervöse Bauchschmerzen, die ich aber selten habe, und das dumpfe Völlegefühl, das sich nach einem ausgedehnten Mal einzustellen pflegt (das kommt bei mir schon häufiger vor). Man lebt zwar nur einmal, wie es heisst, muss aber im Leben für alles bezahlen, wie man mit den Jahren merkt. Unter Kopfschmerzen und Wetterfühligkeit leide ich glücklicherweise selten bis nie. Seit ein paar Jahren fühle ich allerdings manchmal ein Reissen in den Knochen. Das muss das Alter sein.» – «Das Alter oder nicht, Sancho, ich bin kein Arzt und rede auch nicht von Kopfweh oder Gliederreissen. Ich rede nicht von verschiedenen Krankheiten, sondern von der Krankheit schlechthin. Ich rede von der Wurzel des Übels, gegen die kein Kraut gewachsen ist und gegen die alle Ärzte der Welt nichts ausrichten können. Die Ärzte», Don Quichotte schnaubte verächtlich, «kleben Pflästerchen auf. – Die Krankheit, Sancho, ist ein intelligentes Wesen. Die Krankheit ist eine raffinierte Organisation. Verstehst du?»
Sancho verstand nicht im geringsten, was der Sheriff meinte, und er gab sich auch keine grosse Mühe, es zu verstehn, schliesslich ging es ihm nicht darum, seine Bildung zu vervollständigen, sondern einen Job zu bekommen und so sein Geld für Brot und Wein, Bett und Weib mit mehr oder weniger Mühe zu verdienen. Da es gegen einen unsichtbaren Feind ging, bestand die Aussicht, dass das Geld mit eher weniger Mühe verdient werden konnte. Andererseits wusste er aus Erfahrung, dass Menschen wie Don Quichotte oder der Sheriff hier als notorische Kämpfer gegen Windmühlen prinzipiell immer in Schwierigkeiten gerieten. Wenn auch meist in solche, die völlig unvorhersehbar waren. Das machte diese Schwierigkeiten aber jeweils auch nicht angenehmer. Undf auf ihn, Sancho, traf dann jeweils das Sprichwort zu: mitgefangen mitgehangen. Aber seis drum. Jetzt war er ha sowieso wieder in eine Kette von Unwägbarkeiten verstrickt. Und immerhin hatte ihn der Sheriff, der so verblüffend Don Quichotte ähnelte, ohne Weiteres auf die freundlichste Art zu einem Glas eingeladen. Also würde er dem Sheriff gegen unsichtbare Feinde in Gestalt oder in Gestaltlosigkeit von was auch immer kämpfen.
Also hörte man nur das Summen der Mücken oder Fliegen unter dem Ventilator. Sancho zuckte hilflos mit den Achseln. Dann gab er sich einen Ruck, stellte sich neben den Hageren an die Bar und sagte mit fester, wenn auch etwas heiserer Stimme: «Una cerveza, por favor.» Unendlich langsam hoben sich die Augendeckel des Negers oder Indianers. Minuten später stand ein grosses kühles schäumendes Bier vor Sanchos Nase. Der Hund wedelte heftig mit dem Schwanz, während Sancho in langen Schlucken trank, bewegte die Ohren hin und her und schnüffelte mit der Nase an Sanchos Hosenbeinen.
Der Hagere wandte sich an Sancho und sagte mit einer Stimme, die wie eingerostete Eisenketten klang: «Ich bin der Sheriff in dieser gottverdammten Gegend. Sie befinden sich hier unter Geiern, mein Herr.» – «Sie sprechen Spanisch, Señor! Sie sprechen Spanisch, wenn auch mit einem gewissen Akzent: Gott hat Sie mir geschickt und alle Heiligen des Himmels. Lassen Sie mich Ihre Hände küssen!» Der Hagere liess das nicht zu, konnte aber nicht verhindern, dass ihm der Hund die Hosenbeine leckte. Sancho aber sprudelte los und erzählte seine Geschichte mit umso grösserer Vertrauensseligkeit, als er in den Zügen des Sheriffs eine nicht geringe Ähnlichkeit mit denen des Botschafters von Toboso entdecken konnte:
«Sie gleichen, verehrter Sheriff, Boss, Sir, in nicht unerheblichem Masse Don Quichotte, dem Botschafter von Toboso, der gekommen ist, die bösen Cerberaner zu bekämpfen.» – «Toboso?» sinnierte der Sheriff, «sagt mir nichts. Und Sie kommen tatsächlich aus Spanien mit Ihrem Hund?» – «Ich? Aus Spanien, ja. Mein Hund eher nicht. Oder vielmehr: Ich bin auch nicht mehr so sicher, woher wir eigentlich kommen. Es ist alles so verwirrend. Ursprünglich aus Eljas, Spanien, einem Dorf in der spanischen Estremadura, nahe Salamanca, nicht unweit der protugiesischen Grenze gelegen.» – «España!» seufzte der Hagere, «ein schönes, herbes Land.» Dann verfiel er wieder in sein dumpfes Schweigen.
Sancho trank sein Bier leer. Der Hund begann nun doch, von der Sehnsucht nach einer Wurst überwältigt, zu winseln. Der Sheriff klopfte mit seiner knochigen Hand auf die Theke. Die Augenlider des dunklen Mannes rutschten nach oben.
«Ein Bier für den Mann und eine Wurst für den Hund und einen Burbon für mich», bestellte der Sheriff. «Und etwas Hafer für mein treues Pferd.» Dann wurde getrunken und lange geschwiegen.
Schliesslich stellte der Hagere Sancho die folgende Frage: «Willst du mein Hilfssheriff werden?» – «Exakt genau das oder auch etwas Anderes», antwortete Sancho rasch. «Ich habe nämlich keinen müden Cent, keinen Sou und auch keine Pesete in der Tasche.» – «Dann lass dir diesen Stern an die Brust heften, mein Junge. Die Sterne sind ein Symbol für die Freiheit, aber auch für vollkommene Gesetzmässigkeit. Es ist dieselbe Gesetzmässigkeit, die die Sterne in unserem Innern regiert.» – «Das kann ich nicht entscheiden, Señor Sheriff, denn ich bin kein Mann von grosser Bildung. Aber da sie meinem Freund Don Quichotte vom Planeten Toboso so in allen Teilen gleichen wie ein Ei dem anderen, will ich Ihnen vertrauen. Sagen Sie mir nur, was ich zu tun und zu lassen habe, Boss, und ich werde mich sogleich anschicken, Ihnen zu gehorchen, Meister.» – «Zuallererst brauchst du, Hilfssheriff, ein Pferd; oder zumindest so etwas wie ein Pferd. Denn ich habe nur noch einen Esel im Stall. Natürlich hat man mir auch einen Dienstwagen mit Martinshorn zur Verfügung gestellt: doch der ist alt und rostig. Zudem ist Hafer billiger als Benzin und die Spesenordnung der hiesigen Behörden ist nicht gerade grosszügig ausgestaltet. Der Ort, den wir von Räubern, Banditen, Mördern und ähnlichem Gesindel sauber halten sollen, ist klein. Da gibt es bloss einen verlassenen Drugstore, eine leere Presbyterianerkirche und ein paar vergammelte Farmen. Die Gegend ist unwirtlicch, die Winde sind giftig, das Klima ist ungeniessbar. Kurz, dies hier ist ein Vorort zur Hölle. Bei uns in ‹Last Waterhole› lassen sich nicht einmal die Verbrecher gerne nieder.»
Don Quichotte schwieg gedankenverloren. Sancho dachte bei sich, dass das, was der gute Sheriff da ausgeführt hatte, einerseits schlecht, andererseits aber auch wieder gut war. Klar, dies hier war ein elendes Kaff. Klar, aber dafür gab es auch nicht so viel zu tun. «Den Kampf, den wir führen», fuhr der Sheriff da unvermittelt fort, «ist kein Kampf, in dem wir schnelle Autos und gefährliche Knarren brauchen. Schnelle Autos und feuerspeiende Waffen nützen uns in diesem Kampf gar nichts. Vergiss also schleunigst alle Kriminal- und Westernfilme, die du in deinem Leben gesehen hast, Sancho.» – «Ich bin weiss Gott schon lange nicht mehr dazu gekommen, mir einen gemütlichen Fernsehabend mit einem Krimi oder Western zu machen», seufzte Sancho mit tief empfundener Wehmut. Er musste sich auch eingestehen, dass der Sheriff wenig von einem John Wayne an sich hatte, eher im Gegenteil. «Wogegen oder wofür, Boss, kämpfen wir denn nun?» fragte er seinen neuen alten Vorgesetzten. «Wir kämpfen gegen etwas Unsichtbares», antworte Don Quichotte ernst. «Man kämpft immer gegen Unsichtbares. Das ist banal, ich weiss. Gegen einen Schatten. Gegen die Krankheit. Gegen eine Art Krankheit. Aber das brauchst du nicht zu verstehen. Folge mir einfach!» – «Ein Sheriff ist, wenn ich mich nicht täusche, so etwas wie eine Art Ritter. Ob Sie daneben auch noch so etwas wie ein Arzt sind, Boss, wage ich nicht zu entscheiden. Ich für meinen Teil kenn mich im Medizinischen nicht so aus. Schnupfen und überhaupt Erkältungen pflege ich mit einem kräftigen Schluck Brandy zu kurieren, ebenso nervöse Bauchschmerzen, die ich aber selten habe, und das dumpfe Völlegefühl, das sich nach einem ausgedehnten Mal einzustellen pflegt (das kommt bei mir schon häufiger vor). Man lebt zwar nur einmal, wie es heisst, muss aber im Leben für alles bezahlen, wie man mit den Jahren merkt. Unter Kopfschmerzen und Wetterfühligkeit leide ich glücklicherweise selten bis nie. Seit ein paar Jahren fühle ich allerdings manchmal ein Reissen in den Knochen. Das muss das Alter sein.» – «Das Alter oder nicht, Sancho, ich bin kein Arzt und rede auch nicht von Kopfweh oder Gliederreissen. Ich rede nicht von verschiedenen Krankheiten, sondern von der Krankheit schlechthin. Ich rede von der Wurzel des Übels, gegen die kein Kraut gewachsen ist und gegen die alle Ärzte der Welt nichts ausrichten können. Die Ärzte», Don Quichotte schnaubte verächtlich, «kleben Pflästerchen auf. – Die Krankheit, Sancho, ist ein intelligentes Wesen. Die Krankheit ist eine raffinierte Organisation. Verstehst du?»
Sancho verstand nicht im geringsten, was der Sheriff meinte, und er gab sich auch keine grosse Mühe, es zu verstehn, schliesslich ging es ihm nicht darum, seine Bildung zu vervollständigen, sondern einen Job zu bekommen und so sein Geld für Brot und Wein, Bett und Weib mit mehr oder weniger Mühe zu verdienen. Da es gegen einen unsichtbaren Feind ging, bestand die Aussicht, dass das Geld mit eher weniger Mühe verdient werden konnte. Andererseits wusste er aus Erfahrung, dass Menschen wie Don Quichotte oder der Sheriff hier als notorische Kämpfer gegen Windmühlen prinzipiell immer in Schwierigkeiten gerieten. Wenn auch meist in solche, die völlig unvorhersehbar waren. Das machte diese Schwierigkeiten aber jeweils auch nicht angenehmer. Undf auf ihn, Sancho, traf dann jeweils das Sprichwort zu: mitgefangen mitgehangen. Aber seis drum. Jetzt war er ha sowieso wieder in eine Kette von Unwägbarkeiten verstrickt. Und immerhin hatte ihn der Sheriff, der so verblüffend Don Quichotte ähnelte, ohne Weiteres auf die freundlichste Art zu einem Glas eingeladen. Also würde er dem Sheriff gegen unsichtbare Feinde in Gestalt oder in Gestaltlosigkeit von was auch immer kämpfen.
Samstag, 21. November 2009
Das Eigene und das Fremde
Manchmal, in einem unbedachten Moment, dachte Kafka, wird man sich selbst zum Anderen, zum Fremden. Das Ich sieht sich gleichsam im Spiegel und erkennt sich nicht. Je älter Kafka wird, desto weniger gelingt es ihm, sich heimisch zu fühlen in seiner Identität, die er als seine Person definiert. Kafka empfindet sich als Reisender oder vielmehr als unstetes Bewusstsein, das unterwegs ist, aber nicht auf ein bestimmtes Ziel zu, sondern gewissermassen frei schweifend. Wobei diese Freiheit keine ist - das Bewusstsein ist in den Körper geknechtet, und der Körper ist in die Vergänglichkeit gekenchtet, und Vergänglichkeit führt auf direktem Weg zur Auflösung, zur Negierung, ins Nichts. Die einzige Freiheit, die Kafka dabei sehen kann, ist die Freiheit des Buddhisten, der sich in alles schickt, der das Nichts akzeptiert, der es gar freudig als Nirwana begrüsst. Diese Freiheit ist die wunderbare Freiheit, den innersten Kern alles Seienden als Ilusion zu begreifen und das Leben als einzigartige Inszenierung der Leidenschaften und des Leidens. Die Welt ist eine Falle, denkt Kafka, die uns mit Irrlichtern der Schönheit lockt. Was wir suchen, sind Betäubung und Visionen. Was wir besitzen, ist der Käfig der Gefangenschaft. Uns lockt nicht, was wir ersehnen; wir lieben nicht, was uns die metaphorische Last des Lebens von den Schultern nimmt. Wir wollen genauso wenig sterben, denkt Kafka, wie wir geboren werden wollten. Die Fähigkeit, getröstet zu werden, ist uns mit dem Kinderglauben abhanden gekommen. "Ich beneide alle Leute darum, nicht ich zu sein." (Fernando Pessoa, "Buch der Unruhe").
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