Dienstag, 1. April 2008

nachtgetier




die liebe ist ein tier der nacht
in dessen feuchtes haar
ich mich verkralle
verzweifelt fast und
glücklich

Freitag, 28. März 2008

Das angenehme Schweinchen



Das kalte Neonlicht fiel von oben auf seine an die Wand gelehnte Gestalt. Sein Morgengesicht erschien dadurch noch blasser. Er stand ganz ruhig, was einen eigenartigen Gegensatz zum Hin und Her all der andern Leute bildete: Rush hour. Auch ich befand mich im Strom, der, von seiner Perspektive aus, an ihm vorbeizog. Deshalb bekam ich von seinem Gesicht auch nur einen ganz kurzen, beinahe fotografischen Eindruck. Ich weiss nicht, warum mir dabei einfiel: er hat ein Schweinchengesicht, das Gesicht eines angenehmen Schweinchens. Ich führte diesen Gedanken, der jetzt eine fast ebenso flüchtige Erinnerung ist, nicht weiter, es war eigentlich auch eher ein Gefühl als ein Gedanke, ein Hauch oder ein Geruch, ja, vielleicht am ehesten: ein Anflug von Stallgeruch, mit allem, was damit verbunden ist. Dankbarkeit der Augen für ein bisschen Nestwärme, um acht Uhr früh, auf der Treppe, die in den Untergrund des Bahnhofs führt.

Donnerstag, 27. März 2008

Ohne jeden Zusammenhang,



ohne jede Vorgeschichte und Perspektive treibt der Traum auf dem Meer der Wahrscheinlichkeiten dahin wie ein Stück Holz, das vielleicht einmal zu einem Kahn gehört hat, einem Fischerboot oder einem alten Küstendampfer, bevor der Sturm gekommen und an Bord die Panik ausgebrochen ist, die Angst, und dann das Vergessen begonnen hat.

Die sensible Tomate



Es war einmal eine Tomate, die war sehr sensibel und schüchtern, sodass sie sicher errötet wäre, wenn ihr jemand ein Kompliment gemacht hätte und wenn sie überhaupt noch hätte röter werden können als sie es schon war. Es war nämlich eine schöne, saftige, sonnengereifte Tomate. Natürlich gab es genügend brutale Menschen, die nur zu gerne in sie hineingebissen hätten. Aber die Tomate, die zwar sensibel war, jedoch nicht im mindesten masochistisch veranlagt, hatte einen gesunden Überlebenstrieb. So rollte sie, nach einer glücklich verlebten Jugend an der Mutterpflanze auf dem Gemüsestand eines italienischen Bauern gelandet, tollkühn einfach davon. Sie rollte mit dem unverschämten Glück der Naiven quer durch den Moloch der Stadt Florenz, in deren Kinos perfiderweise soeben der neueste Hollywoodstreifen mit dem Titel “Angriff der Killertomaten” gezeigt wurde, rollte also davon, ohne von Autos zerquetscht, von Füssen zertrampelt, von Polizisten eingefangen und gescheibelt als Beilage zu einem Frühstückssandwich exekutiert zu werden. Sie rollte davon und raus aus der Stadt in die friedlichen Felder der Toscana hinein.

Es war ein überaus sonniger, heisser Tag. Unsere sensible Tomate wurde müde und wollte ein kleines Schläfchen machen.

Man ahnt schon, wie die Geschichte endet. Matschig und faulig werdend, überlebt die Tomate die Siesta im trockenen Staub wohl kaum.

Was beweist, dass das Leben der Tomaten so oder so kurz und tragisch ist.

Dienstag, 25. März 2008

Keep Talking (we're going nowhere)

For millions of years mankind lived just like animals
Then something happened which unleashed the power of our imagination
We learned to talk

There's a silence surroundiing me
I can't seem to think straight
I'll sit in the corner
No one can bother me
I think I should speak now (why won't you talk to me)
I can't seem to speak now (you never talk to me)
My words won't come out right (what are you thinking)
I feel like I'm drowning (What are you feeling)
I'm feeling weak now (why won't you talk to me)
But I can't show my weakness (you never talk to me)
I sometimes wonder (what are you thinking)
Where do we go from here (what are you feeling)

It doesn't have to be like this
All we need to do is make sure we keep talking

Why won't you talk to me (I feel like I'm drowning)
You never talk to me (you know I can't breathe now)
What are you thinking (we're going nowhere)
What are you feeling (we're going nowhere)
Why won't you talk to me
You never talk to me
What are you thinking
Where do we go from here

It doesn't have to be like this
All we need to do is make sure we keep talking

Pink Floyd, Keep Talking

Samstag, 22. März 2008

Nachtgedanken



Erlauben Sie mir ein paar Gedanken zur Liebe. Obwohl ich diesem vielseitigen, schillernden Phänomen, je älter ich werde und je mehr Facetten dieses Phänomens ich begegnet bin, immer sprachloser gegenüberstehe. Ich werde auch immer wieder von Aspekten der Liebe überrascht, die ich noch nicht kannte und nicht für möglich hielt. Die Liebe ist wie ein Aal, man will sie mit Worten packen, doch sie entwindet sich. Die Liebe wurde schon mit so vielen Begriffen umschrieben, man versuchte sie zu katalogisieren, indem man Agape von Eros und geschlechtliche Liebe zum Beispiel von Freundesliebe oder Mutterliebe oder gar Vaterlandsliebe unterschied, aber das alles trifft meines Erachtens den Kern der Sache nicht. Was könnte der Kern der Sache denn sein? Vielleicht die Bedingungslosigkeit. Ja, wahre Liebe ist immer bedingungslos, sie lässt sich nicht erkaufen, sie lässt sich nicht erzwingen, sie lässt sich nicht erbetteln und sie lässt sich nicht verdienen. Liebe ist immer ein Geschenk, sie ist der Kontrapunkt zum Warencharakter, der menschlichen Beziehungen normalerweise anhaftet, sei es nun im Geschäftsleben oder auch in einer Ehe (wobei das ja nicht zwingend heissen muss, dass Liebe in der Ehe nicht vorkommen und sich nicht sogar im Geschäftsleben ereignen kann), aber Liebe ist eben gerade nicht das "do, ut des", ich gebe, damit du mir gibst. Liebe ist das Grosszügigste, was es gibt auf dieser Welt, ohne Liebe wäre diese Erde wahrlich ein trüber, trostloser und einsamer Ort. Obwohl es Gott nicht gibt, behaupte ich doch, dass die Liebe das grösste Geschenk Gottes an den Menschen ist, sie ist das Fünklein, das in unseren Seelen entzündet wurde. In der Liebe ist Geben seliger denn Nehmen, oder vielmehr: nur, wer liebt, kann auch die Erfahrung des Geliebtwerdens machen, hier wird auf einer Frequenz gesendet und empfangen.
Ach, vergessen Sie es. Das Phänomen der Liebe entwindet sich auch meinen Worten wie ein Aal.

Freitag, 21. März 2008

Der einsame Buchstabe



Es war einmal ein einsamer Buchstabe, der in den Zeiten von Napoleons Russlandfeldzug in den kargen Weiten sibirischer Steppen einfach vergessen wurde und seither in der unzivilisierten Natur des Nordens herumirrt. Es war ein französischer Buchstabe, wohlgesprochen, ein Buchstabe, der in den Wörtern der feinsten Pariser Salons verkehrt hatte, und das schon vor der Revolution. Er war durch die süsse Kehle der Marie Antoinette gegangen, in einem Rokokoschlösschen. Molière hatte ihn auf die Bühne gebracht, der Papst ihn urbi et orbi unter die christliche Menschheit verbreitet. Und jetzt? So allein, so allein! Seit Jahrzehnten, Jahrhunderten allein. Nur einmal hatte er sich in den Mund eines besoffenen russischen Bauern verirrt, der ihn aber alsogleich mit einem wüsten Fluch wieder in die Verbannung hinausbefördert hatte.

Was beweist, dass manchen einsamen Buchstaben nichts weiter fehlt als ein gutes Wort.