Dienstag, 4. November 2008

No Happy Ending

Das Leben hat kein Happy End. Ein Happy End ist für uns nicht vorgesehen – für niemanden von uns. Aber spielt das eine Rolle? Würde ein Happy End denn Sinn machen? No Happy Ending – das ist eine anthropologische Grundvoraussetzung, verschleiert von ein wenig Hoffnung. Tausende von Jahren der Geschichte zeigen diese Offensichtlichkeit. Wir müssen lernen – und wir müssen leiden, damit wir lernen. Auch wenn wir scheitern – und wir werden letztlich scheitern, das ist so sicher wie das Amen in der Kirche –, so müssen wir dennoch versuchen, das Richtige zu tun. Was aber ist das Richtige? Unmöglich, es zu wissen. Das Authentische vielleicht – oder, um ein altmodisches Wort zu gebrauchen, das Wahrhaftige. Es hat etwas mit Ehrlichkeit zu tun (auch ein altmodisches Wort) – aber nicht mit Ehrlichkeit anderen gegenüber (das wäre Rücksichtslosigkeit), sondern mit Ehrlichkeit zu sich selbst. Mehr kann man im Leben wohl kaum erreichen, und es ist jämmerlich wenig. Aber mit dieser Einsicht fängt diese Art von Ehrlichkeit wohl an. Wenn ich nun noch die Eitelkeit, die selbst in dieser Ehrlichkeit steckt, ausräumen könnte, hätte ich wahrscheinlich einen ersten Schritt getan – einen bescheidenen ersten kleinen Schritt.

Samstag, 1. November 2008

Mittwoch, 29. Oktober 2008

Man hört nie auf zu warten, dass das Eigentliche anfängt




Bahnhof von Webster Grove, St. Louis, wo Jonthan Franzen aufgewachsen ist

«Die Adoleszenz geniesst man am besten unbefangen, doch leider ist Befangenheit ihr bestimmendes Symptom. Selbst wenn einem etwas Wichtiges passiert, selbst wenn einem das Herz bricht oder vor Freude übergeht, selbst wenn man sich ganz und gar in das Bemühen vertieft, das Fundament der eigenen Persönlichkeit zu legen, kommen die Momente, da man sich bewusst wird, dass das, was passiert, nicht das Eigentliche ist. Ausser wenn man stirbt, liegt das Eigentliche noch vor einem. Das allein, dieses grausame Gemisch aus Bewusstsein und Irrelevanz, diese festintegrierte Bedeutungslosigkeit, ist Erklärung genug, dass einen alles ankotzt. Man fühlt sich elend und schämt sich, wenn man seine Adoleszenznöte für nicht wichitg hält, aber man ist dumm, wenn man es tut. Das war die Zwickmühle, vor der unser Spiel mit Mr. Knight (dem Schuldirektor, Anm. prinzderstaebe) und die Tatsache, dass wir etwas derart Nutzloses (die Streiche einer Gruppe Jugendlicher, zu der auch der Autor gehörte, Anm. prinzderstaebe) derart ernst nahmen, uns noch wundersame fünfzehn Monate Gnadenfrist gewährte.
Aber wann beginnt das Eigentliche? Mit fünfundvierzig bin ich nahezu täglich dankbar, dass ich der Erwachsene bin, der ich mit siebzehn so gern sein wollte. An meiner Armkraft arbeite ich im Fitnessraum; mit Werkzeug komme ich mittlerweile ganz gut zurecht. Gleichzeitig, nahezu täglich, verliere ich Schlachten gegen den Siebzehnjährigen, der noch immer in mir steckt. Ich esse mittags eine halbe Schachtel Oreo-Kekse, ich mache am Fernseher Grosseinkäufe, ich fälle moralische Pauschalurteile, ich renne in zerschlissenen Jeans durch die Stadt, ich trinke an einem Dientagabend Martini, ich glotze auf Bierwerbungsdekolltés, ich bezeichne jede Gruppe, der ich nicht angehöre, als uncool, ich verspüre den Drang, Range Rover zu ritzen und ihnen die Reifen zu zerstechen; ich tue so, als würde ich nie sterben.
Aus der Zwickmühle, dem Problem einer Mixtur aus Bewusstsein und Leere, kommt man nie heraus. Man hört nie auf zu warten, dass das Eigentliche anfängt, weil das einzig Eigentliche am Ende das ist, dass man stirbt. Bis dahin jedoch taucht immer wieder Mr. Knight auf: Mr. Knight als Gott, Mr. Knight als Geschichte, Mr. Knight als Regierung oder Schicksal oder Natur. Und das Spiel der Kunst, das als Buhlen um Mr. Knights Aufmerksamkeit beginnt, lädt einen schliesslich dazu ein, es um seiner selbst willen mit einem Ernst zu betreiben, der durch seine fundamentale Nutzlosigkeit rettet und gerettet wird.»
(Jonathan Franzen in: Die Unruhezone. Eine Geschichte von mir. Rowohlt Verlag 2007. Unbedingt zu empfehlen ist der grossartige Roman «Corrections» (dtsch. Korrekturen, erschienen ebenfalls bei Rowohlt. Lesen!)

Dienstag, 28. Oktober 2008

Am schlimmsten sind die Verallgemeinerer und Pauschalisierer

Natürlich muss man verallgemeinern: Bäume sind Bäume und Wald ist Wald, Kühe machen Mühe und Schweizer sind ordentlich, aber fantasielos, zuverlässig, aber auch langweilig. Nein, im Ernst: Verallgemeinerungen müssen sein, damit man nicht im Chaos versinkt, rein gedanklich, und, sprichwörtlich, vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht. Verallgemeinerungen sind also nicht schlimm, sie sind gewissermassen ein Arbeitsinstrument unseres Geistes. Schlimm sind hingegen die systematischen Verallgemeinerer, die so an ihre Verallgemeinerungen glauben wie die christlichen Fundamentalisten wortwörtlich an die Bibel, die also den Werkzeugcharakter von Verallgemeinerungen entweder aus dem Blick verloren haben oder gar nie im Blick hatten. Verallgemeinerrungen sind die nahen Verwandten der Vorurteile und beide sind Nachkommen von Denkfaulheit oder mangelnder geistiger Redlichkeit. So werden denn plötzlich „die Albaner“ zu Kriminellen und „die Jugendlichen“ zu Kampftrinkern und „die Banker“ zu kapitalistischen Heuschrecken und die Männer kommen vom Mars und die Frauen von der Venus und die Schwulen haben eine Föhnfrisur und einen ausgestellten kleinen Finger… Nur ja nicht differenzieren, heisst denn auch die Devise in der Politik, in der Wirtschaft und in den Medien; differenzierte Urteile sind unpopulär und anstrengend und dürfen den Menschen nicht zugemutet werden. Tatsächlich nicht?

Freitag, 24. Oktober 2008

Ich erkenne meine Grenzen, also bin ich




An einem der Freitage beim Spazieren kam mir der folgende Satz in den Sinn: «Ich bin das, wozu mich meine Erfahrungen gemacht haben. Aber weshalb habe ich gerade diese Erfahrungen gemacht?» Dieser Frage möchte ich in einem Text nachgehen. Wenn ich beispielsweise 50 oder 100 Jahren früher geboren worden wäre, hätte ich wahrscheinlich nie und nimmer junge Männer aus Thailand und Indonesien getroffen und mein Leben wäre ganz anders – wahrscheinlich weitaus weniger glücklich, aber wer weiss? – verlaufen. Die Geschichte meines Lebens ist insofern bedeutend und spannend, weil in ihr auf einzigartige Weise Umstände und Zufälle gebündelt sind, ein Zusammentreffen von Faktoren stattfindet, das sozusagen einmalig ist – einmalig, aber aus nahe liegenden Gründen auch wieder symptomatisch. Was ist Wirklichkeit? Vielleicht ist eben doch alles nur ein Traum? Was bleibt von der Vergangenheit, von vergangenen Geschichten? Meine eigene Vergangenheit, meine eigene «Geschichte» kommt mir genau so irreal vor wie die Geschichte überhaupt. Was empfinde ich, wenn ich an die Zeiten von Breschnew oder Nixon denke? Ich sehe vor meinem geistigen Auge fast gespenstische Filmsequenzen in komischen Farben von Menschen mit seltsamen Frisuren und in seltsamen Kleidern. Mich streift genauso ein Gefühl der Irrealität, wie es mich früher, in der Erinnerung, als Kind oder junger Mann streifte, wenn ich an das Jahr 2008 dachte. Das war Science Fiction für mich!
Ich konnte mir als Jugendlicher nie und nimmer vorstellen, 40 zu werden. Und jetzt bin ich, ein nach Feng-Shui-Gesetzen in dieser Welt ausgerichtetes oder auch eingerichtetes Dickerchen, drauf und dran, 53 zu werden. Das ist doch ungeheurlich! Und ich hätte nie gedacht, dass das Älterwerden dermassen viele amüsante Aspekte haben könnte. Tatsache! Ich habe noch nie so viel gelacht wie in den letzten paar Wochen und Monaten. Als ich Ende dreissig eine etwas ausgedehntere Midlife-Krise endlich hinter mich gebracht hatte, offenbarten mir die menschlichen Obliegenheiten immer mehr ihre komischen Seiten. Klar, diese menschlichen Angelegenheiten und Sachen und Verhältnisse und Bewandtnisse und Beziehungen haben natürlich nicht nur diese komische Seite, es gibt weiss Gott auch die dämonische Dimension des hominiden Lebens, das ist ja das Verwirrende. Gerade das kann man als junger Mensch so wenig begreifen und so schlecht akzeptieren. Als junger Mensch willst du Ordnung haben, willst dir ein ordentliches Weltbild schaffen, glaubst noch, dass das möglich ist, gibst dir Mühe, unterteilst in «gut» und «bös», bist guten Willens, wenn dabei auch manchmal übermütig, öfters betrübt, immer mal wieder zornig, ab und an depressiv, fast immer hoffnungslos verwirrt – aber irgendwann gibst du dieses Bemühen auf, erkennst, dass es völlig nutzlos ist, lässt die Widersprüchlichkeiten widersprüchlich sein und Gott einen lieben Mann und Fünfe gerade, erkennst, wie befreiend das Paradoxe ist. Brauchst alles nicht mehr so todernst zu nehmen, vor allem nicht dich selbst. Es gibt nichts Angenehmeres und Befreienderes, als über sich selbst zu lachen. Das kannst du dir als junger Mensch noch nicht leisten. Da musst du erst noch etwas erreichen, was auch immer, ein Lebensziel und so, eine Karriere durchziehen, ein Künstler sein, reich sein, erfolgreich sein, schön sein. Irgendwann ist das gegessen. Ist die jugendliche Schönheit dahin, entfällt auch die Notwendigkeit, gefallen zu müssen. Irgendwann erkennst du, dass du es nie und nimmer schaffen wirst, alle Bücher zu lesen, alle Länder zu bereisen oder alle Herzen zu erobern und erst recht nicht alle Länder zu erobern und alle Herzen zu bereisen. Irgendwann wird dir bewusst, dass das letzte Hemd tatsächlich keine Taschen haben wird. Gibst du dich mit dem zufrieden, was dir zu-fällt, fällt plötzlich eine Menge Stress von dir ab und deine Schultern werden leicht, wenn auch dein schwerer und runder gewordener Bauch zu verhindern weiss, dass du abhebst. Pflicht weicht immer mehr der Kür. Und, so paradox das klingt, der bedrohlich näher rückende Tod verleiht dem Leben eine besondere bittere Süsse. Gerade das Bewusstsein der Begrenztheit der Zeit, die man auf dieser Erde zur Verfügung hat, zwingt einen schon fast in die Gegenwart hinein, in ein Erleben des legendären Hier und Jetzt – ganz ohne Yoga oder bewusstseinerweiternde Drogen. Die relativierende Wirkung dieser zunehmenden Todesnachbarschaft schärft das Gefühl für den Lebensgenuss – und für die Absurdität des menschlichen Seins, oder vielleicht des Seins überhaupt. Ich erkenne meine Grenzen, also bin ich. Wie soll ich irgendetwas begreifen, wirklich erkennen, begreifen – das Wesen der Zeit, das Leben, die Wirklichkeit, den Tod – und dann erst Gott! Religion, die vorgibt, Gott zu begreifen, zu verstehen, erklärbar zu machen, ist die wohl allergrösste denkbare Überheblichkeit, die schlimmste und unheilbringendste Hybris, überhaupt denkbar ist. Ein lächerlicher Kinderversuch, absolut unreligiös im Grunde.

Mittwoch, 15. Oktober 2008

Früher und heute (IV)

Früher war sogar die Zukunft besser.
Karl Valentin