Oesch wacht eines Morgens auf – es ist ein Tag wie jeder andere. Könnte man meinen. Er setzt Wasser für den Capuccino auf, geht ins Bad, duscht, rasiert sich, steckt Toastscheiben in den Toaster, stellt den Käse und den Aufschnitt auf den Tisch, setzt sich mit einem Buch an den Frühstückstisch, beginnt zu essen, zu lesen, zu trinken. Aluk, sein Partner, schläft noch, wie immer. Denkt Oesch. Dann fällt ihm aber doch etwas Ungewohntes auf, eine überraschende Ruhe. In der Wohnung ist es zwar immer relativ ruhig, die Fenster isolieren gut, aber so ruhig denn doch nicht, normalerweise hört man ein Flugzeug, das sich im Ab- oder Landeflug befindet, den vorbeifahrenden Zug, entfernten Baulärm. Oesch realisiert diese Ruhe, aber die Erkenntnis bleibt in seinem Unbewussten, unterhalb der Bewusstseingrenze, er ergänzt, weil er es so erwartet, die Wirklichkeit einfach mit seiner Fantasie zur Normalität. Ausserdem hat er es eilig, er muss ins Büro, davor noch scheissen, er weiss, wann der Bus fährt und wann der nächste, also packt er sein Buch, um auf der Toilette weiter zu lesen und sein Geschäft zu erledigen, dann putzt er sich noch rasch die Zähne, schlüpft in Schuhe und Mantel, greift sich Rucksack und Schirm und verlässt die Wohnung, wie immer nach mehrmaliger Kontrolle, ob der Kochherd ausgeschaltet ist. Inzwischen ist die Dunkelheit einem schmutzigen Dämmerungslicht gewichen, das wenig Freude macht. Es ist kurz nach acht Uhr, Dezember. Oesch eilt zur Bushaltestelle, auf dem Weg begegnet ihm niemand. Jetzt wird die Stille unüberhörbar. Nichts regt sich. Nirgends Menschen. Auch Tiere sind vorerst keine zu sehen, was nicht ungewöhnlich ist im Dezember. Allerdings hat es auch im Winter auf dem Streifen Wiese zwischen Bahngeleise und Wohnblock meistens ein oder zwei Kolkraben. Heute nicht. Das irritiert Oesch aber weniger als das Fehlen von Menschen und die Abwesenheit von jeglichem Verkehrslärm. Oesch überlegt kurz, ob er sich im Tag geirrt hat, oder im Datum, vielleicht ist heute ja Sonntag, oder Weihnachten. Ach Quatsch, so senil ist Oesch dann doch noch nicht, Sonntag war vorgestern, also ist heute Dienstag, und es ist erst der 11. Dezember, ein Blick auf die Datumsanzeige auf seinem Handy bestätigt es Oesch. Jetzt befindet er sich an der Bushaltestelle, wo sich nicht nur kein Bus befindet wie sonst üblich, weil die Busse zu dieser Tageszeit in kurzen Abständen fahren und es sich bei der Haltestelle von Oesch um die Endhaltestelle der Buslinie handelt, sondern auch sonst nichts, was sich bewegt, weder auf Beinen noch auf Rädern. Oesch ist ratlos, verblüfft erst, dann zunehmend irritiert. Nachdem er eine Viertelstunde gewartet hat, in der sich nicht das geringste ändert, macht er sich zögernd zu Fuss auf den Weg. Normalerweise wird an den Stationen per Lautstärker über Busausfälle oder Linienblockierungen informiert, aber nicht heute. Er geht Richtung Innenstadt, was ein langer Weg ist, da Oesch an der äussersten Peripherie der Stadt wohnt. Immer noch begegnet er keiner Menschenseele, überhaupt keinem Lebewesen, und folglich auch keinen Fahrzeugen. Oesch wird immer deutlicher bewusst, dass wirklich etwas nicht stimmt. Immer noch hofft er auf eine einigermassen einleuchtende Erklärung für den perversen Zustand, in dem sich seine Umwelt ganz offensichtlich befindet, auch wenn er sich eine solche Erklärung ganz und gar nicht vorstellen kann. Jetzt kommt er an einer der Zeitungsboxen vorbei, in denen üblicherweise die Gratiszeitungen liegen, und es liegt auch tatsächlich ein ganzer Stapel Gratiszeitungen in der Box, was ebenfalls unüblich ist um diese Zeit. Er greift sich eine Zeitung, sie kommt ihm bekannt vor, und er sieht auch gleich wieso, es ist nämlich ein Exemplar von gestern, also von Montag, also vom 10. Dezember. Richtig. Er sieht sich bestätigt: 20 Minuten, Exemplar vom Montag, dem 10. Dezember.
Plötzlich scheint es ihm ganz sinnlos, länger der menschenleeren Strasse zu Fuss Richtung Innenstadt zu folgen. Sinnlos und falsch. Plötzlich ergreift ihn siedendheiss die Panik. Er muss sich um seinen Freund und Lebenspartner, um seinen Schützling kümmern, er muss zu Aluk zurück, ihn wecken und gemeinsam mit ihm überlegen, was jetzt zu tun ist, vielleicht findet sich auch eine Erklärung in den Medien, im Fernsehen, im Radio, im Internet, ja, im Internet wird sich eine Erklärung finden, denn im Internet findet man alles. Oesch ändert seine Marschrichtung um 180 Grad; er hastet jetzt, rennt fast, er will möglichst rasch nach Hause zurück. Aus Angst zieht sich sein Unterleib zusammen; er muss unbedingt noch einmal scheissen. Aber in der Wohnung eilt er zuerst nicht auf die Toilette, sondern zum Zimmer von Aluk. Im Zimmer von Aluk ist es Dunkel, die Rollläden sind heruntergelassen, er sieht auf dem Bett von Aluk nur ein schwarzes Bündel, er schwankt zwischen Panik und Hoffnung, Aluk, sagt er mit rauer Stimme, Darling, wach auf – da merkt er, dass das schwarze Bündel auf dem Bett lediglich die Bettdecke von Aluk ist, dass von Aluk selbst aber jede Spur fehlt.
Hektisch sucht Oesch die ganze Wohnung ab, es ist ja schon vorgekommen, dass Aluk sich versteckt hat, um Oesch bei dessen Heimkehr zu erschrecken oder zu foppen, aber es ist ihm eigentlich schon klar, dass Aluk sich ebenfalls wie alle anderen in Luft aufgelöst hat oder was sonst auch immer, jedenfalls für den Moment verschwunden und somit ein Teil des Rätsels geworden ist, zu welchem sich Oeschs Leben seit heute morgen beim Aufwachen gewandelt hat.
Einen kurzen Moment lang überlegt Oesch, dass er vielleicht noch immer träumt, nämlich wach geworden und dann in dieses Schlamassel geraten zu sein, aber er entscheidet sich relativ rasch dafür, dass das nicht möglich sei, denn er fühlt sich entschieden wach, so, wie er sich immer fühlt, wenn er wach ist. Anderseits erinnert er sich natürlich schon daran, manchmal darüber gegrübelt zu haben, ob er etwas jetzt tatsächlich erlebt oder nur geträumt hat. Aber diese Unsicherheiten dauerten immer nur einen Moment, und jetzt ist er seit mindestens einer Stunde in diesem Wachheitszustand. Nein, ein Traum kann das nicht sein. Er erinnert sich an seinen Vorsatz, die Realität mittels Medien abzuchecken. Er macht den Fernseher an. Normales Frühstücksfernsehen. Nachrichten, jetzt News genannt. Die News von Montag, dem 10. Dezember... Oesch erstarrt. 10. Dezember? Aber heute ist doch eindeutig der 11. Dezember, ein erneuter Blick auf die Datumsanzeige des Handys bestätigt den Befund, ausserdem ist ganz sicher nicht Montag, denn Montag war gestern, und was für einer, ein beschissener nämlich mit jeder Menge Ärger, also daran erinnert sich genau, er ist doch nicht blöd. Ich bin doch nicht blöd, sagt er laut und ahmt die Stimme aus der Fernsehwerbung nach. Aber warum bringen denn die jetzt noch einmal die News von gestern? Gottverdammte Scheisse!
Oesch fährt seinen Mac, einen alten Power Mac G5, hoch. Er schwitzt, und gleichzeitig ist ihm kalt. In seinen Gedärmen rumort es. Er startet den Firefox, öffnet die Seite von tagesanziger.ch. Montag, 10. Dezember 2010 steht da, letztes Update 09.30 Uhr. Ein Bombenanschlag in Stockholm, Deutschland wünscht sich die D-Mark zurück, Barack Obama... Höchsttemperaturen 2 Grad, das Wetter vom 11. Dezember, das könnte etwa stimmen, bewölkt ist es auch, in der zweiten Wochenhälfte wird es deutlich kälter, aber nichts von einer Kathastrophe, die eingetreten ist oder noch eintreffen wird, vom 10. Dezember aus gesehen. Auch der Blick tut so, als wäre immer noch der 10. Dezember, Islamist sprengt sich in die Luft, ein gewesener Parteipräsident bezeichnet die kommende Bundespräsidentin als «stutenbissige Musterschülerin», auf CNN ist es ebenfalls noch december 10 oder seit december 10 0748 GMT nichts mehr geupdated worden, dasselbe Bild bei NZZ Online, bei der Frankfurter Allgemeinen («Wir Deutschen sollen noch mehr zahlen», Mutti Merkel unter einem Plastikregenschirm), bei der Herald Tribune («China’s Army of Graduates sStruggles für Good Jobs»), bei der Sunday Times («The New Tower of London», «Commissioner indicated to Charles and Camilla that he was ready to resign for putting their lives at risk in the tuition fee riots»), bie «Le Monde», beim «Corriere della Sera», bei «El Pais», bei der «Times od India», beim «Sydney Morning Herald», bei «The Mail & Guardian», bei «Globo», bei «The Jakarta Post», beim «Tokyo Journal»...
Nein, das brachte nichts. Irgendwie war die Zeit aus den Fugen geraten, seine, Oeschs Zeit, und die seiner Umgebung. Irgendwie war er aus der Zeit katapuliert worden in die Zukunft, die einzig und allein für ihn, Oesch, nun die Gegenwart war, während sie offenbar für alle anderen die Zukunft blieb. Nur so, so wirr und vage, konnte sich Oesch seine gegenwärtige Lage erklären. Und für sich den ebenso vagen Wunsch formulieren, die vage Hoffnung, wieder in die «richtige» Zeit, die Zeit aller anderen, zurückzufinden. Aber wie?
Samstag, 18. Dezember 2010
Sonntag, 24. Oktober 2010
"...or I'll simply be a drop of rain/but I will remain..."
Willie Nelson, Johnny Cash, Kris Kristofferson: Highway Man
Der Schweigegott
"Ich setzte das Schweigen, zu dem ich meine Gedanken sandte, Gott gleich. Ich gewöhnte mich daran, dass er keine Antwort gab, und erwartete auch keine mehr. Der Schweigegott war jetzt nicht mehr die Leere, das Nichts - sondern eine Kraft. Ich lieferte mich ihr aus und vermeinte zu spüren, dass sie etwas auf mich übertrug, Ohne es zu wissen, machte ich religiöse Erfahrungen und überwand dadurch den Zustand der Bodenlosigkeit."
Gerhard Roth, Das Alphabet der Zeit
Gerhard Roth, Das Alphabet der Zeit
Dienstag, 12. Oktober 2010
Das gierige Hirn
Mein Hirn – nein, das kann man nicht so formulieren. Mein Hirn gehört mir nicht, es gehört höchstens sich selbst oder dem Bewusstsein, das es produziert. Wenn schon, müsste es vielleicht eher heissen: Ich, das Hirn. Aber auch diese Formulierung kann nicht recht überzeugen, schliesslich ist dieses „Ich“ ein jämmerliches Kerlchen, von dem man wenig weiss und nicht mal sicher, ob es überhaupt existiert. Also: Nicht mein Hirn, sondern: das Hirn. Das Hirn, es will und will. Es will beschäftigt, stimuliert werden. Es braucht Nahrung, es braucht Sinneseindrücke, es braucht Schlaf, es will Sex, es will vergessen, es will sich erinnern, es will immer mehr, dann will es gar nichts mehr, es ist überdrüssig, es ist überstimuliert, es ist überwach, es ist müde, es leidet an Hyperaktivität, es leidet an Überfluss, es leidet an Mangel, es leidet an sich selbst, es will leiden, es will Erkenntnis, es will Sinn, es will Erleuchtung, es will Drogen, es will bittere Bananen, es will kiffen und saufen, es will huren und fluchen, es will quälen und morden, es will aber auch bereuen und sich schuldig fühlen, es will Vergebung und Rache, es will alles und nichts, aber alles kann es nicht bekommen kann und nichts erst recht nicht.
Zivilisation ist die Trockenlegung der Feuchtgebiete des Gehirns, des Sumpfgebietes der Psyche, des Schlamms und des Moors der Psyche, dem wie Blasen der bewusste Gedanke entsteigt, das blubbert und köcherlt nur so vor sich hin in dieser Ursuppe, diesem riesigen Meer der Illusion und der Verschleierung der wahren Tatsachen, die das Hirn nicht erkennen kann, weil es sich im Grunde immer nur selber bespiegelt, um nicht zu sagen bespitzelt.
Das Hirn, denkt das Hirn, macht sich selber verrückt: es ist wie der Hund, der vergeblich seinen eigenen Schwanz jagt.
Zivilisation ist die Trockenlegung der Feuchtgebiete des Gehirns, des Sumpfgebietes der Psyche, des Schlamms und des Moors der Psyche, dem wie Blasen der bewusste Gedanke entsteigt, das blubbert und köcherlt nur so vor sich hin in dieser Ursuppe, diesem riesigen Meer der Illusion und der Verschleierung der wahren Tatsachen, die das Hirn nicht erkennen kann, weil es sich im Grunde immer nur selber bespiegelt, um nicht zu sagen bespitzelt.
Das Hirn, denkt das Hirn, macht sich selber verrückt: es ist wie der Hund, der vergeblich seinen eigenen Schwanz jagt.
Samstag, 11. September 2010
Eine Frage des Standpunkts
Letztlich ist alles eine Frage des Standpunkts. Wir sind eingeschlossen in die Schreckenskammer unserer Determiniertheit. Wir beurteilen alles von der Warte unserer Geprägtheit aus. Das ist gewiss eine banale Erkenntnis, aber eine Erkenntnis, die wahrlich keine Konsequenzen hat. Niemand zieht seine Schlüsse daraus - und schon gar nicht leitet jemand daraus konkrete Folgen für sein persönliches Lebens ab. Ich übrigens auch nicht.
Aber zumindest ahne ich, dass ich nicht recht habe, dass "Wahrheit" eine Illusion ist. Es gibt keine Wahrheit, nur subjektive Standpunkte.
Aber wie kann man so leben?
Leben kann man so schon, aber man kann nicht funktionieren. Es ist eine Lebenshaltung, die man sich allenfalls in dieser Radikalität kurz vor dem Ableben leisten kann.
Ein Erfolgsrezept kann man als leidlich gesunder Mensch schwerlich daraus ableiten.
Was folgt daraus? Allenfalls schaffst du es, als Komödiant über die Runde zu kommen. Aber du musst gut sein, Schlitzohr. Sonst glaubt dir keiner, woran du selbst zweifelst.
Aber zumindest ahne ich, dass ich nicht recht habe, dass "Wahrheit" eine Illusion ist. Es gibt keine Wahrheit, nur subjektive Standpunkte.
Aber wie kann man so leben?
Leben kann man so schon, aber man kann nicht funktionieren. Es ist eine Lebenshaltung, die man sich allenfalls in dieser Radikalität kurz vor dem Ableben leisten kann.
Ein Erfolgsrezept kann man als leidlich gesunder Mensch schwerlich daraus ableiten.
Was folgt daraus? Allenfalls schaffst du es, als Komödiant über die Runde zu kommen. Aber du musst gut sein, Schlitzohr. Sonst glaubt dir keiner, woran du selbst zweifelst.
Sonntag, 5. September 2010
Schicksal oder Zufall
Mein Leben ist immer so verlaufen, wie es wollte. Es hat sich meinem Willen entzogen. Ich war nicht sein Herr. Ich bin nicht sein Herr. Und ich werde nicht sein Herr sein. Allenfalls und eher noch seine Dame. Ich bin die Dame meines Schicksals. Klingt doch nicht übel, oder?
Insofern ist der heutige Machbarkeitswahn, der allerorten Urständ feiert, für mich ein Witz. Ein modernes Märchen. Aber kein sehr erbauliches. Ein ziemlich jämmerliches sogar. Eine Blähung des Zeitgeistes, sozusagen. Ein Furz der Effizienzhuberei, eine unsichtbare Hand des freien Marktes. Eine späte und ziemlich ungeniessbare Frucht des Fortschrittglaubens etc. etc.
Glaubt nicht den Worten der Politiker, meine Brüder und Schwestern, auch nicht der Politikerinnen, auch nicht dem grimmig positiv gestimmten Unternehmertum, das behauptet, jeder sei seines Glückes Schmid.
Ich behaupte: Schicksal. Oder Zufall. Oder beides. Oder was auch immer.
Nein, wir haben es nicht in der Hand, unser Glück.
Glaubt nicht den Vernünftigen, hört auf die Dichter.
Zum Beispiel auf Paul Auster. In seinem Buch "Nacht des Orakels" geht es um den Zufall. Oder um das Schicksal. Und darum, dass es keinen Ausweg gibt. Am Ende landen wir in einem geschlossenen Raum unter der Erde, die Tür ist zu, und wir haben den Schlüssel draussen vergessen, aus Tüteligkeit oder weil es eben so sein musste. Oder hören wir auf Kafka und seine Strafkolonie. Und auf seine Strasse, die stets enger wird, zum Weg und schliesslich zum Pfad, während gleichzeitig die Mauern links und rechts immer höher werden.
Hört mir doch auf mit diesem idiotischen positiven In-die-Zukunft-Schauen. Die Verkennung der Realität, das Ausschliessen all dessen, was uns an Hilflosigkeit, Hinfälligkeit, Krankheit und Tod erinnern könnte, aus dem öffentlichen Bewusstsein, hat etwas ausgesprochen Würdeloses. Etwas Kindisches wie die idiotische politische Korrektheit, die die deftigen Realitäten des Daseins aussperren will, oder einsperren, oder vielmehr eliminieren.
Buddha konnte nicht erleuchtet werden, als man sein Bewusstsein einsperren respektive die Realität von seinem Bewusstsein aussperren wollte. Als behüteter Prinz konnte er nicht erkennen. Er war unglücklich, weil er vom Leben abgetrennt war, weil er aus dem Leben ausgesperrt war. Ohne Leiden gibt es keine Erkenntnis und damit auch keine Freiheit.
Wir sind weniger als Hauch, ein Darmwind angesichts der wahren Dimensionen der Zeit und des Raums. Unsere einzige Chance, uns ein wenig Respekt zu verschaffen, besteht vielleicht darin, unsere absolute Bedeutungslosigkeit zu erkennen. Wenn wir es zulassen, kännen wir allenfalls ein klitzekleiner Teil des Ganzen sein.
Darin läge dann eventuell auch ein bisschen Glück.
Insofern ist der heutige Machbarkeitswahn, der allerorten Urständ feiert, für mich ein Witz. Ein modernes Märchen. Aber kein sehr erbauliches. Ein ziemlich jämmerliches sogar. Eine Blähung des Zeitgeistes, sozusagen. Ein Furz der Effizienzhuberei, eine unsichtbare Hand des freien Marktes. Eine späte und ziemlich ungeniessbare Frucht des Fortschrittglaubens etc. etc.
Glaubt nicht den Worten der Politiker, meine Brüder und Schwestern, auch nicht der Politikerinnen, auch nicht dem grimmig positiv gestimmten Unternehmertum, das behauptet, jeder sei seines Glückes Schmid.
Ich behaupte: Schicksal. Oder Zufall. Oder beides. Oder was auch immer.
Nein, wir haben es nicht in der Hand, unser Glück.
Glaubt nicht den Vernünftigen, hört auf die Dichter.
Zum Beispiel auf Paul Auster. In seinem Buch "Nacht des Orakels" geht es um den Zufall. Oder um das Schicksal. Und darum, dass es keinen Ausweg gibt. Am Ende landen wir in einem geschlossenen Raum unter der Erde, die Tür ist zu, und wir haben den Schlüssel draussen vergessen, aus Tüteligkeit oder weil es eben so sein musste. Oder hören wir auf Kafka und seine Strafkolonie. Und auf seine Strasse, die stets enger wird, zum Weg und schliesslich zum Pfad, während gleichzeitig die Mauern links und rechts immer höher werden.
Hört mir doch auf mit diesem idiotischen positiven In-die-Zukunft-Schauen. Die Verkennung der Realität, das Ausschliessen all dessen, was uns an Hilflosigkeit, Hinfälligkeit, Krankheit und Tod erinnern könnte, aus dem öffentlichen Bewusstsein, hat etwas ausgesprochen Würdeloses. Etwas Kindisches wie die idiotische politische Korrektheit, die die deftigen Realitäten des Daseins aussperren will, oder einsperren, oder vielmehr eliminieren.
Buddha konnte nicht erleuchtet werden, als man sein Bewusstsein einsperren respektive die Realität von seinem Bewusstsein aussperren wollte. Als behüteter Prinz konnte er nicht erkennen. Er war unglücklich, weil er vom Leben abgetrennt war, weil er aus dem Leben ausgesperrt war. Ohne Leiden gibt es keine Erkenntnis und damit auch keine Freiheit.
Wir sind weniger als Hauch, ein Darmwind angesichts der wahren Dimensionen der Zeit und des Raums. Unsere einzige Chance, uns ein wenig Respekt zu verschaffen, besteht vielleicht darin, unsere absolute Bedeutungslosigkeit zu erkennen. Wenn wir es zulassen, kännen wir allenfalls ein klitzekleiner Teil des Ganzen sein.
Darin läge dann eventuell auch ein bisschen Glück.
Montag, 23. August 2010
Berufliche Patchwork-Existenzen – schöne oder schreckliche neue Arbeitswelt?
Die Zeit der lebenslangen Beschäftigung in einem Beruf ist vorbei – von der lebenslangen Beschäftigung in einem Betrieb ganz zu schweigen. Das, was man „berufliche Patchwork-Existenz“ nennen könnte – das Nach- und Nebeneinander von selbstständigen und unselbstständigen Erwerbsformen, der Zweit- und Drittberuf, ehrenamtliche Tätigkeiten, Arbeit auf Zeit, Arbeit auf Abruf, Teilzeitarbeit und Teilselbstständigkeit inklusive Kinderbetreuung und Hausarbeit – wird immer mehr zur alltäglichen Realität. Die Frage ist nur: Führen diese neuen, flexiblen Formen des Arbeitens zu grösserer Freiheit und Selbstverwirklichung - oder doch eher zu einer prekären beruflichen Existenz am sozialen und finanziellen Abgrund?
Der Begriff „Prekarisierung“ beschreibt die stetige Zunahme der Zahl von Arbeitsplätzen mit wenig (Einkommens-)Sicherheit. Mit einer prekären Beschäftigung kann man kaum seinen Lebensunterhalt verdienen und sich schon gar nicht auf Dauer sozial absichern. Eine homogene Klasse wie ehedem das Proletariat ist das „Prekariat“ aber nicht: Vom Arbeiter ohne Schulabschluss bis zum Privatdozenten sind viele Gruppen vertreten. Auch Radiojournalismus, früher mal ein Traumjob, kann ins „Prekariat“ führen: In der Deutschschweiz liegt das Durchschnittseinkommen dieser Branche gerade mal bei 3300 Franken. Minijobs, Zeitarbeit und Dauerpraktika schufen moderne Tagelöhner. Dies hat Auswirkungen auf die Mittelschicht: sie wird seit Jahren kleiner und ihre Vertreter steigen eher ab als auf ("Abwärtsmobilität").
Die Probleme des Prekariats sind primär organisatorischer Natur, verursacht dadurch, dass das soziale Netz noch nicht den neuen ökonomischen Realitäten angepasst worden ist. Der Arbeitsplatz als solcher, egal, ob in der Fabrik oder im Büro, ist prekär, unsicher geworden. Die rasanten Entwicklungen in Wissenschaft und Technik haben zu einem wachsenden Bedarf an hoch spezialisierten Fachkräften geführt – aber auch zu einem entsprechend geringeren Bedarf an Unspezialisierten. Dies erhöht die Prekarität der Arbeitssituation der sogenannten Unterschicht zusätzlich. Einfache Arbeit ist nichts mehr wert, weil irgendwo auf der Welt immer noch billiger produziert werden kann. Bereits ist zur Kennzeichnung der sozialen Position der grössten Verliererinnen und Verlierer dieser Entwicklung ein neuer Begriff kreiert worden: das „abgehängte Prekariat“ – Menschen, die mit den neuen Realitäten des Arbeitsmarkts nur schlecht klarzukommen.
Flexibilisierungsstrategien im Arbeitsmarkt schliessen neben der flexiblen Gestaltung der zeitlichen Dimension von Arbeit wie Gleitzeit-, Teilzeit-, Temporärarbeit, Jobsharing usw. Veränderungen ihrer räumlichen, biografischen, funktionellen sowie lohnbezogenen Dimensionen ein. Stichworte dazu sind Tele- und Heimarbeit, flexibler Berufsausstieg, Laufbahnunterbrechung, verlängerte Lebensarbeitszeit, Outsourcing, Arbeit auf Abruf, Leistungslöhne, Boni und Aktienoptionen.
Modernisierungsgewinne und -verluste
Flexibilisierte Arbeitsverhältnisse und berufliche Patchwork-Existenzen werden wohl zu beidem führen, zu „Modernisierungsgewinnen“ und „-verlusten“. Man kennt in der Psychologie den Begriff der Selbstwirksamkeit, der ein wichtiger Indikator dafür ist, ob sich jemand gesund und zufrieden fühlt. Erlebt jemand eine Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse als Gestaltungsraum, über den er oder sie (mehr oder weniger) frei verfügen kann, dann empfindet er/sie das als eine Zunahme an Selbstwirksamkeit und damit an subjektivem Wohlbefinden und an Glück. Sind mit einer solchen Flexibilisierung aber Gefühle der Ohnmacht, der Verunsicherung und der Existenzangst verbunden, dann wird sie im Gegenteil als Verlust von Selbstwirksamkeit erlebt und damit als Verlust von Lebensqualität. Es ist nicht „nur“ die Unsicherheit der materiellen Existenzgrundlage, die diese diffuse Angst provoziert; ebenso droht stets die Möglichkeit eines Status- und damit auch eines teilweisen Identitätsverlusts.
Ob es für den Einzelnen eher in die eine oder die andere Richtung gehen wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab:
- primär von seiner Ausbildung und seiner Herkunft
- von seiner Bildung und seiner Fähigkeit zum „Wissenmanagement“
- von seinem Alter
- von den familiäre Verhältnissen, in denen er lebt
- von seiner persönlichen Einstellung einer „offenen“/unsicheren Zukunft gegenüber
- von seinem Gesundheitszustand
Das positive Bild der „Zukunft der Arbeit“ entspricht für eine Minderheit von Menschen durchaus bereits der Wirklichkeit. Für diese sogenannten Wissensarbeiter/-innen, zu denen Manager, Beraterinnen und Wissenschaftler gehören, bedeuten Entgrenzungsprozesse meist ein Zugewinn an Freiheit, da sie in der Lage sind, eigene Normen aufzustellen und meist auch die Verhandlungsposition besitzen, diese durchzusetzen.
Anders zeigt sich die Situation am anderen Ende der Skala, bei den schlecht ausgebildeten und unqualifizierten Arbeitnehmerinnen und -nehmern. Die starke psychische Verunsicherung dieser Gruppe durch schwindende Arbeitsplatzsicherheit resultiert aus der zunehmenden Verwundbarkeit dieser Arbeitnehmer. Die Arbeitsbedingungen in den so genannten Entwicklungsländern vermitteln einen Eindruck davon, wie eine Arbeitswelt mit fehlender Durchsetzung von Arbeitsnormen und Rechten der Arbeitnehmer aussieht. Flexibilisierte Arbeitsverhältnisse in dieser Form erfüllen zwar ihre Rolle als „Puffer“ der Globalisierung, die soziale Zeche bezahlen zunächst aber die Beschäftigten dieses „informellen Sektors“ allein. Dass sich bei jedem längeren Ampelstopp eine Horde von Scheibenputzern auf die wartenden Autos stürzte, war früher ein sicherer Hinweis darauf, dass man sich in der Metropole eines „Entwicklungslandes“ befand; heute ist dies auch in europäischen Grossstädten wie Berlin der Fall.
Bei der Mittelschicht, die von der eingangs erwähnten „Abwärtsmentatlität“ betroffen ist und unter denen sich durchaus auch gut ausgebildete „WissenarbeiterInnen“ befinden, sind die Erfahrungen mit flexibilisierten Arbeitsverhältnissen wohl eher ambivalent. Abhängig von Alter, Branche und Persönlichkeit, erleben sie die Entwicklung mal eher als grössere Gestaltungsfreiheit, mal eher als grössere Unsicherheit. Für jemanden, der keinen Job mehr findet, weil er zu alt ist oder den „falschen“ Beruf hat, reduziert sich die Wahlfreiheit allerdings auf den unfreiwilligen Gang zur Regionalen Arbeitsvermittlungsstelle und später zum Sozialamt.
Was tun gegen die negativen Folgen?
Massnahmen zur Verbesserung der Situation des „Prekariats“ verlangen nach einer Reform der öffentlichen Versicherungen, des Steuerwesens und der Arbeitslosenversicherungen. Um dem Prekariatsbetroffenen zu helfen, muss die Frage beantwortet werden, wie der Staat für die soziale Sicherheit seiner Bürgerinnen und Bürger besorgt sein soll und welche Gegenleistung diese dafür zu erbringen haben. Auch die Altersvorsorge ist nicht auf die Gegebenheiten einer sich wandelnden Arbeitsgesellschaft eingestellt: Die „armen Alten“ von morgen sind die Langzeitarbeitslosen, erfolglosen Selbstständigen und Kleinstverdiener von heute.
Die Schaffung eines existenzsichernden Bürgergeldes oder garantierten Grundeinkommen ist zwar keine neue Idee, aber in dieser Frage vielleicht ein bedenkenswerter Lösungsansatz: Er würde bei den meisten Menschen zu einer «Mischarbeit» führen, die sich aus normaler Erwerbsarbeit, Gemeinschaftsarbeit und Versorgungsarbeit zusammensetzen könnte. Der Zeitanteil, der für Erwerbsarbeit genutzt würde, ginge insgesamt stark zurück – klassische Arbeitslosigkeit wäre wohl kaum noch ein Thema. Um das Bürgergeld zu finanzieren, müsste sich der Staat aus vielen Bereichen der Versorgung zurückziehen; dies würde aber durch den Anstieg von Gemeinschafts- und Versorgungsarbeit mehr als kompensiert. Der Wirtschaftsethiker Peter Ulrich sagt dazu: „Wer Bürger eines Landes und volljährig ist, hätte Anspruch auf ein solches Grundeinkommen. Wie weit er darüber hinaus noch erwerbstätig sein möchte, bliebe ihm überlassen. Wer Kinder aufzieht, würde zusätzlich zum Beispiel ein halbes Grundeinkommen pro Kind bekommen.“ Dem Einwand, dass die Menschen dann womöglich keine Motivation mehr hätten, zu arbeiten, begegnet Ulrich mit dem Argument, dass nur die Kombination von Grund- und Erwerbseinkommen einen hohen Lebensstandard ermöglichen würde. Zudem bedeute die Erwerbsarbeit für die meisten Menschen weit mehr als nur Einkommen, nämlich innere Erfüllung und Selbstwertgefühl. Das Grundeinkommen dürfte allerdings nicht zu hoch sein, damit der Anreiz, eine Erwerbsarbeit anzunehmen, nicht allzu gering wäre. Es dürfte aber auch nicht zu tief sein – sonst würden weiterhin fast alle in den Arbeitsmarkt drängen. Es käme also darauf an, Grundeinkommen und Lohnanreize so auszubalancieren, dass weder Arbeitslosigkeit noch Arbeitskräftemangel daraus resultieren würde.
„Flexicurity“
„Flexicurity“ lautet das Zauberwort der Vertreter einer sozial abgesicherten Flexibilisierung, die überzeugt sind, dass in Zukunft Arbeitsmärkte weiter flexibilisiert werden müssen, wenn Beschäftigung und Wettbewerbsfähigkeit gesichert werden sollen. Dies erfordere jedoch eine Weiterentwicklung des bisherigen Instrumentariums der sozialen Sicherung. Soziale Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit würden sich in einem neuen Gleichgewicht weiterentwickeln lassen und müssten nicht als gegensätzliche Interessen betrachtet werden. Zu den Elementen einer sogenannten "Flexicurity-Strategie" gehören derzeit die Schaffung von Übergangsarbeitsmärkten, die Instrumente einer beschäftigungssichernden Arbeitszeitpolitik und das Konzept des lebenslangen Lernens. Übergangsarbeitsmärkte versuchen, fliessende Übergänge zwischen Beschäftigung und Nicht-Beschäftigung zu schaffen. Sie sollten tarifvertraglich oder gesetzlich abgesichert sein und niedrige und unstetige Einkommen mit Sozialtransfers kombinieren.
„Flexicurity“ steht nicht grundsätzlich im Widerspruch zum Bürgergeld, klingt im Moment aber noch etwas gar vage und damit nach Absichtserklärung und gutem Willen. Weil es im Interesse der ganzen Gesellschaft liegt, dass sich soziale Konflikte in Zukunft nicht (wieder) zuspitzen, wäre es nötig, den Begriff mit Leben zu füllen. Eine Zweiklassengesellschaft kann auch nicht im Interesse jener sein, die sich auf der sicheren Seite wähnen. Der Arbeitsmarkt der Zukunft ist eine Herausforderung, die alle Beteiligten betrifft.
Der Begriff „Prekarisierung“ beschreibt die stetige Zunahme der Zahl von Arbeitsplätzen mit wenig (Einkommens-)Sicherheit. Mit einer prekären Beschäftigung kann man kaum seinen Lebensunterhalt verdienen und sich schon gar nicht auf Dauer sozial absichern. Eine homogene Klasse wie ehedem das Proletariat ist das „Prekariat“ aber nicht: Vom Arbeiter ohne Schulabschluss bis zum Privatdozenten sind viele Gruppen vertreten. Auch Radiojournalismus, früher mal ein Traumjob, kann ins „Prekariat“ führen: In der Deutschschweiz liegt das Durchschnittseinkommen dieser Branche gerade mal bei 3300 Franken. Minijobs, Zeitarbeit und Dauerpraktika schufen moderne Tagelöhner. Dies hat Auswirkungen auf die Mittelschicht: sie wird seit Jahren kleiner und ihre Vertreter steigen eher ab als auf ("Abwärtsmobilität").
Die Probleme des Prekariats sind primär organisatorischer Natur, verursacht dadurch, dass das soziale Netz noch nicht den neuen ökonomischen Realitäten angepasst worden ist. Der Arbeitsplatz als solcher, egal, ob in der Fabrik oder im Büro, ist prekär, unsicher geworden. Die rasanten Entwicklungen in Wissenschaft und Technik haben zu einem wachsenden Bedarf an hoch spezialisierten Fachkräften geführt – aber auch zu einem entsprechend geringeren Bedarf an Unspezialisierten. Dies erhöht die Prekarität der Arbeitssituation der sogenannten Unterschicht zusätzlich. Einfache Arbeit ist nichts mehr wert, weil irgendwo auf der Welt immer noch billiger produziert werden kann. Bereits ist zur Kennzeichnung der sozialen Position der grössten Verliererinnen und Verlierer dieser Entwicklung ein neuer Begriff kreiert worden: das „abgehängte Prekariat“ – Menschen, die mit den neuen Realitäten des Arbeitsmarkts nur schlecht klarzukommen.
Flexibilisierungsstrategien im Arbeitsmarkt schliessen neben der flexiblen Gestaltung der zeitlichen Dimension von Arbeit wie Gleitzeit-, Teilzeit-, Temporärarbeit, Jobsharing usw. Veränderungen ihrer räumlichen, biografischen, funktionellen sowie lohnbezogenen Dimensionen ein. Stichworte dazu sind Tele- und Heimarbeit, flexibler Berufsausstieg, Laufbahnunterbrechung, verlängerte Lebensarbeitszeit, Outsourcing, Arbeit auf Abruf, Leistungslöhne, Boni und Aktienoptionen.
Modernisierungsgewinne und -verluste
Flexibilisierte Arbeitsverhältnisse und berufliche Patchwork-Existenzen werden wohl zu beidem führen, zu „Modernisierungsgewinnen“ und „-verlusten“. Man kennt in der Psychologie den Begriff der Selbstwirksamkeit, der ein wichtiger Indikator dafür ist, ob sich jemand gesund und zufrieden fühlt. Erlebt jemand eine Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse als Gestaltungsraum, über den er oder sie (mehr oder weniger) frei verfügen kann, dann empfindet er/sie das als eine Zunahme an Selbstwirksamkeit und damit an subjektivem Wohlbefinden und an Glück. Sind mit einer solchen Flexibilisierung aber Gefühle der Ohnmacht, der Verunsicherung und der Existenzangst verbunden, dann wird sie im Gegenteil als Verlust von Selbstwirksamkeit erlebt und damit als Verlust von Lebensqualität. Es ist nicht „nur“ die Unsicherheit der materiellen Existenzgrundlage, die diese diffuse Angst provoziert; ebenso droht stets die Möglichkeit eines Status- und damit auch eines teilweisen Identitätsverlusts.
Ob es für den Einzelnen eher in die eine oder die andere Richtung gehen wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab:
- primär von seiner Ausbildung und seiner Herkunft
- von seiner Bildung und seiner Fähigkeit zum „Wissenmanagement“
- von seinem Alter
- von den familiäre Verhältnissen, in denen er lebt
- von seiner persönlichen Einstellung einer „offenen“/unsicheren Zukunft gegenüber
- von seinem Gesundheitszustand
Das positive Bild der „Zukunft der Arbeit“ entspricht für eine Minderheit von Menschen durchaus bereits der Wirklichkeit. Für diese sogenannten Wissensarbeiter/-innen, zu denen Manager, Beraterinnen und Wissenschaftler gehören, bedeuten Entgrenzungsprozesse meist ein Zugewinn an Freiheit, da sie in der Lage sind, eigene Normen aufzustellen und meist auch die Verhandlungsposition besitzen, diese durchzusetzen.
Anders zeigt sich die Situation am anderen Ende der Skala, bei den schlecht ausgebildeten und unqualifizierten Arbeitnehmerinnen und -nehmern. Die starke psychische Verunsicherung dieser Gruppe durch schwindende Arbeitsplatzsicherheit resultiert aus der zunehmenden Verwundbarkeit dieser Arbeitnehmer. Die Arbeitsbedingungen in den so genannten Entwicklungsländern vermitteln einen Eindruck davon, wie eine Arbeitswelt mit fehlender Durchsetzung von Arbeitsnormen und Rechten der Arbeitnehmer aussieht. Flexibilisierte Arbeitsverhältnisse in dieser Form erfüllen zwar ihre Rolle als „Puffer“ der Globalisierung, die soziale Zeche bezahlen zunächst aber die Beschäftigten dieses „informellen Sektors“ allein. Dass sich bei jedem längeren Ampelstopp eine Horde von Scheibenputzern auf die wartenden Autos stürzte, war früher ein sicherer Hinweis darauf, dass man sich in der Metropole eines „Entwicklungslandes“ befand; heute ist dies auch in europäischen Grossstädten wie Berlin der Fall.
Bei der Mittelschicht, die von der eingangs erwähnten „Abwärtsmentatlität“ betroffen ist und unter denen sich durchaus auch gut ausgebildete „WissenarbeiterInnen“ befinden, sind die Erfahrungen mit flexibilisierten Arbeitsverhältnissen wohl eher ambivalent. Abhängig von Alter, Branche und Persönlichkeit, erleben sie die Entwicklung mal eher als grössere Gestaltungsfreiheit, mal eher als grössere Unsicherheit. Für jemanden, der keinen Job mehr findet, weil er zu alt ist oder den „falschen“ Beruf hat, reduziert sich die Wahlfreiheit allerdings auf den unfreiwilligen Gang zur Regionalen Arbeitsvermittlungsstelle und später zum Sozialamt.
Was tun gegen die negativen Folgen?
Massnahmen zur Verbesserung der Situation des „Prekariats“ verlangen nach einer Reform der öffentlichen Versicherungen, des Steuerwesens und der Arbeitslosenversicherungen. Um dem Prekariatsbetroffenen zu helfen, muss die Frage beantwortet werden, wie der Staat für die soziale Sicherheit seiner Bürgerinnen und Bürger besorgt sein soll und welche Gegenleistung diese dafür zu erbringen haben. Auch die Altersvorsorge ist nicht auf die Gegebenheiten einer sich wandelnden Arbeitsgesellschaft eingestellt: Die „armen Alten“ von morgen sind die Langzeitarbeitslosen, erfolglosen Selbstständigen und Kleinstverdiener von heute.
Die Schaffung eines existenzsichernden Bürgergeldes oder garantierten Grundeinkommen ist zwar keine neue Idee, aber in dieser Frage vielleicht ein bedenkenswerter Lösungsansatz: Er würde bei den meisten Menschen zu einer «Mischarbeit» führen, die sich aus normaler Erwerbsarbeit, Gemeinschaftsarbeit und Versorgungsarbeit zusammensetzen könnte. Der Zeitanteil, der für Erwerbsarbeit genutzt würde, ginge insgesamt stark zurück – klassische Arbeitslosigkeit wäre wohl kaum noch ein Thema. Um das Bürgergeld zu finanzieren, müsste sich der Staat aus vielen Bereichen der Versorgung zurückziehen; dies würde aber durch den Anstieg von Gemeinschafts- und Versorgungsarbeit mehr als kompensiert. Der Wirtschaftsethiker Peter Ulrich sagt dazu: „Wer Bürger eines Landes und volljährig ist, hätte Anspruch auf ein solches Grundeinkommen. Wie weit er darüber hinaus noch erwerbstätig sein möchte, bliebe ihm überlassen. Wer Kinder aufzieht, würde zusätzlich zum Beispiel ein halbes Grundeinkommen pro Kind bekommen.“ Dem Einwand, dass die Menschen dann womöglich keine Motivation mehr hätten, zu arbeiten, begegnet Ulrich mit dem Argument, dass nur die Kombination von Grund- und Erwerbseinkommen einen hohen Lebensstandard ermöglichen würde. Zudem bedeute die Erwerbsarbeit für die meisten Menschen weit mehr als nur Einkommen, nämlich innere Erfüllung und Selbstwertgefühl. Das Grundeinkommen dürfte allerdings nicht zu hoch sein, damit der Anreiz, eine Erwerbsarbeit anzunehmen, nicht allzu gering wäre. Es dürfte aber auch nicht zu tief sein – sonst würden weiterhin fast alle in den Arbeitsmarkt drängen. Es käme also darauf an, Grundeinkommen und Lohnanreize so auszubalancieren, dass weder Arbeitslosigkeit noch Arbeitskräftemangel daraus resultieren würde.
„Flexicurity“
„Flexicurity“ lautet das Zauberwort der Vertreter einer sozial abgesicherten Flexibilisierung, die überzeugt sind, dass in Zukunft Arbeitsmärkte weiter flexibilisiert werden müssen, wenn Beschäftigung und Wettbewerbsfähigkeit gesichert werden sollen. Dies erfordere jedoch eine Weiterentwicklung des bisherigen Instrumentariums der sozialen Sicherung. Soziale Sicherheit und Wettbewerbsfähigkeit würden sich in einem neuen Gleichgewicht weiterentwickeln lassen und müssten nicht als gegensätzliche Interessen betrachtet werden. Zu den Elementen einer sogenannten "Flexicurity-Strategie" gehören derzeit die Schaffung von Übergangsarbeitsmärkten, die Instrumente einer beschäftigungssichernden Arbeitszeitpolitik und das Konzept des lebenslangen Lernens. Übergangsarbeitsmärkte versuchen, fliessende Übergänge zwischen Beschäftigung und Nicht-Beschäftigung zu schaffen. Sie sollten tarifvertraglich oder gesetzlich abgesichert sein und niedrige und unstetige Einkommen mit Sozialtransfers kombinieren.
„Flexicurity“ steht nicht grundsätzlich im Widerspruch zum Bürgergeld, klingt im Moment aber noch etwas gar vage und damit nach Absichtserklärung und gutem Willen. Weil es im Interesse der ganzen Gesellschaft liegt, dass sich soziale Konflikte in Zukunft nicht (wieder) zuspitzen, wäre es nötig, den Begriff mit Leben zu füllen. Eine Zweiklassengesellschaft kann auch nicht im Interesse jener sein, die sich auf der sicheren Seite wähnen. Der Arbeitsmarkt der Zukunft ist eine Herausforderung, die alle Beteiligten betrifft.
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